Zwei Personen mit Schwert auf einem Pfeil

Eine Geschichte, die uns alle verbindet

Wenn es einen Glauben gibt, der die Welt heute mehr oder weniger zusammenhält, dann ist das zweifelsohne der an den wirtschaftlichen Erfolg, ans Wachstum. Über den Erfolg einer der größten Mythen unserer Zeit.

In ihrem Kooperationsverhalten sind Menschen den Schimpansen beschämend ähnlich. Unsere Konflikte haben vielleicht komplexere Themen (Bonuszahlung statt Banane) und ausgefeiltere Belohnungen (Armani-Anzug statt gegenseitiges Lausen), die Prinzipien der Kooperation sind in kleinen Gruppen aber gleich, argumentiert der Historiker Yuval Noah Harari (»Eine kurze Geschichte der Menschheit«).

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Wenn das der Fall ist, warum thronen wir dann im Frankfurter Bankenviertel in einem der vierzehn Wolkenkratzer, während die Affen im nahegelegenen Zoo sich, nun ja, woanders kratzen? Der entscheidende Unterschied liege, so Harari, in der Fähigkeit, an gemeinsame Geschichten zu glauben und somit die Zusammenarbeit in viel größeren Gruppen zu entfesseln. Wir sind die einzigen Primaten, die an »Geschichten« wie Götter, Nationen oder Steuererklärungen glauben und danach unser Handeln ausrichten.

Um etwas Ordnung in die große Stapelhalle zu bringen, bedienen wir uns der Studien des Mythenforschers Joseph Campbell. Dieser entdeckte, dass in den meisten uralten Erzähltraditionen eine Art gemeinsamer Masterplan verborgen ist: die »Heldenreise«. Dieser archetypischen Grundstruktur folgen im verblüffenden Gleichtakt etwa der antike Mythos des Perseus, das Neue Testament, aber auch Star Wars und Herr der Ringe. Fangen wir also an und beginnen uns auf die Heldenreise der Ökonomie.

Erster Akt: Von Weisen und Verführungen

Der Erste Akt findet immer in der gewohnten Welt des Helden statt. Eine Welt, die gemütlich ist, aber auch unzureichend. Eine Welt außerhalb der Zeit, wo mögliche Fortschritte nicht erkannt und Bedrohungen von außen nicht bemerkt werden. Dem Tatooine Luke Skywalkers, dem Auenland Frodo Beutlins, dem Leben der Zimmerleute in Nazareth.

Die heile Welt, von der uns im Wirtschaftsepos erzählt wird, ist wohl die der selbstzufriedenen Ineffizienz. Wir befinden uns unter den satten Unternehmen der Old Economy und ihren selbstzufriedenen Arbeitnehmern. Digitalisierung ist Neuland. Und Neuland ist irgendwo da draußen. In diesem klassischen Handelskapitalismus hängen Menschen an solch merkwürdigen Dingen wie Tradition und Heimat und betrachten Globalisierung zumindest mit Skepsis. Es wird behördengleich nur so viel und so hart gearbeitet, wie sie es gerade brauchen. Vor lauter Routine wird nicht bemerkt, dass unser Darth Vader (die Chinesen, Silicon Valley) schon lange seinen High-Tech-Todesstern auf uns ausgerichtet hat.

Alsbald, bereits in der zweiten Szene des ersten Akts, betritt der Herold die Bühne, der unseren Helden zum Abenteuer ruft. Wir denken an Gandalf, Obi Wan Kenobi oder Johannes den Täufer. Sie alle berichten von einer größeren Welt da draußen, aber auch von einer Bedrohung, die dort wartet. Der Held verweigert sich diesem Ruf zunächst. Das Auenland ist doch so gemütlich, Tatooine viel zu abgelegen vom großen Geschehen. Der Herold wird eindringlicher, und überzeugt endlich.

Die Herolde in der Wirtschaftswelt sind die Ökonomen. Manchmal nennen wir sie auch gleich die »Weisen«, wie beim Rat der Wirtschaftsweisen, ein Begriff, der vor narrativer Aufladung nur so strotzt. Und auch vor Hybris. Welch dunkler Mythos scheint diesen Kreis der Fünf zu umwölken. Aus welchen Omen deutet dieser Rat den Willen der Götter? Der Nicht-Eingeweihte soll die Prophezeiungen nicht hinterfragen, sondern den Weisen Glauben schenken.

