Mauerfall in Berlin 1989

Liberal? Egal!

Der Liberalismus hat die freie Welt geprägt wie kaum eine andere politische Strömung. Aber all seinen Erfolgen zum Trotz scheint es, als würden liberale Ideen unattraktiv. Warum?

Er hatte seine Sternstunden. Er saß am Tisch, als die Bill of Rights 1689 verabschiedet wurde, welche die Grundlage für bürgerliche Freiheitsrechte in Großbritannien legte. Er stand Pate für die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776.

Er war dabei, als 1789 die Französische Revolution ausbrach. Als 1848 in der Paulskirche die erste demokratische Verfassung für ein geeintes Deutschland debattiert wurde, saß er im Parlament. Er prägte die Weimarer Verfassung von 1919, indem er dafür sorgte, dass Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit in der Verfassung verankert wurden.

Er war bei der Geburt der Bundesrepublik 1949 dabei und verschaffte den Menschenrechten, der Rechtsstaatlichkeit und der Verfassungsgerichtsbarkeit einen Auftritt im Grundgesetz. Und er beteiligte sich erfolgreich an der friedlichen Revolution des Jahres 1989. Doch jetzt, so scheint es, wird er nicht mehr gebraucht.

Diejenigen, die am meisten von den Ideen des Liberalismus profitiert haben, vergessen oder ignorieren ihn.

Genauer gesagt: Seine Ideen scheinen aus der Mode zu kommen, die Ideen des klassischen Liberalismus. Ideen und Ideale, für die Menschen viele Jahrhunderte erbittert gekämpft haben, scheinen heute immer weniger relevant, ja störend zu sein. Die Feinde liberaler Ideen gehen in Stellung und greifen ihn an, und diejenigen, die am meisten von seinen Ideen profitiert haben, vergessen oder ignorieren ihn. Ist die jahrhundertelange Erfolgsgeschichte des Liberalismus genau das – Geschichte?

Angriff der Autoritären

Der Trend ist unübersehbar: In den Vereinigten Staaten regiert ein Präsident am Parlament vorbei und ignoriert die Checks and Balances, die Kontrollen und Gegenkontrollen der Institutionen, ein wichtiges Prinzip des klassischen Liberalismus. Angriffe auf die Pressefreiheit und Desinformations-Kampagnen – nicht nur in den USA, auch in Europa und Deutschland – sorgen für eine Zunahme von Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen und schwächen das Vertrauen in demokratische Prozesse und den Rechtsstaat.

Eine Zunahme protektionistischer Tendenzen und die Ausbreitung von Handelskriegen untergraben eine der wichtigsten Ideen des Liberalismus – das Ideal eines freien Handels und offener Volkswirtschaften.

Nicht nur in den USA, auch in Europa und Deutschland, zeigt sich eine zunehmende Bereitschaft zu staatlichen Interventionen, die zumindest teilweise den klassischen liberalen Wirtschaftsprinzipien widersprechen, da sie über die Grenzen dessen gehen, was Liberale als notwendige und legitime Rolle des Staates betrachten.

Weltweit nehmen autoritäre Tendenzen zu; in vielen europäischen Staaten gibt es Parteien, die auf autoritäre Maßnahmen, die Stärkung des Staates und die Reduzierung individueller Freiheiten sowie nationalistische Ideologien setzen. Sie lehnen liberale Werte wie freien Handel, Menschenrechte und Marktwirtschaft ab und treten für eine Rückkehr zu nationalistischen und protektionistischen Politiken ein. Nicht zuletzt trägt auch der Aufstieg Chinas dazu bei, autoritär-nationalistische Vorstellungen mit staatlichen Kontrollen von Wirtschaft, Medien und Gesellschaft salonfähig zu machen.

Unbequeme Antworten

Jahrhundertelang haben Menschen für die Ideale des klassischen Liberalismus gekämpft, für die unveräußerlichen Rechte der Meinungs-, Religions-, Versammlungsfreiheit, für Rechtsstaatlichkeit, also eine Bindung staatlichen Handelns an Recht und Gesetz, Gewaltenteilung, unabhängige Gerichte, freie Wahlen, Pluralismus und Schutz von Minderheiten. Staatliche Eingriffe sind aus Sicht des Liberalismus nur gerechtfertigt, wenn sie dem Schutz dieser Freiheiten dienen. Warum haben diese Ideen so an Strahlkraft verloren? Warum steckt der Liberalismus in einer Legitimationskrise?

