Illustration von Gefangenen, die im Kreis gehen. Illustratorin: Luise Mirdita

Protokolle aus dem Knast

Nirgends ist Freiheit so fern wie für Menschen in Haft. Sie arrangieren sich damit, mal recht, mal schlecht. Protokolle aus einem Knast in Berlin.

Ein Gefangener auf dem Hof

Es ist Freistunde. Auf dem Hof laufen etwa 60 Gefangene im Kreis, alle in dieselbe Richtung. Einzig zwei Gefangene stechen heraus. Sie sitzen um ein Schachbrett und spielen. Einer der beiden, Mitte 30, trägt eine Wollmütze. 

Hier auf dem Freihof darf man zweimal am Tag jeweils eine Stunde im Kreis spazieren gehen. Das machen dann auch alle, laufen immer im Kreis. Ich habe hier einen einzigen Mitgefangenen, mit dem ich manchmal Schach spielen kann. Die meisten anderen Gefangenen auf meiner Station sind die ganze Zeit auf Methadon. Die verstehen eh nicht, was man sagt.

Im Gefängnis wird man stoisch. Nach einem Jahr Gefängnis ist einfach irgendwann alles total egal. Man stumpft ab.

Ich hatte draußen einen Betrieb mit sehr vielen Angestellten, die ihren Job verloren haben. Meine Frau ist draußen und wartet auf mich. Ich habe zweimal im Monat Besuch und telefoniere sehr viel. Aber das kostet hier 24 Cent pro Minute, was nicht erschwinglich ist.

Vielleicht hat jemand Lenor getrunken? Ich weiß es nicht.

Ich arbeite hier als Hausarbeiter. Wir machen die Flure sauber und teilen das Essen aus. Außerdem gehe ich zum Gitarrenkurs. Das ist recht entspannt. Das fühlt sich dann an, als wäre man draußen beim Gitarrenunterricht. 

Solche Momente sind die Ausnahme. Die meiste Zeit ist es so, dass man einfach nichts macht, sondern in seiner Zelle sitzt, auf acht mal acht Quadratmetern. Weil das Klo mitten im Raum ist, hat man die ganze Zeit so einen Geruch in der Nase. Man wird ihn einfach nicht los. Das verschlimmert dieses Alleinsein und diese Tristesse. Das einzige was man dagegen machen kann, ist Fernsehen zu gucken. Das ist extrem langweilig. Und es stinkt. Von früh bis spät.

Das letzte bisschen „Zuhause“ haben sie uns letzten Monat genommen, indem sie uns Lenor, Weichspüler, verboten haben. Damit konnte man seine Zelle sauber machen, damit es ein bisschen gut riecht. Aber selbst das haben sie uns jetzt genommen. Weil irgendjemand Mist gebaut hat. 

Das läuft immer so: Irgendjemand benutzt zum Beispiel Mehl, um eine, sage ich mal, Explosion zu verursachen und dann wird für das ganze Gefängnis Mehl verboten. Vielleicht hat jemand Lenor getrunken? Ich weiß es nicht.

Ein Gefangener, der für die Beamten kocht

Er hat eine Kochschürze umgebunden. Für das Gespräch macht er eine Pause und setzt sich selbst an einen der Tische in der Kantine. Um ihn herum sitzen lauter Justizbeamte und essen Schnitzel.

Nach mir wurde lange gefahndet, wegen eines Wirtschaftsdelikts. Ich war sieben Jahre auf der Flucht. Irgendwann ist dann die Polizei bei mir an der Haustür mit Blaulicht vorbeigeschossen. Als ich die gesehen habe, wusste ich: da ist was im Gange. Sie haben sich dann umgedreht und sich höflich vorgestellt. Dann bin ich in Handschellen abgeführt worden. 

Ehrlich gesagt war ich nach so langer Flucht auch froh, dass es vorbei war. In meinem Alter ist es auch mal genug. Ich dachte mir, ich ziehe die Sache jetzt durch mit dem Gefängnis. 

Illustration von zwei Gefangenen, die im Innenhof eines Gefängnisses Schach spielen.

Im ersten Telefonat mit meiner Partnerin aus dem Gefängnis gab es sehr viel Weinen und viel Stille auf beiden Seiten. Aber es war auch befreiend, dass wir uns trotz allem hören konnten.

Ich bin gelernter Koch und arbeite hier in der Kantine. Die Arbeitszeiten sind acht Stunden täglich und wenn ich am Herd stehe, ist es ein bisschen wie draußen in einem Restaurant. Zumindest rede ich mir das ein. 

Wir bereiten alles frisch zu. Also das Essen für die Bediensteten. Zur Verpflegung der Gefangenen sag ich jetzt mal nichts. Vom Lohn kann man sich aber ein paar Dinge extra einkaufen und es gibt viel Tauschhandel. Kaffee gegen ein Päckchen Nudeln oder Zigaretten.

Wenn der Schlüssel in dieses Schloss rein gehämmert wird und das dann so klackt. Das ist sehr, sehr laut.

