Von Pauline Kohlhase

Ran an die Moneten

In Finanzkollektiven teilen sich Menschen ihr Geld außerhalb von Kleinfamilie und Partnerschaft. Die Mitglieder schmeißen ihre Einnahmen in einen Topf und nehmen sich was sie brauchen. Wie geht das gut?

Das eigene Geld mit anderen zu teilen, scheint für viele zunächst widersinnig. Schließlich hat man dafür hart gearbeitet! Oder ein­fach gut geerbt? Die Mitglieder der Finanzcoop (FC) wollen mit ge­meinsamer Ökonomie die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus ausglei­chen, indem sie ihr Geld zusammenlegen und sich nach Bedarf nehmen. Auslöser für das Finanzexperiment war ein gemeinsamer Museumsbe­such, als die FC­ler noch Mitbewohner*innen einer gewöhnlichen Göttin­ger WG waren. Was für die einen eine ganz normale Freizeitbeschäfti­gung war, konnten sich andere nicht leisten – und es war auch nicht Teil der Sozialisation. Die Mittel, die wir zur Verfügung haben, bestimmen schließlich, was für ein Leben wir führen können.

Die FC besteht mittlerweile seit über zwanzig Jahren. Zu den sieben Er­wachsenen haben sich vier Kinder gesellt. Das Kollektiv lebt nicht mehr zusammen in Göttingen, sondern an vier Orten in ganz Deutschland ver­teilt. Ihr Geld teilen sie trotzdem noch. Dafür zahlen alle ihre Einkünfte auf ein gemeinsames Konto ein. Alle vier bis sechs Wochen verbringt die FC ein Wochenende zusammen und diskutiert anstehende Fragen. Über ihre Erfahrungen haben die sieben ein Buch geschrieben und damit ande­re für die Idee begeistert. Zum Beispiel eine Gruppe aus Dresden.*

*Diese Stadt und alle Namen von Personen in diesem Artikel wurden von der Redaktion geändert.

Gleich und gleicher

Die Einnahmen und Ausgaben,
die den täglichen Bedarf
abdecken, fasst man unter
Alltagsökonomie zusammen.

Hier teilen sich vier junge Menschen ihr Geld. Sie sind begeistert von der Idee, Solidarität und Revolution im Alltag zu leben. Beim ersten Treffen wurde den vier schnell klar, dass ganz schön viel dranhängt am Thema Geld. Da landet man ganz fix bei Fragen wie: Welche Rolle spielt Geld im eigenen Leben? Mit wie viel Geld fühlt man sich sicher? Für welche Dienstleistung oder Tätigkeit wird wie viel bezahlt und ist das eigentlich gerecht? » Wir reden gar nicht so viel über Geld, sondern über die Tätig­keiten, die wir machen wollen «, erklärt Lena. Sie und ihre Mitstreiter*in­nen versuchen, ihren Alltag so zu strukturieren, dass mit den zusammen­gelegten Einnahmen die Bedürfnisse aller erfüllt werden können. Bisher funktioniert das ganz gut, » wir sind in der glücklichen Lage nicht jeden Cent umdrehen zu müssen «, sagt sie.

» Wir reden gar nicht so viel über Geld, sondern über die Tätigkeiten, die wir machen wollen. «

Damit nicht einige Kollektivmitglieder am Ende des Tages doch gleicher sind als die anderen, ist es eigentlich sinnvoll, auch mitgebrachtes Vermögen, anfallende Erbschaften, und vorher entstandene Schulden zu kollektivieren. » Es geht darum, gemeinsam durchs Leben zu gehen. Sich nicht im Einzelkämpfermodus durchzuschlagen, « so Lena. Weil es aber doch ein großer Schritt ist, das gesamte Vermögen mit anderen zu teilen, haben sich die Dresdner*innen eine Übergangsfrist gesetzt. Sie fangen mit einer Probezeit an, und wollen dann noch einmal über das Thema Vermögen sprechen.

Analog zur Alltagsökonomie bezieht die Vermögensökonomie alle Ersparnisse und Schulden mit ein.

Die FC­ler haben es so gelöst, dass das Vermögen zwar noch den Einzel­nen gehört, jedoch nicht ohne Absprache mit den anderen ausgegeben werden kann. Zudem muss es nach gemeinsam festgelegten Kriterien an­gelegt werden, und erwirtschaftete Zinsen gehen an das Kollektiv. In vie­len Wohnprojekten gibt es Regelungen, wonach das Vermögen über ei­nen mehrjährigen Zeitraum hinweg langsam in das Kollektiv überführt wird. Hier sind geteilte finanzielle Ressourcen an das Zusammenleben ge­knüpft. Deshalb gibt es oft einen Ausstiegsvertrag, der regelt, was bei ei­nem Auszug mitgenommen wird.

