Demokratie verteidigen: Bitte Reflexion anstelle von Reflex


Demokratie ist kein Selbstzweck mehr. Wer für sie werben will, braucht längst den Mut, berechtigte Kritik selbst zu üben.

Ein Reflex ist eine unwillkürliche Reaktion auf einen Reiz. Wir können nicht anders. Reflexartig verteidigen wir die Demokratie bei Angriffen von innen und außen. Solche automatischen Reaktionen sind gut. Der Schluckreflex etwa stellt sicher, dass Menschen jeden Alters nicht beim Essen ersticken. Unsere Demokratie gerät in Luftnot, wenn einfache Antworten Meinungspluralität überschatten, Einzelne bevorzugt behandelt und andere nicht angemessen einbezogen werden.

Doch so lebenswichtig Reflexe auch sind, sie ersetzen kein selbstbestimmtes Handeln. Durch das fortlaufende und eben reflexartige Verteidigen der Demokratie vernachlässigen wir es, sie weiterzuentwickeln. Schlimmer noch: Um den Feind:innen der Demokratie kein Wasser auf die Mühle zu schütten, bleibt notwendige Kritik aus. Dem setzen wir mit diesem Heft etwas dagegen.

Bevor es um Kritik und Weiterentwicklung geht, gilt es aber, den eingangs lapidar platzierten Satz zu zerlegen: Reflexartig verteidigen wir die Demokratie bei Angriffen von innen und außen.

Was soll bitte die Demokratie sein?

Ob Wahlen über Wahlmänner und -frauen stattfinden, eine oder zwei Kammern gewählt werden, Kandidat:innenlisten oder Rangfolgen – geht es um die Verteidigung von Demokratie, werden verschiedenste Gesellschaften und recht unterschiedliche politische Systeme in einen Topf geschmissen. Ganz falsch ist das nicht. Demokratie ist definiert als Staatsform, in der die Macht vom Volk ausgeht und politische Herrschaft beschränkt wird, indem sie gleichmäßig auf Institutionen verteilt wird. 

Solange Menschenrechte geachtet werden, ein Mehrparteiensystem existiert, in dem frei und fair gewählt werden darf und Freiheit für Vereinigung, Versammlung, Presse und Meinung gewahrt wird, passen Deutschland, die USA, Italien, Frankreich oder Indien in eine Schublade. Gleichzeitig verlieren wir mit dieser Schublade den Blick für wichtige Elemente einer Demokratie. Wahlsysteme können umstritten bis umkämpft sein, wie in den USA oder Frankreich. Medien können leicht (Italien) oder stark (Ungarn) eingeschränkt sein. Der Autokratie-Teufel liegt im Detail. 

Wer ist wir

Bleibt als nächstes, herauszufinden, wer auf das Ersticken unseres Systems reagiert. Die Zustimmungswerte zur Umsetzung der Demokratie in Deutschland sinken aktuell. Interessant ist: gerade in den Corona-Krisenjahren waren sie auf einem stabilen Hoch mit circa 70 Prozent Zufriedenheit. Ganz entgegen dem Bild, das allgemein gezeichnet wurde. Seither können wir allerdings dabei zusehen, wie die Gruppe der ziemlich Zufriedenen schrumpft und die der nicht sehr Zufriedenen wächst. Mal wieder hängt es an der besagten Mitte der Gesellschaft – an den extremen Enden der gar nicht oder sehr Zufriedenen findet wenig Veränderung statt. 

Immerhin: Im Frühjahr 2024 waren mit 60 Prozent immer noch mehr als die Hälfte der Deutschen zufrieden mit dem Funktionieren unserer Demokratie. Funktionieren ist hier ein breiter Begriff. Mit was genau Menschen unzufrieden oder zufrieden sind, können wir nur mutmaßen. Vom Charisma des Kanzlers bis zum Gefühl der Eingeschränktheit der freien Meinungsäußerung kann hier alles gemeint sein. 

Gleichzeitig legt nicht mal jede:r zehnte Deutsche Wert auf politische Aktivität und die Teilnahme am politischen Leben – Tendenz zuletzt wieder sinkend. 

Grundsätze, die unerfüllt bleiben, wenn die Unzufriedenheit groß, der Wille zur eigenen Aktivität aber gering ist. 

