Keine Ehe für Niemand!

Zugegeben, es wäre wirklich komisch, sich heute (am Tag des Beschlusses zur “Ehe für alle” ,Anm. Redaktion) nicht zu freuen darüber, dass Menschen jetzt eine Ehe schließen dürfen, die es sich schon lange gewünscht haben und denen es absurderweise bisher auf Grund angeblich unpassender Geschlechtsmerkmale verweigert worden ist. Und das kann man schon mal feiern! Doch so sehr es diesen Paaren zu gönnen ist, so wenig ist es für uns alle eine Errungenschaft auf dem Weg zum guten Leben.

Gesellschaftliche Solidarität? Was ist das?

Dass es eine Leistung ist, den Alltag langfristig gemeinsam zu bewältigen, ohne sich gegenseitig zu erwürgen, nun ja, das sehe ich ein. Dass man seine Zweisamkeit stilisiert, ja sie zur einzig normalen Lebensform erhebt, scheint ein wenig befremdlich. Wenn das nur alles wäre! Denn von all dem romantischen Intensitätsglitzer überdeckt wird die Tatsache, dass die Ehe als staatlich privilegierte Einrichtung und Norm des gesellschaftlichen Lebens einzig dazu dient, eine Bedarfsgemeinschaft zu etablieren, die die Gesellschaft von der Verantwortung für das Wohl des Einzelnen enthebt und die Tradierung von Werten und Normen sichert, welche diese Gesellschaft geschlossen halten.

Das Privileg denen, die es brauchen

Aus diesem Grund kann ich die Freude über die Ehe für alle nicht wirklich teilen. Natürlich trifft zu, dass hier ein Privileg, das eine heteronormative Gesellschaft den Heteros vorbehielt, nun erweitert wird auf alle. Doch leider ist der Schlag, den das der Heteronormativität versetzt, minimal, weil das verheiratete Paar und die Kleinfamilie vielleicht nicht Keimzelle jeder Gesellschaft, wohl aber der heteronormativen ist.

Wer mit wem Sex hat, war dafür schon immer egal. Es bleibt also nur der Vorteil, dass mehr Menschen als vorher an einem Privileg teilhaben können – das ist gut – doch viel besser wäre es, das Privileg zu verändern. Zum Beispiel so, dass Menschen privilegiert werden, die andere pflegen und betreuen, die Kinder aufziehen und versorgen. Denn das war, worum es ursprünglich, angeblich, mal gehen sollte.

Ehe als Treibhaus

Die CDU argumentiert für die Ehe als Treibhaus, als geschlossener Schutzraum für die Kinderproduktion, in dem die Frau, versorgt vom Mann, Kinder gebären kann und selbige dann nach dem bekannten Muster des pietistischen Mutterbildes hegt und pflegt und ihnen Bildung und Tradition vermittelt. Aus diesem Grund ist die Ehe privilegiert – weil sie dem Staat all das abnehmen soll: Verantwortung für Versorgung, Kindererziehung und Bildung. Und dabei gleichzeitig Werte reproduzieren, die sichern, dass das auch in Zukunft so weiter läuft.

Im wesentlichen scheint das die Gemeinsamkeit der Funktion der Ehe überall zu sein, unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Arrangierte Ehen bedeuten nichts anderes, als ein Mädchen direkt in dieses Treibhaus zu geben, sie also direkt von einem ‘Schutzraum’ in den anderen zu setzen, ohne sie zwischendurch frei laufen zu lassen. Wenn Papa sparen will, macht man das eben so früh wie möglich.

Ehe als Bekenntnis

Wenn wir aber so nicht mehr leben wollen, ergibt es überhaupt keinen Sinn, die Ehe weiterhin zu privilegieren. Doch genau das geschieht. „Die Ehe dient nicht in erster Linie der Reproduktion“, sagte Michael Roth (SPD) schon vor einiger Zeit zum Thema Ehe für alle, „sondern ist das Bekenntnis zweier Menschen, dass sie lebenslang füreinander einstehen wollen.“

