Es sind andere, die uns Namen geben, aber sind es nicht wir selbst, die uns am besten kennen? Selbstbestimmung beginnt bei Selbstbezeichnung!
Die meisten Eltern machen sich viele Gedanken darüber, wie sie ihre Kinder nennen. Da werden Bücher und Internetseiten durchforstet, Listen erstellt, da wird gehadert und gestritten – denn der Name soll schließlich perfekt sein und das meistens über die reine Ästhetik hinaus.
Er soll die selbsterfüllende Prophezeiung sein, des Glücklichens oder der Hoffnung, oder zumindest ein bisschen was vom guten Leben oder Charakter von Vorbildern, Ikonen oder Verwandten mitgeben. Er verkörpert die besten Wünsche und Pläne für eine rosige Zukunft des Kindes; er ist das Stück Elternhaus, das an einem für immer haften bleiben wird. Dass ein Name auch gesellschaftliche Relevanz hat, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Namen wie Kevin und Mandy für ihre Träger*innen schlechtere Chancen in der Schule, auf der Jobsuche oder Dating-Portalen bedeuten.
Es sind immer andere, die uns Namen geben
Gelegentlich durchbrochen wird die Dauergültigkeit unseres Namens durch Spitznamen. Sie können als Kosename unsere besondere Zärtlichkeit gegenüber einem anderen Menschen ausdrücken. Oder – im negativen Fall – unsere besondere Gehässigkeit, eine andere Person durch einen Namen klein zu halten oder zu machen. Aber wie sie auch gemeint sind, auch hier scheint es ausgemacht, dass das natürliche Anrecht auf die Namensgebung bei anderen liegt. Beim Spitznamen verlagert sich diese Kompetenz nur von den Eltern zum weiten sozialen Umfeld. Nicht aber zu der namenstragenden Person selbst.
Dabei sind viele Menschen mit ihrem Namen – sei es der offizielle oder der Nickname – recht zufrieden oder haben sich zumindest mit ihm arrangiert. Wir fangen an, Dinge zu mögen, die wir wiederholt wahrnehmen – Studien bestätigen diesen „mere exposure-Effekt“, der sicherlich auch dieses Phänomen zu Teilen erklärt. Viele Menschen reagieren bei falscher Ansprache oder Anschrift sogar beleidigt; es löst das Gefühl aus, nicht „gesehen“ zu werden, also nicht als die Person wahrgenommen zu werden, die man ist.
Aber was, wenn der Name nicht passt? Oder nicht mehr richtig bzw. noch nicht ist? Oder gerade nicht gefällt? Wenn der Name also mit der komplexen Bedeutung einer Person nicht vereinbar ist – oder der mitgebrachte Komplex an Bedeutungen eben nicht stimmig?
Die große Freiheit des neuen Namens
Eine Namensänderung kann eine Chance sein, nämlich die Chance zur Veränderung oder zur eigenen Neudefinition. Ich kenne Menschen, die mit ihrem Umzug in eine neue Stadt auch von ihrem ersten auf den zweiten Vornamen gewechselt sind. Ein anderer Name hilft, in eine neue Rolle zu schlüpfen (viele Kinderspiele involvieren das Spiel mit anderen Namen) oder eine alte Rolle abzuschütteln. Die Änderung des eigenen Namens kann auch für manche Menschen notwendig sein, um ihrem eigenen Selbst näher zu kommen. Das muss alles nichts mit dem Geschlecht zu tun haben.
Allerdings hat das Geschlecht, mit dem ein Name (fast immer) belegt ist, eine besonders starke Assoziativkraft. Sofort ordnen wir alles, was wir unter dem Komplex Frau oder Mann verstehen, diesem Namen zu.
Je stärker die zugeschriebenen Geschlechterrollen innerhalb einer Gesellschaft sind, desto zentraler steht die Änderung des Namens in einen andersgeschlechtlichen oder geschlechtsneutralen eben auch für eine andere Positionierung in der Welt.
Der Name ist Verwaltungssache
Doch all diese Möglichkeiten werden übergangen von dem scheinbar so klaren Anrecht anderer, uns zu benennen. Dabei ist es nicht nur so, dass andere Personen wie selbstverständlich unsere Namen aussuchen, wir fühlen sogar eine gewisse Peinlichkeit, wenn wir uns selbstbezeichnen wollen. Man macht sich Gedanken, ob man sich in einer fremden Gruppe oder auf Arbeit mit dem Spitznamen vorstellen kann, ob das „angemessen“ ist. Ich erinnere mich an eine Person, die belächelt und bespöttelt wurde, weil sie von nun an lieber mit dem Namen angesprochen werden wollte, den ihre Großmutter für sie früher benutzte. Die wenigsten Menschen trauen sich nicht, sich selbst einen Spitznamen zu geben und wenn doch müssen sie fürchten, dass er von anderen nicht genehmigt wird.