Staatliche Eingriffe sind aus Sicht des Liberalismus nur gerechtfertigt, wenn sie dem Schutz von Freiheiten dienen.

Eine einfache, verallgemeinernde Antwort gibt es nicht – es sind mehrere Faktoren, die den Niedergang des Liberalismus beschleunigen: Zum einen gibt der Liberalismus auch unbequeme Antworten auf die Fragen, die man ihm stellt, und diese Nebenwirkungen liberalen Denkens gefallen nicht jedem.

Zudem stößt der Liberalismus im 21. Jahrhundert auf Probleme, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Angeheizt wird die Krise des Liberalismus mit Hilfe neuer Technologien, mit denen sich einfach und effizient Stimmung gegen Ideen und politische Strömungen machen lässt. Sie tragen zu einer zunehmenden Polarisierung der politischen Landschaft bei. Zeit für eine Besichtigung.

Illiberale Zölle

Das erste Problem des Liberalismus sind die Nebenwirkungen seiner Ansichten – etwas, von dem keine politische Konzeption frei ist. Ein Beispiel dafür ist die Idee des freien Welthandels: Ausnahmslos alle Ökonomen stimmen der liberalen Idee eines freien Austausches von Waren und Dienstleistungen zu, weil sie diesen als wohlfahrtserhöhend für alle Beteiligten verstehen.

Aber diese Freiheit hat eine Kehrseite: Die von den Importen bedrohten Arbeitnehmer lassen sich nur wenig damit trösten, dass der freie Handel mehr Wohlstand für alle Bürger bedeutet – ihr Arbeitsplatz ist bedroht. Die korrekte – liberalem Denken entsprechende – Antwort auf dieses Problem ist es, diesen Arbeitnehmern zur Seite zu springen, sie zu kompensieren, ihnen neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Stattdessen kommt aus der Politik die einem recht einfachen Denken geschuldete Idee, heimische Arbeitsplätze mittels Zöllen zu schützen und die damit verbundenen Wohlfahrtsverluste zu ignorieren, denn diese sind im Gegensatz zu den spektakulären Rettungsaktionen mittels Zöllen nicht sichtbar und damit nicht zur Wählerbestechung tauglich.

Und am Ende dieses Prozesses steht dann ein amerikanischer Präsident, der triumphierend vor Kameras Tafeln mit Zöllen präsentiert und sich als Retter der inländischen Industrie feiern lässt. Die schweigende Mehrheit derjenigen, die die Kosten dieser Politik tragen, tut genau das: schweigen.

Liberalismus als Sündenbock

Freiheit hat Nebenwirkungen, sie bedeutet auch immer die Freiheit des Anderen und die Freiheit, zu scheitern – das macht sie als Idee für viele Menschen unattraktiv. Das zeigt nicht nur das Beispiel des Freihandels: Wirtschaftliche Freiheit bedeutet auch, dass Einkommen nach dem Leistungsprinzip verteilt werden, was automatisch zu Einkommensungleichheiten führt; Erfolg und das Einkommen werden in die Eigenverantwortung der Bürger überstellt.

Freiheit hat Nebenwirkungen, sie bedeutet auch immer die Freiheit des Anderen und die Freiheit, zu scheitern – das macht sie als Idee für viele Menschen unattraktiv.

Ein weiteres Beispiel: Freiheit an den Kapitalmärkten bedeutet nicht nur, dass jeder für sein Alter vorsorgen kann, sie bedeutet auch, dass bisweilen Finanzmarktkrisen mehr oder weniger unausweichlich sind. Und Freiheit auf Märkten bedeutet auch, dass Unternehmen erfolgreich sind und wachsen, während andere Unternehmen untergehen und ihre Belegschaft entlassen. Auch hier fällt der Blick der Öffentlichkeit eher auf die Verlierer der Freiheit und blendet die Gewinner aus.

Unter dem Strich macht man den wirtschaftlichen Liberalismus verantwortlich für Arbeitslosigkeit, soziale Schieflagen, Unsicherheit und Verlustängste. Dass ein liberales Wirtschaftskonzept um solche Härten weiß und ihnen begegnet mit entsprechenden Hilfen für die Verlierer der Freiheit, geht bei der Debatte um solche Probleme oft unter.