Haft bedeutet grundsätzlich, fremdbestimmt zu sein. Was ich schlimm finde, aber was logischerweise dazu gehört, ist dieser Vorgang des Schließens. Wenn der Schlüssel in dieses Schloss rein gehämmert wird und das dann so klackt. Das ist sehr, sehr laut. Es sind große alte Schlösser und die klackern extrem. Je nachdem, wenn man noch im Tiefschlaf ist, wird man  jedes Mal dadurch rausgerissen. 

Es gibt solche und solche Beamte, wie es solche und solche Knackis gibt. Ich habe bis jetzt keine schlechten Erfahrungen gemacht. Wenn sie natürlich grölend und schlagend in der Gegend rumlaufen, gegenüber den Beamten. Dann muss man halt eins und eins zusammenzählen und weiß, was passiert. Ist ja klar. 

Ansonsten habe ich die Erfahrung gemacht, dass man gewisse Sachen diskutieren kann und andere nicht. Ja und? Die Höflichkeit macht halt die Musik. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es bei einigen Knackis, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, schon zu schwierigen Schwierigkeiten kommen kann. Aber was soll ich dazu sagen? Ich bin nicht für die anderen Leute verantwortlich.

Auf die meisten Gespräche mit anderen Gefangenen habe ich keine Lust. Es sind immer dieselben Sachen: Mein Anwalt hat mich reingeritten, et cetera bla bla bla. Diese ganzen Geschichten, das ist nervtötend für mich und ich habe auch keine Lust, das ständig zu hören.

Ist natürlich selbstverständlich, dass die Leute Interesse daran haben, über ihren Fall zu reden. Aber wenn man das 300 Mal hört, ist es einfach zu viel. Weil letztendlich muss ich mich selbst um meinen Kram kümmern. Ich bin ja weder Sozialarbeiter noch deren Anwalt und es interessiert mich schlichtweg nicht. Ich muss es einfach so sagen, wie es ist. 

Ich lese sehr viel und schreibe die Aufarbeitung meiner Tat. Mein Halt draußen sind die Telefonate. Immer wenn irgendwas ist, greife ich zum Hörer. Das ist wirklich überlebenswichtig.

Ein Gefangener in Malerklamotten

Vor dem Gespräch tastet ein Beamte ihn mit beiden Händen ab, kontrolliert auch die Hosentaschen. Es ist eine Routinekontrolle. 

Ich bin hier am Anfang auf die Schnauze gefallen. Alles war so streng, ich habe mich so einsam, so schwach, so kraftlos gefühlt. Ich habe nachts nie länger als zwei Stunden geschlafen, dann bin ich wieder aufgewacht, bin aufgestanden, habe immer wieder die Tür gesucht und immer wieder von neuem gemerkt, dass ich sie nicht aufmachen kann, dass ich in Haft bin. 

Außerdem war ich sehr drogenabhängig, hatte meine Zähne verloren und meine Knochen schmerzten. Hier drin war ich die ersten drei Monate auf Entzug. Erst nach drei Monaten habe ich die Zelle manchmal verlassen. Später habe ich angefangen, Bücher zu lesen und den Gottesdienst zu besuchen.

Ich habe hier gelernt, dass ich alle Hilfe kriege, wenn ich sie verlange. Hier habe ich eine Psychologin. Draußen habe ich nie um Hilfe gebeten, nach der Scheidung habe ich versucht, mich mit  Alkohol, mit Drogen abzulenken. Immer heimlich. Meine ganze Familie, meine Geschwister, niemand wusste das. 

Ich telefoniere mit ihr jeden Tag und sage ihr, dass ich wegen der Arbeit verreist bin.

Dann habe ich mit der Beschaffungskriminalität angefangen. Ich habe unbewusst Böses getan. Mir ist bewusst, dass ich diese Strafe verdient habe. Ich war so schwach und ich habe mit allen Mitteln “Ja” gesagt und jedes Angebot habe ich angenommen. 

Hier im Gefängnis habe ich ein schönes Wort gelernt: “Nein”. Ich muss dieses Wort im Kopf behalten. Bei schlechten Menschen und schlechtem Umgang, “Nein” zu sagen. 

Vor zwei Wochen habe ich hier in der Anstalt den Job als Maler bekommen und bin sehr zufrieden damit. Meinen Malermeister habe ich in der Türkei gemacht. 

Ich habe zwei sehr schöne, hübsche Kinder. Die eine ist in der achten Klasse, die andere studiert Jura an der Uni. Sie weiß, dass ich hier bin, meine jüngere Tochter nicht. Ich telefoniere mit ihr jeden Tag und sage ihr, dass ich wegen der Arbeit verreist bin. Aber in ein paar Wochen will ich es ihr sagen, denn mit Lügen kann man nicht weiterleben.

Ein Gefangener aus dem Milieu

Hat hier eine Doppelzelle. An der Wand hängen zwei Listen. Auf der einen zeigen unzählige Striche die Anzahl der jeweiligen Siege im Kniffel der beiden Zimmerpartner an. Auf der anderen Liste stehen Namen von Menschen, die ihm Geld schulden. 

