Was, wenn im eigenen Land Krieg ausbricht? Bleiben, kämpfen, verteidigen? Oder ins Ausland gehen – für die eigene Sicherheit, die Kinder oder weil man von dort anders, vielleicht besser, helfen kann? Zwei ukrainische und zwei syrische Menschen erzählen ihre Geschichten.
Hamoudi* (34) hat Syrien vor elf Jahren verlassen. Vier Jahre später kamen seine Frau und sein Sohn nach.
Wir wollten nur frei sein und frei reden können. Dafür sind wir auf die Straße gegangen. Niemand hatte gedacht, dass es so eskalieren würde. Wir hatten große Hoffnungen in Assad gelegt. Er war jung, er war lange in Europa und hat Demokratie erlebt. Nicht nur davon gehört, wie wir. Wir wollten nur, dass er das in unser Land bringt, damit wir alle ein gutes Leben haben.
Seit letztem Jahr bin ich deutscher Staatsbürger. Meine Ex-Frau und mein Sohn sind seit sieben Jahren hier. Er ist in Syrien geboren, war ein Baby, als ich das Land verlassen habe. Jetzt geht er in die achte Klasse einer Sportschule in Berlin. Ich habe die beiden durch die Flucht und weil der Familiennachzug zwei Jahre gedauert hat, über vier Jahre nicht gesehen. Das überlebt keine Beziehung. Ich kenne keinen Syrer, der noch mit seiner Frau verheiratet ist. Das unterschätzen viele – was die Flucht mit unseren Beziehungen und Familien macht.
Als ich die Vorladung von der syrischen Polizei bekommen habe, bin ich sofort in den Libanon gefahren, nach Beirut. Ich habe gehofft, dass mein Name noch nicht auf der roten Liste steht. Ein Freund, wohl eher ein Spitzel, mit dem ich Demonstrationen organisiert habe, hat der Polizei von mir erzählt. Ich habe die Proteste in unserem Stadtteil von Damaskus auf Facebook gepostet und Aufrufe zu Demonstrationen verteilt.
Ich hatte gerade den Militärdienst hinter mir, eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann angefangen und wollte in der Druckerei von meinem Vater arbeiten, um ein ruhiges Leben zu führen. Dafür bin ich auf die Straße gegangen. Niemand dachte, dass die Polizei sich gegen uns wenden würde. Sie sollte doch auf unserer Seite stehen.
Wenige kämpfen freiwillig, niemand will sterben.
Doch dann saß ich zitternd in meinem Auto, mit umgerechnet ungefähr 1.000 Euro in der Hosentasche – falls mein Name doch schon auf der Liste stand. Aber ich durfte weiterfahren. „Viel Erfolg“, hat der Grenzbeamte mir gewünscht. Danach dachte ich monatelang, dass ich bald zurück nach Syrien kann. Irgendwann habe ich gemerkt: Der Krieg wird noch lange andauern. Ich habe meine Sachen von zuhause geholt, bin über die Türkei nach Europa geflohen und habe Syrien seither nie wieder gesehen.
Ich habe viele Menschen im Krieg verloren – mindestens 15. Alle Freunde, die mit mir Proteste organisiert haben, sind tot, auch mein Cousin. Sie wurden nach Sednaja gebracht. Da kommst du als Sunnit nie wieder raus. Ich frage mich immer noch jeden Tag, wie es ihnen dort wohl ging. Alle Jugendlichen aus der Familie sind im Krieg gefallen, mit Anfang bis Mitte 20. Manchmal denke ich, ich habe sie im Stich gelassen. Nicht unbedingt, um mitzukämpfen – ich hätte Angst gehabt, zu kämpfen, das gebe ich zu. Aber um sie in unseren Stadtteil zu holen, oder in der Fabrik zu verstecken.
Das Gefängnis Sednaja wird auch als “Schlachthaus für Menschen” bezeichnet. Mehrere zehntausend, möglicherweise hunderttausend Regimegegner wurden dort gefoltert und ermordet.
