Natürliche Wälder sind enorm wichtig für den Natur- und Artenschutz. Angesichts steigender Temperaturen stehen aber vor allem die Auswirkungen auf das Klima im Fokus. Als Umweltorganisation werden wir häufig gefragt, wie viel CO2 ein Baum bindet. Das Interesse an messbaren Zahlen ist nachvollziehbar, wird dem Thema aber kaum gerecht. Tatsächlich ist die (nicht-energetische!) Verwendung des Holzes aktiver Klimaschutz. Dafür brauchen wir eine konsequent nachhaltige Forstwirtschaft und natürlich möglichst viel Wald. Und dabei kann jeder helfen, denn Bäume pflanzen kann man längst auch online.
Bäume speichern kein Kohlendioxid
Zunächst ist die Frage nach der CO2-Bindung etwas irreführend. Wir erinnern uns an unser Lieblingsfach Chemie: Pflanzen verwenden beim Aufbau der Biomasse kein Kohlendioxid (CO2), sondern Kohlenstoff (C). Das CO2 spielt natürlich bei der Photosynthese eine Rolle – denn Sauerstoff (O2) wird im Laufe des Prozesses freigesetzt. Um von C auf CO2 zu schließen, wird daher der C-Gehalt des Baumes mit 3,67 multipliziert. Bäume speichern somit kein Kohlendioxid, sondern Kohlenstoff. Ungeachtet dieser sprachlichen Ungenauigkeit profitiert das Klima natürlich trotzdem, weil die Bäume CO2 aufnehmen und Sauerstoff abgeben.
Wälder haben eine neutrale Klimabilanz
Eine positive Kohlenstoffbilanz haben nur zusätzliche gepflanzte Bäume bzw. Erstaufforstungen. Denn Bäume sind wie alle Lebewesen in den Kohlenstoffzyklus eingebunden. Sie sind nicht nur C-Speicher, sondern setzen einen Teil des Kohlenstoffs durch den jährlichen Laubabwurf auch wieder frei. Bei den Nadeln der Koniferen funktioniert das ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass die Nadeln laufend ausgetauscht werden (Ausnahme: Lärchen). Hinzu kommt die organische Freisetzung bei abgestorbenen Bäumen, dem sogenannten Totholz.
Unterm Strich handelt es sich unter natürlichen Bedingungen also um ein Nullsummenspiel: Das während der Lebendphase gebundene C wird nach dem Absterben wieder an die Umwelt abgegeben. Wir Menschen sind übrigens genauso in den C-Kreislauf eingebunden. Von der Geburt bis über den Tod hinaus setzen wir Kohlenstoff um. Allerdings wachsen wir nicht so lange und werfen auch keine Blätter ab.
Holzprodukte sind Kohlenstoffspeicher
Durch die massive Verbrennung von Öl und Kohle gelangt allerdings auch der natürlicherweise langfristig gebundene Kohlenstoff in die Atmosphäre. Das Gleichgewicht aus Emission und Verarbeitung ist dadurch längst in Schieflage geraten. Folglich müssen die C-Speicherkapazitäten in dem Maße erhöht werden, wie die CO2-Emissionen die natürliche Belastungsgrenze überschreiten. Logische Folge: Wir sollten mehr Holz für den Hausbau und die Herstellung von Möbeln nutzen. Hier bleibt der Kohlenstoff teilweise über Jahrhunderte, beispielsweise in alten Fachwerkhäusern, gebunden. Noch größer ist der klimatische Effekt, wenn wir dadurch auf energieintensive Materialien wie Stahl oder Beton verzichten können.
Mischwäldern gehört die Zukunft
Die erwarteten Folgen des Klimawandels erfordern zwingend eine naturnahe Waldbewirtschaftung. Raschwüchsige Kiefern- und Fichten-Monokulturen liefern zwar (noch) viel Holz, sind aber anfällig für Schadinsekten und Wetterextreme. Strukturreiche Mischwälder mit heimischen Laubbaumarten kommen mit Schädlingen, Trockenheit und Stürmen besser zurecht. Damit sinkt das Risiko großflächiger Ausfälle. Waldbesitzer und Forstbetriebe setzen deshalb schon aus Eigeninteresse zunehmend auf standortgerechte Mischkulturen: Seit 2002 ist der Anteil der Laubbäume an der Waldfläche in Deutschland um 7 % gestiegen. Die neuen Wälder sehen nicht nur schöner aus, sondern haben langfristig auch eine bessere Klimabilanz als die Plantagen. Schließlich gibt es hier weniger „betriebsbedingte“ Störungen und dank der nährstoffreichen Laubstreu wird mehr Kohlenstoff im Boden festgesetzt.
