Bild: Anaya Katlego bei Unsplash
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Warum du öfter mal die Augen schließen solltest

Wir alle haben fünf Sinne: Tasten, Hören, Sehen, Riechen und Schmecken. In unserem Alltag zwischen Spiegel und Smartphone dominiert das Sehen. Da verpassen wir was!

Von meiner Wohnungstür bis zum Fahrradständer brauche ich 28 Sekunden oder 44 Schritte. Vorausgesetzt, ich habe die Augen offen. Mit verschlossenen Augen sind es 6 Minuten und unzählige Tippelschritte, große Orientierungslosigkeit und gleichzeitig eine Lawine an Sinneseindrücken. Den Anfang macht das Schlossklicken der zufallenden Wohnungstür. Aus der WG im ersten Stock schallt leise Rockmusik herunter. Die rechte Hand fährt auf Schulterhöhe an der Kante zwischen verputzter und gefliester Wand entlang, über einen noch nie beachteten Absatz in der Wand, um eine ebenso unerwartet abgerundete Ecke und an die hölzerne Unterkante einer Pinnwand mit semi-witzigen Postkarten zum Aufheitern der Nachbarn. Als wüsste sie um meinen Adrenalinpegel, legt mir die Sonne durch ein ovales Fenster von links beruhigend ihre warme Hand auf die Schulter.

Warum so aufgeregt? Ich schalte doch nur einen von fünf Sinnen ab! Jedoch ausgerechnet den vermeintlich wichtigsten. Schon Aristoteles glaubte, dass es eine ›Hierarchie der Sinne‹ gibt. Ganz oben stünde dabei das Sehen, das er als kognitiv bedeutsamsten für die menschliche Entwicklung ansah. Das erscheint logisch. Mit dem Auge sehen wir schließlich weiter, als wir hören, riechen und vor allem fühlen und schmecken können. Laut Fabian Hutmacher von der ›Universität Regensburg‹ festigte sich der kulturelle Spitzenplatz des Sehens im Mittelalter durch den Übergang von mündlicher zu schriftlicher Überlieferung und die Erfindung des Buchdrucks. In der Moderne schafften visuelle Medien wie die Fotografie, der Film und das Kino den Durchbruch. Heute starren wir quasi durchgehend auf unsere Fernseher, PCs, Laptops und Smartphones.

Sinn für Kultur

Diese Entwicklung hat sich in unserer Sprache niedergeschlagen. Mal sehen wir weiter, mal drücken wir ein Auge zu, mal isst das Auge mit. Und ein Seher, nun ja, sieht die Zukunft und riecht oder schmeckt sie nicht. Diese Verwurzelung eines Sinnes im Sprachgebrauch zeigt uns seine kulturelle Bedeutung. Mit dieser Annahme haben 26 Wissenschaftler:innen um Asifa Majid von der ›University of York‹ vor wenigen Jahren eine weltweite Untersuchung gestartet. Sie interviewten Menschen aus 20 verschiedenen Kulturen und Sprachgruppen auf allen Kontinenten, von Naturvölkern bis hin zu Mitgliedern hoch industrialisierter Gesellschaften. Das Ergebnis: Eine allgemeine Hierarchie der Sinne gibt es nicht. In Iran und Laos ist der Geschmack am stärksten mit der Sprache verknüpft, in Mali und Ghana ist es der Tastsinn. Das Hören ist in Kulturen mit starker musikalischer Tradition dominant. 

Im Leben ist es wie bei Star Wars: Einfach mal die Augen schließen und fühlen, was da sonst noch ist. (via Giphy)

Apropos Hören. In meinem kleinen Selbstexperiment schaffe ich es behutsam die vier Stufen hinunter, ziehe mit Schwung die Haustür auf – und falle vor Überraschung über die Lautstärke fast rückwärts um. An einer Ampel ein paar Meter entfernt gibt ein Bus gerade Vollgas. Viel angenehmer ist das Rascheln des Efeus, mit dem die Hauswand überwuchert ist und an dem ich mich Tarzan-artig in Richtung Fahrradständer entlangziehe. Der echte Tarzan wäre wohl nur nicht gegen einen Stromkasten gelaufen und hätte, rein zu Recherchezwecken, auch nicht vom bitteren, dickblättrigen Efeu genascht (und das stark giftige Zeug sofort wieder ausgespuckt). Geruchlich erinnern die Blätter an… gute Frage.

Da drüben, riech doch mal!

Über Gerüche zu sprechen fällt uns grundsätzlich schwer. Die Wissenschaftler:innen um Asifa Majid fanden in ihrer weltweiten Studie nur eine wirkliche Ausnahme. Die Umpila, indigene Jäger und Sammler im Nordosten Australiens, können besser über Gerüche als über Farben und vor allem Formen sprechen. Bei den Malay, vier- bis fünftausend Kilometer von den Umpila entfernt lebend, ist es genau umgekehrt. Also: Eine Hierarchie gibt es nicht und die Jahrtausende alte westliche Idee, das vor allem Berührung, Geschmack und Geruch grob und minderwertig sind, ist schlichtweg falsch.

Tatsächlich sind sie sehr wertvoll. Berührungen mit menschlicher Haut beruhigen uns und stärken das Immunsystem. Ein menschlicher Embryo reagiert schon ab einer Größe von nur drei Zentimetern auf Berührungen. Noch früher, nämlich schon nach nur einer Woche, beginnen sich die Ohren zu entwickeln. Vor der Geburt reagieren wir schon erstaunlich stark auf Umgebungsgeräusche und gewöhnen uns vor allem an die Stimme der Mutter. Auch Gerüche sind sehr eng mit Emotionen und persönlichen Erfahrungen verbunden. Der Geruch eines Lorbeerblattes erinnert eine Person vielleicht einfach nur an das leckere Curry von neulich und schickt eine andere auf eine schwindelerregende Achterbahnfahrt durch neblige Erinnerungen an die lange verstorbene Urgroßmutter mit dem großen Parfümschrank.

Im Selbstexperiment öffne ich nach sechs Minuten wieder die Augen. Für einen kurzen Moment ist alles grell. Dann ist die Sicht wieder voll da, das Adrenalin weg und mit ihm die Faszination der letzten Minuten. Was bleibt ist die klare Empfehlung, öfter mal die Augen zu schließen und zu horchen, tasten, schmecken und riechen, was da sonst noch ist.

Bild: Anaya Katlego bei Unsplash

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