Wir sind mehr

Das Streben nach Schönheit scheint in einer Welt voller Insta-Models und sich wandelnder Idealen unausweichlich. Doch wer und was ist eigentlich schön? Der Umgang mit dem eigenen Körper, den eigenen Unsicherheiten, ™fällt ošft schwer, ist jedoch umso bedeutsamer für das gute Leben.

Was ist eigentlich ein schöner Körper? Über die Jahrhunderte hinweg hat sich die Antwort auf diese Frage oft gewandelt. Je nach Kulturraum waren es Körperbemalungen oder bleiche Haut, gebundene Füße, lange Hälse, runde Bäuche oder eine winzige Taille. Gegenwärtig prägen die Kylie Jenners dieser Welt das Schönheitsideal – volle Lippen, weite Hüften und eine schmale Taille. Willkommen im Barbie-Zeitalter!

Unbestritten ist der Einfluss von sozialen Medien wie Facebook, Instagram und TikTok. Sie definieren Schönheit neu. War es vorher einer kleinen Elite von Redakteur:innen vorbehalten, zu entscheiden, wer und was schön ist, haben soziale Medien den Begri‘ff demokratisiert. Trotzdem stellen sie gleichzeitig eine Gefahr für unser Selbstbild dar. In einer Umfrage der ›Guide Association‹ – Großbritanniens größter Jugendorganisation für Mädchen – geben 48 Prozent an, Filter für ihre Bilder zu nutzen, um ihr Äußeres zu verbessern. Ein Drittel der jungen Frauen würde kein Bild posten, ohne es vorher zu bearbeiten.

Die Gefahr der Objektifizierung

Wer oft durch die perfekte Instagram-Welt scrollt, läuft Gefahr, sich selbst zu objektifizieren. Jugendliche, die mehr als drei Stunden pro Tag mit Social Media verbringen, entwickeln eher Angststörungen und Depressionen. Der Wert eines Individuums wird vor allem an seinem Körper gemessen. Ein leises Rauschen schwingt unterbewusst immer mit: Wie wirke ich auf andere? Reich, gutaussehend, erfolgreich? Sitzt meine Frisur? Passt mir das Kleid? Habe ich zugenommen? Die Außenwirkung wird wichtiger als das, was eigentlich ist. Infolgedessen legen sich in Deutschland jährlich hunderttausende Menschen für den Traumkörper unters Messer, die überwiegende Anzahl davon Frauen. Der Drang nach Perfektion treibt viele zu krankhaften Verhaltensweisen. Etwa ein Fünftel der Jugendlichen im Alter von elf bis siebzehn Jahren zeigt Symptome von Essstörungen. Auch hier sind größtenteils Mädchen betroff‘en.

Obwohl ein toxisches Bodyimage mehr Frauen betrifft, streichen unrealistische Erwartungen an den perfekten Körper nicht am männlichen Geschlecht vorbei. Der Umgang ist nur ein anderer. Eine Umfrage der University of West England zeigt, dass vier von fünf Männern, wenn sie über ihren Körper sprechen, eher die negativen Seiten wie Übergewicht oder geringe Haardichte hervorheben. Darüber hinaus ist der Anteil junger Männer, die wegen Magersucht, Bulimie oder anderen Essstörungen behandelt werden, innerhalb von zehn Jahren um knapp 60 Prozent gestiegen.

War das Aussehen von Männern früher zweitrangig und konnte der gesellschaftliche Status durch Beruf, Geld oder schöne Frauen erlangt werden, stellt die Gesellschaft mit dem Aufbrechen von alten Rollenbildern auch immer höhere Ansprüche an das männliche Äußere. Mehr und mehr Pflegeprodukte werden für Männer entwickelt, Proteinshakes für das perfekte Sixpack füllen die Regale, Make Up-Linien wie ›Boy Chanel‹ oder ›MMUK‹ läuten eine Ära ein, in der der ›Dad bod‹ endgültig aus der Mode ist.