Sie haben in Jobar gewohnt, dort gab es die ersten Einsätze von Chemiewaffen. Es ging so schnell, dass sie nicht fliehen konnten. Wenige kämpfen freiwillig, niemand will sterben. Ein paar Schulfreunde hielten es für falsch, zu fliehen. Sie wollten unser Land verteidigen. Also haben sie in Idlib gekämpft. Sie sind vor zwei Monaten wieder aufgetaucht. Sie sind die Einzigen, die überlebt haben.
Meine Mama und meine Geschwister sind jetzt zurück nach Syrien gegangen. Ihre Situation war anders als meine. Sie kamen in Katar und Ägypten unter, wo das Leben schwieriger ist. Sie konnten sich dort nichts leisten – in Syrien haben sie eine eigene Wohnung. Und meine Mutter braucht Pflege.
Auch ich könnte nach Syrien zurückkehren. Aber nach zehn Jahren fühle ich mich in Deutschland zuhause. Mein Sohn spricht besser Deutsch als Arabisch. Er denkt wie ein Deutscher, er ist deutsch. Er würde sich in Syrien gar nicht zurechtfinden. Ich bleibe also auch für ihn hier. Ich habe ja durch meine Flucht und weil der Familiennachzug so lange gedauert hat schon seine ganze Kindheit verpasst. Damit ich ihm hier etwas bieten kann, habe ich meine Ausbildung und eine Weiterbildung abgeschlossen. Jetzt sind außerdem meine besten Freunde hier, nicht in Syrien. Sogar an den kalten Winter habe ich mich gewöhnt – nach zehn Jahren geht alles.
Kamal* (41) ist 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohen.
Mit 32 Jahren habe ich Syrien verlassen. Das hätte ich niemals erwartet. Da habe ich schon einige Jahre beim Roten Halbmond gearbeitet, als Koordinator für Krankentransporte, Verteilung von Verpflegung für Hilfsbedürftige, den Bau von Lagern für Geflüchtete und so weiter.
Der Rote Halbmond ist in islamisch bevölkerten Staaten die entsprechende Organisation zum Roten Kreuz. Sie leistet humanitäre Hilfeleistung bei Kriegen, bewaffneten Konflikten und Naturkatastrophen.
Ich habe dort gut verdient und hatte eine eigene Wohnung mit drei Zimmern. Syrien ist schön: Man kann ans Meer, in die Berge, in die Wüste. Ich hatte eine schöne Kindheit mit neun jüngeren Geschwistern. Wir hatten ein gutes Bildungssystem, bevor der Krieg angefangen hat, deswegen haben wir alle Ausbildungen gemacht oder studiert.
Als ich in Berlin angekommen bin, habe ich einen Monat in einer Turnhalle mit 200 Menschen gewohnt, mit null Privatsphäre. Danach kam ich in eine Unterkunft mit geteiltem Zimmer. Nach einem Jahr habe ich den Mietvertrag für meine erste eigene Wohnung unterschrieben. Das war eine große Befreiung. Ich habe mich so gefreut, endlich wieder eigene Möbel zu haben.
Flucht ist kein Luxus, auch wenn sie viel Geld kostet. Jede Flucht hat einen Grund. Ich konnte meinen Beruf nicht mehr ausüben, nachdem das Regime behauptet hatte, wir würden mit Christen zusammenarbeiten und von der UN beeinflusst. Das hat sich weiter verschärft, als der IS gegründet wurde – ausgerechnet in Al-Barakah, wo ich damals gewohnt habe. Ich hätte sie bekämpfen müssen, aber das kann ich nicht.
Ich habe nie den Militärdienst gemacht, weil ich das Regime nicht unterstützen wollte. Aber auch sonst wollte ich nie Waffen benutzen und Menschen verletzen. Das habe ich mir für mein Leben vorgenommen und ich bin stolz, dass ich es durchhalten konnte.
