Baumhaus i nLützerath. Foto: Alle Dörfer Bleiben
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„Wir sind nicht die Hauptfiguren in diesem Kampf“

Im Buch „Glitzer im Kohlestaub“ beschreiben und reflektieren Aktivist*innen ihr Engagement für Klimagerechtigkeit. Ein Gespräch über Idee und Zustand des Protestes.

transform: Ihr, die Autor:innen des Kollektivs „Zucker im Tank“, schreibt im Vorwort zu “Glitzer im Kohlestaub“ von der Wut in der Bewegung für Klimagerechtigkeit. Warum ist die wichtig?

Zucker im Tank: Zunächst ist Wut keine Strategie, sondern existiert einfach. Wie sollte es auch anders sein, angesichts der herrschenden Verhältnisse: dem tödlichen Grenzregime der EU, der Kooperation mit Regimen wie im Iran oder Katar, oder eben das Aufrechterhalten eines Systems, das die Welt in wenigen Jahrzehnten für Milliarden von Menschen unbewohnbar machen wird. Aber Wut ist auch ein Motor für politisches Handeln und befähigt gerade zu Aktionen, die eine unversöhnliche Haltung ausdrücken, wie Sabotageakte oder Blockaden an den zerstörerischen Industrien. Dieses Gefühl der Selbstbefähigung, die aus Wut erwachsen kann, macht im Inneren stark und fühlt sich gut an.

Und welche Werte, welche Haltung wollt ihr durch Eure Aktionen nach Außen transportieren?

Wir wollen die sogenannten Sachzwänge und armseligen Alternativlosigkeiten entlarven als heuchlerische Unwilligkeit zum Handeln. Wir zeigen was alles möglich ist, wenn sich Menschen gegen die Herrschaft der Hoffnungslosigkeit organisieren und gemeinsam zur Wehr setzen – und zwar solidarisch und in Kompliz*innenschaft mit Aktivismus gegen andere Unterdrückungsformen.

Inwiefern?

Klimagerechtigkeit muss antirassistisch sein, muss feministisch und queer sein, muss Ableismus und Klassismus überwinden, sonst ist sie nicht zu Ende gedacht. Die Klimakatastrophe ist zum einen eine ökologische Krise, aber auch eine große Krise der Gerechtigkeit. Die Regionen der Welt, die am meisten von der Klimakatastrophe betroffen sind, haben so gut wie nichts zu ihrer Verursachung beigetragen. Länder wie Deutschland sind durch koloniale Ausbeutung und fossile Industrien hingegen reich geworden. Die Krise basiert also auf einem rassistischen Machtgefälle. Ebenso zeigen viele Studien zum Thema, dass Frauen und andere marginalisierte Gender mehr unter dem ökologischen und zivilisatorischen Kollaps leiden als Männer. Sie hungern eher, sind häufiger von Armut und Gewalt betroffen und haben weniger Zugang zu Frühwarnungen vor Naturkatastrophen.

Und doch erzählt ihr in „Glitzer im Kohlestaub“ vorrangig deutsche Geschichte(n) der Bewegung für Klimagerechtigkeit.

Das liegt daran, dass wir dazu am meisten sagen können. Allerdings zieht sich durch das ganze Buch eine Zeitleiste, welche die weltweiten Kämpfe für Klimagerechtigkeit zeigt. Und diese fechten mehrheitlich die Menschen im Globalen Süden aus, die sich oft nicht aussuchen können, ob sie sich Klimafolgen und Raubbau an der Natur entgegenstellen oder nicht. Wir Aktivist*innen im Globalen Norden sollten anerkennen, dass wir nicht die Hauptfiguren des globalen Kampfes sind.

Wie inklusiv ist die Bewegung für Klimagerechtigkeit hierzulande?

In „Glitzer im Kohlestaub“ schildern mehrere Aktivist*innen Erfahrungen mit Diskriminierung innerhalb der Bewegung. Auch da geht es um rassistische, ableistische, sexistische und klassistische Verhaltensweisen, die in der Gesellschaft normalisiert sind und auch in der Bewegung immer wieder reproduziert werden. Wir haben uns als Bewegung viel zu spät mit der Kritik, die von marginalisierten Gruppen kam, befasst. Mittlerweile versuchen wir, stärker auf die Bedürfnisse der Menschen aus marginalisierten Gruppen zu hören, auf sie zu achten und sie umzusetzen. Das ist ein langer Weg, wie sich immer wieder zeigt.

Woraus wurzelt Eure Bewegung historisch?

Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat ihre Wurzeln in der Bewegung für Umweltgerechtigkeit, speziell seitens BIPOC. Angefangen bei Jahrhunderten von Widerstand gegen die koloniale Ausbeutung, über den Kampf Schwarzer Communities in den USA gegen Umweltverbrechen in den 1980er Jahren ist eine Kontinuität sichtbar bis in die letzten Jahrzehnte, in denen der Protest im Globalen Norden und auch in der bürgerlichen Mittelschicht angekommen ist. Mit den großen Demonstrationen von Fridays for Future ist die Auflehnung auch jünger geworden – vereinzelt waren Kindergarten-Gruppen auf den Klimastreiks dabei.

Im Hauptteil Eures Buches beschreibt ihr die Entwicklung des Protests in den letzten rund 15 Jahren.