Dad bod

Das Wort kommt aus dem Englischen und setzt sich aus den Wörtern Daddy und Body zusammen. Der Begriff wird meist für Schauspieler verwendet, die im mittleren Alter sind und einen Bierbauch haben. Trotz seiner negativen Konnotation wird das Wort eher liebkosend verwendet. Es drückt aus, dass sich jemand
für sein Alter gut gehalten hat.

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all seinen Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Schönheitsideale aus der Kolonialzeit

Weltweit bleiben unsere Gesellschaften weiterhin in einem europäischen Schönheitsbild gefangen. Millionen Frauen versuchen, einem Ideal zu entsprechen, das rein physisch nicht erreichbar ist. Wie soll man lernen, seinen eigenen Körper zu lieben, zu akzeptieren, die eigene Schönheit zu sehen, wenn einem konstant vermittelt wird: Du kannst gar nicht schön sein. Der Kolonialismus brachte nicht nur Krankheiten und eine andere Religion in die weite Welt. Die Kolonialherren verknüpften auch das Aussehen mit einem bestimmten Wert. Je weißer – europäischer – man aussah, desto wertvoller war man als Mensch. Durch Politik wie die der Rassenaufhellung (›Blanqueamiento‹) in Lateinamerika sollte aktiv die Ausrottung der nicht-weißen Bevölkerungen gefördert werden. Das ›Weiß-Sein‹ wurde so zum Statussymbol und hält sich hartnäckig als Schönheitsideal.

In Korea zum Beispiel boomt der Schönheitswahn. Ein beliebtes Geschenk zum Abitur ist die Korrektur der Augenlider, um diese größer, europäischer erscheinen zu lassen. Ein nicht endender Trend ist das Abschaben von Kieferknochen. Das Gesicht wird so V-förmiger, weniger asiatisch gemacht. Mädchen versprechen sich von den Schönheits-OPs bessere Heiratsaussichten und Jobchancen. Aber nicht nur das. Immer wieder fallen beliebte K-Pop-Stars auf der Bühne um, weil sie nicht genug Energie haben. Die Mädchen und Jungen müssen strengen Diäten folgen. Sie trainieren viel, essen kaum, und die Fans machen mit. Dreizehnjährige, die hungern, um wie ihr Idol auszusehen. Zudem sind es nicht nur alte Gedankenmuster aus der Kolonialzeit, die unsere Vorstellung von Attraktivität prägen. Der Goldene Schnitt zieht sich durch die Natur und stellt seit jeher ein Maß für Schönheit dar. Schon in der Antike war die Mathematik dahinter bekannt. Die großen Meister wie Leonardo Da Vinci verliehen ihren Gemälden durch seine Anwendung etwas Magnetisierendes. Intensive Forschung zeigt, dass sich Schönheit durchaus objektiv mit Zahlen und Längenverhältnisse bestimmen lässt. Symmetrische Gesichter ziehen uns an wie Motten das Licht. Nicht nur schaltet sich das Belohnungszentrum in unserem Gehirn an, wenn wir schöne Menschen sehen, wir halten sie auch für vertrauenswürdiger, vernünftiger, verantwortungsvoller. Anfang der 70er-Jahre entdeckte ein Forschungsteam um die Psychologin Ellen Berscheid diesen Schön-ist-gut-Effekt. So kommt es, dass Babys eher auf schöne Gesichter reagieren, schöne Menschen eher eingestellt werden, mehr Geld bekommen, von Lehrer:innen bevorzugt werden, Richter:innen eher milde Strafen gegen sie verhängen. Kurz gesagt: Schönheit liegt nicht im Auge der Betrachter:innen.

Okay, also kann ich mich gleich von der Brücke stürzen?

