So gut es auch ist, dass mal Millionen Menschen für unsere freiheitliche Grundordnung auf die Straße gegangen sind – wir sollten nicht bloß an einem Sonntagnachmittag für sie einstehen, sondern im Büro, im Laden oder am Fließband.
Vor zwei Jahren gingen in Deutschland mehr als zwei Millionen Menschen für die Demokratie auf die Straße. Gut so! Denn wir sehen zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder mehr Autokratien als Demokratien auf der Welt. Und auf unserer Scholle hat eine Partei Aufwind, die einen menschenfeindlichen Werte-Nihilismus propagiert und gerade keine »Alternative« ins Spiel bringt. Sondern klar macht: Alle sind falsch. Menschenrechte gibt es nicht wirklich, Rechtsstaat nicht wirklich und vor allem: auch die Demokratie nicht wirklich.
Wir müssen zeigen, in welche autoritäre Lebenswelt die Reise mit diesen Feind:innen der Demokratie geht. In eine Welt willkürlicher Befehle, wo wir unter dauernder Aufsicht stehen. Wo die kleinsten Details unseres Verhaltens dokumentiert werden. Wo sich unsere Überwacher:innen nur nach oben verantworten müssen und dorthin regelmäßig Berichte weiterleiten, auf dessen Basis unsere Abweichung bestraft wird. Klingt nach einer düsteren Dystopie? Weit gefehlt, so sieht ein typischer moderner Arbeitsplatz aus. Heute schon. Inmitten der Demokratien.
Die Arbeitswelt ist der blinde Fleck unserer Demokratie
Wundert es uns denn wirklich, dass die liberale Gesellschaft in Gefahr ist, wenn wir einen großen Teil unserer Zeit in Strukturen verbringen, die wir mit politischer Brille nur als Autokratien bezeichnen können? »Die Macht der Chefs über ihre Angestellten, dieses so heikle und deswegen selten öffentlich diskutierte Thema, erleben Menschen viel unmittelbarer als die Macht des Staates«, so die Wirtschaftsethikerin Lisa Herzog.
Der Staat ist weit weg, seine Mechanismen laufen im Hintergrund ab und sind vor allem: demokratisch legitimiert. »Was dagegen unsere Chefs von uns verlangen, wie sie den Ton prägen, der am Arbeitsplatz vorherrscht, beeinflusst uns unmittelbar und täglich«, so Herzog.
Zahlreiche Unternehmen stehen nun auf und wollen auf die gesellschaftlichen Verwerfungen wirken: Die Wirtschaftsethiker Markus Scholz und Thomas Beschorner haben im Handelsblatt gezeigt, wie Unternehmenslenker:innen etwa mit Aufklärungs- und Bildungskampagnen, Wirtschaftsbündnissen und der Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Initiativen auf die Gesellschaft wirken können – und warum sie es sollen.
Doch sind die Unternehmen ja auch Gesellschaft, sie müssen auch nach innen blicken. Dabei gilt, was der Reformpädagoge Hartmut von Hentig schon vor vielen Jahren sagte: »Es reicht nicht, in einer Demokratie zu leben. Es kommt darauf an demokratisch zu leben« – und demokratisch zu arbeiten, mag man hinzufügen.
Demokratie ist dabei mehr als nur ein alle vier Jahre stattfindender Urnengang. Mehr als die 20, vielleicht auch nur 10 Kreuzchen, die ein Mensch in einem Leben macht.
Demokratie ist dabei mehr als nur ein alle vier Jahre stattfindender Urnengang. Mehr als die 20, vielleicht auch nur 10 Kreuzchen, die ein Mensch in einem Leben macht. Demokratie – folgen wir dem Sozialphilosophen Axel Honneth – heißt im Austausch mit anderen wohlgeformte Meinungen über gemeinschaftliche Fragen so zusammenzubringen, dass wir zu einem kollektiven, reflektierten Urteil kommen.
