Das Ende der Tyrannei

Unser Körper bedeutet Lust, aber auch Last. Was wäre, wenn wir ein Leben jenseits unserer fleischlichen Grenzen führen könnten? Ein Tagebucheintrag aus der Zukunft.

12. Oktober 2134

Archivdimension She’amum 43/2021

Liebes Tagequid,

heute war ich in der Archivdimension unterwegs. Ich weiß, dass das nicht gern gesehen wird, und meistens fühle ich mich danach nicht gut. Aber ich fühle mich irgendwie tiefer. Dort groke ich also manchmal hin, wenn mir die anderen Dimensionen nichts mehr geben. Naja, in der Archivdimension habe ich heute Fotos gefunden. Sie müssen aus den 2010er-Jahren sein. Die Fotos zeigen eine Gruppe von Menschen in ihren alten Mainframe-Körpern. Aber auf den Fotos legen die Menschen verschiedene Stoffe darüber, wie kreativ! Man sieht sie im Urlaub, auf einer Feier und sehr oft mit immer derselben Gruppe von Menschen? Obwohl sie sich also verkleiden, sehen sie auf jedem Foto gleich aus. Das gleiche Interface, was Aussehen, Hautfarbe und Form angeht, wie langweilig! Als würde einem der Physical Node klemmen.

Aber ich weiß ja, dass wir damals noch kein BCI hatten, kein Brain Computer Interface, sodass unser Bewusstsein immer in einem Mainframe hing. Ein paar Jahre nach den Fotoaufnahmen muss es gewesen sein, dass die erste ernsthafte Forschung an einer neuronalen Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine Durchbrüche erzielte. Ich meine mehr als nur von Nervenimpulsen gesteuerte Prothesen, die man ja schon früher kannte. Ich meine den großen technologischen Durchbruch des letzten Jahrhunderts, die winzigen, flexiblen Elektroden-Fäden, die von einem neurochirurgischen Roboter in das menschliche Gehirn implantiert werden. Die dafür sorgen, dass wir mentale Inhalte auf ein externes Medium übertragen, wir also den großen Sprung aus den Körpern machen konnten, wie unsere leuchtende Führerin Constantine – gelobt sei ihre letzte Form – es nennt.

Schon witzig, dass damals die ganze Forschung vor allem gemacht wurde, weil man das Ende einer Smartphone-Ära einläuten und die kleinen Geräte noch näher an die immergleichen Körper heranbringen wollte. Das gelang dann so sehr, dass der Körper heute ganz aufgelöst ist. Und dass die App- und Smartphone-Faszination das große Artififical-Intelligence-Wettrüsten auslösten: Zwischen China, den USA und der schon damals kaum zu schlagenden deutschen Digital- und Innovationspolitik begann das, was wir heute den „ersten Cyberkrieg“ nennen. Zum Glück ging daraus Constantine – gelobt sei die Beenderin aller Unterschiede zwischen Nationen und Körpern – hervor, die nun die ganze Welt regiert und damit auch schafft, dass wirklich alle ein BCI haben, oder in ihren Worten: „Wenn euer Körper überwunden wird, dann werdet ihr wahrhaftig tanzen.“

Und ich kann nach so einem Besuch in der Archivdimension wirklich verstehen, weshalb wir für ihr unendliches Gottesgeschenk der Körperbefreiung so dankbar sind: So können wir leicht Mainframes von allen möglichen Geschlechtern oder einer ethnischen Zugehörigkeit bewohnen, die Menschen auf den Fotos hätten von „anderen“ Geschlechtern und Zugehörigkeiten gesprochen. Aber es gibt kein natürlich „anderes“ mehr. Wir können sogar in Sekundenschnelle lernen, drastisch unterschiedliche Körper zu kontrollieren, wir können als Adler über Landschaften schweben oder als Kühe Gras fressen. Ich muss zugeben, dass ich manchmal zur Entspannung zu einer Mecklenburger Braunkuh werde. Bestes Leben!