Die Entscheidung zu treffen, was ich stattdessen mache, war sehr schwierig. Ich fühle mich immer noch schuldig und in der Pflicht, meiner Heimat und meinen Leuten zu helfen. Aber kämpfen zu müssen war meine persönliche Grenze. Mein Vater wusste das auch, mit ihm habe ich damals viel geredet. Er wusste, dass ich nicht bleiben kann, deshalb hat er mir erlaubt zu gehen. Wir wachsen in Syrien sehr familienverbunden auf, Kinder sind die Sozialversicherung. Wir fühlen uns sehr verantwortlich für unsere Familien. Aber ich habe gemerkt, dass ich von woanders besser helfen kann.
Ich kenne viele, die dort geblieben sind – manche sind wegen der Familie geblieben, manche konnten sich die Flucht nicht leisten und manche waren sehr überzeugt, bis zum Ende zu kämpfen. Ihnen gilt mein größter Respekt. Im Januar 2025 war ich dort und habe alle meine Freunde getroffen. Sie sind sehr stolz, aber es geht ihnen auch sehr, sehr schlecht. Viele haben Traumata, sind depressiv oder manisch. Aber sie merken es nicht. Oder denken, das wird schon wieder.
Wenn es ein Krieg gegen ein anderes Land gewesen wäre und nicht gegen andere Syrer, wäre alles anders gewesen. Dann wäre ich wahrscheinlich sogar geblieben. Aber so stand man seinem Nachbarn gegenüber.
Im Krieg haben viele Drogen genommen, aber jetzt kommt alles raus. Viele Frauen haben Missbrauch und sexuelle Übergriffe erlebt. Es ist sehr schwer, durch einen Krieg zu kommen, ohne psychische Probleme zu bekommen. Wenn es ein Krieg gegen ein anderes Land gewesen wäre und nicht gegen andere Syrer, wäre alles anders gewesen. Dann wäre ich wahrscheinlich sogar geblieben. Aber so stand man seinem Nachbarn gegenüber. Das fühlt sich ganz anders an.
Und jetzt wissen sie nicht, wie es weitergeht. Sie brauchen erstmal wieder ein Gesundheits- und ein Bildungssystem. Das wollen sie selbst aufbauen. Viele sagen: “Ihr seid geflohen, ihr braucht jetzt nicht wieder herzukommen, wo alles gut ist. Wir, die hier geblieben sind, bauen das Land wieder auf.”
Da haben sie ein bisschen Recht, aber auch nicht. Kein Mensch flieht einfach so. Auch eine Flucht ist ein traumatisches Erlebnis und kostet viel Kraft. Ich musste alle meine Werte überdenken. Ich war am Anfang sehr irritiert, dass hier Liebe auf der Straße gezeigt wird – besonders Homosexualität. Aber ich habe mich damit beschäftigt und genieße jetzt die Freiheit, die es hier gibt. Meine Freunde in Syrien haben noch die gleiche Einstellung wie vor zehn Jahren. Sie mussten sich über andere Dinge Gedanken machen.
In Syrien leben Angehörige unterschiedlicher Auslegungen des Islams miteinander. Die größte Gruppe bilden die Sunniten (74 Prozent). Zu ihnen gehörten die meisten Protestler und Rebellen. Die politische Elite war weitgehend alevitisch (12 Prozent), so auch die Familie al-Assad. Daneben leben in Syrien Schiiten (2 Prozent), Islaimiten (1 Prozent) und Aleviten, die ethnische Turkmenen und Kurden sind.
Ich werde wohl erstmal nicht wieder zurückgehen. Ich schicke Geld nach Hause, unterstütze Projekte wie Zentrum Überleben und besuche in meiner Freizeit Geflüchteten-Unterkünfte. Leider können viele von denen, die in den letzten drei bis vier Jahren gekommen sind, nicht lesen und schreiben. Sie finden hier meistens nur Jobs auf dem Schwarzmarkt. Ihnen versuche ich zu helfen. Wir brauchen jetzt alle etwas Zeit – dass die Regierung sich stabilisiert und dass wir wieder zueinander finden, zu unseren Freunden und Familien, die dort geblieben sind.