Wir beginnen den Hauptteil des Buches in den Jahren 2008 und 2009, also zur Zeit des ersten Klimacamps in Deutschland und der 15. UN-Klimakonferenz in Kopenhagen. Im Nachgang der Klimakonferenz entstand die Strategie, weniger auf Massenmobilisierung zu den Veranstaltungen der Herrschenden zu setzen, etwa genau solche Konferenzen, sondern mehr auf direkte Aktionen und Zivilen Ungehorsam an den Orten, an denen konkret Treibhausgase verursacht werden. Die Erzählung „Wir nehmen es selbst in die Hand“ ist eine der grundlegenden Merkmale unseres Teils der Klimabewegung.

Zuletzt haben die Aktionen radikale Formen entwickelt, wie die umstrittenen Blockaden von etwa Autobahnen durch die Letzte Generation gezeigt haben.

Das Buch soll ja gerade aufzeigen, dass es schon seit vielen Jahren radikale Klimaproteste mit Autobahn-, Kraftwerks- und Kreuzfahrtschiffblockaden oder auch Sabotageaktionen gibt. Das radikale Aktionsformen in letzter Zeit immer mehr Zulauf finden und breiter wahrgenommen werden, liegt daran, dass die Politik, dass der Staat weiter nicht handelt. Darauf hoffen wir auch nicht, unabhängig von den Parteien in einer Regierung. Und deshalb wird es weiter Widerstand geben gegen fossile und klimazerstörerische Infrastruktur, aber auch gegen die kapitalistischen Finanzindustrien dahinter oder das Hochziehen von ausgrenzenden, rassistischen Grenzregimen. All das halten wir für verabscheuungswürdig und daher für protestabel und blockadetauglich.

Das Jahr 2022 war allerdings ein Jahr voller Enttäuschungen im Klimaschutz. Was ist an diesem Punkt der Zustand Eurer Bewegung?

Wir sehen gerade eine der wichtigsten Aufgaben von uns „alten Häs*innen‟ in der Bewegung darin, die Menschen, die in den letzten Jahren aktiv geworden sind, darin zu unterstützen nicht frustriert aufzugeben, sondern sich zu radikalisieren, nicht nur in Bezug auf die Aktionsformen, sondern vor allem auch in Bezug auf die politischen Ziele. Und das heißt, die Systemfrage zu stellen. Im Kapitalismus ist eine Lösung der ökologischen Krise nun mal nicht möglich. Deswegen gehören Scheinlösungen und grüne Mäntelchen á la „Flüssiggas als Brückentechnologie“ oder „Elektroautos für alle“ klar skandalisiert.

Mit Fridays For Future gehen Zehntausende auf die Straße. Wie wird die Bewegung für Klimagerechtigkeit noch größer?

Wir sind überzeugt, dass wir vor allem an der Wurzel wachsen müssen: Eine soziale Bewegung sollte auf vielen kleinen (Lokal-)gruppen bestehen, die sich gut kennen, und am besten lange Zeit kontinuierlich zusammenarbeiten. Massenveranstaltungen bieten das anschlussfähige Erlebnis. In ihnen steckt die Chance, dass Leute sich nach der Aktion zuhause organisieren, um gemeinsam im Kleinen weiterzumachen. Zur Vernetzung und für Diskurse sind schließlich Klimacamps und ähnliche Aktionen da.

Und wie fühlt es sich für Euch selbst an, seit vielen Jahren für Klimagerechtigkeit aktiv zu sein?

Für viele ist die Bewegung ein politisches und soziales Zuhause geworden, in dem sich Aktionen, der Versuch, sich gegenseitig aufzufangen, wenn es Menschen nach Aktionen schlecht geht, die Desillusionierung über die Stagnation oder sogar zunehmende Repression und Kriminalisierung sowie das Vorbereiten der nächsten Aktion abwechseln. Wiederkehrende Zweifel und Phasen der Hoffnungslosigkeit gehen mit und trotz gemeinsamen empowernden Momenten Hand in Hand.

Bleibt Klimagerechtigkeit letztlich doch eine schöne Utopie?

Utopie klingt wie etwas Unerreichbares – und Klimagerechtigkeit sollte doch erreichbar sein, wenn dies nicht aktiv verhindert würde. Natürlich wird sie nie vollständig umgesetzt sein, sondern ist ein Ziel, für das wir immer weiter werden kämpfen müssen. Denn wie furchtbar die Klimakatastrophe auch werden wird, die Überreste unserer Lebensgrundlagen werden sich immer gerecht oder ungerecht verteilen lassen. Auch dann, wenn es nicht mehr um das gute Leben für alle gehen kann, sondern nur noch um „das möglichst wenig beschissene Leben für alle“. Und auch wenn wir uns dieser Ungerechtigkeit bei jeder Blockade, bei jedem Protest bewusst sind, ist es doch immer wieder das, was uns weiter widerständig sein lässt: Für das ‚Möglichst Wenig‘ einzustehen und zu kämpfen.


In mehr als 60 Beiträgen beschreiben Aktivist*innen aus unterschiedlichen Spektren die Aktionen der Klimagerechtigkeitsbewegung. Sie legen ihre politischen Überlegungen dar und geben einen Einblick in das Zusammenleben in Klimacamps, besetzten Dörfern und Wäldern.

Glitzer im Kohlestaub – Vom Kampf um Klimagerechtigkeit und Autonomie“ von Zucker im Tank (Hg). Assoziation A, 2022


Interview: Inga Mücke

Foto: Alle Dörfer Bleiben

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