Wenn der letzte Hammer gefallen ist

Europa im Jahr 2050: Die Automatisierung hat weite Teile der Wirtschaft und Industrie erfasst. Jobs, wie man sie vor 20 Jahren kannte, gibt es nicht mehr. Und die Menschen? Sind zufriedener als je zuvor. Eine Utopie.

Wo früher einmal die Bürogebäude außerhalb der Arbeitszeiten eine düstere Leere ausstrahlten, haben nun Wohnprojekte Einzug gehalten. In einigen der alten Großraumbüros gibt es jetzt riesige Räume für alle zum Chillen. Aus Meetingräumen sind Schlafzimmer geworden. Darüber liegen die Dachgärten, wo alle grillen. Andere Bewohner haben Wände eingezogen und leben ein wenig zurückgezogener. Zwang, den gibt es hier nicht mehr: Keiner geht in aller Herrgottsfrühe einen schlechten Kaffee schlürfen, keiner muss stundenlang Exceltabellen angucken. Niemand erzwingt Gemeinschaft. Die Einsamkeit, sie ist trotzdem etwas seltener geworden.

Vor zwanzig Jahren noch dachten immer alle, die Leute in den Büros würde es schon nicht erwischen. Damals arbeiteten hier die Menschen, die einmal zur Mittelschicht zählten. Sie haben Versicherungen verkauft, Rentenfonds verwaltet und Finanzierungen vergeigt. Das alles war auch ganz prima. Es passte ja in die Zeit! Die Manager brauchten Geld, um ihr Unternehmen auf Wachstumskurs zu manövrieren. Nur so entstanden Jobs und die Angestellten bekamen ihr Gehalt. Die wiederum wollten sich dann gegen alles Mögliche versichern: Berufsunfähigkeit zum Beispiel. Nicht mehr arbeiten zu können, das wäre für einen Menschen aus jener Mittelschicht damals noch das Ende gewesen. Und selbst, wenn alles glatt lief, brauchte man später noch Geld für die Zeit, in der man zu alt für die Arbeit wurde. Die Knete für die Rente war wiederum davon abhängig, wie stark die Wirtschaft wuchs. Kurz gesagt: Ohne Wachstum funktionierte das ganze System nicht.

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Dieser Text ist Teil unserer sechsten Ausgabe. In der geht es um Glaube, Religion, selbstgebaute Smart-Speaker ohne mithörende Konzerne, wandernde Straßenbäume oder das Potenzial von religiösen Bildern im Einsatz gegen die Klimakrise.

Als die Automatisierung immer mehr Bereiche des Lebens erfasste, brach dann alles schnell zusammen. Es erwischte zuerst die Leute ganz unten. Diejenigen, die sich am wenigsten wehren konnten. Arbeiter in der Logistikbranche schleppten plötzlich keine Pakete mehr. Riesige Lastwagen, welche die Pakete dann durchs Land fahren sollten, brauchten irgendwann keine Fahrer mehr. Aber als die Paketschlepper und Fahrer alle arbeitslos wurden, war das Geschrei erstmal groß. Auf der Straße wurde demonstriert, gegen die Maschinen. Politiker versprachen neue Jobs. Etwas unspektakulärer, aber fast gleichzeitig, lief es in den Büros ab. Schreibtischtätigkeiten wie Marketing wurden automatisiert, denn die Werbung erreichte immer genau die Person, die am ehesten auf »Bestellen« klicken würde. Ein Computer konnte das besser als jeder Experte. Auch die Buchhaltung und Steuererklärungen erledigte ein Rechner vollständig. Und selbst Versicherungen liefen irgendwann einfach fast von alleine. So wurden dann auch die Büros immer leerer.

