Digitale Freiheit für alle

Fast jeder nutzt Open Source-Software. Ohne sie gäbe es schließlich weder Youtube noch Instagram. Doch Open Source bedeutet mehr: Mit quelloffener, “freier” Software lässt sich der digitale Alltag selbstbestimmt organisieren.

Freiheit! Als Mel Gibson im Mittelalter-Epos „Braveheart“ diese Losung vorgibt, scheint die Welt noch einfach. Keine Computer, keine Software, keine digitalen Algorithmen. Im heutigen Leben hat „Freiheit“ noch ein paar Facetten hinzugewonnen. Und manchmal merken wir es gar nicht, wenn wir in unserer Freiheit eingeschränkt werden. Auch dir passiert das vielleicht in diesem Moment.

Wir sind in einem Netz von Software umsponnen. Den langen Hebel hat in fast allen Fällen die Firma. Nutzt du Windows? WhatsApp? Microsoft Word? Dann bist du mittendrin. Vielleicht hast du die Grenzen noch nicht gesehen. Aber spätestens, wenn die Entwickler:innen das Programm abschaltet oder deine Nutzungsrechte darin einschränkt, spürst du sie. Proprietäre bzw. „unfreie“ Software schränkt deine Freiheit ein.

Dabei geht es nicht darum, dass du dir als Nutzer:in den Quelltext ansehen oder gar selbst programmieren sollst. Es geht um die Nutzung. In den meisten Fällen wird die Leine gerade lang genug gelassen, dass du es nicht merkst oder irgendwann meinst, mehr brauche es ja nicht. In aller Regel darfst du der Software nicht hinter die Kulissen schauen, sie nicht vervielfältigen oder beliebig einsetzen. Im schlimmsten Fall machst du dich damit sogar strafbar.

Die digitale Welt mitgestalten

Das Open Source-System ist ein Rechtemodell für Soft- und Hardware. Werden diese Rechte etwa für eine Software festgelegt, kannst du diese als Nutzer komplett frei einsetzen, wann und wofür du möchtest. Programmierer:innen können den Quellcode auf speziellen Plattformen, GitHub zum Beispiel, ohne Beschränkungen und Kosten einsehen und nach eigenem Ermessen anpassen. Anwendungen können so von praktisch jeder und jedem mit- und weiterentwickelt werden, weit über den Zeitraum hinaus, als noch die ursprünglichen Entwickler:innen daran arbeiten. So kann beispielsweise alte Hardware weiter genutzt werden und trotzdem aktuelle Programmversionen erhalten.

Wo Software-Code frei zugänglich gemacht wird, können sich einzelne Personen und Firmen nicht die alleinigen Rechte an Technik oder Funktionalität sichern. Nichtsdestotrotz: Mit Open Source-Software kann aber auch direkt Geld verdient werden. Das beweisen etwa MySQL (Oracle) als Datenbankverwaltung, Cloudsysteme von Red Hat (IBM) oder auch Google Chrome, das auf dem freien Browser Chromium aufbaut und so nicht nur das Branding sondern auch die Verbreitung von Google als Standardsuchmaschine stärkt. Und sicherlich auch die einen oder anderen Daten über die Nutzer:innen an den Hersteller mitteilt.

Die meisten Menschen nutzen Open Source-Software täglich, wenn auch oft nicht bewusst. Das Internet hätte sich ohne die damals kostenlos zur Verfügung gestellten Grundtechniken wie das HTTP-Protokoll wohl kaum derart verbreitet. Vermutlich könnten sich nur Unternehmen die teuren Lizenzkosten zahlen – Privatleute hätten keinen Zugang. Streaming gäbe es nicht für Musik oder Filme. Es gäbe kein Google, Netflix, TikTok oder WhatsApp.