» Es geht darum, gemeinsam durchs Leben zu gehen. Sich nicht im Einzelkämpfermodus durchzuschlagen. «

Gemeinsame Ökonomie Light

Es gibt unzählige Ansätze von gemeinsamer Ökonomie, kurz auch Gemök genannt. In einer abgespeckten Version zahlen alle Mitglieder etwa nur einen Teil ihres Einkommens in den gemeinsamen Topf. Neben bedürfnisorientierten Modellen gibt es auch Projekte bei denen allen die gleiche Summe ausgezahlt wird – quasi ein gruppen- finanziertes Grundeinkommen.

Wem das alles zu viel Verpflichtung ist, kann es mit der Light­Variante ver­suchen , wie sie eine WG in Berlin seit ein paar Jahren betreibt. Aktuell ist die Gruppe zu dritt. Auch sie teilen sich ihr Geld solidarisch miteinander, allerdings mit wenig Aufwand und ohne das Ganze als wirklich langfristiges Projekt zu denken. Sie haben ihre » Gemök « an den Berliner WG-­Alltag angepasst: Mal steigen Mitbewohnerinnen aus, mal zieht je­ mand neues ein und wird auch in das Finanzkollektiv aufgenommen. Die drei Mitbewohnerinnen zahlen von ihren Privatkonten die Miete und ihre regelmäßige Ausgaben wie die Beiträge für die Krankenkasse. Was dann noch übrig bleibt, landet als Bargeld in einer kleine Holzbox im Flur. Aus der können sich dann alle bedienen. Jede*r weiß, wie viel die anderen ein­ zahlen. Über die Ausgaben wird kein Buch geführt. Nur bei größeren An­ schaffungen über 100 Euro sprechen sich die Gruppenmitglieder ab.

Für größere Ausgaben und schlechte Zeiten haben die Berlinerinnen trotzdem ein kleine Spardose angelegt. Besonders viel ist da aber nicht drin. Zwar kommen Merle, Johann und Jule gerade gut über die Runden, eine weitere Person mitfinanzieren können sie aber nicht. Anders sieht es in Dresden aus. Als es zum Studienbeginn zu stressig wurde, konnte Sara aufhören, nebenbei für Lohn zu arbeiten, und sich vollständig auf ihre Ausbildung konzentrieren. Für andere Kollektivmitglieder war es in der Vergangenheit selbstverständlich, sich im Studium finanziell auf die El­ tern verlassen zu können, jetzt teilen die Dresdnerinnen ihre Privilegi­en. Für Sara ist das neue selbstgesponnene finanzielle Support­Netz ein Luxus, den sie vorher so nie hatte.

Insgesamt ermögliche der kollektive Umgang mit Geld, dass sich alle für Tätigkeiten entscheiden können, » ohne finanziellen Druck « , so die Dresd­ner*innen. Das ermöglicht auch politische Arbeit. Zwar hat sich die politi­sche Kultur seit der griechischen Polis weiterentwickelt, trotzdem macht auch heute ein gesicherter Lebensunterhalt politische Arbeit und Akti­vismus einfacher. Wer nicht so viel für Lohn arbeiten muss, hat mehr Zeit sich für Dinge zu engagieren, die nicht mit Geld wertgeschätzt werden.

In der griechischen Polis hatten nur Männer, die ein Stück Land besaßen, die Möglichkeit, an Volksversammlungen teilzunehmen und damit politisch wirken zu können.

Dieser Text ist Teil unserer achten Ausgabe. In der geht es um Schmutz und Sauberkeit in allen gedanklichen Dimensionen, Phantasien, Putzkollektive und Lösungen für einem saubere Umwelt. Abgerundet wird das Ganze mit Tips für das Gute Leben, garniert mit einem Spritzer Rebellion.

» Man macht sich einmal nackig, aber dann hat man geklärt wo man steht, und es macht gar nicht mehr so einen großen Unterschied. «

Reden ist Gold

Damit gemeinsame Ökonomie funktionieren kann, ist gute Kommunika­tion und Reflexion gefragt. Über Geld zu sprechen ist in vielen Kreisen verpönt. » Man macht sich einmal nackig « scherzt Merle, » aber dann hat man geklärt, wo man steht, und es macht gar nicht mehr so einen großen Unterschied. « Ganz abschütteln lassen sich Einkommensunterschiede je­doch nicht immer. Sie selbst gibt am wenigsten in die gemeinsame Kasse, gerade am Anfang war sie deshalb darauf bedacht, nicht mehr zu nehmen als sie selbst einzahlt. » Das hat sich mittlerweile aber etwas gelegt « er­klärt sie. Auch Geldausgeben will gelernt sein.