Der moderne Sozialstaat, der in den vergangenen Jahrzehnten allen Klagen über den Abbau des Sozialstaats zum Trotz kontinuierlich gewachsen ist, wird nicht als Teil der liberalen Konzeption wahrgenommen. Letzteres mag nicht zuletzt daran liegen, dass Liberale konkrete Vorstellungen davon haben, wie Sozialpolitik auszusehen hat – mit Fokus auf Eigenverantwortung und Selbsthilfe. Keine Forderungen, mit denen man sich viele Freunde macht, vor allem nicht als Politiker.

Der Staat als Beschützer

Nicht nur soziale Gerechtigkeit, auch kulturelle Identität ist eine Achillesferse des Liberalismus, lässt er doch den Lebensentwürfen anderer Kulturen Raum. Er sieht Migration als ein wichtiges Element individueller Freiheit und wirtschaftlichen Wohlstands an, solange diese nicht in Widerspruch zu den Prinzipien des Marktes und des Eigentumsrechts steht.

Diese Haltung steht im Widerspruch zur sehr emotional geführten Debatte um Migration und deren Folgen. Das Gefühl von Bedrohung – nicht nur durch Migration, auch durch Kriminalität oder Terrorismus – verändert die Haltung vieler Menschen zur staatlichen Macht, man sieht den Staat zunehmend nicht als Garant individueller Freiheit, sondern als Beschützer vor den realen oder gefühlten Gefahren einer modernen Gesellschaft und ist bereit, diesem Schutz bürgerliche Freiheitsrechte zu opfern.

Der Liberalismus sieht Migration als ein wichtiges Element individueller Freiheit und wirtschaftlichen Wohlstands an.

Und im aufgeheizten Klima um die befürchtete Bedrohung des eigenen Wohlstands geraten die liberale Akzeptanz unterschiedlicher Meinungen, Lebensentwürfe und Religionen rasch unter die Räder. Die Wahrnehmung einer permanenten Bedrohung von außen verändert unseren Blick auf den Staat und unser Verhältnis zu ihm.

Und als wäre das nicht Belastung genug, kommen im 21. Jahrhundert neue Herausforderungen hinzu, die den liberalen Ideen über eine gute, gerechte und stabile Gesellschaftsordnung Grenzen setzt. Das wohl wichtigste Problem ist der Klimawandel. Das Problem der Umweltverschmutzung ist das, was Ökonomen einen externen Effekt nennen, ein Phänomen, das sich einer reinen Marktlösung entzieht, weswegen liberale Denker hier Bedarf für staatliche Eingriffe sehen.

Leider aber ist Klimawandel eine Krise, die allein auf nationalstaatlicher Ebene nicht zu lösen ist. Hierfür ist langfristig eine Zusammenarbeit aller Staaten notwendig, womit sich die Lösung des Problems in den Verantwortungsbereich der Politik verlagert. Dennoch wird in der öffentlichen Wahrnehmung auch liberales Denken für das kollektive internationale Versagen beim Klimaschutz verantwortlich gemacht.

Skepsis ist verführerisch

Unter dem Strich beschert dies alles dem Liberalismus ein schlechtes Image: Er wird verantwortlich gemacht für wachsende soziale Ungleichheiten, Finanzkrisen, den – eher vermeintlichen – Rückzug des Sozialstaats, den Niedergang nationaler Industrien und den vermeintlichen nationalen Identitätsverlust im Zuge der Globalisierung und die damit verbundene Zunahme der Unsicherheit und der kulturellen Entwurzelung.

Die Feinde einer offenen Gesellschaft machen sich diese Schwachstellen zunutze und blasen zum Angriff. Diese Angriffe kommen von vielen Seiten. Auf der einen Seite finden sich Vertreter libertärer Ideologien, die eine staatsskeptische Haltung einnehmen: Bürokratie, hohe Steuern, steigende Staatsverschuldung, Vorschriften zum Schutz von Minderheiten, Maßnahmen in der Pandemie, Staatsversagen – hier bietet der Staat Angriffsflächen.

Liberalismus versucht, Freiheit mit Verantwortung, Individualrechte mit Gemeinwohl, Selbstbestimmung mit Regulierung auszubalancieren. Das macht ihn anfällig für den Vorwurf, unentschlossen und elitär zu sein.