Dass uns die Ehe als Bekenntnis zur Ewigkeit der romantischen Liebe verkauft wird, ist ja eine ziemlich neue Geschichte, so neu eben wie das romantische Subjekt. Bis zum 18. Jahrhundert war man da auch in Europa pragmatischer, sah die Ehe als Funktion zur Besitzübergabe und Ressourcenverteilung und hoffte schlicht, dass die Leute schon miteinander auskommen würden, was sie auch versuchten, da ihnen nicht viel anderes übrig blieb. Doch dann erfanden sie das romantische Subjekt: von unendlicher Tiefe, unverwechselbar in seiner Vielfalt, unabhängig von seiner Lebenszeit. Die einzigartige Verbindung der romantischen Liebe endet in der Literatur meist mit Tod oder Verzicht, um zu unterstreichen, dass sie nicht auf Dauer zu bestehen braucht: der Augenblick ist ewig, die Leidenschaft unendlich, der Kreis geschlossen. Der Trick ist nun: diese Momentaufnahme der unendlichen Intensität zu überführen in einen Vertrag.

One ring to rule them all

Ein Ring, sie zu knechten, warnte schon Tolkien. Der geschlossene Kreis ist Symbol für eine neue Einheit, die nicht mehr zu öffnen ist. Die Intensität schießt ein in die glänzende Fläche einer Identität, befeuert die Selbstaufwertung des kapitalistischen Individuums als Teil eines romantischen Paares. Bei der Selbstbetrachtung im Spiegel von Facebook zeigt sich die Tiefe der romantischen Seele in der Zufriedenheit des gemeinsamen Frühstücks. Mit Kind und Katze. Oder ohne. Palmen werden gelegentlich hinzugefügt.

Das quasi-religiös anmutende „Bekenntnis zweier Menschen“ kehrt diese romantische Intensität heraus, um zu überdecken, worum es eigentlich geht: das lebenslange Füreinander-Einstehen. Auch das klingt so romantisch, richtig schön klingt das. Wer hätte nicht gern so einen Menschen an der Seite? Aber was bedeutet das wirklich? Arbeiten für zwei, wenn der andere Mensch nicht mehr kann. Egal, ob man will oder nicht. Egal, wie man dafür behandelt wird. Das heißt Pflegearbeit, Erziehungsarbeit, Sorgearbeit, weiterhin ohne Dank und Anerkennung. Denn man hat sich ja verpflichtet, hat ein Bekenntnis abgelegt. Was mit den anderen Menschen draußen vor der Tür geschieht, dafür ist man hingegen nicht verantwortlich.

Leute, legt doch lieber diesen Ring ab. Solidarität lässt sich genauso und viel besser noch in Freiheit leben. Feiern lässt sie sich auch besonders gut! Schmeißt den Ring in den nächsten Fluß, in der Hoffnung, dass er auf dem Grund liegen bleibt und vergessen wird. Und dann liebt euch einfach weiter wie bisher – liebt eure Freunde, eure Kinder, eure Partner, bleibt zusammen, so lange ihr wollt, und bleibt lebendig.

 

Titelbild: CC0 Jean Borges/pixarbay

  1. Oje, da ist aber vieles in einen Topf geworfen!
    “Pietistisches Mutterbild”, vom Vater arrangierte Frühverheiratung, unauflösliche Ketten, das beschreibt doch nicht die Ehe in unserer Gesellschaft.
    Es gibt nicht nur Scheidungen und Versorgungsausgleich, es gibt auch eine lange Liste koplexer gesellschaftlicher Arrangements zur Versorgung und Bildung von KIndern. Dafür wird die Ehe heute wirklich nicht mehr gebraucht.
    Auch im Bereich der privaten Beziehungen zeichnet sich der Nachfolger der Ehe ab. Es sind Partnerschafts und Co-Parenting Veträge, die auf Vertragsfreiheit und Interessenausgleich beruhen. Gefährdet sind in diesen Konstruktionen die Schwächeren, die die nicht mehr genug anbieten können; psychisch erkrankte Partner, problematisch empfundene Kinder oder auch einfach der emotional bedürftigere Partner.
    Die Ehe und die traditionelle Familie verbessern bestenfalls den Schutz für den (vielleicht nur zeitweise) Schwächeren. Das geschieht durch den Bezug auf Religion, Tradition, Gesellschaftliche Norm und ewige Liebe. Alles nicht sehr modern, alles keine sichere Bank, aber doch immer ein Korrektiv zu reiner Vertragsfreiheit und Selbstopimierungslogik.
    Ich möchte das nicht einfach in den nächstbesten Fluß schmeißen.

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