Wir sind die Zeit

Unser Hirn sorgt für unterschiedliche Erfahrungen von Zeiträumen. Lässt sich dieser Mechanismus für ein langes Leben nutzen? Ein Gespräch mit dem Hirnforscher und Psychologen Dr. Marc Wittmann.

tf: Herr Dr. Wittmann, haben wir eine innere Uhr im Kopf?

Es gibt mehrere innere Uhren, die auf den Schlaf-Wach-Rhythmus ausgerichtet sind. Das liegt natürlich daran, dass wir als Organismen auf diesem Planeten mit seinen spezifischen planetaren Konstellationen genau diesem 24-Stunden-Hell-Dunkel-Wechsel ausgesetzt sind. Schon Kleinstorganismen, Einzeller, haben sich an diesen zeitlichen Rhythmus angepasst und wir Menschen natürlich auch. Wir haben verschiedene innere Uhren, die etwa im 24-Stunden-Rhythmus ticken, und das Sonnenlicht synchronisiert all diese.

Welche Rolle spielt das Gehirn in dieser ganzen komplizierten Maschinerie?

Eine entscheidende. Der Dirigent des Ganzen ist der Nucleus suprachiasmaticus. Wenn man zwischen den beiden Augen durchbohren würde, würde man ihn nach ein paar Zentimetern erreichen. Das Licht fällt an die Retina und wird weitergeleitet. Das ist das Signal für diesen Nucleus, um dann den vielen inneren Uhren, die wir haben, ihren Einsatz zu geben.

Das geschieht also unbewusst. Ab wann nehmen wir einen Zeitraum bewusst war?

Wir erleben die Welt um uns herum und uns selber in einem Zeitbereich von einigen Sekunden. Das ist das, was wir oft als einen Moment wahrnehmen. Aber es gibt natürlich noch ganz andere Zeiterlebnisse. Zum Beispiel, wenn Sie zehn Minuten beim Arzt warten müssen. Dann spielen andere Mechanismen eine Rolle. Etwa das Zeitparadox, das zwei Zeitwahrnehmungsmechanismen erklärt. Wenn ich in der Wartezeit nicht abgelenkt bin, bin ich auf mich bezogen und die Zeit vergeht im Moment des Erlebens sehr langsam. Aber im Rückblick kommt mir die Zeit vor wie ganz schnell vergangen, weil ja nichts Besonderes passiert ist.

Was bedeutet das?

Im Rückblick sind die Erinnerungen ganz wesentlich für mein Erlebnis von Zeit. Ein Wochenende lang zuhause etwas zu versumpfen kann schön und wichtig sein, wird aber in meiner Erinnerung schnell vergangene Zeit sein. Ein Wochenende mit Freunden in einer mir unbekannten Stadt hingegen, in der ich viele emotionale und neue Eindrücke sammle, wird mir rückblickend recht lang vorkommen. Warum? Weil die Gedächtnisinhalte entscheiden.

transform No 7 Crowdfunding
Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all ihren Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Wobei die stimulierenden Erlebnisse ja nicht immer spektakulär sein müssen. Sie haben sich viel mit Achtsamkeitsmeditationen beschäftigt. Was haben die mit dem Thema zu tun?

Achtsamkeit und Meditation sind Techniken, über die ich nochmal wissenschaftlich Zugang zum Thema Bewusstsein, Zeitbewusstsein und Selbstbewusstsein finde. In der Meditation werde ich mir selbst und meiner Körperlichkeit besonders gewahr. Einatmen, ausatmen, ich mache einen Körperscan, ich gehe meinen ganzen Körper durch. Was passiert? Die Zeit vergeht plötzlich ganz langsam, ich bin mir selbst ganz bewusst. Für viele ist das kaum auszuhalten. Mit ein bisschen Übung kommt man aber durch diese Induktionen in so ein Gefühl von Zeit- und Selbstlosigkeit. Dann ist die Zeit nicht mehr der Fokus und das narrative Selbst ist mal still.

Für Menschen, die über viele Möglichkeiten der emotionalen Selbstregulation verfügen, vergehen die Jahre tatsächlich langsamer.

Was meinen Sie mit ›narratives Selbst‹?

Das ist dieses Geplapper in unserem Kopf, die ständigen Kommentare. Wenn wir das herunterfahren, werden wir nicht nur ruhiger, sondern auch wieder offen für das Erleben unserer Umwelt. Meditation ist aber nur eine Möglichkeit dazu und auch nicht für jeden geeignet. Yoga wäre eine andere Form, wo man ein bisschen mehr Bewegung hat, aber auch ähnliche Effekte erzielen kann. Es kann aber auch Joggen sein oder ein schöner Waldspaziergang, bei dem man sich auf die Umgebung einlassen sollte. Wie ist dieser Wald hier? Wie schaut es hier genau aus? Wonach riecht es? Wenn ich den Moment intensiv und positiv wahrnehme, dann hat es auch wieder rückblickend durchaus eine Auswirkung auf meine Erinnerung, in der die Zeit in angenehmer Weise langsamer verging.

Kann man das auch wissenschaftlich belegen?

Was ich zeigen konnte, ist, dass für Menschen, die über viele Möglichkeiten der emotionalen Selbstregulation verfügen, tatsächlich die Jahre langsamer vergehen. Warum? Weil sie sich und ihre Umwelt nuancierter und emotional komplexer wahrnehmen können. Sehr intensiv untersucht sind die Auswirkungen von buddhistischer Meditationstechnik, aber auch Karmeliternonnen und die Wirkungen ihrer Gebete auf die Hirnaktivität. Die sinkt in den Strukturen, die mit dem narrativen Selbst stark verbunden sind. Und dann geht es noch einen Schritt weiter. Im Zustand des beschriebenen Zeitverlusts und körperlichen Selbstverlusts werden bestimmte Areale voneinander entkoppelt. Möglicherweise hat das etwas zu tun mit dem oft beschriebenen Gefühl, eins zu sein mit der Welt, der Umgebung, fast schon transpersonal zu werden.

Wenn das Erleben von Zeit so stark von unseren Körperfunktionen und Emotionen abhängig ist, könnte man die These aufstellen, wir sind die Zeit?

Ja, auf zwei Ebenen. Das eine ist das Im-Moment-Erleben, die körperlich gefühlte Zeit, mit meinen Emotionen, in meinem Körpergefühl, mit meiner Aufmerksamkeit auf mich oder weg von mir. Das bestimmt, wie ich die Zeit erlebe. Aber auch bei längeren Zeiträumen, auf die ich zurückblicke, bestimmen meine Erlebnisse und Gedächtnisinhalte darüber, wie schnell die Zeit in der Erinnerung vergangen ist. Wenn etwas Fantastisches passiert, werden meine Eindrücke ganz tief abgespeichert und ich bestimme rückblickend die Zeit, die dieses Erlebnis dauerte, als lang. Das langweilige Leben hingegen vergeht im Rückblick sehr schnell.

Text: Stephan Kosch
Illustration: Alexander Breden

Zur Person

Marc Wittmann

Der gebürtige Münchener erforscht unsere Zeitwahrnehmung am Institut für Grenzgebiete
der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. 1997 promovierte er zum Doktor der Humanbiologie, 2007 habilitierte er am Institut für Medizinische Psychologie der Universität München.

Newsletter


Auch spannend
Kuschel dich glücklich