Menschen sind höchstens zeitweise nichtbehindert

Nur Wenige kennen den Begrižff Ableism. Selten wird Behinderung als politisches Thema verstanden und mitgedacht, wenn es um Diversität geht. Zeit, das zu ändern!

Im deutschen Diskurs ist »Ableism« ein neuer Begriff‘. Das liegt auch daran, dass beim Thema Diskriminierung zwar an Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und an die Diskriminierung von LGBTQI gedacht wird, Behinderung aber meist außen vor bleibt. Nur selten wird Behinderung als politisches Thema gedacht. Auch in den Augen vieler kritischer und aufgeklärter Menschen gehört Behinderung immer noch in den Bereich von Pädagogik, Fürsorge und Medizin.

Es ist also Zeit, sich diesen neuen Begriff‘ einmal näher anzuschauen. Ableism oder »Ableismus«, wie es im Deutschen oft heißt, wird meistens gleichgesetzt mit Behindertenfeindlichkeit. Im Kern geht es um diskriminierende Handlungsweisen gegenüber behinderten Menschen, um abwertende Urteile oder stereotype Zuschreibungen. Die Tweets unter dem Kampagnen-Hashtag #AbleismTellsMe und
viele Berichte behinderter Menschen zeigen jedoch, dass uns nicht immer o‘ffen »feindlich« begegnet wird. Eher haben wir es mit einer ambivalenten Mischung zu tun: Kompetenzen werden uns abgesprochen, wir werden bemitleidet, bevormundet und infantilisiert, auf unsere Behinderung reduziert und dabei gleichzeitig wohlwollend gelobt oder bewundert, oft für alltägliche Dinge.

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all seinen Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Bevormundet und bewundert

Ableism leitet sich ab vom englischen Begri‘ff »ability«, Fähigkeit. Er meint zunächst einmal ein Denkmuster, das Menschen in behindert und nichtbehindert einteilt und ihnen entlang dieser Einteilung bestimmte, meist negative Eigenschaften zuschreibt. Genau wie zum Beispiel Rassismus und Sexismus bezieht sich Ableism auf ein Denken und Handeln, das aus machtvollen gesellschaftlichen Verhältnissen entsteht. »Behindert« und »nichtbehindert « wird gleichgesetzt mit »fähig« oder »nicht fähig« – und damit orientiert sich Ableism am Maßstab eines normativ funktionierenden, handlungsfähigen und unabhängigen Körpers und Geistes. Ein Ideal, das kaum jemand erreichen kann: Wer ist schon immer leistungsfähig? Sind nicht alle Menschen in vielen Situationen abhängig von der Hilfe und Unterstützung anderer? Das Ideal des jederzeit voll einsatzfähigen, autonomen, nichtbehinderten Menschen kann niemand wirklich erreichen – und dennoch ist es so wirkmächtig, dass wir uns alle danach ausrichten. Forscher:innen der Disability Studies sprechen auch von »compulsory ablebodiedness «, frei übersetzt »Zwangsnichtbehinderung« : Genauso wie wir eigentlich alle idealerweise heterosexuell und weiß sein sollen, sollen wir auch bitteschön nichtbehindert sein.

Das Ideal des jederzeit voll einsatzfähigen, autonomen, nichtbehinderten Menschen kann niemand wirklich erreichen – und dennoch ist es so wirkmächtig, dass wir uns alle danach ausrichten.

Ableism betriff‘t somit alle Menschen – dennoch sind seine Auswirkungen sehr unterschiedlich; je nachdem, ob man gesellschaftlich als behindert oder als nichtbehindert einsortiert wird. Sind wir sichtbar behinderte Menschen wie zum Beispiel Rollstuhlfahrer:innen, blinde und taube Menschen, dann müssen wir uns immer wieder mit Bewertungen unserer Lebensqualität auseinandersetzen: Viele Lebensentwürfe und Berufe werden uns nicht zugetraut, oft wird uns Sexualität abgesprochen. Sind wir chronisch kranke, psychisch beeinträchtigte und neurodiverse Menschen, dann müssen wir hingegen eher dafür kämpfen, dass unsere Behinderung überhaupt anerkannt und ernst genommen wird (»Du siehst gar nicht behindert aus!«).

Ableism betriffžt alle

»Toll, wie du dein Leben meisterst – ich könnte das ja nicht!«, »Wie selbstlos von deinem Mann, dass er sich um dich kümmert!«, »Diesen Job kannst du dir abschminken«, »Mutter kannst du aber nicht werden!« – Sätze wie diese hören nichtbehinderte Menschen wohl kaum. Sie haben das Privileg, sich mit einer behindernden Gesellschaft nicht beschäftigen zu müssen. Dabei reicht ein Unfall oder eine Krankheit, um Teil des exklusiven Clubs der behinderten Menschen zu werden – darin unterscheiden sich die Bedingungen von Ableism teilweise von zum Beispiel Sexismus oder Rassismus.

Spätestens im Alter machen alle Menschen Bekanntschaft mit Beeinträchtigungen. Aktivist:innen der Behindertenbewegung nennen nichtbehinderte Menschen daher auch »TAB« – »temporarily able bodied«, nur zeitweise nichtbehindert. Kein Wunder, dass einem das bedrohliche Szenario »Behinderung « vielleicht doch etwas nähergeht, als man denkt, und dass man es eher von sich fernhalten möchte. Ableistische Praktiken und die Markierung von anderen als behindert, leidend und unfähig scha‘ffen Distanz. Es wird also Zeit, dass nichtbehinderte Menschen sich mit Behinderung und Ableism beschäftigen, gerade weil es irgendwann auch Teil ihres Lebens sein wird. 

Text: Rebecca Maskos
Foto: Tim Mossholder on Unsplash

Zur Person

Rebecca Maskos
Rollt durch Berlin und beschäftigt sich schon länger mit Schwerstmehrfachnormalen und ihren Behinderungen. Als Doktorandin und freie Journalistin schreibt sie auch darüber. Ab und zu auf Twitter unter @Rmaskos. Ihre Texte sammeln sich unter rebecca-maskos.net.

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