Schneider machen Leute

Wenn die von ihrem Spiegelbild besessene Königin aus Schneewittchen die medizinischen Möglichkeiten von heute gehabt hätte – was hätte sie wohl machen lassen? Jedenfalls wäre sie ge™fährdet, eine chronische Selfitis auszubilden.

Selbstportraits sind sozialer Standard. Vorbei die Zeiten, in denen es noch irritierte, wenn sich vor einladenden Fotohintergründen entsprechende Menschentrauben bildeten. Der Selfie-Stick, teils als lächerlich empfunden, ist längst auch Zepter dynamischer Weltenbummler, deren Leben und Äußeres online von großen Communities verehrt wird. Auch Otto Normal rahmt freilich seine Tagesform für die digitale Ewigkeit. Was nicht gefällt, kann in Sekundenschnelle gelöscht oder per Filter überholt werden. Aber Obacht: Die Grenzen zur Manie verschwimmen. Für das obsessive Schießen von Bildern von sich selbst hat die Wissenschaft mittlerweile sogar einen Namen: Selfitis. Bei drei ungeposteten Aufnahmen pro Tag gilt man als Borderliner, bei anhaltendem Blitzlicht und mindestens sechs geposteten Bildern täglich ist die Symptomatik chronisch. Durch das Smartphone ist die Kamera heute jederzeit parat, die Schokoladenseite besser auch. Schnell getaktete soziale Medien und der Dauerbeschuss mit menschlichen Idealbildern produzieren gerade bei Jugendlichen einen inneren Drang und Druck, sich permanent selbst zu präsentieren – und natürlich eine gute Figur dabei zu machen. Der Körper steht im Fokus, in doppelter Hinsicht.

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all seinen Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Ich, Statussymbol

Schon immer war Schönheit ein hohes Gut, heute aber ist der soziale Status, mit dem sie zusammenhängt, weitreichender sichtbar und gleichsam verfügbarer geworden. Manche begnügen sich mit der digitalen Retusche ihrer Bilder, immer mehr Menschen streben allerdings auch physisch nach ästhetischer Aufwertung. 2018 wurden in Deutschland neun Prozent mehr chirurgische Eingriff‘e für die Schönheit durchgeführt als noch 2017. 2019 waren es wiederum knapp acht Prozent mehr als 2018. Das haben die Erhebungen der ›Vereinigung der deutschen ästhetisch-plastischen Chirurgen‹ ergeben. Als Ursache wird der gestiegene mediale Druck zur Selbstoptimierung ausgemacht. Auch weltweit zeigt sich der Trend zum Nachhelfen. Wir haben uns mal angesehen, welche Körperteile die ästhetische Chirurgie und ihre Kundschaft so beschäftigen – eine Region ist besonders beliebt.

Text: Josephine Macfoy
Foto: Lisa Borgenheimer

Quellen

Studie zu Selfies als Zwangshandlung
An exploratory study of »selŸitis« and the selŸitis behavior scale. J Balakrishnan & MD GrifŸiths. International Journal of Mental Health and Addiction, 2010.
tfmag.de/selŸfitis | springer.com

Trends der ästhetisch-plastischen Chirurgie
Schönheits-OPs in Zahlen, Statistik für 2019
tfmag.de/plastisch | vdaepc.de

Globale Erhebungen zu Schönheits-OPs
Statistik für 2018 und 2019 der ›International Society of Aesthetic Plastic Surgery‹
tfmag.de/iplasur | isaps.org
tfmag.de/cossuracht | isaps.org
tfmag.de/cossurneun | isaps.org

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