Es ist nicht so, dass es heute gar keine Arbeit mehr gibt. Aber es ist deutlich weniger. Früher forderten Intellektuelle die 15-Stunden-Woche und wurden dafür ausgelacht. Heute ist das mehr als das, was wir für normal halten. Einige Menschen arbeiten auch einfach gar nicht mehr. Wozu auch, wenn es nicht nötig ist? Arbeit war doch immer dazu da, Probleme zu lösen. Dabei hat sie oft mehr Probleme verursacht. Um nicht zu sagen: Viele wichtige gesellschaftliche Veränderungen wären gar nicht möglich gewesen ohne die Abschaffung der Arbeit. Sonst hätten wir wohl noch immer überall Autos mit nur einem einzigen Passagier auf den Straßen. Dazu eine riesige Waffenindustrie, die unseren gesamten Planeten gefährdet. Alles, nur damit die Leute Jobs haben.

Am Anfang dachten alle: Was mache ich jetzt mit der ganzen Zeit?

Als das mit der Arbeit damals allmählich kippte, als die Jobs massenhaft wegbrachen, machte das allen eine Höllenangst. Auch denen, die immer gesagt hatten, wir müssten da was ändern. Denn solange nur ein Teil der Gesellschaft ohne Job war, sah es ziemlich schlecht aus. Wenn du ohne Arbeit warst, hieß das damals: Du hast kein Geld. Keine Versicherung, keine Rente, einfach nichts. So konnte man weder was zu essen kaufen noch wohnen.

In den meisten Ländern gab’s Sozialsysteme, die dann gegen ausgefüllte Formulare und nachweislich leere Kontoauszüge ein bisschen was an die Arbeitslosen überwiesen haben. Selbstredend gerade soviel, dass man knapp überleben konnte. Heute ist das kaum vorstellbar. Aber damals dachte man, es wäre klug, den Menschen so wenig wie möglich zu geben: Sie sollten ja noch einen Anreiz haben, arbeiten zu gehen. Dabei sagte man damals gleichzeitig immer: Arbeit ist Berufung. Deswegen hießen Jobs ganz früher auch mal Berufe. Da hat man sozusagen das gemacht, wofür man überhaupt geboren wurde. Und wenn das bedeutete, dass man die ganze Zeit Werbeprospekte ungefragt in fremde Briefkästen steckt, dann war das eben so.

Klar gibt’s heute auch noch Probleme. Aber die sehen eher so aus, dass wir die ganze Scheiße aufräumen müssen, die damals produziert wurde. Das Meer ist immer noch voll mit Plastikmüll. Und während man vor 200 Jahren beim Keller-Ausheben vielleicht noch auf Gold und Diamanten gestoßen ist, findet man heute überall ekelhafte Berge von kaputtem Kinderspielzeug und massenhaft alte Kühlschränke in der Erde.

Alle bestimmen mit

Gott sei Dank haben wir heute Maschinen, die wir dann einsetzen, um den ganzen Kram entsorgen zu lassen. Lebenssinn? Den zieht man heute nicht daraus, Müll zu produzieren und auch nicht daraus, ihn für andere wegzuräumen. Wir haben noch längst nicht alles erforscht, um unsere Probleme zu lösen. Es wird immer noch an neuen Technologien getüftelt. Die Maschinen, die derzeit den Müll aus dem Meerfischen zum Beispiel, die sind ja auch nicht vom Himmel gefallen. Es gibt auch immer noch private Unternehmen, aber eben auch staatliche. Die kümmern sich um Belange, die wirklich der gesamten Gesellschaft und der ganzen Welt zugutekommen. Bei den Wahlen können die Politikerinnen und Politiker schließlich heute nicht mehr versprechen, dass bald Vollbeschäftigung herrscht.