Im Gegensatz einer solchen sehr einfachen, polemischen Sichtweise auf den Staat wirkt der klassische Liberalismus zaghaft, akademisch, technokratisch. Er versucht, Freiheit mit Verantwortung, Individualrechte mit Gemeinwohl, Selbstbestimmung mit Regulierung auszubalancieren – eine notwendige, aber komplizierte und nur schwer vermittelbare Gratwanderung. Das macht ihn anfällig für den Vorwurf, unentschlossen und elitär zu sein. Eine staatsskeptische Haltung lässt sich in Zeiten institutionellen Misstrauens und kollektiver Ängste gut verkaufen.

Zwei Seiten einer Zange

Eben jene Ängste und jenes Misstrauen dienen auch als ideologisches Einfallstor für Kritik von Links: Eine äußerst emotional geführte Debatte um Reichtum und Armut, Klima-Ängste und die Klage mangelnder kollektiver Verantwortung befeuern Marktskepsis und den Ruf nach einem starken Staat, der durch Arbeitsmarktregulierungen, Mindestlöhne und Sozialleistungen Schwächere schützt und durch progressive Steuern und Umverteilungspolitik die Leistungsträger in die Pflicht nimmt.

Damit wird die klassische liberale Auffassung eines Staates, der einen Ordnungsrahmen setzt und nur dort korrigierend eingreift, wo Marktlösungen nicht funktionieren, von zwei Seiten in die Zange genommen: Von denen, die weniger Staat und mehr Freiheit wollen und denen, die mehr Staat und mehr Kollektivismus fordern.

In vielen Ländern und Debatten rückt die Politik immer weiter nach rechts oder links, extreme Positionen werden lauter. Der klassische Mittelweg – liberal, ausgleichend, reformorientiert – wirkt zu weich, zu kompromissbereit oder zu elitär, aber auf jeden Fall nicht geeignet, die Herausforderungen einer modernen, globalisierten Welt zu lösen. Und wer interessiert sich angesichts von Klimakrise, Pandemie und Kriegsgetöse schon für solche abstrakten Ideen wie Gewaltenteilung oder Rechtsstaatlichkeit?

Die Lautstärke entscheidet

Ob der Liberalismus wirklich so schlecht ist wie sein Ruf, spielt dabei noch nicht einmal eine große Rolle, denn im Kampf der Meinungen und Ideologien zählen nicht mehr Fakten, sondern nur Meinungen über Fakten. Freiheit statt Zwang, Solidarität statt Egoismus, Leistung statt Schmarotzertum – politische Debatten sind längst zu einer Arena verkommen, in der nicht Fakten, sondern die Lautstärke über die Güte des Arguments entscheidet.

Die modernen Plattformen zur Kommunikation – Soziale Netzwerke, Chat-Gruppen, Video-Plattformen und Podcasts – geben jedem Menschen eine Stimme, und noch viel wichtiger, jedem, der eine Stimme sucht, einen Hafen, in dem er seine Meinung bestätigt findet. Die Algorithmen dieser Plattformen sorgen dafür, dass man nicht mit irritierenden Fakten und widersprechenden Meinungen konfrontiert wird.

Wer in die Welt der sozialen Medien eintaucht, findet sich innerhalb weniger Klicks in einer Echokammer wieder, in der ihm nur das an Meinung und Information begegnet, was seine Meinung und Auffassung bestätigt. Das Ergebnis solcher Prozesse sind verhärtete Fronten und eine zunehmende Polarisierung der politischen Landschaft.

Diese Technologien nutzen eine typisch menschliche Schwäche: Wir nehmen nur die Dinge wahr, die schief oder schlecht laufen, nicht das, was funktioniert. Wir diskutieren über Finanzmarktkrisen, ignorieren aber, dass Finanzmärkte in der Regel völlig reibungsfrei funktionieren und was wir ihnen verdanken.

Wir nehmen nur die Dinge wahr, die schief oder schlecht laufen, nicht das, was funktioniert.

Wir nehmen Märkte wahr, die nicht gut funktionieren oder deren Ergebnisse wir nicht mögen, haben aber einen blinden Fleck, wenn es darum geht zu erkennen, wie viele Märkte täglich geräuschlos unseren Wohlstand mehren. Wir nehmen die Erfolge liberalen Denkens und liberaler Politik achtlos hin, ohne darüber nachzudenken, wie viele gute Dinge sie uns beschert haben, empören uns aber bei der kleinsten Irritation oder Schwierigkeit.