Demokratie ist Austausch, Kommunikation und Öffentlichkeit. An diesen Prozessen hängt sie. Nur so werden wir unserer Rolle als Souverän gerecht. Es sind hohe Ansprüche, die dieses Verständnis an uns stellt. Vor allem weil wir im Gegensatz zur Antike ein obendrein arbeitender Souverän sind, wie Honneth unterstreicht. Wollen wir die Demokratie wirklich stärken, können wir uns nicht auf Wochenendproteste verlassen. Wir müssen dahin gehen, wo wir die restliche Woche verbringen. Auf die Arbeit.
Citizen Experience Design
Dies heißt nicht, aus der Arbeitswelt ein basisdemokratisches Versuchslabor zu machen. Arbeit kann und soll die Demokratie nicht ersetzen. Ein wichtiges Element des repräsentativen Modells ist ja gerade die Entlastung des Souveräns. Arbeit muss sich aber ihrer Rolle als Vorhof der Demokratie bewusst werden, aus deren Prozessen sie sich nicht raushalten kann. Um in der Arbeitswelt Demokratie erlebbar zu machen, brauchen wir eine »Democratic Employee Experience« oder gar: ein »Citizen Experience Design«. Mit der Arbeitsforscherin Antoinette Weibel und erneut Axel Honneth lassen sich hier vier Hebel identifizieren:
1 – Arbeit als Fundament für Vertrauen
Wir werden uns über die Gestaltung des Gemeinwesen nur Gedanken machen, wenn wir Grund zur Hoffnung haben. Nur wenn unsere Arbeit angemessen bezahlt ist, wir das Gefühl haben, dass wir eine echte Wahl (sic!) auf dem Arbeitsmarkt haben und wir mit den Früchten der Arbeit in Würde – vielleicht sogar in einer teuren Stadt, vielleicht sogar mit Kindern – leben können, werden wir ein Vertrauen auf eine gesicherte Zukunft haben. Und uns für diese einsetzen.
Ein Citizen Experience Design muss deshalb zum Beispiel die Lücken zwischen Management und Frontline Worker als Problem begreifen. Nehmen wir Arbeit als Vertrauensfundament ernst müssen wir uns weiter fragen, ob wir genug Mobilität innerhalb der Organisation ermöglichen, nicht nur vertikal, sodass ein:e jede:r »aufsteigen« kann, wenn er oder sie es denn möchte, sondern auch horizontal zwischen Bereichen und Arbeitsfeldern, sodass wir eben eine echte Wahl haben.
Frontline Worker sind etwa Baristas oder Pfleger:innen, sie arbeiten am Fließband oder in Supermärkten. Sie sind also im direkten Kontakt mit Kund:innen und Produkten.
Organisationen müssen sich auch fragen, ob sich die Arbeit bei ihnen lohnt, finanziell – haben wir (urbane) Krisen der Lebenshaltungskosten im Blick und nehmen wir diese ernst? – sondern auch in Hinblick auf die Entwicklung von Fähigkeiten, die uns auf die Zukunft vorbereiten und unser Leben vielleicht sogar bereichern können. Ist dies der Fall, können Menschen mit ihrer Arbeit ihre Biografien gestalten und die Arbeit ist Vertrauensfundament, von dem aus wir zu zuversichtlichen Bürger:innen werden können.
2 – Arbeit als Ressourcenschoner
Die Ansprüche der Demokratie an seinen (arbeitenden) Souverän sind hoch. Einbringen kann sich nur, wer nach der Arbeit noch Zeit und Energie hat, sich zu informieren und eine Meinung zu bilden.
Statt der Entgrenzung der Arbeit durch Home Office und Co. oder Menschen, die mehr als einen Job brauchen, um die Rechnungen zu bezahlen, muss ein Citizen Experience Design demokratische Freiräume lassen, vielleicht diese sogar bewusst schaffen, wie durch »Corporate Volunteering«. Auch hieraus ergeben sich viele weitere Anschlussfragen für die Umsetzung in Organisationen: Respektieren wir es, wenn unsere Mitarbeiter:innen konzentriert arbeiten oder unterbrechen wir sie ständig?