Wichtig ist: Das Wir wird auch von denjenigen verwendet, die in den verschiedenen Demokratien diese abschaffen oder zumindest beschneiden wollen. Ob Trumpisten, Orban-Fans oder der AfD-Stammtisch: das Grundnarrativ lautet stets: das Volk / das Wir steht einer Elite gegenüber, wird von dieser dominiert und sollte sich dieser doch endlich entledigen. 

Das ist faktisch falsch. Eine rechtskonservative Unternehmenserbin hat herzlich wenig mit einem chronisch kranken sogenannten Wendezeitverlierer gemein. Jede Bevölkerung besteht aus unterschiedlichen Milieus – auch wenn manche Feind:innen der Demokratie von (in vielerlei Sinne) homogenen Menschengruppen träumen. 

Auch die Elite ist alles andere als klar definiert in diesem Feindbild. Anders als im klassischen Marxismus geht es hierbei nämlich nicht um Vermögende, welche das Kapital für sich arbeiten lassen können, anstatt ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Um für Neurechte zur Elite, zum Elfenbeinturm, zum Hassobjekt dazuzugehören, reicht es heute, Lastenfahrrad zu fahren. Dabei gibt es durchaus eine abnehmende soziale Mobilität, und ja, die wachsende Ungleichheit bedroht nicht nur planetare Grenzen, sondern auch indirekt sozialen Zusammenhalt und die Demokratie. Gleichzeitig gibt es aber auch innerhalb der Elite unterschiedliche Interessen.

Welche Angriffe von innen?

Demokratie-Zerstörer:innen von innen brauchen den Elite-Volk-Gegensatz und nutzen dafür faktische Informationsschnipsel: In politischen Ämtern klaffen noch immer vielerlei Repräsentationslücken. Während 75 Prozent der Bevölkerung keinen Fach- oder Hochschulabschluss haben, betrifft dies nur ein Drittel der Mandatsträger:innen auf der Bundes-, Landes- und Kommunalebene. Die Verhältnisse sind fast exakt umgekehrt. 

Weltweit sind Angehörige der sogenannten unteren sozioökonomischen Schichten auf den gesetz-gebenden Ebenen dramatisch in der Unterzahl. 

Klassismus, also die Diskriminierung von Personengruppen aufgrund ihrer Zugehörigkeit einer weniger anerkannten gesellschaftlichen Schicht, ist da quasi vorprogrammiert. 

Eine andere Lücke schließt sich auch nur partiell: im Mitte-Links-Spektrum sind Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund dem Bevölkerungsanteil entsprechend adäquat repräsentiert. Was sie durch verbindliche Regeln, wie der Frauenquote, geschafft haben, stagniert bei anderen seit Jahrzehnten: die Union hat die niedrigste Quote an Mitgliedern mit migrationsbezogenem Hintergrund, in FDP und AfD ist nur jedes fünfte Mitglied eine Frau. Im Bundestag sitzen für sie sogar nur 9 Frauen bei 79 Männern. 

Diese Tendenz ist auch bei der Wähler:innenschaft zu beobachten: In den Bundesländern, die zuletzt besonders viel schwarz-blau gewählt haben, sind Männer in der Überzahl. Vor allem Frauen zwischen 18 und 30 Jahren verlassen die neuen Bundesländer zunehmend. Ob wir es Männerüberschuss oder Frauenmangel nennen – so entwickelt es sich überall in Europa.

Dabei scheint die Angst vor der Involvierung der unterrepräsen-tierten Gruppen überzogen. Wie Lukas Beckmann beim Forum Zukunft (in) der Demokratie im November 2023 formulierte: »Wer beteiligt wird und dann feststellt, in der Minderheit zu sein, kann das akzeptieren.« Menschen wollen gehört werden, aber nicht jede Gruppe fordert eine kompromisslose Umsetzung ihrer Forderungen

Im Osten Deutschlands herrscht eine weitere Besonderheit: Nahezu alle politischen, aber auch wirtschaftlichen Führungsebenen wurden nach der Wende mit Westdeutschen besetzt. Ob man ihnen ein neues System beibringen wollte oder ob man es ihnen nicht zugetraut hat – zurück bleibt eine dadurch unausgewogene Einkommensstruktur. Das Vermögen der Westdeutschen ist ohnehin doppelt so hoch wie das der Ostdeutschen. Rechnet man die im Osten lebenden Wessis raus, ist der Unterschied noch viel größer. 