Sie kommen meist mit düsteren Prognosen. Ganz im Stile der ersten makroökonomischen Konjunkturprognose von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren, die Joseph dem Pharao brachte, erzählen uns die Herolde von ihren Traumvisionen: »Der globale Wettbewerb wird härter, der Wind dreht sich«. »Wir geraten in einen gefährlichen Rückstand gegenüber China«. Geht es uns in unserem wirtschaftlichen Auenland prächtig, sei das doch nur der Beweis dafür, dass wir vor Dekadenz die Zeichen nicht mehr lesen können. Geht es uns nur mittelprächtig, seien die ersten Erschütterungen schon da.

Natürlich hatte Campbell mit seiner Prophezeiung Recht, natürlich ist der frühere ‚Wirtschaftsweise‘ Bert Rürup ein brillanter Analytiker und natürlich gibt es ‚Rückstand‘ gegenüber dem ‚Ausland‘, wenn auch nicht so häufig und drastisch, wie gern geschrieben wird.

Dies auch der Moment, in dem die Chancen ins Bild kommen. Die Herolde präsentieren, was es außerhalb der heilen Welt zu begehren gibt: Expansion, Weltmarktführer, Exportweltmeister. Da der Held zögert, wird er von den Herolden beschworen: Aber du bist der Ringträger, hast Jedi-Kräfte, musst Arbeitsplätze retten, musst heute schon an morgen denken, Globalisierung als Chance begreifen. Schließlich ziehen den Helden in Freud‘scher Manier Angst und Begierde gleichermaßen aus seiner heilen Welt hinaus.

Zweiter & dritter Akt: Von Schuld und Göttern

Im zweiten Akt überschreitet der Held die Schwelle in eine größere, gefährlichere Welt, aus der es kein Zurück mehr gibt. Er geht als Wegbereiter ins Schattenreich des Todes wie Christus, reist nach Mordor wie Frodo oder durch die Galaxis wie Luke. Dort dringt er zum höchsten Gipfel, zur gefährlichsten Klippe vor und stellt sich der entscheidenden Konfrontation. Der Held kann den »Schatz« oder »das Elixier« (konkret: ein Gegenstand oder abstrakt: besonderes, neues Wissen) an sich bringen.

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Im Wirtschaftsepos gibt es kein Schattenreich im Irgend- oder Anderswo. Es ragt plötzlich mitten in die reine und heile Welt, wenn wir uns etwa unserer hohen Schulden bewusst werden.

»Schulden« – ein zentrales Geschichten-Element mit geradezu apokalyptischer Tiefe und mythologischen Fallstricken. Es gibt die moralische Schuld und die ökonomischen Schulden. Es gibt Kredit und das Credo. Herr, vergib uns unsere Schulden, dachte ich als Kind beim Vaterunser. Das Schulden-Bild trägt auch die Botschaft mit sich, dass, wer Schulden hat, Schuld trägt. Es verschleiert allerdings, dass eine Schulden-Krise stets zwei »Dumme« hat: einen, der den Kredit bekommt, einen, der bereit war, ihn zu leisten.

Nun sind die Schulden genauso ein integraler Teil unserer Welt wie die dunkle Seite der Macht im Krieg der Sterne. Nicht abschaffen, sondern bändigen, lautet die Devise. Dafür entdeckt unser Wirtschaftsheld die dunkle Magie des Finanzkapitalismus. Er findet ein dramatisch ausgeweitetes Kredit- und Anlagegeschäft vor, radikal entgrenzte Finanzbeziehungen und über allem eine schier allmächtige Konfiguration ökonomischer Institutionen: Aktienmärkte, Investmentfonds, Finanzanalysten und Rating-Agenturen.

Dort stellt er sich seiner Schuld und seinen Schulden, und erlangt, mit Hilfe von verbündeten Beratern und Bankern, die geheimen Künste, um sich im Finanz-Schattenreich gefahrlos zu bewegen oder jedenfalls an diese Möglichkeit zu glauben. Der Held legt an, nimmt Kredite auf, spekuliert und erlangt neue Wahrheiten. Schuldenfrei wird er nicht, darum geht es auch nicht mehr. Stattdessen gewinnt er Geheimwissen über ein Schlüsselelement unseres Geschichtenfundus: Die Finanzmärkte.

