Wenn du Kinder bekommst, gibst du deine Freiheit auf – das habe ich oft gehört, gelesen und inzwischen selbst erfahren. Aber: Zwischen Windeln und Wäsche kann ich mein Elternsein selbst gestalten.
Auf meinem Schoß liegt das Schönste und Herausforderndste, das mir je begegnet ist: mein kleiner Sohn. Während er schläft, tippe ich in einer ergonomisch fragwürdigen Position diesen Text. Mein Rücken ziept, der Nacken zwickt, aber die Deadline rückt nah. Ehrlich gesagt würde ich gerne aufstehen und mich an den Tisch setzen. Aber der Kleine schläft am liebsten auf mir liegend.
Wenn ich noch ehrlicher bin, würde ich auch gerne mal wieder spontan zum Sport, auf eine Party oder eine Nacht durchschlafen. Kurzum: meine eigenen Bedürfnisse erfüllen, wann ich es möchte. Aber gerade bestimmt mein Baby den Takt – und das ist erstaunlich okay. Trotzdem wächst Tag für Tag der Wunsch, mein Leben wieder stärker selbst zu gestalten. Also mache ich mich auf die Suche: nach Wegen, wie ich als Mama meine Freiheit wiederfinde.
In der nächsten Buchhandlung lese ich mehrmals denselben Namen: Nora Imlau. Die Erziehungsexpertin hat mehr als zehn Bestseller über Kinder, Eltern und deren Beziehung zueinander geschrieben. „Die meisten Mütter empfinden den Freiheitsverlust in den frühen Jahren als belastend“, sagt Imlau.
Ja, sie spreche von Müttern. Natürlich gebe es Ausnahmen, aber im Schnitt gilt für die heteronormative Familie: Frauen übernehmen mehr Care-Arbeit als Männer, verbringen mehr Zeit mit der Kinderbetreuung und der Hausarbeit.
Laut einer Studie des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) von 2023 leisten Frauen im Schnitt rund 30 Stunden Care-Arbeit pro Woche, Männer hingegen 21 Stunden. Frauen verbringen dabei doppelt so viel Zeit mit Kinderbetreuung als Männer.
Gleich verteilte Freiheit
Imlaus überraschende Antwort, wie ich mehr Freiheit erhalte, lautet daher: gleichberechtigte Elternschaft. Wie das gelingt? “Familienpolitische Maßnahmen“, sagt Imlau. Sie sieht die Politik in der Pflicht und plädiert dafür, Anreize zu schaffen, dies beide Elternteile in gleichem Maße dazu verleiten, Elternzeit zu nehmen. „Mit der Verteilung der Elternzeit legen Paare meist die spätere Rollenverteilung fest“, so die Erziehungsexpertin. Denn es ergebe sich ein selbst bestätigendes System: Wer viel Zeit mit den Kleinen verbringt, wird die primäre Bezugsperson und dadurch von den Kindern bevorzugt. Diese Person – oft die Mutter – fühlt sich stärker für die Betreuung verantwortlich und stellt dafür die eigene Lohnarbeit, Hobbies oder Freundschaften zurück. Ich notiere mir: 1. Eine Partei wählen, die für gleichberechtigte Eltern eintritt.
Meine Elternzeit ist schon eingereicht, wie viel mein Partner im Anschluss nimmt, ist noch offen. Ich schreibe also auf: 2. Mehr Elternzeit von meinem Partner wünschen. Oder einfordern? Ich bin unsicher.
Der “Väterreport 2023” des BMFSFJ zeigt: Etwa die Hälfte aller Väter wünscht sich eine gleichmäßige Aufteilung der Kinderbetreuung. Allerdings gelingt es nur etwa einem Fünftel der Familien, das umzusetzen.
Genau da findet Imlau den nächsten Ansatzpunkt: die Traditionalisierungsfalle. Unsere Vorstellungen von Müttern und Vätern, Männern und Frauen sitzen viel tiefer, als wir es wahrhaben wollen. Was Mütter dürfen, was Väter müssen und sowieso Eltern alles sollen – all das gilt es zu hinterfragen.
Reflektieren und Justieren
Damit beschäftigt sich auch Sarah Hörnschemeyer. Sie ist psychologische Elternberaterin, Mutter von drei Kindern und meine Nachbarin. Sie erklärt: „Es ist wichtig, sich mit seiner Elternschaft auseinanderzusetzen und zu entscheiden, wie ich meinen Alltag gestalten möchte.“ Ohne diese innere Arbeit rutschen Familien schnell in traditionelle Rollen.