Und nun? Die wenigsten von uns – auch wenn die eigene Reflexion missfällt – gucken morgens in den Spiegel, denken sich »Mein Gott, diese Hackfresse kann ich doch niemandem zumuten«, packen dann ihre sieben Sachen und ziehen los, um sich in den kanadischen Wald zu verkriechen. Was bleibt, wenn Wegrennen vor der Unzufriedenheit mit dem Äußeren keine Option ist? Was tun, wenn man nicht dem Schönheitsideal dieser Welt entspricht?

Die Rebellion begann mit einem Hashtag. Frauen waren es leid, sich für die Speckrollen, die Cellulite, die Narben, den Spliss im Haar entschuldigen zu müssen und ihre Imperfektionen zu verstecken. Minderheiten wollten gesehen werden, nicht nur als exotischer Hintergrund oder kuriose Zirkusattraktion, sondern als eigener Schönheitsstandard. Die Bewegung der ›Body Positivity‹ war geboren. Bis heute predigen ihre Anhänger:innen Selbstliebe und Akzeptanz. Was in einer kleinen Social Media-Blase begann, wurde bald zum Trend. Frauen wie Winnie Harlow, deren Haut aufgrund ihrer Vitiligo-Krankheit pigmentfreie Stellen aufweist, machen Karriere. Modefirmen zeigen unretouchierte Models mit Dehnungsstreifen auf ihren Websites. Ein bekannter Deohersteller zelebriert die Unterschiedlichkeit in einem seiner Werbespots. Die Bewegung hat heute viel erreicht. Endlich gibt es einen ehrlichen Dialog über Unsicherheiten mit dem eigenen Körper, Selbstliebe und das Gefühl, unvollkommen zu sein. Vorbilder wie Sängerin Lizzo, die ohne Scham in knappen Outfits ihre Speckrollen zum Beat bewegt, das Plus-Size-Model Ashley Graham und die Hijab-Trägerin Halim Aden gehören heute zur Norm. Sie beweisen, dass Schönheit verschiedene Gesichter, Formen, Farben kennt und dass das Anderssein mit Stolz getragen werden kann.

Nicht alles ist Gold, was glänzt

Doch mit dem Erfolg kommt auch Kritik. Der Anstieg von Adipositas, der im Zusammenhang mit der Zunahme von Diabetes, Herzinfarkten und verschiedenen Krebserkrankungen in der Bevölkerung steht, lässt die Frage zu: Sollten wir wirklich alle Körperformen feiern? Aber auch ganz andere Stimmen werden laut: Kann ich meine Cellulite nicht einfach scheiße finden? Entspricht das tägliche Workout gleich Selbsthass, nur weil ich meine Figur verbessern will? Warum muss ich mich über meinen Körper definieren (lassen)?

Dieses Bedürfnis, sich von alten Wertstrukturen zu lösen, manifestiert sich in einem neuen Konzept der Wertschätzung in Bezug auf unseren Körper: ›Body Neutrality‹. Es geht darum, dass wir unser persönliches Glück nicht ans ›Schönsein‹ heften. Das eine ist keine Voraussetzung für das andere. Nicht jeder Pickel, nicht jede Narbe, nicht jedes graue Haar muss akzeptiert oder gar gemocht werden. Die Essenz ist, insbesondere für Frauen: Wir sind mehr und dürfen auch mehr sein. Es liegt in unserer Hand, wie weit wir unser Selbstwertgefühl an unseren Körper knüpfen. Wir sollten uns nicht auf das ewige Spiel einlassen: Die Creme macht dich schöner, nur ohne Pickel kann man geliebt werden, alte Frauen will doch keiner. Aber wie trennt man sich vom Selbstzweifel?

Julia Kremer, ein Plus-Size-Model, will mit ihrer Teilnahme an den Miss-Germany-Wahlen mit alten Schönheitsvorstellungen aufräumen. Samantha Ravendhal – Beauty-Influencerin – redet auf Instagram offen über geschönte Bilder und das Unwohlsein mit dem eigenen Körper, viele tun es ihr daraufhin gleich.