Deswegen gibt’s heute neue Themen: Riesige Waldaufforstungen werden versprochen, neue Regenwälder und stärkere Dämme gegen den weiter ansteigenden Meeresspiegel. Wahlen sind auch immer Abstimmungen darüber, in welche Richtung weiter geforscht werden soll. Wollen wir lieber CO2 in der Erde speichern oder irgendwann mal Fusionskraftwerke bauen? Das sind megawichtige Fragen, die über gesellschaftliche Entwicklungen entscheiden. Und über die Welt, in der unsere Kinder mal wohnen können. Also dürfen die gleich auch mit abstimmen. Nach dem vierten Schuljahr sind sie dabei. Gleichzeitig sichern wir so ab, dass die Entwicklung von Technologien nicht nur von privaten Unternehmen bestimmt wird. Die bauen zwar auch nützliche Maschinen und sind oft ein gutes Stück innovativer. Aber wichtige Fragen, die uns alle betreffen – die überlassen wir doch nicht einem Unternehmensvorstand ohne jegliche demokratische Kontrolle!

Ständig Wochenende

Das Geld kommt vom Staat, der das Geld wiederum von den Unternehmen einsammelt, die alles mögliche mit ihren Maschinen produzieren. Kleidung, Lebensmittel, noch mehr Maschinen. Alles automatisch. Dafür drücken sie für alles, was hergestellt wird, ein bisschen Steuergeld an den Staat ab. Und davon bekommt jeder eine Art Taschengeld und kann sich kaufen, was sie oder er will. Ist eigentlich so wie früher, nur eben weniger stressig. Keine Formulare, kein warten und anstehen. Vor allem aber: Nicht mehr für Geld arbeiten gehen müssen. Geld ist kein Problem mehr. Endlich kann man das tun, was wirklich wichtig ist.

Wenn heute jemand arbeiten geht, dann sucht der darin aber auch nicht mehr seinen Lebenssinn. Man ist heute zu der Erkenntnis gekommen, dass die Sache mit dem Sinn des Lebens total überbewertet ist. Wenn, dann sind wir wohl das ganze Leben über damit beschäftigt, den Sinn des Lebens zu finden. Er ändert sich ja ständig. Wer heute aus dem Bett aufsteht, der macht sich erstmal was zu essen und geht dann gucken, ob die Fahrradreifen noch genug Druck drauf haben oder ob die Tomaten auf dem Balkon mal wieder gegessen werden müssen. Als wäre jeden Tag Wochenende.

Es ist nicht so, dass wir heute mit fliegenden Autos durch die Gegend düsen und alle Philosophen, Künstler und Weltraumfahrer sind. Es gibt immer noch beliebte und weniger beliebte Menschen. Es gibt Leute mit Depressionen und es gibt Diskriminierung. Es gibt Leute, die pflegen ihre Eltern oder spielen mit Kindern. Manche kümmern sich um all die Katzen, die auf der Straße rumlaufen. Natürlich gibt’s auch Leute, die arbeiten noch immer in klassischen Jobs. Architekten, Ärzte, Cops und Journalisten zum Beispiel. Aber nicht acht Stunden am Tag! Dafür gibt’s verschiedene Zeitmodelle. Halbe Woche, halber Tag, und viele arbeiten auch total flexibel. Jobs sind eine Art Privileg in dieser Welt, und wer einen richtig hoch angesehenen hat, verdient natürlich auch mehr als die anderen. Ja: Da draußen sind immer noch reiche und weniger reiche Menschen. Nur gibt es eben kaum noch Armut. Wenn man ganz ehrlich ist, dann ist die Arbeit in Wirklichkeit auch nicht komplett weggefallen. Im Gegenteil: Wir arbeiten daran, die Gesellschaft und unser Zusammenleben besser zu machen. Und da haben wir wirklich noch verdammt viel zu tun. Wer sich in die Gesellschaft einbringen will, tut das. Wer für sich leben will, lebt für sich. Wir sind stolz, dass wir endlich das Leben dafür feiern, was es ist. Einfach sein zu dürfen. Und wie viel Sinn das alles hier am Ende macht, das wissen wir doch auch nicht. Das behauptet aber auch niemand.


Texte: Richard Kaufmann
Illustrationen: Katja Gendikova für transform Magazin

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