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Diese hausen, Göttern gleich, auf dem höchsten Gipfel, der dem Apollotempel von Delphi ähnelt. Von dort betrachten und urteilen sie. Unten hören wir dann nur: »Die Märkte reagieren nervös.« Ein häufiger Ratschlag ist es dann, die Märkte zu beruhigen. Man kann sich beinahe vorstellen, wie die Fünf Weisen aus dem ersten Akt vom Berg des Orakels herabsteigen und konsterniert feststellen: »Die Götter sind unruhig, man bringe ihnen Opfer!« Dass Auszubildende oder Alleinerziehende einer Opfergabe bedürfen, hören wir hingegen selten. Und hat man schon gehört: ‚Die Altenpfleger reagieren nervös‘?

Auf dem Tempel steht nicht »Gnothi Seauton« (»Erkenne dich selbst«), sondern das Maximierungs-Theorem, der heilige Lehrsatz der Ökonomie, dass alle ihren Nutzen maximieren wollen. Wie in jeder Religion ist die große Wahrheit eine Tautologie. Was ist es denn, dass man zu maximieren versucht? Wenn man »Anreize« nachschlägt, findet man, dass sie etwas sind, worauf wir reagieren. So ist es eben mit den Weisheiten eines Orakels. Aber die Schattenwelt ist bewältigt, weil durchschaut, und unser Held kehrt glücklich mit der Wahrheit im Gepäck zurück in sein Auenland.

Im dritten Akt tritt der Held also den Rückweg an, nachdem es zu seiner Auferstehung aus der Todesnähe kam. Der Feind ist überwunden, das Elixier befindet sich in der Hand des Helden. Er ist durch das Abenteuer zu einer neuen Persönlichkeit gereift. Zu Hause wird er mit Ehren überhäuft und die alte Heimat ist verzaubert. Mordor ist besiegt und das Auenland in Sicherheit, Tatooine ist befreit von den imperialistischen Stormtroopern, Christus ist auferstanden und hat uns erlöst von unserer Schuld.

Der zurückgekehrte Held predigt seinen ehemaligen unternehmerischen Weggefährten nun vom Shareholder-Value als einer neuen Leitideologie. Die Heimat ist verzaubert mit den Steintafeln vom Berg der Finanzmärkte. Erfüllt bezieht der Held die Halbhöhenvilla im Schwabenland und regiert nun eine viel reichere Welt.

Ökonomie als letzte Religion?

Betrachten wir ‚Wirtschaft‘ mit den Augen des Mythenforschers Joseph Campbell, dann erscheint sie höchst theologisch. Schon der Nationalökonom Max Weber wusste, dass die Theologie, insbesondere der Protestantismus, uns den modernen Kapitalismus und damit nie gesehene Produktivität, nie gesehenes Wirtschaftswachstum ermöglicht hat. Karl Marx schreibt im ‚Kapital‘, dass die Ware ein »sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.« Und eine ökonometrische Untersuchung aus Chicago kommt zum Ergebnis, dass Personen, die regelmäßig den Gottesdienst besuchen, tatsächlich eine positivere Einstellung zur Wirtschaft haben, als solche, die nicht christlich-religiös gebunden seien.

Was also tun mit diesen möglicherweise letzten Mythen? Wir müssen zunächst einmal anerkennen, dass die mythischen Erzählungen wichtig sind, sonst könnte unsere Welt nicht funktionieren. Keine Frage: Unser Wohlergehen, unsere Lebenserwartungen und unsere Gesundheit brauchen die genannten Helden und ihre Reisen. Der Preis dafür: sie prägen noch immer unsere Ziele.


Weiterlesen

Eine kurze Geschichte der Menschheit
Yuval Noah Harari. Pantheon, München 2015. Der israelische Historiker fasst 70.000 Jahre Menschheit zusammen.
Der Heros in tausend Gestalten
Joseph Campbell. insel taschenbuch, Berlin 2011. Märchen auf dem Prüfstand: Der US-Mythenforscher präsentiert Heldengeschichten, die uns alle geprägt haben.


Text: Hans Rusinek
Illustration: Johannes Fuchs für transform Magazin



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