Doch leicht gesagt ist nicht leicht getan. Die eigenen Qualitäten, die über das Äußere hinausgehen, wertzuschätzen und in den Vordergrund zu stellen, ist nicht intuitiv. Alte Verhaltensmuster abzulegen geht nicht mühelos. Ob unrealistische Ideale, auf die wir keinen Einfluss haben, oder Komplexe, die Überbleibsel aus vergangenen Jahrhunderten sind – fest steht: Wir tragen alle irgendeinen Dämon mit uns rum. Aber mal ehrlich, ist doch egal, ob man sich abfeiern will oder seinem Äußeren nicht so viel Wert beimessen möchte. Entscheidend ist, wie wir miteinander umgehen. Lasst uns nicht in den Chor der Fatshamer:innen einsteigen und uns einem Schönheitswahn hingeben, sondern ein positiveres Umfeld für uns und unsere Mitmenschen schaffen. Und du wirst es kaum glauben, aber dafür braucht es nicht mal einen Miss-Titel, ein Vogue-Cover oder einen blauen Haken…

Was du tun kannst

… damit du selbst und andere
sich schön fühlen:

1.

Wag einfach mal, Menschen um dich herum zu fragen: »Was macht mich eigentlich schön?« Die Antwort wird sicher nicht sein »Mensch, dass du keine Cellulite hast!«

2.

Ein ehrlicher Instagram-Post ohne Make-up, ohne perfekte Pose, mit Speckröllchen im Zentrum, genügt,
um die Scheinwelt aufzubrechen.

3.

Geh mit deinem eigenen Körper liebevoller um, zum Beispiel durch tägliche Affirmationen.

4.

Achte aktiver auf die eigene Sprache: Mach der Kollegin, dem Freund, der jüngeren Schwester Komplimente,
die sich nicht darauf beziehen, ob sie abgenommen haben und wie toll sie doch jetzt aussehen.

5.

Mach dir bewusst, was wir unserem Körper tagtäglich abverlangen und was er leistet.

6.

Stoße Gespräche über Unzufrieden-heit mit dem Äußeren an, teile Erfahrungen mit Essstörungen und stärke so auch im kleinen Rahmen das Bewusstsein: »Ich bin nicht allein mit meinen Sorgen. Mein Körper steht nicht im Zentrum meiner Identität.«

Text: Carmelina Götz
Foto: Sandra Gabriel on Unsplash

Quellen

Girls’ Attitudes Survey 2020
Befragung von jungen Frauen in Großbritannien zu verschiedenen Themen
tfmag.de/attitude | girlguiding.org.uk

Depressionen durch Social Media?
Sarah Raphael über den Einfluss von Sozialen Medien auf die Psyche
tfmag.de/vopsy | vogue.de

VDÄPC – Behandlungsstatistik 2020
Übersicht der plastisch-chirurgischen Eingriffe in Deutschland
tfmag.de/plachide | vdaepc.de

Wie häufig sind Essstörungen?
Essstörungen in der deutschen Bevölkerung
tfmag.de/essstoe | bzga-essstoerungen.de

Body Image concerns men more than women
Denis Campbell über das Körpergefühl von Männern
tfmag.de/gubo | theguardian.com

Anteil von Männern mit Essstörungen steigt
Und auch die absoluten Zahlen nehmen zu.
tfmag.de/maestoe | aerzteblatt.de

Große Augen
Christoph Neidhart über plastische Chirurgie in Asien
tfmag.de/plachko | sueddeutsche.de

How the Asian Pop Culture Boom isFeeding Eating Disorders
Nancy Matsumoto über den Einfluss von K-Pop auf das Essverhalten von Jugendlichen
tfmag.de/popcudis | psychologytoday.com

Die stille Macht der Schönheit
Ileana Grabitz, Jakob Simmank und Philip Faigle darüber, wie das Aussehen unser Leben beeinflusst
tfmag.de/schoengut | zeit.de

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