Welche Angriffe von außen

Das Ende der US-Dominanz und eine multipolare Welt haben auch die Progressiven im Westen herbeigesehnt. Nun wird klar, dass Kriege damit jedoch nicht unwahrscheinlicher werden. Im Gegenteil: Krieg, Kriegsvorbereitung oder Abschreckung nehmen zu. Die weltweiten Militärausgaben erreichten im Jahr 2023 einen neuen Rekordwert mit 2,44 Billionen US-Dollar für Kanonen und Bomben. Damit haben zum neunten Mal in Folge die Militärausgaben die Zahlen des Vorjahres übertroffen. 

Die USA bleiben an der Spitze und geben das Dreifache von China aus, welche auf Platz zwei folgen. Beide Staaten allein machen die Hälfte der globalen Militärausgaben aus. Die Machtverhältnisse entsprechen dennoch keinem Kalten Krieg 2.0. Beide Staaten sind wirtschaftlich stark verknüpft. Eine eindeutige, nicht nur situative Zuordnung von Staaten in Hemisphären oder Einflussgebiete ist heute unmöglich. Gleichzeitig ist auch keine multipolare Weltordnung erkennbar. Die Anzahl der Pole ist (noch) übersichtlich. 

Wer nun jedoch einseitig und plakativ Angriffe von außen abwehrt, macht sich leicht angreifbar gegenüber dem Vorwurf, nach einer Doppelmoral zu handeln. Schließlich seien es westliche Staaten gewesen, die gern von Menschenrechten sprechen, aber als Kolonialherr:innen auftraten, später missgünstige Regierungen über Jahrhunderte stürzten, Handelsabkommen diktierten, im Kampf gegen Terror oder Drogen massive Kollateralschäden in Kauf nahmen. 

Natürlich agiert beispielsweise auch China imperialistisch im ursprünglichen Wortsinne nach globaler Dominanz strebend durch Militärmanöver oder die Neue Seidenstraße. In Sachen Auftragsmorde, Wahlbeeinflussung und Desinformation dürfte Russland jeden westlichen Staat übertrumpfen. Kaum zu unterschätzen, wie das demokratische, liberale Gesellschaften untergraben kann. 

Dennoch sollten und müssen sich westliche Staaten kritisch mit der eigenen geopolitischen Vergangenheit beschäftigen. Und wer gegen Angriffe von außen auf unsere Demokratie vorgehen will, sollte dies ebenfalls tun. 

Was heißt schon verteidigen

Auf den Brexit, Donald Trumps Wahl oder Marine Le Pens Aufstieg folgten unzählige Leitartikel und Entwürfe, die klangen wie Schul-kompatible Lehrmaterialien. Es blieb bei Appellen oder bestenfalls grob skizzierten Verteidigungsmaßnahmen wie zusammenhalten, Gesicht zeigen und Ähnlichem. Bezeichnend ist auch das gern angeführte Zitat von Sigmar Gabriel, der 2009 bei seiner Dresdner Parteitagsrede sagte: »Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt.« 

Dem Zitat folgen Politiker:innen oder Journalist:innen regelmäßig. Sie machen dann etwa nach rechten Wahlerfolgen eine Tour durch den Osten, eine deindustrialisierte Gegend oder klappern einfach ein paar Kioske ab. Sie geben dann Pressetermine oder schreiben ein Buch über das einfache Volk und dass man es besser mitnehmen müsse. In diesem Sinne ist Gabriels Zitat auch zutreffend. Es impliziert, dass man extra und eingeplant dort hingehen muss, wo es brodelt und stinkt. Wer das sagt, ist nicht regelmäßig dort und kommt garantiert aus ruhigeren und besser riechenden Gefilden. Das wissen und merken natürlich auch die Besuchten. 

Mut machender waren die Massendemos gegen Rassismus und Rechtsruck im Zuge der Enthüllungen Correctivs von Deportationsplänen verschiedener neurechter Akteur:innen und ihres Treffens in Potsdam. Doch auch Demonstrationen allein werden im Falle einer Regierungsbeteiligung der AfD kaum helfen. Wege der Demokratie-Verteidigung beschreibt Arne Semsrott in seinem Buch Machtübernahme: Es geht um das Klagen gegen AfD-geführte Verwaltungen, die Veröffentlichung von Gerichtsentscheidungen – bis heute sind nur etwa ein Prozent aller Urteile öffentlich einsehbar – Unvereinbarkeitsbeschlüsse oder eine bessere Kontrolle der Polizei durch Parlamente. 

