Fernreisen ist wie Trash-TV – es spricht viel dagegen, aber es macht halt auch Spaß. Klimaverantwortung hingegen weniger, vor allem wenn das eigene Umfeld sich immer weniger darum schert.
Die Atmosphäre ist aufgeladen, der Laden voll. Es ist Eröffnungsabend – nur Freund:innen und Familie – und trotzdem platzt die neue Weinbar in Prenzlauer Berg aus allen Nähten. Das Publikum ist zwischen 25 und 45 Jahren alt. Die kleinen Tische, an denen die Glücklichen sitzen, die einen Sitzplatz ergattern konnten, sind zugestellt mit Gläsern voll Schampus, Wein und Tafelwasser. Dazu Teller voller Käse und Brot und vor allem Fleisch: Fleischpasteten, Fleischsalate, Schinken, Schweinskopfsülze, Rinderhirn.
Viele Tische in angesagten, teils teuren Restaurants sehen so aus. Von der progressiven Idee, das Klima und Tierrechte zu schützen, ist nicht viel geblieben, so scheint es mir. Wenn ich sehe, wie sich meine Begleitungen immer öfter Fleisch und Fisch in den Mund schieben, fühle ich Trotz, Erschöpfung und Neid in mir aufsteigen. Warum ist ihnen das Klima wieder so egal?
Feelings oder Facts?
Laut einer YouGov-Studie aus dem Februar 2025 geben junge Menschen bis 34 an, 2024 wieder mehr Fleisch als zuvor gegessen zu haben.
Wieder höher, schneller, weiter – im Flieger
Als Gruppe hat sich der Kampf für Klimaschutz besser angefühlt. Auch, zu verzichten. Ich komme gut damit klar, kein totes Tier zu essen. Zu stark haben sich die Bilder von leidenden Tieren in meinen Kopf gebrannt. Meine Reisefreiheit bewusst einzuschränken, tut viel mehr weh. Ich reise nur so weit, wie mich Züge oder ein Auto bringen. Während halb Instagram nach Tokio, Mexiko City und Hongkong fliegt, fahre ich nach Angermünde, Tjörn oder Bologna. Die Hälfte meiner Zeit sitze ich dabei im Zug oder Auto, klar.
Feelings oder Facts?
Der Trend der Heimatreisen wie zu Corona-Zeiten ist längst Geschichte. Angesagt sind CO2-intensive Fernreiseziele. Zwar ist das Flugaufkommen noch unter dem vor der Pandemie, laut Reiseanalyse 2025 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. liegt das Flugzeug als Transportmittel für Urlaubsreisen nun aber das zweite Jahr in Folge an Platz eins vor dem Auto.
Die Flugscham aus der Zeit vor Corona wirkt vergessen. Und die CO2-Kompensation der Airlines hilft vielleicht dem Gewissen ihrer Passagier:innen, aber dem Klima kein bisschen, wie in den letzten Jahren mehrere Recherchen und Gerichtsurteile klar festgestellt haben.
Stattdessen rechtfertigen sich meine Freund:innen vor Flugreisen oder Fleisch-Exzessen, indem sie auf alternative, individuelle Wohltaten für das Klima verweisen. So wie bei anderen Guilty Pleasures. Klar, wir wollen ein kongruentes, rundes Bild von uns selbst vermitteln, das auch gegen unser schlechtes Gewissen arbeitet. Aber eine Flugreise ist nunmal ein heftigerer Guilty Pleasure als die neue Staffel Are You the One – Realitystars in Love.
Wieso Menschen Nachhaltigkeit zurückschrauben
Es ist eine große Herausforderung, die eigenen Verhaltensmuster zu ändern: von Fleischkonsum zu mindestens Vegetarismus, von Flugreisen zu Bahnreisen oder von Fast Fashion zu Second Hand. Doch neues Verhalten beizubehalten sei ähnlich schwer, erklärt die Umweltpsychologin Dr. Isabella Uhl-Hädicke von der Universität Salzburg.
Menschen blieben gerne am Ball, wenn das neue Verhalten etwas Positives mit sich bringt. Bei weniger Fleischverzehr könnte das etwa eine bessere Gesundheit sein. Wenn es aber keine spürbar positiven Folgen gibt, kämen schnell Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Verhaltens auf. Dann sei die Wahrscheinlichkeit höher, zum früheren Verhalten zurückzukehren.
Feelings oder Facts?
Wo vor Covid noch 34 Prozent der Deutschen angaben, bereit zu sein, persönliche Opfer für den Klimaschutz zu bringen, waren es 2024 nur noch 24 Prozent, so eine Langzeitstudie von NielsenIQ. Das Umweltbewusstsein sei nach wie vor da, aber stärker als zuvor von Geldbeutel, Bequemlichkeit und Wohlbefinden abhängig.
Zum Problem für unser Durchhaltevermögen wird, wenn die positiven Folgen ins Gegenteil umschlagen: „Nehmen wir eine Mittagspause mit Kolleg:innen und es gibt Schnitzel und ein Gemüsegericht. Wenn ich mich für Schnitzel entscheide, erlebe ich wahrscheinlich positive Konsequenzen. Es schmeckt mir. Ich habe ein gutes Gefühl. Entscheide ich mich aus rationalen Gründen für das Gemüsegericht, spüre ich dann die positiven Konsequenzen? Nicht unmittelbar“, sagt Uhl-Hädicke.
Wenn ich mich für Schnitzel entscheide, erlebe ich wahrscheinlich positive Konsequenzen. Es schmeckt mir.