Diese können zeitweise passend sein: „Viele Mütter wollen schon hormonell bedingt anfangs sehr viel Zeit mit den Babys verbringen und die Einschränkungen stören sie nicht.“ Das kann sich aber ändern. Außerdem wünschen sich auch viele Väter heute eine gleichmäßigere Aufgabenteilung und mehr Zeit mit der Familie.
Deshalb sei es wichtig, sich regelmäßig zu fragen, ob die Rollenverteilung noch stimmig ist und wie sie sich ändern lässt. Das gilt für beide Elternteile. Für noch nicht gezahltes Elterngeld können Eltern ändern, wer es erhält und je nach Arbeitgeber kann Elternzeit verlängert, verkürzt oder erst kurzfristig eingereicht werden – das schafft Spielraum. Außerdem: Wie die Rollen außerhalb der Lohnarbeits-Zeit, also meist abends und am Wochenende, aufgeteilt wird, können Eltern jederzeit neu justieren.
Warum Väter nicht mehr Elternzeit nehmen, obwohl sie das wollen, hat laut BMFSFJ vor allem einen Grund: Die Einkommensverluste scheinen den Eltern zu hoch.
Meine eigene Mutter ist für die Kinderbetreuung zehn Jahre aus dem Job ausgestiegen und hat anschließend in Teilzeit gearbeitet. Ich erinnere mich daran, wie selbstverständlich ich mit der Schwangerschaft davon ausging, ein Jahr Elternzeit zu nehmen und danach in Teilzeit zu arbeiten. Auf meine Liste schreibe ich: 3. Rollenbilder und eigene Prägungen hinterfragen.
Den bequemsten Weg gehen
Was aber ist mit den Eltern, die ihre Aufgaben weitestgehend gleichmäßig verteilen, sich aber trotzdem im Hamsterrad aus Kita-Abholung und Kuchenbacken eingesperrt fühlen? “Unsere Freiheit beginnt im Kleinen”, sagt Imlau. Sie meint damit zum Beispiel, wie viel wir aufräumen, putzen oder wo wir einkaufen. Ihre Empfehlung: „Hilfe einkaufen, wenn es möglich ist. Zum Beispiel eine Haushaltshilfe oder eine gute Kinderbetreuung.“ Das sei natürlich nicht für alle Familien im Budget. Außerdem kann es dazu führen, soziale Ungleichheiten zu vergrößern.
Im Sinne des intersektionalen Feminismus kritisiert die Autorin Emilia Roig beispielsweise, dass die erhöhte Beschäftigungsrate von weißen Frauen im Schnitt dazu führt, dass mehr Frauen mit Migrationsgeschichte als Reinigungskräfte, Betreuerinnen und Haushaltshilfen arbeiten und dadurch Aufstiegschancen verwehrt bleiben. Imlau betont: „Freiheit im Familienalltag hat nicht nur mit Verhalten und Mindset zu tun, sondern mit Ressourcen, sozialer Stellung und Privilegien.“
Weil diese ungleich und häufig auch unfair verteilt sind, gebe es keine pauschale Antwort darauf, wie Eltern sich Freiheiten schaffen. Grundsätzlich gilt laut Imlau aber: Eltern dürfen sich das Leben so einfach wie möglich machen. Für mich bedeutet das: 4. Einkäufe liefern lassen, Wäsche nicht trennen, staubsaugen statt wischen.
Verantwortung statt Vergleiche
Alltagsabläufe anpassen ist allerdings nur der Anfang. „Eine bewusste Elternschaft beginnt mit der Entscheidung, etwas verändern zu wollen und dafür die Verantwortung zu übernehmen“, sagt Hörnschemeyer. „Wie viel ich putze, mit wem ich mich vergleiche und an wem ich mich orientiere, sollte ich mir bewusst machen.” Das gelte zum Beispiel auch für Social Media: „Wir können gezielt entscheiden: Dem Account folge ich nicht mehr“, schlägt sie vor.
Auch Imlau plädiert dafür, aktive Entscheidungen zu treffen, und zwar auch unpopuläre. „Wer frei sein will, muss Konventionen hinterfragen. Ich habe selbst vier Kinder und bin berufstätig. Manchmal verpasse ich eben das Krippenspiel, weil ich in Berlin bei einer Besprechung bin“, erzählt sie. Trotz der Blicke und Kommentare anderer Eltern, wenn wieder der Papa in der Kita auftaucht, sei es ihr das wert.