Was den offiziellen Vornamen angeht, so ist es noch erheblich schwieriger. In Deutschland lässt sich dieser nur aus einem „wichtigen“ Grund ändern, zum Beispiel wenn er anstößig, lächerlich, schwierig zu schreiben ist oder – mit Gutachten – bei trans*-Personen, also Menschen, die sich mit einem anderen als ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Das Ganze mit Antrag beim Amt und der Möglichkeit eines Ablehnungsbescheids. Eine Verwaltungsvorschrift und die Interpretation einer Standesbeamtin entscheiden am Ende darüber, welcher Grund wichtig genug ist.
Für ein Recht auf Selbstbenennung
Sicher, einen selbstgewählten Namen mögen andere wiederum anders wahrnehmen als man selbst. Das hängt eben von ihren spezifischen Erinnerungen, etwa Bildern oder Gefühlen ab, die den Namen für sie besetzen. Aber abgesehen davon: Welche Bezeichnung für einen Menschen ist wohl die passendste, beste, zutreffendste – sofern sie sich überhaupt auf einen Begriff reduzieren lässt, wenn nicht die Bezeichnung, die er sich selbst gibt? Bei der Bezeichnung von Gruppen haben viele mittlerweile erkannt, dass es eine Frage des Respekts ist, sie mit selbstgewählten und nicht fremdbestimmten Namen zu benennen. Mit dem klaren Anrecht von Individuen auf Selbstbezeichnung tun wir uns aber noch schwer.
Namen sind nicht Schall und Rauch; sie sind die Überschrift unserer Person als Ganzes – für uns selbst und andere – und sie haben gesellschaftliche Relevanz. Deswegen ist es wichtig, dass Personen ihren Namen auch qua Selbstbezeichnung selbst bestimmen dürfen. Das gilt sowohl für den Freund*innen- und Familienkreis, in der Ausbildung oder im Berufsleben, vor Fremden und Bekannten als auch für den formalen Eintrag in offiziellen Dokumenten. Eine Änderung – ohne Begründung – muss möglich sein und das ohne Widerstand des Umfelds oder übermäßige bürokratische und finanzielle Hürden.
Ohne Gutachten und ohne amtliche Erlaubnis, kommuniziert nur zur Inkenntnisnahme und Implementierung. Die Forderung nach dem Recht auf Selbstbenennung umfasst auch, dass wir den Namen verwenden, mit dem sich eine andere Person auf einer Party vorstellt oder mit dem sie in einer Email unterschreibt, sei es ein Spitzname oder nicht. Es beinhaltet, einen Namen so zu schreiben und auszusprechen wie eine Person das vorgibt. Und es umfasst, dass wir bei unseren (nett gemeinten) Namen für andere aufmerksam dafür sind, ob diese überhaupt so genannt werden möchten (und im Zweifel nachzufragen).
Wenn eine Person mit einem anderen Namen als bisher angeredet werden möchte, bedarf das keiner Rechtfertigung. Es ist eine Entscheidung, die von allen anderen anzuerkennen, das heißt umzusetzen, ist – wobei Umsetzung hier zwar kein hinreichendes Kriterium für Anerkennung, zumindest aber ein notwendiges ist. Und das alles ohne diese Selbstbenennung zu belächeln, zu hinterfragen oder sich sonst irgendwie zu verhalten als gäbe es da irgendein Mitspracherecht. Die Grenzen des Rechts auf Selbstbezeichnung sind erst dann erreicht, wenn andere Menschen tatsächlich davon negativ betroffen sind, z.B. im Fall der Verwendung historisch besetzter Namen.
Bei Namensänderung nach Hochzeiten wird der neue Name nach ein wenig Übungszeit in der Regel ohne viel Aufhebens benutzt. Die Anstrengung im Sinne von Aufmerksamkeit, die für die Umgewöhnung nötig ist, wird im Fall des angeheirateten Namens ohne Beschwerden des Umfelds unternommen. Niemand fühlt sich dadurch eingeschränkt. Diese Selbstverständlichkeit brauchen wir auch bei Vornamen.
Wer selbst die Wichtigkeit einer solchen Selbstbezeichnung nicht ganz nachvollziehen kann, etwa weil der eigene Name eben zufällig ganz gut passt, dem sei ans Herz gelegt, anderen zuzuhören: anderen, denen ihr Name Unbehagen bereitet und denen eine korrekte Ansprache immens wichtig ist.
Unter trans*-Personen habe ich erlebt, dass neue Namen von Personen oft sehr schnell umgesetzt werden – und das nicht, weil sie die kognitiv fähigeren Menschen wären, sondern weil sie die Wichtigkeit des eigenen Namens verstehen. Es ist eine Frage der Empathie. Denn unser Name ist der Begriff, den wir mit der Bedeutung unseres gesamten Seins füllen. Diesen Begriff sollte sich jeder Mensch selbst aussuchen dürfen.
Text: Nick arbeitet zu Themen der nachhaltigen Entwicklung und engagiert sich für LGBTI*-Angelegenheiten von Leipzig aus.
Titelbild: CC, Juan Galafa, unsplash