Wir sehen in allen Entwicklungen vor allem das Negative, aber nie den Teil unserer Lebenswirklichkeit, der fehlerfrei und geräuscharm funktioniert. Befeuert wird diese negative Wahrnehmung unserer Welt durch die Echokammern sozialer Medien und die Berichterstattung der Medien, die auf das ausgerichtet ist, was nicht funktioniert.

Die Akzeptanz ist dennoch groß

Vielleicht aber ist das nicht das einzige Problem des Liberalismus. Als Idee hatte er immer etwas Abstraktes: Mündigkeit, Eigenverantwortung, Differenzierung – alles Ideen, die in der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie schwer zu vermitteln sind. In Zeiten globaler Krisen und zunehmender Verunsicherung fällt es leichter, sich hinter Autoritäten zu versammeln, denen man das Denken und Handeln überlässt, statt Eigenverantwortung und -initiative zu übernehmen und auf individuelle Freiheit zu pochen. Diese Diagnose gilt es im Auge zu behalten, wenn man sich fragt, ob und wie der Liberalismus zu retten ist.

Niemand will Errungenschaften wie die Sozialversicherungen, die Unterstützung einkommensschwacher Bevölkerungsschichten oder die progressive Einkommensteuer ernsthaft infrage stellen.

Ist er zu retten? Zumindest die Angriffe auf der libertären Seite sind möglicherweise nicht ganz so gefährlich – zu stark sind viele staatliche Verdienste im Bewusstsein der Bürger verankert: Der Sozialstaat genießt eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Niemand will Errungenschaften wie die Sozialversicherungen, die Unterstützung einkommensschwacher Bevölkerungsschichten oder die progressive Einkommensteuer ernsthaft infrage stellen.

Es geht bei Debatten um den Sozialstaat eher um graduelle Reformen – was schon schwierig genug ist. Zudem sehen viele Menschen den Staat als Schutz gegen Krisen, und libertäre Ideen werden oft als elitär, radikal oder realitätsfern empfunden. Sie prägen die politische Debatte eher indirekt in Debatten um die Steuerpolitik oder Privatisierungen.

Gefahr von Rechts

Die Angriffe von der anderen Seite sind vermutlich gefährlicher, wie die Erfolge rechter Populisten in vielen europäischen Staaten und in den USA zeigen.

Sie präsentieren ihre Kritik als den Versuch, die wahre Souveränität des Volkes wiederherzustellen und volksnahe Politik als Alternative zu einem liberalen Gesellschaftsentwurf zu etablieren. Die liberalen Ideen sehen sie als ineffizient, elitär und gescheitert an. Die – eher moralisch motivierte – Rhetorik mancher Linksliberaler als „woke“, wird bevormundend und realitätsfern kritisiert.

Dort, wo diese Tendenzen bereits in die Regierungssitze eingezogen sind, offenbaren sie die Wirkmächtigkeit dieser Ideen: Das Prinzip der Gewaltenteilung wird angegriffen und erodiert, die Medien unterwandert, soziale Medien als Sprachrohre für alternative Wahrheiten missbraucht, der Volkswillen, Nationalismus und Anti-Eliten Rhetorik in Stellung gebracht gegen liberales Gedankengut.

Oppositionelle Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen werden angegriffen und Wahlen torpediert, Gerichte mit fügsamen Gefolgsleuten besetzt. Der Staat wird als Heilsbringer gefeiert und immunisiert gegen jede Kritik von außen.

Weniger Wein, mehr Werbung

Was also ist zu tun? An erster Stelle steht der Appell an die Politik, ihre Hausaufgaben zu machen: Sie muss die Ängste und Sorgen der Bürger ernster nehmen, einschreiten, wo diese Defizite sehen und den Mut aufbringen, unpopuläre Schritte zu wagen. Möglicherweise lohnt es sich, im politischen Alltag wieder mehr auf die Ideen des Liberalismus zu setzen, anstatt diese nur in Sonntagsreden als das Wasser anzupreisen, das man im politischen Tagesgeschäft durch den süßen Wein Stimmen-maximierender Klientelpolitik ersetzt.

Dieser Prozess dürfte umso besser funktionieren, je mehr die Bürger den Wert und die Notwendigkeit liberaler Ideen wiederentdecken. Politik sollte zur Werbung für liberale Ideen werden, indem sie diese umsetzt und sie ins Bewusstsein der Wähler bringt.