Letzteres führt nachweislich zu Stress und Erschöpfung. Beschäftigte in Deutschland werden 15-mal pro Stunde unterbrochen – also alle vier Minuten. Eine andere Studie zeigt, dass wir nach einer Unterbrechung neun Minuten brauchen, um wieder einen konzentrierten Geisteszustand zu erreichen. Rechnet man beides zusammen, bleibt da nicht viel Geisteszustand übrig. Und vor allem keine Energie.
Daran schließen sich viele Fragen an. Lassen wir Zeiträume für Care-Arbeit, Ehrenamt und politische Engagements? Gibt es bei uns ein Recht auf Unerreichbarkeit? Führt das Home-Office zu einer Entgrenzung der Arbeits oder wirklich zu mehr Vereinbarkeit? Wie sehr ermöglichen wir es, Menschen in Teilzeit Karriere zu machen? Gibt es Karrierepfade, in denen nicht in der »Rush Hour des Lebens« – also just in der Zeit, in der Menschen Kinder kriegen – die entscheidenden Weichen gestellt werden müssen?
Sich diesen Fragen ernsthaft zu widmen, hieße, Ressourcen zu schonen für die Arbeit jenseits der Lohnarbeit: der Care-Arbeit, der Selbstfürsorge und eben der gemeinschaftlichen Arbeit, indem man der Rolle als Bürger:in einer Demokratie nachkommt.
3 – Arbeit als Quelle von Anerkennung
Als Menschen sind wir auf Anerkennung angewiesen: Kriegen wir diese nicht, glauben auch wir selbst nicht an uns. Die Arbeit ist der Ort, wo wir Dinge herstellen, sie anderen geben und dann – nicht nur auf finanzielle – Anerkennung hoffen. Deswegen ist Arbeitslosigkeit ja auch eine existenzielle und nicht rein ökonomische Krise. Eine Arbeitswelt, die bestimmten Berufsgruppen Anerkennung verwehrt, höchstens ein Klatschen auf dem Altbau-Balkon übrig hat, verwehrt diesen Gruppen auch die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl, um weiterhin selbstbestimmt entscheiden zu wollen und dem eigenen Urteil zu trauen.
Das bringt den Populist:innen Zulauf, die den Souverän aus der Verantwortung befreien, weil »eh alles ein falsches Spiel« ist. Ein Citizen Experience Design muss sich fragen, wie gerecht Anerkennung verteilt ist und mit welchen ökonomischen, organisationskulturellen und strukturellen Hebeln sich eine Anerkennungskultur aufbauen lässt.
Glauben alle Menschen bei uns, dass sie einen Unterschied machen können oder haben wir es hier mit einer Klassengesellschaft zu tun?
Praktische Ableitungen können etwa aus der Frage entstehen, wie radikal eine Organisation zwischen »Blue Collar« und »White Collar«, zwischen der sogenannten »Wissensarbeit« und den Hand- und Herz-Arbeiter:innen unterscheidet und ob diese Unterteilung denn wirklich sinnvoll ist. Glauben alle Menschen bei uns, dass sie einen Unterschied machen können oder haben wir es hier mit einer Klassengesellschaft zu tun? Verheddern wir uns in Diskussionen – über »New Work«, über Home Office, über »Purpose« – die ohnehin nur für einen Teil der Belegschaft relevant sind und den Rest entfremden?
»Blue Collar« und »White Collar« – die Begriffe stammen aus der Arbeitskleidung der gemeinten Menschen: der blauen Montur von Fabrikarbeiter:innen und den weißen Hemden derer, die im Büro arbeiten.
4 – Arbeit als demokratischer Verkehrsübungsplatz
Nur wenn Arbeit aufhört, Menschen klein zu halten, funktional stupide zu lassen und ihren Antrieb zum gemeinsamen Handeln »aberzieht«, sind wir in der Lage zu tatkräftigen Bürgern:innen einer Demokratie zu werden. Ein Citizen Experience Design muss sich deshalb die Worte von Laszlo Bock, dem ehemaligen HR-Chef von Google, zu Herzen nehmen: »Gib den Menschen etwas mehr Vertrauen, Freiheit und Autorität, als es sich gut anfühlt. Wenn du nicht nervös wirst, war es nicht genug.«
Wer eine Organisation zum demokratischen Verkehrsübungsplatz machen möchte, kann sich mit den Konzepten zur psychologischen Sicherheit in Organisationen vertraut machen.