Frei im Sinne von Freiheit, nicht Freibier

Auch du nutzt ziemlich sicher Open Source-Software. Dein Browser ist Firefox oder Chrome? Du liest diesen Text, der mit der quelloffenen Datenverwaltung WordPress im Internet präsentiert wird – übrigens verwendet jede dritte Seite im Netz WordPress. 70% der Deutschen nutzen ein Android-Smartphone, dessen Betriebssystem Open Source ist und auf dem freien Betriebssystem GNU/Linux basiert. „Frei“ heißt hier übrigens nicht frei wie Freibier, sondern frei wie in Freiheit. Trotzdem kann das Programm kostenlos sein.

Open Source-Software verdankt sich zahlreichen Entwickler:innen, die sich gemeinsam für ein Softwareprojekt engagieren. Drew Hayes / unsplash

Im Gegensatz zu kommerzieller, proprietärer Software hat freie Software eine starke soziale Komponente: Sie ist unglaublich inklusiv. Du musst kein Geld ausgeben, sondern kannst dir die Software herunterladen und einfach so installieren. Bei gefülltem Geldbeutel darfst (und solltest) du aber gern an die Entwickler spenden. Viele Entwickler:innen arbeiten aus purer Überzeugung oder „für die Credits“ an Projekten mit, die Kosten und „Gehälter“ werden in der Regel über Spenden gedeckt. Die Entwickler:innen von Ardour zum Beispiel, einer freien Software zur Audiobearbeitung, werden aktuell von fast 5000 regelmäßigen Spender:innen mit über 11.000 US-Dollar monatlich finanziert. Einige Projektentwickler:innen können davon leben, andere müssen nebenbei zusätzliche Jobs machen. Es ist also ein zweischneidiges Schwert.

Und zwar für alle

Dieser Artikel ist auf einem geschenkten Laptop entstanden. Darauf läuft das frei verfügbare Betriebssystem Ubuntu. Mein Textprogramm heißt LibreOffice, mein Browser Chromium. Meine Dropbox heißt Nextcloud, Signal mein WhatsApp. GIMP ist mein Photoshop, Darktable mein Lightroom. Kostenlosen Zugang ins Internet gibt es übrigens auch (abseits von Cafés): Schau mal bei den Freifunkern, ob es einen WLAN-Hotspot in deiner Nähe gibt.

Natürlich gibt es noch viele Baustellen. Das Gute ist aber: Du kann mitmachen und Dinge verbessern, dazu gibt es auch einen direkten Draht zu den Entwicklern. Und du musst nicht gleich auf ein Linux-System wechseln, sondern kannst die meisten Programme auch unter Windows oder MacOS nutzen. Vielleicht nutzt du ja schon (unabsichtlich) ein Open Source-Programm, bist jetzt bereit den nächsten Schritt zu gehen und tauschst vielleicht die teure MS Office Suite gegen Libre Office? 

Selbst mit alter Hardware kannst du deinen Alltag problemlos stemmen. Surfen, Mailen, Videos streamen, Texte tippen, Games spielen (es gibt Steam für Linux!), Fotos bearbeiten, chatten, Videotelefonie – mehr brauchen die meisten nicht. Dank engagierter Open Source-Communities gibt es in vielen Bereichen Mittel und Wege abseits von hochpreisiger oder unfreier Hard- und Software. Du kannst auch ohne Geld an der digitalen Welt teilhaben. Und wenn du aus ideologischer Überzeugung dabei bist, lass den Entwicklern eine Spende da.

Eine echte Alternative

Open Source-Software ermöglicht im besten Fall nicht nur die komplett individuelle Verwendung der verfügbaren Programme, sondern kann auch die Sicherheit erhöhen – denn „Hacker“ weltweit (und nicht nur die Programmierer:innen der Firmen) überprüfen den Programmcode auf Hintertürchen für Spionage oder von bösen Hackern ausnutzbare Fehler im Code.

Der freie Zugang zu digitaler Infrastruktur und Wissen kann Menschen weltweit miteinander verbinden. Und überhaupt wäre die Welt eine andere, wenn „das Internet“ damals nicht für alle quasi frei verfügbar gewesen wäre. Wir sollten dafür sorgen, dass es so bleibt!


Claudius Grieger ist freier Autor, Redakteur, Übersetzer und bloggt für eine bessere Welt. cgrieger.org

Beitragsbild: Giulia May / unsplash

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