Nature is trash. Deal with it!

Die Trennung von Mensch und Natur ist sinnlos. Das demonstriert ein Naturschutzgebiet, das erst durch Müll zu einem solchen geworden ist. Auf in das Ahrensburger Tunneltal.

Nature is dead! Soviel sei gleich zu Beginn gesagt. Dass mich diese Erkenntnis gerade dann trifft, wenn ich auf der Flucht vor der Großstadt und vor meinem stressigen Studentenleben den Weg in die Natur antreten will – geschenkt. Dabei sollten die Akkus doch beim Waldbaden in einem naheliegenden Naturschutzgebiet richtig vollge­tankt werden. Endlich der Stadt und ihren Menschen entkommen und einfach mal die Seele baumeln lassen.

Mein Ziel liegt als Kontrast zum ansonsten urbanen Hamburger Randge­biet eingebettet zwischen Siedlungen. Eine vom menschlichen Einfluss be­freite Enklave der Natur. Am Ende der letzten Eiszeit lag über dem heuti­gen Naturschutzgebiet Ahrensburger Tunneltal ein bis zu 300 Meter hoher Eisschild. Als der Gletscher abtaute, formte das abfließende Schmelzwas­ser ein unregelmäßiges Tal in den Untergrund, das heute von Bruchwäl­dern, Schilfflächen und Hochmoorresten überwachsen ist. Eine Bahntrasse trennt diese Oase der Natur von einem betonierten Pendler:innenpark­platz mit angrenzender Fast Food­Filiale ab.

Ein Fremdkörper in der Natur

Als ich diese Szenerie betrete, zerstört Müll mein Harmoniebedürfnis. Überall auf dem Parkplatz verstreut liegt Verpackungsmüll aus der FastFood­Filiale. Auf der eisernen Bahnbrücke, dem Fluchtweg in das Natur­schutzgebiet, liegen braune Papiertüten, Burgerschachteln und Eisbehälter. Aus einem Plastikdöschen quillt süß­saure Soße und läuft in klebrigen Fäden die Treppenstufen hinab. Der Luftzug der vorbeifahrenden Re gionalbahnen weht den Müll von der Brücke Zug für Zug, Stück für Stück ins Gleisbett. Es bleibt ein Band aus Müll entlang der Bahntrasse zurück; die dreckige Grenze zwischen Siedlungsgebiet und Natur.

Diese Szenerie der Gegensätze, der schwelende Konflikt zwischen Mensch und Natur, der nur durch die Bahntrasse gebändigt zu werden scheint, ist Sinnbild für unsere moderne Naturbeziehung. Wir sind akri­bisch darauf bedacht, uns in unseren modernen Wissenspraktiken von der Natur abzugrenzen. Während wir die Natur als transzendent, also als eine quasi religiöse übergeordnete, universelle Einheit betrachten, ent­werfen wir unsere Gesellschaft als eine subjektive Konstruktion aus so­zialen Beziehungen.

Der französische Soziologe Bruno Latour beschreibt unsere moderne gesellschaftliche Verfassung als Wissensstruktur, die durch die künstliche Trennung der kulturellen von der natürlichen Welt geprägt ist.

Natürlichkeit ist kollektive Einbildung

Unsere moderne Gesellschaft versteht die Natur als schützenswerten re­gelmäßigen und rhythmischen Ablauf, der durch das historische Auftre­ten des Menschen gestört wurde. Um diesen Ablauf wieder in das vor­menschliche Gleichgewicht zurück zu führen, managen wir die Natur, mit dem Konzept der Naturschutzgebiete. Das Ahrensburger Tunneltal dient somit als Abbild einer imaginierten Natur – einer Natur, in die es sich zu fliehen lohnt, um sich für einen Augenblick von unseren zivilisatorischen Problemen zu befreien. Die Natur wird als etwas erdacht, das außerhalb von sozialen Beziehungen verortet ist und somit im Gegensatz zur modernen Großstadt steht. Das Ahrensburger Tunneltal erscheint als Insel der Ursprünglichkeit, als Rückzugsort für Tiere und Pflanzen.