Auch die liberalen Prinzipien der Volkssouveränität, Freiheit der Wahl und Gewaltenteilung sollten wieder stärker betont werden, indem man den Zugang zu Wahlen für alle Bürger erleichtert und so die Wahlbeteiligung erhöht. Durch Bürgerinitiativen, Referenden und mehr Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung an politischen Prozessen könnte man das Vertrauen in demokratische Institutionen erhöhen und das Bewusstsein für liberale Werte stärken.

Freiheit durch den Schutz von Rechten

Zugleich gilt es, eine der zentralen Stärken des Liberalismus zum Glänzen zu bringen: Rechtsstaatlichkeit und die Unabhängigkeit von Institutionen wie Justiz, Presse und Wahlbehörden. Diese Prinzipien gilt es vor Angriffen durch populistische und autokratische Bewegungen zu schützen, beispielsweise durch verfassungsrechtliche Garantien oder die Entpolitisierung wichtiger Institutionen. 

Maßnahmen zum Schutz von Journalisten, zur Bekämpfung von Fake News und zur Sicherstellung von Medienvielfalt müssen für eine freie und unabhängige Presse sorgen, um einer politischen Instrumentalisierung der Medien entgegenzuwirken. 

Nicht zuletzt bilden der Schutz der Menschenrechte und die Garantie von Minderheitenrechten eine wichtige Grundlage der liberalen Demokratie; eine Überwachung und Kontrolle staatlicher Eingriffe in die Privatsphäre und die Freiheit des Einzelnen schützt vor staatlicher Willkür und autoritären Tendenzen.

Liberalismus muss unbequem sein

Nach all den Sternstunden der Menschheit, denen der Liberalismus durch seine Anwesenheit Glanz verlieh, gerät er heute zunehmend in die Defensive, weil er für Viele zu wenig Antworten auf die aktuellen großen Fragen gibt: soziale Gerechtigkeit, kulturelle Identität, Klima, Demokratie. Angst, Neid und Frustration sind – ob real oder medial erzeugt – zum politischen Hebel geworden.

Diskurse werden nicht mehr faktenbasiert, sondern emotionalisiert geführt. In der digitalen neuen Welt verdrängen emotionale Schlagzeilen und algorithmisch verstärkte Erregung differenzierte Debatten und Analysen. Komplexe Zusammenhänge – etwa zwischen Integration, Sozialpolitik, Bildung und Sicherheit – gehen unter.

In diesem Klima hat der Liberalismus einen schweren Stand, er steht zwischen den Fronten, allein. Die Rettung des Liberalismus beginnt nicht mit neuen Parteiprogrammen, sondern mit der Rückgewinnung der öffentlichen Sprache für Freiheit, Kritik und Selbstbestimmung. Sie beginnt mit der Bereitschaft, unbequem zu sein – gegenüber autoritären Reflexen von rechts, aber auch gegenüber wohlmeinenden Übergriffen von links.

Beendet das Schweigen

Liberalismus ist mehr als eine politische Strömung – er ist ein zivilisatorisches Versprechen: dass der Einzelne nicht dem Kollektiv komplett untergeordnet wird, dass Macht begrenzt, kontrolliert und gerechtfertigt sein muss, dass jeder Bürger die Freiheit hat, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten zu entfalten und zu verwirklichen. 

Dieses Versprechen ist brüchig geworden – nicht, weil es überholt wäre, sondern weil es neuen Gefahren ausgesetzt ist, weil wir es viel zu sehr als selbstverständlich erachten und zu selten mit Mut und Leidenschaft gegen die Feinde der Freiheit verteidigen. 

Denn einer der größten Gegner des Liberalismus sind nicht Autokraten, Soziale Medien oder machthungrige Politiker, sondern unser Schweigen. Zeit, aufzustehen und laut zu werden.

Text: Hanno Beck

Bild: Original photo by unknown author. Reproduction from public documentation/memorial by Lear 21 at English Wikipedia.

Zur Person

Hanno Beck hat Volkswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz studiert; danach war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und anschließend Mitglied der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 2006 ist er Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Pforzheim. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften publiziert; auch populärwissenschaftliche Bücher, u.a.: Medienökonomie; Behavioral Economics (Springer Verlag), der Alltagsökonom; der Liebesökonom, die Logik des Irrtums (F.A.Z. Verlag); Geld denkt nicht, Die große Geldschmelze (Hanser), Glück, Alles, was im Leben zählt (Eichborn), Fake News: Macht der Lügen (Kohlammer).

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