Es gibt eine vermeintliche Norm, was Eltern mögen und wie sie sich verhalten“, so Imlau. Wer versuche, diese zu erfüllen, handle nicht nach seiner inneren Freiheit. Sie empfiehlt zum Beispiel, gekaufte statt selbstgemachte Muffins zum Fest mitzubringen, wenn das Backen belastet. Stattdessen können Eltern in dieser Zeit dem eigenen Hobby nachgehen.
Eine Mama, die keinen Kuchen backt? Klingt revolutionär und genau nach mir, denn ich habe fünf Jahre in einer WG mit kaputtem Backofen gelebt und nichts vermisst. Inzwischen bin ich umgezogen, aber – Achtung, sozialer Überlebenstipp – manchmal verwende ich den kaputten Backofen immer noch als Ausrede, wenn ich keine Lust habe, mich in die Küche zu stellen. 5. Kuchen kaufen statt selber backen, schreibe ich auf und male mir aus, wie ich nach einer Stunde Yoga tiefenentspannt mit Edeka-Muffins bei einem Kindergeburtstag aufschlage.
Der richtige Umgang mit Stress
Es klingt so einfach: machen was ich will, statt was andere vermeintlich erwarten. Genau das ist schließlich Freiheit – ob mit Familie oder ohne. Im Alltag ist trotzdem oft der ausgetretene Weg der einfachere. Denn Verhalten ändern, Routinen hinterfragen, sich selbst reflektieren – das kostet Energie, die vor allem in der stressigen Kleinkindphase fehlt.
Viele Menschen wissen, was ihnen guttut: zum Beispiel weniger Zeit am Handy verbringen und mehr in die Natur gehen. Im Alltag ist es dann aber oft einfacher, zwei Liter Kaffee zu trinken“, sagt Hörnschemeyer. Grund dafür: das Stresslevel. Für sie liegt daher der Schlüssel zum bewussten, freien Elternsein im Stressmanagement.
„Du kannst das Leben nicht kontrollieren. Es geht deshalb nicht darum, allen Stress zu vermeiden, sondern zu lernen, damit umzugehen“, so die Elternberaterin. Und das geht so: „Am besten setze ich mich in einer ruhigen Zeit bewusst Stress aus“, erklärt Hörnschemeyer. Dann sei es leichter zu beobachten, wie die eigene Reaktion ausfällt und neue Verhaltensweisen zu üben.
Es muss nicht anstrengend sein und wahnsinnig viel Zeit brauchen“, so Hörnschemeyer. „Es reicht, auf einzelne Situationen zu gucken. Zum Beispiel meckere ich vielleicht mein Kind an, weil mein Papa das so gemacht hat, möchte das aber nicht. Sobald ich das beobachtet habe, ist es leichter, es zu ändern“, sagt sie.
Schritt für Schritt ergebe sich eine Positivspirale. Sobald die ersten kleinen Erfolge eintreten, werden Eltern motivierter und selbstsicherer, weitere Verhaltensweisen zu ändern. „Kinder sind eine gute Motivation dranzubleiben, denn sie spiegeln stetig, wie es gerade läuft“, so Hörnschemeyer. 7. Umgang mit Stress üben, schreibe ich auf und beschließe heute Abend Pizza zu bestellen und statt zu kochen in Ruhe meinen Text zu schreiben: am Tisch, mit geradem Rücken.
Text: Julia Schaechtele
Illustrationen: Marie-Pascale Gafinen
Quellen
Elterngeld: Väter beantragen häufiger als früher, aber weiterhin deutlich seltener als Mütter. Statistisches Bundesamt, 2024. (Zur Pressemitteilung)
Väterreport 2023. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2023. (Zum Bericht)
Gender Care Gap – ein Indikator für die Gleichstellung. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2024. (Zum Text)
Viele Eltern am Limit – Stresslevel steigt weiter. KKH Kaufmännische Krankenkasse, 2024. (Zur Pressemitteilung)
Weiterlesen
Bindung ohne Burnout. Wie Eltern sich selbst und ihre Kinder stark machen. Nora Imlau, 2022. Beltz Verlag. (Zum Buch)
Für eine Revolution der Liebe. Das Ende der Ehe, Emilia Roig, Ullstein Verlag, 2023. (Zum Buch)