Dieser Text ist Teil unserer achten Ausgabe. In der geht es um Schmutz und Sauberkeit in allen gedanklichen Dimensionen, Phantasien, Putzkollektive und Lösungen für einem saubere Umwelt. Abgerundet wird das Ganze mit Tips für das Gute Leben, garniert mit einem Spritzer Rebellion.

Diese Naturvorstellung beruht jedoch auf einem Bündel sich widerspre­chender neoromantischer Zuschreibungen. Unsere kollektive Wahrneh­mung unterliegt der Einbildung, das Naturschutzgebiet sei dem mensch­lichen Einfluss und dessen transformativer Kraft entzogen. Dieser Entzug geschieht durch soziale und politische Prozesse: Hunde sind anzu­leinen, Menschen müssen auf den angelegten Wegen gehen und der » Ein­trag « von Müll ist » explizit « untersagt. Die Natur wird als Gegengewicht

Unsere kollektive Wahrnehmung unterliegt der Einbildung, das Naturschutzgebiet sei dem menschlichen Einfluss und dessen transformativer Kraft entzogen.

zum ansonsten urbanen Raum konserviert. In der Landesverordnung über das Ahrensburger Tunneltal ist festgeschrieben, dass das Natur­schutzgebiet der Erhaltung eines beispielhaften, eiszeitlichen Tunneltals diene. Die Natur sei hierfür in ihrer Ganzheit zu erhalten, zu entwickeln und wiederherzustellen. In diesem Spannungsfeld zwischen » ganzheitli­cher Natur « und dem sie bedrohenden urbanen Raum sind Fast Food­Ver­packungen ein höchst unerwünschter Fremdkörper – noch dazu, wenn sie sich quasi auf der Türschwelle zu eben jener erhaltungswürdigen Na­tur aufreihen.

Die Fassade der Natürlichkeit bröckelt

Dabei untergraben Wildschweine täglich die Grenze zwischen Mensch und Natur. Sie wandeln auf Wildwechseln zwischen einem dichten Erlenbruchwald und der Bahntrasse. Dort suchen sie in unserem Müll nach Essbarem und schleppen dabei Verpackungen ins Naturschutzge­biet. Unser Einfluss auf das Naturschutzgebiet offenbart sich in einer bei­gen Tragetüte, eingegraben in eine frische Wühlstelle am Wegesrand. Oder in einem Eislöffel aus Plastik, der halb untergewühlt in einem tief in den Erlenbruch hinein führenden Wildwechsel steckt.

Der Versuch, das Menschliche penibel aus dem Naturschutzgebiet zu ent­fernen, ist gescheitert. Die einstige glaziale Rinne genießt durch das Vor­kommen des streng geschützten Kammmolches den höchsten Schutzsta­tus auf europäischer Ebene. Dabei ist Biodiversität nicht per se ein Indikator für die Natürlichkeit eines Gebietes, sondern beschreibt oft­mals eine fiktive menschliche Naturvorstellung. Diese romantisierte Na­tur zeichnet sich durch einen möglichst hohen Artenreichtum aus.

Knicks sind künstliche, dicht bewachsene Wallhecken, die als Einfriedung von Feldern landschaftsprägend in Deutschland sind.

Im Ahrensburger Tunneltal werden daher in bestimmten Zeitabständen Knicks, Niederwälder und andere Gehölze von Menschen beschnitten, um sie zu verjüngen und die Natürlichkeit durch charakteristische Arten zu erhalten. Somit werden menschliche Eingriffe vorausgesetzt, um unse­re romantische Vorstellung von Natur zu konservieren.

Bereits Karl Marx lehnte eine Trennung von Mensch und Natur ab. Statt­dessen erklärte er, dass der Mensch als Teil der Natur auf seine Umwelt einwirke und diese durch seine Körperkraft verändere. Mit der Besied­lung der Erde durch den Menschen würde so immer mehr ursprüngliche Natur transformiert. Es entstünde eine Wechselbeziehung, in welcher sich die Menschen mit der Natur verbinden, bis sich dieser vermeintliche Gegensatz auflöst und vielfältige Gesellschaftsnaturen entstehen. Dabei prägen wir die Struktur unseres Heimatplaneten bis in den letzten Win­kel. Eine Natur, unberührt vom menschlichen Einfluss, ist nicht mehr existent. Wir leben im Anthropozän.