Tania (45) kam 16 Tage nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges mit ihren beiden Kindern nach Deutschland. Fast zwei Jahre später folgte ihr Mann Vitaliy (46).
T: Mein Mann und ich kommen aus Donezk, lebten vor unserer Flucht aber seit 25 Jahren in Kiew. Unsere Eltern wohnen bis heute in Donezk und Mariupol. Für unsere Familien hat dieser Krieg also bereits 2014 angefangen. Trotzdem: Vor dem 24. Februar 2022 führten wir ein perfektes Leben. Schöne Urlaube, zwei Autos, ein großes Haus mit Swimmingpool, eine eigene Firma. Unsere beiden Kinder, ein Junge (16) und ein Mädchen (14), hatten viele Hobbys und viele Freunde.
V: Die Covid-Zeit war für uns schwierig, weil wir im Event-Bereich arbeiten. Wir produzieren Spieltische für Sportpoker. In der Ukraine ist dieser Sport sehr beliebt. Neue Projekte und Kooperationspartner brachten uns aber durch die schwere Zeit und ließen uns positiv auf die Zukunft blicken. Dank dieser Perspektiven wollten wir 2022 endlich wieder durchstarten. Dann kam am 24. Februar plötzlich alles anders.
T: Ich kann mich an jede Sekunde bis zu unserer Ankunft in Deutschland erinnern. Früh morgens fing es an, etwa um halb fünf. Militärflugzeuge flogen über unser Haus hinweg, wir hörten laute Explosionen. Unser Haus steht zwischen der Stadtmitte von Kiew und Butscha. Wir flüchteten in den Keller und verbrachten dort die ersten drei Tage und Nächte zu neunt – ohne Strom, Licht oder Möbel.
Mein Schwager und seine Familie, die nebenan wohnen, waren auch dabei. Es war feucht und schmutzig. Nur wenn es mal ruhiger wurde, sind wir hoch gegangen, haben geduscht und gekocht. Am 27. Februar warnte uns eine Bekannte, die beim Militär arbeitet, vor, dass unmittelbar in unserer Gegend etwas passieren wird. Wir hatten eine Stunde Zeit, haben sofort so viel wie möglich in zwei Autos gepackt und sind alle zusammen, so schmutzig wie wir waren, losgefahren.
V: Unser Haus war ein großer Traum für uns. Unsere Familie und unsere Freunde haben beim Bauen geholfen. Als wir fliehen mussten, habe ich mich innerlich von diesem Traum verabschiedet, damit der Schmerz nicht zu groß ist, falls wir nicht wiederkommen oder das Haus zerstört wird. In diesem Moment verstehst du aber, dass deine Frau, deine Kinder, dein Leben und deine Gesundheit viel wichtiger sind als das. Ich hatte Angst um meine Familie, konnte die Situation nicht einschätzen. Doch ich wusste: das ist kein Spiel, das ist Russland und das wird nicht nach zwei Tagen vorbei sein.
T: In den ersten Tagen war nicht sicher, wie und wohin es weitergeht. Ob in der Ukraine oder doch im Ausland. Zunächst blieben wir zehn Tage bei Bekannten. Vitaliy und ich haben fast vier Jahre in Magdeburg studiert und deshalb einige Bekannte in Deutschland. Schließlich ermutigte uns eine von ihnen, nach Deutschland zu kommen – meine Schwägerin und ihre Kinder ebenfalls. Unsere Männer durften nicht mit. Vitaliy hätte zwar aufgrund einer Krankheit ausreisen dürfen. Doch ihm fehlten die erforderlichen Unterlagen. Am 9. März brachen wir früh morgens zur Grenze auf. Dort verabschiedeten wir uns von unseren Männern, ohne zu wissen, ob und wann wir uns wiedersehen werden.