Diese beschäftigen sich mit folgenden Fragen: Kann man in deinen Teams schwierige Themen offen ansprechen? Würden Menschen in deinen Teams absichtlich etwas tun, was der Arbeit einer anderen schadet? Wird es dir oft vorgehalten, wenn du einen Fehler machst? Kannst du dich trauen, ein persönliches Risiko einzugehen? Sind Mitglieder deines Teams manchmal Teamkolleg:innen gegenüber abweisend, die anders sind? Fällt es Mitgliedern schwer, andere Teammitglieder um Hilfe zu bitten? Werden bei der Zusammenarbeit besondere Fähigkeiten und Begabungen der Einzelnen wertgeschätzt und genutzt?
Demokratie wieder zum Adjektiv machen
Viel reden wir von Substantiven: »die Politik«, »die Demokratie«, „die Gesellschaft«. Die Wortart des Substantivs bezeichnet festgelegte Sachverhalte. Damit machen wir diese Begriffe zu Institutionen, die von unserem Handeln entfernt sind. Wir haben in den letzten Jahrzehnten unsere freiheitliche Ordnung als etwas betrachtet, um die sich dann die Politik, die Demokratie, die Gesellschaft schon kümmern. Der Gedanke, dass wir die Gesellschaft sind, dass die Demokratie nicht eine Sache der Politiker:innen ist, sondern auch der Bürger:innen, scheint immer mehr auf dem Rückzug zu sein, diagnostizierte der israelische Psychologe Carlo Strenger.
»Politisch« ist, was neue Handlungsräume ermöglicht. »Gesellschaftlich« ist, was Gemeinschaftlichkeit hervorruft.
Ich möchte mehr in Adjektiven denken: Die Wortart des Adjektivs modifiziert Substantive. Als Adjektiv beschreiben die Begriffe »politisch«, »gesellschaftlich« oder »demokratisch« damit die Eigenschaft von Momenten: Es gibt Begegnungen, Kampagnen, Produkte, Meetings, die »demokratisch« sind, weil sie eine Beziehung zu der Welt und zu anderen herstellen, die jenseits einer Verwertungslogik ist. »Politisch« ist, was neue Handlungsräume ermöglicht, neue Wahrnehmungsweisen ins Spiel bringt, was zu einem Besser statt zu einem Mehr führt.
»Gesellschaftlich« ist, was Gemeinschaftlichkeit hervorruft. Ein schweres Versäumnis ist, dass wir heute nur von »der Politik“ sprechen und damit von einem eigenständigen Bereich, der nur bedingt Intensität, Sinn und Gemeinschaftlichkeit schafft. »Die Politik« ist eine separierte Sphäre, die die tatsächliche Welt von politischen Fragen befreit. Das ist letztlich nicht besonders politisch.
Die Krise unserer Demokratie ist vor allem eine Krise der Erfahrbarkeit von Demokratie. In dem substantivistischen Denken wird unsere Demokratie immer weniger erlebbar, immer weniger Teil unserer Praktiken. Immer mehr aus unserer Hand genommen. Die Arbeitswelt sollte sich stattdessen dieser Adjektive bedienen. Vielleicht muss sie es sogar.
Text: Hans Rusinek
Illustration: Riikka Laakso
Quellen
Unterbrechungen und überflüssige Meetings kosten Unternehmen 114 Milliarden Euro pro Jahr. Vera Starker. Next Work Innovation. 2022 (Link)
The Cost of Interrupted Work. More Speed And Stress. Gloria Mark, Daniela Gudith, Ulrich Klocke. 2008. In: Proceedings of the SIGCHI conference on Human Factors in Computing Systems. S. 107–110. (Link)