Die Haft sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Hier bringen sich Menschen um, weil sie nicht klar kommen. Meine Überlebensstrategie ist Sport, wie man unschwer erkennen kann. Außerdem muss man mental fit sein und ein klares Ziel vor Augen haben. 

Als ich das erste Mal im Leben in den Knast kam, habe ich geweint, hatte Angst und wusste nicht, was passieren wird. Jetzt kenne ich die Gepflogenheiten in einer JVA und bin einfach abgeklärter. Heute bin ich einer, vor dem die Leute Respekt haben. 

Dieses Mal bin ich als „gefährlicher Gefangener“ die ersten Tage in der Isolationszelle gewesen. Da war ich schon angespannt, sag ich mal. Da unten gibt es nichts. Toilette und Metallbett und die Heizung ist voll heiß. Du kannst das Fenster nicht aufmachen, keine Freistunde. Das ist die härteste Art von Knast. 

Nach den ersten Tagen kam der Sicherheitschef zu mir und fragte: „Wollen Sie sich hier benehmen?“ Ich hab mich hier etwas bewiesen und bin dann auf die offene Station gekommen, wo wir uns auf dem Flur frei bewegen können. 

Ich bin etwas anders als die anderen Gefangenen. Die meisten hier sind eher so einfache Leute. Aber ich bin aus dem Milieu. Hamburg, Reeperbahn, hab da 20 Jahre mein Ding gemacht. 

Manche der anderen Gefangenen sind davon begeistert, wer man ist. Einige Leute hatten wohl ein Handy und haben mich gegoogelt und schwuppdiwupp war in einer Freistunde alles anders. Alle waren nett zu mir. 

Einige Leute hatten wohl ein Handy und haben mich gegoogelt und schwuppdiwupp war in einer Freistunde alles anders. Alle waren nett zu mir.

Im Knast gibt es klare Hierarchien. Es gibt Top Dogs, zum Beispiel jemand, der ganz viele Tonnen Kokain schiebt oder der sehr viele Millionen auf dem Konto hat. Das bin ich noch nicht. Und dann gibt es das einfache Volk. 

Die großen Jungs hier, die sind entspannt, da gibt es nie Stress. Wenn Alarm ist, dann eher wegen den Eierdieben hier, wegen irgendwelchen Banalitäten. Es gibt aber auch junge Leute, die in Ordnung sind. Die fördere ich auch ein bisschen, gebe Ratschläge. 

Man sollte hier nicht so sehr vertrauen, man weiß ja nie, wie der andere tickt. Wenn hier auffällt, dass einer lügt, ist das nicht so schön. Man sollte auch nicht zu gesprächig sein, sonst denken die anderen: Was ist mit dem los? So nach einem halben Jahr kann man ein bisschen auftauen. Meinen Zellennachbar habe ich in der Kirche kennengelernt und das ging über Monate. Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich Bock habe, wie er Hausarbeiter zu sein. 

Ich bin hier im Chor und habe da immer wieder mal Proben und da vor kurzem so einen kleinen Auftritt gehabt. So wie ich das höre, war es wohl ganz gut und die Leute haben sich gefreut. 

Ich glaube, ich habe das Herz am rechten Fleck und bin ein gerader Typ. Nur manchmal hat man irgendwelche Wege eingeschlagen, die dann nicht korrekt waren. Und darum sitzt man dann heute hier. Nein, keiner ist hier, weil er einfach nur Pech hatte. Ich glaube, jeder, der hier sitzt, hat auch irgendwas angestellt und muss dafür geradestehen. 

Ein guter Beamter ist für mich ein fairer Beamter, jemand, der unvoreingenommen an die Sache rangeht und nicht seinen Frust an anderen auslässt. Solche gibt es, aber es gibt auch sozial engagierte Beamte. 

Auf der Zelle läuft bei mir die ganze Zeit der Fernseher. Manchmal Tatort – oder so Datingshows. Hier im Knast sind wir halt nur Männer. Aber das geht schon irgendwie. Zur Not gibt es irgendwelche komischen Zeitschriften und dann kannst du onanieren.

Text: Fabian Grieger

Fabian Grieger arbeitet als Journalist unter anderem für die Investigativ-Redaktion rbb24 Recherche. 2021 gründete er gemeinsam mit Inhaftierten den Podcast Zweidrittel FM im Berliner Jugendknast. Der Podcast wurde mit dem CIVIS Medienpreis 2022 ausgezeichnet.

Illustration: Luise Mirdita

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In einigen JVAs produzieren die Häftlinge eigene Zeitungen, in denen sie über Sorgen, Missstände, auch Schönes in der Haft berichten. Manche davon sind online verfügbar, wie HaftLeben aus der Frauen-JVA in Chemnitz, Gitter Weg oder Der Lichtblick, beide aus JVAs in Berlin.

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