Klingt plausibel und fatal, denn auch ich verzichte nicht, weil mir der Lifestyle davor keinen Spaß gemacht hat, ich Fleisch nicht mochte oder ferne Länder. Dazu geselle sich, so Uhl-Hädicke, der Weltschmerz über all die Kriege, Krisen und Konflikte weltweit. Die direkten Auswirkungen des Verzichts seien zu wenig sichtbar und dafür der Wunsch, uneingeschränkt leben zu wollen, umso größer.
Dieses Phänomen nennt sich in der Psychologie Reaktanz: Wird ein Mensch in seiner Freiheit eingeschränkt, auch nur vermeintlich, möchte er sie umso mehr zurückerlangen. Da hilft es auch nichts, Verzicht als Genügsamkeit oder “small is beautiful” umzulabeln.
Macht Verzicht Sinn, wenn schon keinen Spaß?
Wer weiß, wie lange ich selbst noch für das Klima zurückstecke. Inhaltlich macht Verzicht Sinn: Unsere Nachfrage an Produkten oder Dienstleistungen beeinflusst das Angebot. Trotzdem haben wir wenig Möglichkeit, Einfluss auf große Konzerne oder die Regierung zu nehmen. Ein Gefühl, das oft überwiegt. Und das dabei hilft, die nächste Fernreise zu rechtfertigen: Wenn das System insgesamt kaputt ist, zumal global, warum soll ausgerechnet ich es durch meinen Verzicht zu reparieren versuchen?
Zugegeben, ein gutes Argument. Jedoch nicht gut genug, um allen Klimaschutz hinzuschmeißen. Denn das Verhalten, das wir in unserem Umfeld beobachten, beeinflusst uns, sagt Uhl-Hädicke: „Definitiv weiß man, dass Vorbild sein und Vorleben sich auswirken.“ Wenn das eigene Umfeld nachhaltig lebt, dann neigen auch wir dazu, diesen sozialen Normen zu folgen. Umgekehrt haben wir ein besseres Gewissen dabei, Fleisch zu essen, wenn es unser Umfeld auch so hält.
Definitiv weiß man, dass Vorbild sein und Vorleben sich auswirken.
Mein Bruder und Mitbewohner erzählt mir auf Nachfrage, ohne mich würde er „wahrscheinlich keinen Käse essen“ sowie auf sonstige Milchprodukte verzichten. Und auch ich bin vor fünf Jahren vegan in meine Partner:innenschaft gestartet, ohne langanhaltenden Erfolg. Mein Partner hingegen bestätigt mir: „Ohne dich würde ich wahrscheinlich weniger auf alles achten, vor allem was Essen oder Fliegen angeht. Ich weiß ja eigentlich, was das für einen Einfluss auf die Umwelt hat und dazu kommt das schlechte Gewissen gegenüber dir, oder den Leuten, denen das sehr wichtig ist.“
Da ist er wieder, der Punkt, der so viel Frust auslöst: Wieso ist es nicht allen wichtig – müsste es doch? Um diese Frustration zu vermeiden, sollten wir nachhaltig mit unseren eigenen Ressourcen umgehen: „Wir müssen lernen, diese Diskrepanz auszuhalten, dass man manchmal nachhaltig handelt und manchmal nicht, weil man Teil eines Systems ist“, so Uhl-Hädicke.
Guilty Pleasure in Maßen
Obwohl Jüngere wieder mehr Fleisch essen, stagniert der Fleischkonsum insgesamt, dank der Ü50er. Bei ihnen nimmt der Fleischkonsum nämlich ab, zeigt die YouGov-Studie. Vielleicht ist das ein Hoffnungsschimmer. Sollten die Älteren, die klassischen Fleischesser:innen, auch nur teilweise vom Markt verschwinden, könnte es schwierig werden für die Fleischindustrie: Nachfrage bedingt das Angebot.
Wenn ich aus Berlin zu meinen Ü60-Eltern nach Hause ins Saarland fahre, gibt es fast kein Fleisch mehr – zumindest nicht in meiner Anwesenheit. Bei ihnen ist der Fleischkonsum zurückgegangen. Tofu oder das ein oder andere Ersatzprodukt haben es nach anfänglicher Skepsis in den Kühlschrank geschafft. „Ich versuche bewusst zu reduzieren und bewusst einzukaufen“, sagt meine Mama, „und wenn Fleisch, dann nur vom Metzger.“ Bei ihr landet, wenn wir essen gehen, seltener Fleisch auf dem Teller als bei einigen meiner Freund:innen – und fliegen will sie der Umwelt zuliebe auch nicht.
Wer das Klima schützt, lebt schließlich doch aktiv Freiheit: Wahlfreiheit. Tun wir es nicht, haben wir eines Tages keine Wahl mehr.
Text: Anna-Marie Eisenbeis
Illustration: Moritz Wienert
Quellen
So shoppen (und leben) wir anders als 2019. NielsenIQ, 2025. (Zur Analyse)
Nachfrageorientierte Klimapolitik – Evidenz aus der Corona-Krise. Sven Steinkamp, Wirtschaftsdienst, 2020. (Zum Artikel)
Umfrage zu Fleischkonsum unter 1763 Befragten. YouGov, 2025. (Zur Umfrage)
Revealed: more than 90% of rainforest carbon offsets by biggest certifier are worthless, analysis shows. Patrick Greenfield, The Guardian, 2023. (Zum Artikel)
Urteil gegen Lufthansa: Werbung mit vermeintlichem CO2-Ausgleich unzulässig. Ivana Milovanovic, Frankfurter Rundschau, 2025. (Zum Artikel)
Die Idee der CO₂-Kompensation ist tot. Tin Fischer & Hannah Knuth, Zeit Online, 2023. (Zum Artikel)
Weiterlesen/hören
Warum machen wir’s nicht einfach – Die Psychologie der Klimakrise. Dr. Isabella Uhl-Hädicke, Molden Verlag, 2022. (Zum Buch)