Als sie über die Grenze gingen, habe ich durchgeatmet und war erleichtert. Ab jetzt musste ich mich nur noch um mich selbst kümmern.
V: Als sie über die Grenze gingen, habe ich durchgeatmet und war erleichtert. Ab jetzt musste ich mich nur noch um mich selbst kümmern. Meine Familie war sicher und bald in einem Land, das meine Frau kennt und dessen Sprache sie spricht. Mein Bruder und ich blieben daraufhin zwei Monate in der ruhigeren Grenzregion. Als sich die Lage in Kiew stabilisiert hatte, gingen wir zurück. Wir reparierten unsere teilweise zerstörten Häuser und ich vertrieb mir die arbeitslose Zeit mit Sport.
Um die Unterlagen zur Ausreise kümmerte ich mich noch nicht, denn die Entscheidung fiel mir schwer: Nach Deutschland gehen und mein Haus und die Menschen hier zurücklassen oder hoffen, dass meine Familie doch bald wieder zurückkommt? Je weiter die Zeit voranschritt und je mehr ich mitbekam, wie gut es meiner Familie in Deutschland ging und wie viel meine Kinder ohne mich erlebten, desto mehr vermisste ich sie. Als die drei mich im Sommer 2023 besuchten und meine Frau deutlich machte, dass sie vorerst nicht zurückkommen werden, wurde mir klar, dass ich keine Wahl habe.
T: Obwohl ich 25 Jahre kein Deutsch gesprochen hatte, kam die Sprache schnell wieder. Das war unser großes Glück. Wir starteten unser Leben in Recklinghausen neu, zuerst in einem Wohnheim, dann in einer eigenen Wohnung. Schule, Hobbys, Sprachkurs, mein erster Minijob: Es lief direkt sehr gut für uns. Für Vitaliy war es schwer zu sehen, dass unsere Kinder ohne ihn so schnell groß wurden. Als wir zu Besuch in Kiew waren, war mir sofort klar, dass ich so ein Leben im Krieg nicht will. Auch wenn es dort, abgesehen vom regelmäßigen Bombenalarm, meist ruhig war, lag permanent Spannung in der Luft. Außerdem hätte ich Angst, dass mein Sohn in zwei bis drei Jahren zum Militär gehen müsste, wenn der Krieg weitergeht.
V: Meiner Meinung nach ist Krieg immer auch ein Geschäft und ein politisches Spiel. Dass die Kämpfe nach vier Jahren immer noch weitergehen, bedeutet für mich, dass der Wille der mächtigen Regierungen in der Welt, aus welchen Gründen auch immer, nicht groß genug ist, um ihn zu beenden. Und damit es immer weiter laufen kann, brauchen sie uns als menschliches Material. Ich will da nicht mitspielen und könnte doch sowieso keinen Unterschied machen. Wenn ich für mein Heimatland das eine Leben gebe, das ich habe, dann passiert nichts. Dieses Spiel läuft weiter. Für meine Familie dagegen wäre es eine Tragödie.
Heimat ist für mich dort, wo meine Familie ist. In der Ukraine war ich zwar in meinem Haus, fühlte mich aber nicht Zuhause. Und dann kam auch noch der Tag, an dem ich einen Einberufungsbescheid bekam, weil in der zentralen Datenbank nichts von meiner Krankheit stand. Ich hatte mich ja nicht um meine Unterlagen gekümmert. Sie hätten mich also trotzdem einfach eingezogen. Schnellstmöglich ging ich daraufhin zum Arzt und zu den Behörden, ließ alles ins Register eintragen und stieg in einen Zug Richtung Moldau.