Individuelle Bedürfnisse und Konsumverhalten werden durch Sozialisa­tion, Lebensstil und das soziale Umfeld geprägt. Während der eine den Cocktail für 8 Euro als relativ normale Ausgabe empfand, schlugen die anderen Kollektivmitglieder in Dresden eher die Hände über dem Kopf zusammen. Ein ähnliches Konsumverhalten vereinfacht vieles. » Wir ge­hen alle nicht viel shoppen «, erklärt Lena. Gemeinsame Ökonomie muss aber nicht Verzicht bedeuten. Gerade die Mitglieder der FC betonen im­mer wieder, dass es im Gegenteil darum geht, Bedürfnisse zu befriedigen. Dazu gehört auch, anderen Bedürfnisse einzugestehen, die sich von den eigenen unterscheiden.

Sozialhilfeleistungen orientieren sich am Einkommen und Vermögen der Bedarfsgemeinschaft. Nach § 7 des Sozialgesetzbuch zweites Buch sind damit Kinder, Eltern und Partner*innen gemeint. Auch Personen, die Verantwortung füreinander tragen und über Einkommen und Vermögen des anderen verfügen können, gehören dazu – das bezieht sich jedoch eigentlich auf Partnerschaften.

Bei solidarischen Finanzkonzepten geht es auch nicht um Kontrolle. » Mir guckt ja niemand auf die Finger « sagt Jule aus der Berliner WG, dement­sprechend fühlt sie sich auch nicht in ihrer Autonomie eingeschränkt. Auch die Dresdener*innen haben sich auf ein grundsätzliches » Ja « zu re­flektiertem Konsum geeinigt und setzen auf gegenseitiges Vertrauen. Trotzdem funktioniert gemeinsame Ökonomie nur, wenn alle aufeinan­der Rücksicht nehmen. Wenn alle Kollektivmitglieder gleichzeitig einen neuen Laptop bräuchten, kämen alle drei Gruppen finanziell ins Strau­cheln. Kritisch wird es auch in Fragen, bei denen unterschiedliche Moral­vorstellungen aufeinander treffen. Sollen mit dem gemeinsamen Geld Flugreisen finanziert werden? Da gibt es Redebedarf!

» Es ist einfach nicht in der Vorstellung eines deutschen Bürokraten, dass sich Menschen außerhalb der Familie ihr Geld teilen «

Kollektive und der Vater Staat

Im Umgang mit Behörden, Banken und Versicherungen ist in solidarischen Ökonomien manchmal Kreativität gefragt. » Es ist einfach nicht in der Vor­stellung eines deutschen Bürokraten, dass sich Menschen außerhalb der Fa­milie ihr Geld teilen « bemerkt Johann. Ob es dabei um Sozialhilfeleistungen, gemeinsame Altersvorsorge oder einfach nur ein geteiltes Bankkonto mit mehr als einer » Partnerkarte « geht, vieles in unserer Gesellschaft ist auf In­dividuen, Ehepaare oder höchstens die Kernfamilie als Bezugsgruppe aus­gelegt. Dabei können Finanzkollektive mit Freund*innen finanzielle Abhän­gigkeiten in Partnerschaften verringern. Wenn neben den Bedürfnissen nach emotionaler Zuneigung und sexueller Befriedigung nicht auch noch langfristige finanzielle Absicherung in romantischen Paarbeziehungen er­füllt werden muss, könnte das Beziehungen entlasten.

» Gemeinsame Ökonomie ist keine Quantenwissenschaft, einfach mal ausprobieren! «

Wie der Name es schon sagt, geht es bei Finanzkollektiven um Geld. Aber eigentlich geht es um viel mehr als das. Es geht um Bedürfnisse, und die Mittel, die man hat, um das Leben, das man führen will, zu verwirklichen. Es geht um Solidarität, die Wertschätzung von Tätigkeiten und ein unter­ stützendes Miteinander. Damit bricht gemeinsame Ökonomie mit den

Grundzügen des Kapitalismus, in dem jede*r für sich selbst zu sorgen hat, und das gegen alle anderen. Das erfordert Umdenken, Flexibilität und vor allem eine Gruppe, der man vertraut. Das Konzept passt sicher nicht in alle Lebensentwürfe, erfordert Zeit und das Aufgeben von Freiheiten. Gleichzeitig kann es Sicherheit geben und damit auch Freiheiten ermög­lichen. » Gemeinsame Ökonomie ist keine Quantenwissenschaft, « schließt Merle, » einfach mal ausprobieren! «

Text: Svea Busse
Bild: Pauline Kohlhase

Weiterlesen

Finanzcoop oder Revolution in Zeitlupe. Von Menschen, die ihr Geld miteinander teilen.
FC Kollektiv. Büchner Verlag, 2019.
transform-magazin.de/riz

Handeln

Solidarnetz
Netzwerk von solidarischen Bezugsgruppen, das viele Ressourcen zum Thema gemeinsame Ökonomie zusammengestellt hat und Vernetzung und Erfahrungsaustausch organisiert.
solidarnetz.org/

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Video
Die Philosophin Eva von Redecker spricht mit der Humboldt-Universität zu Berlin in fünf kurzen Videos über Eigentum, Geschlechterverhältnisse und alternative Konzepte.
transform-magazin.de/yt11

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