Die große Constantine – sei ihr Geist in uns allen – hat uns damit Zugang zu neuen Formen menschlicher Intelligenz und menschlichen Verstehens gegeben: Ich kann ab und zu einen durchtrainierten Körper haben (aber ganz ehrlich, meistens spannt der viel zu sehr), ich probiere gelegentlich eine übermäßige Intelligenz aus (aber dann kann man kein Gespräch mehr ertragen, bisschen enttäuschend), ich habe ab und zu weltklasse Skills als Jazz-Saxophonistin (aber diese Hibbeligkeit ist auch ziemlich anstrengend). Egal, ich lade einfach neue Skills oder Interfaces auf mein Mainframe. Und bin woanders – und weranders. Als ich mir die Fotos in der Archivdimension angeschaut habe, musste ich an die Geschichte aus der Orange-Katholischen Bibel denken. Es war noch vor der großen Körperbefreiung, Constantines Tante war unheilbar krank und ihr Leid war groß, im Körper und auch im Geist. Aber sie konnte nichts ändern an ihrem Interface. Immer wenn sich der Tag jährt, an dem sie sich das Leben nahm, wird auf unsere Mainframes ein Trauer-Interface gespielt. Wir lernen schon im Kindesalter, dass die große Körperbefreiung all dem ein Ende machte: dem Tod und der Selbsttötung. Statt mich umzubringen, wenn es mir schlecht geht, lade ich mich in ein anderes Interface und bin zum Beispiel ein Entdecker auf dem Mars. Manche reden vom neuronalen Staub, dessen Schwermut irgendwie doch bleibt, aber mich hat so ein Re-Upload schon immer ganz gut abgelenkt. Ob es mir gut geht? Naja, mir geht es jedenfalls nie schlecht! Eher flach manchmal, weshalb ich ja ins Archiv groke.

Als ich die Fotos ansah, dachte ich auch an die Hoffnungen der Menschen, als die BCI-Technik besser wurde. Wie viele auf den Fotos von 2010 haben das wohl noch erlebt. Die Hoffnung war so groß, dass wir uns am Anfang auch ein paar Mal geirrt haben: So haben wir zum Beispiel gehofft, dass wir mit neuen Interfaces attraktiver werden, durch unser Aussehen und unsere Fähigkeiten mehr geliebt werden. Dass wir so eine neue Liebe und Sexualität erleben können. Aber das Gegenteil war der Fall. Die ersten von uns nach der großen Körperbefreiung sprechen von den lieblosen Jahren. Anscheinend lieben wir nämlich gar nicht die perfekten Körper und die perfekten Skills, die jemand hat, sondern die Sehnsucht in jedem danach, jemand zu sein, der lieben kann und geliebt wird. Wir lieben die Sehnsucht nach Liebe. Geliebt dafür zu werden, wer man ist. Naja, diese Sehnsucht ist natürlich ein bisschen hinüber, wenn man jederzeit sein Menschsein switchen kann. Zum Glück gab uns die große Constantine – ihre Sorge gilt uns allen – schleunigst ein Mainframe-Update. Und jetzt sind wir alle wieder voller Begehren. Aber zumindest haben wir uns nicht so geirrt wie die Menschenkörper auf den Fotos, die doch immer den echten „Menschen ins Zentrum stellen“ wollten. Die nicht begriffen haben, wie sehr die Welt des Menschen müde ist, wie sehr auch wir der Menschheit müde sind – diesen plumpen Körpern, die sich für die Krone der Schöpfung halten, die alles plündern für ihre hungrigen Mäuler und eitlen Geister.

Wir sind nun im Metaverse, wo wir nicht auf ein Ich reduziert werden, das in einem durch Haut begrenzten physischen Körper lebt, geschmückt mit den Eigenschaften, die es zu besitzen glaubt, was wir heute die Tyrannei des Körpers nennen. Heute sind wir, jede und jeder von uns, Durchgangs- und Knotenpunkt unzähliger Identiäten, Geschichten, Bedeutungen, die über uns hinausreichen. Die Welt umgibt uns nicht, sondern durchströmt uns jetzt. Was uns umgibt, schafft uns. Wir gehören uns nicht, wir sind in all dem verbreitet, an das wir uns binden.

Und auch wenn ich manchmal daran denke, wie wertvoll es war, nur einen Körper zu haben, der fühlt, manchmal leidet, und irgendwann verschwindet, so kann das alles nicht damit mithalten, in einem Moment eine Mecklenburger Braunkuh zu sein und in einem anderen auf dem Mars!

Bis bald in einer anderen Dimension

Snah Sinekur

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all seinen Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

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Text: Hans Rusinek und Hannah König
Foto: Skull Kat on Unsplash

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