Wirtschaftswälder sind übernutzt
Von einer ökologischen Wende im deutschen Wald kann jedoch nicht die Rede sein. Naturschutzverbände kritisieren schon lange, dass die Einschlagsquoten aufgrund der hohen Holzpreise viel zu hoch sind und die Forstverwaltungen keine entsprechenden Informationen herausgeben. Wie der Waldreport vom BUND zeigt, sind selbst alte Bäume in Schutzgebieten nicht mehr sicher. So wurden beispielsweise 2014 in einem Privatwald im Naturschutzgebiet Prähler Schlucht am Ammersee (Bayern) stellenweise mehr als die Hälfte der Bäume gefällt.
Ein Grund für den mangelnden Schutz ist die vage Formulierung im Bundeswaldgesetz: „Der Wald soll im Rahmen seiner Zweckbestimmung ordnungsgemäß und nachhaltig bewirtschaftet werden“. Was „ordnungsgemäß“ und „nachhaltig“ konkret bedeutet, bleibt den Bundesländern überlassen. Und die sind bei der Interpretation und Umsetzung in den Landeswaldgesetzen ähnlich unverbindlich.
Gemeinnützigkeit hat keinen Profitdruck
Der Bedarf an effektiven Klima- und Naturschutz ist also groß. Während die Forst- und Holzwirtschaft möglichst hohe Gewinne erzielen will, richten Non-Profit-Organisationen ihre Arbeit an gemeinnützigen Zielen aus. Die sind in den Satzungen formuliert und verbindlich. Beispiele in diesem Bereich sind das Bergwaldprojekt (Freiwilligen-Einsätze im Wald) und Naturefund (Kauf von Land für Naturschutz und Aufforstung).
I Plant A Tree ist eine gemeinnützige Umweltschutzorganisation, mit der man online Bäume pflanzen kann. Unsere Aufforstungs- und Waldumbau-Projekte liegen auf eigenem Land, auf unbefristet gepachteten oder kommunalen Flächen – alles Voraussetzungen dafür, dass die gepflanzten Bäume ungestört wachsen können. Weil uns der Holzertrag egal sein kann, pflanzen wir zum Teil auch forstwirtschaftlich uninteressante, aber ökologisch wertvolle Baumarten wie Vogel-Kirsche, Waldapfel und Weißdorne. Eine nachhaltige Nutzung wollen wir aus den genannten Gründen allerdings nicht ausschließen.
CO2-Rechner sind nur Schätzungen
Die eingangs gestellte Frage nach der CO2-Bindung pro Baum lässt sich deshalb kaum realistisch beantworten. Zwar ist die Menge Kohlenstoff, die Bäume im Laufe ihres Lebens aufnehmen, ungefähr bekannt. Entscheidend für die Berechnung ist aber, was anschließend mit dem Holz geschieht. Hinzu kommt, dass durch natürliche Sukzession nur ein Bruchteil der gepflanzten Bäume überlebt. Die stärksten Individuen setzen sich durch und speichern dann auch entsprechend mehr Kohlenstoff. Und woher soll ich als Baumpflanzer wissen, ob mein Setzling zu den Glücklichen gehört?
Trotzdem haben wir einen CO2-Zähler auf der Webseite integriert. Unsere Spender haben schließlich ein nachvollziehbares Interesse daran zu erfahren, welche Wirkung ihre Spenden ungefähr haben. Die Berechnung basiert auf der durchschnittlich gebundenen Menge Kohlendioxid eines Baumes in seinem Lebenszyklus. Für die heimischen Arten rechnen wir mit ungefähr 10 kg CO2 pro Baum und Jahr. Theoretisch kann der Zähler dann für immer weiterlaufen. In einem naturnahen Wald wird der Platz der Elternbäume sofort vom Nachwuchs eingenommen. Das ist das Schöne am Kreislauf.
Zum Weiterlesen:
Autor: Christian Lingnau hat Umweltschutz (M.Sc.) studiert und ist Projektmanager bei I Plant A Tree. Alle Bilder stammen von ihm bzw der Organisation.