Lebenslügen der Demokratie 

Ob nun der Angriff von innen oder außen kommt: In den 90ern dachten viele, das Ende der Geschichte sei erreicht, die parlamentarische Demokratie hätte sich durchgesetzt. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: So vielgestaltig Demokratien auch sein können, das Autokratie-Lager ist es ebenfalls. Wirklich ideologische System-Konkurrenzen gibt es indes kaum. China ist kein Ersatz für die Sowjetrepublik zur Zeit des Kalten Kriegs. 

Die Vielgestaltigkeit der Demokratien, die Graustufen, wurden jedoch zuletzt ignoriert. Graustufen, die auch die Wirtschaftspolitik beschreiben – zwischen dem rheinischen, sozialdemokratischen oder neoliberalen Kapitalismus. Die Individualisierung innerhalb der Demokratien nahm zu – wie auch der Wunsch mancher, sich einer Gruppe anzuschließen. Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften: Die ehemals großen Clubs kommen allerdings nicht wieder. Anscheinend fallen manchen dann nur Nation und Hautfarbe ein – nicht die eigene Klassenzugehörigkeit. 

Es hilft nicht, dass in dieser Zeit von progressiver Seite lediglich die erste Frau im Amt XY oder die erste Schwarze Person in einer bestimmten Rolle gefeiert wird – wenn diese Person nicht für spürbare Veränderungen sorgt – ja, nicht sorgen kann. Für Veränderungen, die über Repräsentanz oder Vorbildfunktion hinausgehen: mehr Aufstiegschancen, ökonomische Teilhabe und ein Leben ohne Sorge um die Mietwohnung oder steigende Lebensmittelkosten. Zur Wahrheit unserer Demokratiekrise gehört, dass manche Menschen Einschränkungen ihrer Freiheit in Kauf nehmen würden, um ein materiell sorgenfreies Leben zu führen.

Wechselhaft wählen

Eine weitere Lebenslüge der Demokratie betrifft die Entscheidungsfindung: Das Grundnarrativ lautet, dass von sich widersprechenden Akteure:innen gemeinsam gefundene Lösungen besonders stabil sind – weil sich viele mit ihnen identifizieren können. Gleichzeitig gibt es den berühmten Kompromiss, der fair ist, wenn er alle Beteiligten gleichermaßen unglücklich zurücklässt. In Zeiten, in denen die Parteibindung abnimmt und Wahlentscheidungen oft erst in der Wahlkabine getroffen werden, sind zudem Meinungen wechselhafter als je zuvor. Auch gibt es zahlreiche Beispiele – nicht nur in Autokratien – in denen die Meinung einer Minderheit, gegebenenfalls der Elite, nach kurzer Zeit dominiert.

Eine progressive Lebenslüge ist zudem der Anspruch, die Migrationsdebatte durch ökonomische Fakten signifikant beeinflussen zu können. Nach einer emotionalen Phase der Willkommenskultur 2015 überwiegen hier sachliche Argumente: Es geht weder um das menschliche Leid, als vielmehr um rechtliche Bedenken beim Schließen von EU-Binnengrenzen, Arbeitskräftemangel und drohenden Wohlstandsverlust. 

Beides verfängt sich jedoch nicht bei allen Menschen aus zwei einfachen, doch drastischen Gründen: Zum einen gibt es viele Menschen, deren Lebensrealität nicht oder nur sehr indirekt von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung betroffen ist. Wer unteren oder mittleren Einkommensgruppen angehört, ist nicht spürbar von DAX-Hoch- oder Tiefständen beeinflusst, doch von durch Arbeitskräftemangel bedingt eingeschränkten Öffnungszeiten von Restaurants. Natürlich würden verringerte Wirtschaftsleistungen und Steueraufkommen irgendwann die Infrastruktur aller betreffen. Doch dazwischen gibt es noch so einige andere Einflussfaktoren.