Der Kontrolleur leuchtete mir ins Gesicht und sagte: „Ist dir klar, dass wir jetzt jeden Buchstaben deiner Unterlagen prüfen?“
Der Übergang zu Polen war überfüllt. Den Zug nahm ich, weil Kontrollen dort schnell gehen müssen, um Fahrpläne einzuhalten. Die Grenzkontrolle war trotzdem nervenaufreibend, denn als einer von wenigen Männern im Zug war ich natürlich verdächtig. Der Kontrolleur leuchtete mir ins Gesicht und sagte: „Ist dir klar, dass wir jetzt jeden Buchstaben deiner Unterlagen prüfen?“ Mein Herz klopfte und die darauffolgenden 15 Minuten waren die längsten meines Lebens. Doch es ging zum Glück alles gut und so kam ich im Dezember 2023 in Recklinghausen an.
T: Schuldig für meine Flucht nach Deutschland fühle ich mich persönlich nicht. Das Wichtigste für mich sind meine Familie und der Schutz meiner Kinder. Auch wenn das bedeutet, dass wir unsere Verwandten und Freunde, vor allem unsere Eltern, nicht sehen können. Da sie in russischen Gebieten wohnen, können wir sie mit unseren Pässen auch nicht besuchen. Ich helfe der Ukraine so weit ich das von hier aus kann, spende ein wenig Geld, bewahre unsere Traditionen und die Kultur. Unsere Firma in Kiew funktioniert immer noch, wenn auch unter schwierigen Bedingungen und ohne wirklich Geld einzunehmen. Wir zahlen aber unsere Steuern und unseren Mitarbeitern Lohn. Dadurch können sie mit ihren Familien den Umständen entsprechend normal leben.
V: Ich habe keine Schuldgefühle, dass ich nicht da bin, nicht schieße. Auch von unseren Bekannten und Freunden haben wir weder Vorwürfe gehört noch unterschwellig gespürt. Sie können uns verstehen. Du musst selbst entscheiden, was für dich Priorität hat: dein Heimatland, dein Präsident, dein Haus, deine Überzeugung oder deine Frau und Kinder. Und ich sage nicht, was richtig oder falsch ist. Wenn jemand für sein Heimatland kämpft und er wirklich glaubt, in dieser Situation etwas tun zu können, dann ist das seine Entscheidung.
Trotzdem bedauere ich die Situation sehr. In der Ukraine leben wirklich gute Leute. Sie wünschen niemandem etwas Schlechtes und möchten nicht hassen, sondern einfach leben. Die Menschen haben dieses schreckliche politische Spiel nicht verdient. Ob wir zurückgehen, wenn der Krieg vorbei ist, weiß ich nicht.
Aktuell verspüre ich nicht den Drang danach. Unsere Kinder planen hier ihre Zukunft. Wenn sie erwachsen sind, kann ich mir vorstellen, zurückzugehen. Das hängt aber von vielen Faktoren ab: Will meine Frau zurück? Wie sieht meine berufliche Situation aus? Wie entwickelt sich unsere Beziehung als Ehepaar und die Beziehung zu unseren Kindern? Jetzt fühlen wir uns wohl in Deutschland. Ich möchte mindestens so lange hier bleiben, bis meine Kinder mich nicht mehr brauchen.
*Namen geändert
Text: Jaqueline Auerswald und Sonia Hilpert
Bild: Ahmed akacha/Pixabay
Quellen
März 2014: Russlands Annexion der Krim. Bundeszentrale für politische Bildung, 2024. (Zum Artikel)
Geschichte des Russland-Ukraine-Konflikts: Stationen seit 2014. BR24 Redaktion und Patrizia Kramliczek, 2022. (Zum Artikel)
Die Welt wird nicht vergessen. Andrea Beer, 2023. (Zum Artikel)
Ukrainischer Grenzschutz hinderte mehr als 20.000 Männer an Ausreise. Deutschlandfunk, 2023. (Zum Artikel)
Wie die Ukraine Männer mit Zwang rekrutiert – und diese dem Militärdienst entkommen wollen. Sebastian Scheffel, 2024. (Zum Artikel)
Ob wir Ukrainer kriegsmüde sind? Aber ja! Denis Trubetskoy, 2024. (Zum Artikel)