Müll schafft Natur

Die komplexen Gesellschaftsnaturen des Anthropozäns zeigen sich auch im Ahrensburger Tunneltal, wo ein Wanderweg die eiserne Bahnbrücke, mit den Überresten einer mittelalterlichen Burganlage – der Burg Arnes­velde verbindet. Der Einfluss des Menschen führt bis zur erste Besied­lung dieses Gebiets durch eiszeitliche Menschen vor etwa 14.000 Jahren zurück. Die späteiszeitliche Rentierjäger:innen brachten den ersten Müll. Nicht nur Essensreste blieben liegen, sondern auch kaputte Geräte und Werkzeuge wurden weggeworfen.

Der Begriff der Gesellschafts- naturen versucht einen Zustand unserer modernen Wirklichkeit zu fassen, in dem natürliche und gesellschaftliche Realitäten nicht mehr getrennt voneinander, sondern vielmehr als zutiefst ineinander verwoben betrachtet werden.

Fast 14.000 Jahre später verhalf dieser eiszeitliche Müll dem Gebiet zu unverhoffter Berühmtheit. Der besagte Wanderweg ist nach dem Archäologen Alfred Rust benannt. In den 1930ern grub er im Ahrensburger Tunneltal Stein­, Holz­ und Knochenge­rät aus. Damit belegte er erstmals die Anwesenheit der eiszeitlichen Men­schen in einem so nördlichen Gebiet. Die Entdeckung machte das Tal un­ter Archäolog:innen weltberühmt und bewahrte das Gebiet vor der Zerstörung durch Abtorfung, also der Gewinnung von Torf durch Tro­ckenlegen und Abgraben der Moorgebiete. Der eiszeitliche Müll bewahr­te dem Kammmolch seinen heutigen Lebensraum.

Die von Rust entdeckten Rentiergeweihe zieren bis heute die untere Hälfte des Ahrensburger Stadtwappens. Die obere Hälfte ziert die ehema­lige Burg Arnesvelde, der die Stadt ihren Namen verdankt. Aufgeschütte­te Wälle, Gräben, sowie die Burganhöhe zeugen im Tunneltal bis heute von der anthropogenen Überprägung des Gebietes. Diese historischen Überreste der einstigen Burganlage sind als Schuttwälle müllgeworde­ner mittelalterlicher Bausubstanz heute von einem dichten Buchenwald überwuchert und dennoch in ihren Umrissen eine Attraktion des Ahrensburger Tunneltals.

Wir tragen Verantwortung für unsere Gesellschaftsnaturen

Ob Mikroplastik in unseren Meeren oder Genveränderungen in unseren Pflanzen. Überall sind die Spuren des Menschen eingedrungen. Es gibt kei­ne transzendente, uns behütende Mutter Erde mehr. Kein von uns unab­hängiges natürliches Gleichgewicht, auf das wir uns berufen können. Na­turschutzgebiete sind nicht natürlich und Städte nicht menschlich, sondern durch unsere kulturelle Transformation fest miteinander verwo­ben. Dies ist nun aber sicherlich keine Aufforderung, euren Müll einfach liegen zu lassen. Ganz im Gegenteil zeigt das Anthropozän, dass wir radi­kal verantwortlich sind für die Gesellschaftsnaturen, die wir erschaffen.

Text: Jascha Deeken
Bild: Hulki Okan Tabak auf Unsplash

Zur Person

Gastautor:in
Jascha Deeken hat seine Bachelorarbeit an der Uni Kiel über die soziale Konstruktion von Müll geschrieben. Dafür hat er im Ahrensburger Tunneltal geforscht. In seinem Master beschäftigt er sich mit Themen der politischen Ökologie und der politischen Ökonomie.

Quellen

In the nature of cities. Urban Political Ecology and the politics of urban metabolism.
N. Heynen., M. Kaika und E. Swyngedouw,
Taylor & Francis, 2006

Landesverordnung über das Naturschutzgebiet » Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal «
vom 16. August 1982, Schleswig-Holstein

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