Die Rechten haben Unrecht

Zum anderen werden von rechter Seite starke Emotionen wie Wut und insbesondere Angst geweckt – nicht nur vor Gewalt, sondern indirekt auch vor dem eigenen Tod. Das Narrativ eines Volksaustauschs wird von Rechtsaußen in verschwörungstheoretischer Manier auf die Spitze getrieben: Die Elite halte bewusst durch Feminismus die eigenen Frauen von der Familienplanung ab, während sie auf umfangreiche Migration setzt. Solchen absurden Theorien hing etwa der Attentäter an, welcher 2019 die Synagoge in Halle angriff. Doch auch Politiker der CDU sprechen von unsicheren Innenstädten oder Bahnhofsvorplätzen, beziehen sich ziemlich deutlich auf migrantifizierte Menschen – es geht ihnen offensichtlich nicht um weiße Nicht-Deutsche – und fragen polemisch in die Kameras ihrer Handys oder irgendwelcher Talkshows ob das noch Deutschland sei.

Ironischerweise ließe sich argumentieren, dass solche »Austausche« in den letzten Jahrhunderten stets umgekehrt stattfanden. Große, teils verarmte Menschenmassen zogen auf andere Kontinente und vertrieben die dortigen Bewohnenden mit Waffen oder eingeschleppten Krankheiten. Angesichts dieses Narrativs und geweckter Urängste, ist der Verweis auf offene Arbeitsstellen, Realitäten oder verpasste makroökonomische Chancen leider nicht ausreichend. Davon absehen sollte man natürlich dennoch nicht. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass nach acht und mehr Jahren Aufenthalt in Deutschland die Erwerbstätigenquote der geflüchteten Männer mit 86 Prozent die durchschnittliche Quote der männlichen Bevölkerung in Deutschland mit 81 Prozent übertrifft. Doch es wird nicht ausreichen. 

Gleiches gilt für Terrorakte: Langfristig betrachtet wird Deutschland sicherer. Es gab 1993 in Deutschland 1299 Morde. 2023 waren es der Polizeilichen Kriminalstatistik zufolge 704. Es ist nicht nur wahrscheinlicher, im Straßenverkehr, sondern auch durch den oder die eigene:n Partner:in zu sterben – vor allem wenn es ein Mann ist – als in einem Attentat. 

Dennoch lassen sich diese Todesursachen kaum vergleichen. Einerseits ist es ethisch stets fragwürdig, Tote gegeneinander aufzurechnen. Außerdem wirkt Terror emotional besonders erratisch. Dabei ist es derzeit ebenso zufällig, ob man gerade auf dem Fahrrad von einem rechtsabbiegenden LKW übersehen wird, oder nicht. Gegen Verkehrstote gäbe es immerhin einfache, funktionierende Maßnahmen: Warnsysteme, Installationen zur Erhöhung der Sichtbarkeit oder das umfassende Eindämmen von Motorverkehr in Innenstädten. Die Terrorbekämpfung ist vermeintlich komplexer und führt dadurch häufig zu strikter Ausgrenzung pauschalisierter Gruppen. 

Eine andere Reaktion zeigte Jens Stoltenberg, Norwegens damaliger Ministerpräsident nach den Attentaten von Anders Breivik. Auf der Trauerfeier sagte er: »Wir sind immer noch erschüttert über das, was uns getroffen hat. Aber wir geben niemals unsere Werte auf. Unsere Antwort ist: Mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität. Aber nie Naivität!« 

Die Herausforderung progressiver Kräfte besteht nun darin, neben dem Auflisten kühler Wahrscheinlichkeiten und Realitäten auch Emotionen anzusprechen und die konkreten Lebensumstände der Mehrheit zu verbessern. 

Show, don’t tell! 

Wir leben in Zeiten, in denen manche Demokratie nicht als positiven Selbstzweck erachten. So banal das klingt: Es ist zentral, nicht zu zeigen, sondern zu erleben, welche konkreten Vorteile es hat, in einer Demokratie zu leben. Versammlungsfreiheit, Redefreiheit, die Möglichkeit ökonomischer Selbstbestimmung und auch die Freiheit, ein Magazin wie dieses herauszubringen, sind vielleicht zu selbstverständlich geworden. 

