Wir wollen alle ein bisschen die Welt retten. Freizeit, Beruf, ja das ganze Leben muss in einen Weltverbesserungszusammenhang eingebettet sein. Ihren Höhepunkt findet diese ethische Selbstverwirklichung für viele aber vor den Warenregalen. Mit der fair gehandelten Banane, den Second Hand-Kleidern und dem veganen Grillgut kauft man sich als Extra das Gefühl, zu den Guten zu gehören.
Mit dem Wunsch nach bewusstem Konsum lässt sich viel Geld verdienen. Das Brillante am Kapitalismus ist die Fähigkeit, aus der Systemkritik konsumorientierte Milieus hervorgehen zu lassen. Der Gegenkultur werden so die Krallen gezogen. Aber das ist nur die alte Gruselgeschichte vom anpassungsfähigen Phönix unserer Wirtschaftsweise. Man muss ja zugeben: Es hat auch was gebracht. Der Kapitalismus ist netter geworden. Immerhin gibt’s jetzt Bio-Obst beim Discounter. Ihre großen Ziele vom ganz anderen, besseren Leben haben die vielen Protestbewegungen aber am Ende nicht erreicht.
Grundkonflikt: Privileg und Moral
Es ist kein Zufall, dass es häufig besonders privilegierte Menschen sind, die nachhaltigen Konsum zu ihrem Ziel erklären. Das liegt einerseits daran, dass bio und fair einfach zu teuer für viele sind. Wer Vollzeit im Supermarkt Regale einräumt oder putzt, hat keine Energie mehr, um sich abends noch selbst einen Schal aus Bio-Wolle zu stricken und im Hinterhof der Mietwohnung kann man auch schlecht Zucchini anbauen. Als Hobby für gestresste Architekten und Ärzte eignet sich das schon eher. Aber kann man einer Putzfrau Vorwürfe machen, wenn sie ihren Schal bei Primark und das Gemüse bei Lidl kauft?

Hier liegt der Widerspruch des linken Moralismus unserer Zeit: Einerseits wollen wir jeden gleichermaßen respektieren, andererseits ist mit moralischen Argumenten der Anspruch verbunden, dass sich andere an unsere Moralvorstellungen halten. Und wenn sie es nicht tun, sind sie schlechte Menschen.
Wir gestehen uns das nicht gerne ein, aber oft wird der eigene moralische Anspruch auch zum Abgrenzungsmerkmal von all den Ungebildeten und Komsumversessennen.
Kittsteiner: Geschichte des Gewissens
Der moderne LOHA ist in dieser Hinsicht auch kein neues Phänomen, sondern nur die jüngste Erscheinungsweise des begüterten Moralisten. Der Historiker Heinz Dieter Kittsteiner beschreibt in Die Entstehung des modernen Gewissens, wie die gebildeten und privilegierten Gesellschaftsschichten sich in den vergangenen Jahrhunderten als „normsetzend“ verhielten und der Idee vom Gewissen seit der Aufklärung einen immer höheren Stellenwert einräumten. Dabei war „die Frage, wie weit sie selbst ihrem Begriff von sich entsprechen, […] kein Gegenstand dieser Untersuchung“ (S. 290).
Der sonderbare Widerspruch ist laut Kittsteiner schon hier zu finden: Zum Einen trauen die Gebildeten dem einfachen Pöbel nicht zu, moralisch denken zu können, zum Anderen aber wollen sie ihn unbedingt erziehen und ans Licht der Moral heranführen. „Volk“ seien gerade diejenigen, die immer alles falsch machen, erklärt Kittsteiner. Diese in ethischen Dingen Unbegabten dienen den feinen Leuten als scheußlich-schönes Negativbeispiel. Man hat Freude an ihrer Unvollkommenheit und kritisiert sie bei jeder Gelegenheit, aber man braucht die Bösen auch, um sich selbst überlegen und gut zu fühlen. In diesem Widerspruch verheddern wir uns auch heute.
Bewegen statt performen
Was ist der Ausweg? Wie kann man ethisch handeln, ohne andere (unbewusst) abzuwerten? Es würde schon helfen, ein Bewusstsein für die eigenen Privilegien zu entwickeln. Dann erscheint der eigene Nachhaltigkeitsanspruch vielleicht nicht mehr als Erlösung, aber er bleibt richtig. Wir sollten uns stets fragen, ob wir mit unserem Handeln etwas bewegen können oder nur nur bei der nächsten Party erzählen wollen, dass wir jetzt nur noch fairen, regional angebauten Bio-Kaffee trinken.
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