Doch der konkrete Vorteil, der Demokratie-Faktor sozusagen, muss wieder greifbarer werden. Trotz der Notwendigkeit – und Sinnhaftigkeit – von Kompromissen und Koalitionen sollten Parteien einander deutliche Bereiche überlassen, sodass Wähler:innen zumindest teilweise die eindeutige Handschrift ihrer favorisierten Partei im Falle einer Regierungsverantwortung sehen. Dieser Faktor wird umso wichtiger, da die Anzahl der an der Koalition beteiligten Parteien auf verschiedenen Ebenen wohl steigen wird. 

Noch direkter spürbar wäre die eigene Stimme, könnte man sie direkt äußern – ganz ohne Repräsentant:in. Dafür braucht es nicht gleich einen Bürger:innen-Rat. Bürger:innenhaushalte binden nicht nur Menschen ein. Auch deren Entscheidungen sind zumindest für einen Teil des Haushaltes bindend. 

Apropos Geld: Eine aktuelle Analyse von 166 Wahlen in westlichen Demokratien seit 1980 kommt zu dem Schluss, dass eine Sparpolitik sowohl die Wahlenthaltung als auch die Stimmen für Randparteien erhöht. In Großbritannien korreliert das Erleben negativer Auswirkungen der Sparpolitik stark mit der Unterstützung für den Brexit. In Italien ließ sich ein Zusammenhang zwischen dem Abbau öffentlicher Dienstleistungen und der Angst vor Einwanderung nachweisen. 


Wo der Staat nicht mehr sichtbar ist, öffentliche Infrastrukturen erodieren, sind die Ergebnisse lange nicht nur an Straßen, Schulen oder Schwimmbädern sichtbar, sondern auch an den Wahlurnen. 

Wie kommt das Neue – und bleibt? 

Ob neue Parteien, charismatische Anführer:innen oder neue Ideen, die in den politischen Prozess eingebracht werden: Menschen und Ideen nutzen sich ebenso schnell ab, wie sich gleichzeitig Desillusion breit machen kann. Das kann eine schlechte Neuigkeit sein, weil Beharrungskräfte oder Pfadabhängigkeiten etwa auf fossile Energien pochen. 

Und ja: Es gibt systemische Widerstände, die nicht kleiner werden, sei es bei einer progressiven Steuerpolitik oder dem Entgegentreten gegenüber globaler Tech-Monopole. Gleichzeitig ist das eine gute Nachricht. Es ist gut, wenn etwa mit Wahlen nicht komplette Ministerien oder Verwaltungen personell ausgetauscht werden. Wenn Verwaltungsbeamt:innen unabhängig von der gewählten Partei für Stetigkeit und Stabilität sorgen. Die Langsamkeit demokratischer 

Prozesse durch aufwändige Entscheidungsfindung und dann ebenso aufwändige Durchführung gilt gemeinhin als Schwäche der Demokratie, ist jedoch auch ihre Stärke. 

Diese Entscheidungsfindung ist Wesen und Stärke der Demokratie. Wer sie schützen will, muss sie fair gestalten, übermäßig starke Partikularinteressen einhegen und sicherstellen, dass weiterhin die Vielen entscheiden. 

Dieser Artikel ist Teil unserer 10. Ausgabe. Hier bekommst du das Heft:


Text Marius Hasenheit & Sonia Hilpert Bild Yanjun Chen

Quellen 

Vielfalt sucht Repräsentation. Amts- und Mandatsträger*innen in der Kommunalpolitik 
Vielfaltsstudie Teil 3. Andreas Blätte, Laura Dinnebier und Merve Schmitz-Vardar. Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung. 2023 

Soziologe Steffen Mau – Warum der Osten anders tickt
Deutschlandfunk Kultur Tacheles Folge vom 15. Juni 2024 

Verbesserte institutionelle Rahmenbedingungen fördern die Erwerbstätigkeit 
Kurzbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, u.a. über den Beschäftigungsanteil unter Geflüchteten. Oktober 2024 

Does Austerity Cause Polarization? 
Evelyne Hübscher, Thomas Sattler & Markus Wagner. In: British Journal of Political Science. 2023 

Did Austerity Cause Brexit? 
Thiemo Fetzer. In: American Economic Review Vol. 109. 2019 

Geographies of Discontent: Public Service Deprivation and the Rise of the Far Right in Italy 
Simone Cremaschi, Paula Rettl, Marco Cappelluti & Catherine E. De Vries. 2022 

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