Die Melodie der Wasserpfeife

Shisha rauchen ist ungesund, teuer und verrufen. Trotzdem ist das Rauchen ein beliebter Zeitvertreib. In der Selbsterfahrung können wir unsere eigene Befangenheit hinterfragen – und so erfahren, woher sie kommt.

Die Shishabar hat immer geöffnet, 24 Stunden, 365 Tage im Jahr. Irgendwen treibt es immer her, sagt die Frau hinterm Tresen. Sie versteht meine Frage nicht. »Wieso soll man nicht um drei Uhr morgens kommen dürfen?« Hallo Weltflucht. Eskapismus zwischen Wänden in Natursteinoptik, an denen keine Uhren hängen. Die dicke Luft legt Schwere auf meine Lider. In dieser dunkelbunten Bar will ich das gute Leben suchen. Oder wieso verbringen Leute hier ihre Zeit? Shishabars haben Konjunktur, in den Großstädten schießen sie wie Pilze aus dem Boden. Aus dämmrigen Erinnerungen verbinde ich Shishabars mit Sauerstoffmangel, penetranter Musik, fürchterlichem Lichtdesign und Plastiksofagarnituren. Unwohlsein überkommt mich, im Begriff, 9,50 Euro in kratzende Halsschmerzen zu investieren. Der Reiz der Shisha ist mir ein absolutes Rätsel.

Die Barfrau arbeitet keine Nachtschichten, raucht lieber Zigaretten als Shisha und ist in den Laden ihres Bruders eingestiegen. »Sicher, dass du rauchen willst?«, fragt sie und betrachtet meinen Ausweis. »Macht Kopfschmerzen. Wenn die kommen, musst du dich mit der richtigen Technik ablenken. Vielleicht übst du mal Ringe machen. Mit aufgeblähten Backen machst du ein O, schiebst den Rauch nach vorne, zeig’ ich dir dann!«

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Dieser Text ist Teil unserer sechsten Ausgabe. In der geht es um Glaube, Religion, selbstgebaute Smart-Speaker ohne mithörende Konzerne, wandernde Straßenbäume oder das Potenzial von religiösen Bildern im Einsatz gegen die Klimakrise.

Peinlich berührt sehe ich mich bereits an Rauchringen scheitern. Ich setze mich und komme ins Gespräch mit einem Gast mit Cap und Sonnenbrille. Er arbeitet als Justizbeamter und kommt mindestens dreimal die Woche. »Ich komme hierher, wenn ich nicht mehr auf mein Leben klarkomme. Anfangs denkt man immer, man kommt, um einen klaren Kopf zu kriegen. Dann geht man am Ende und realisiert, man hat vergessen, sich einen Kopf zu machen. An nichts denken, das geht sonst nirgendwo so gut. Dann kommt man auch wieder klar.« Darum könnte es also gehen: Das Nicht-Nachdenken. Wer bereits in einem Meditationskurs war und an nichts denken sollte, wird wissen, wie schwer es dem menschlichen Bewusstsein fällt, dabei nicht wie eine aufgescheuchte Krähe auf Futtersuche von Ort zu Ort zu springen.

Auf einem großen Flachbildschirm laufen Musikvideos – Palmen, Poolparties und Privatjets, Geschlechterklischees und Goldketten. Als animierte Steilvorlagen für Gesellschaftskritik gleicht es einer Achtsamkeitsübung, meinen Blick von ihnen zu lösen. »Viele denken, wir machen hier nur Mist. Ich arbeite unter der Woche in der Justiz, da sieht man schlimme Schicksale. Man denkt schnell, die Welt wäre nur schlecht.« Der JVA-Mann neben mir ist ein guter Freund des Geschäftsführers. Der setzt sich zu uns. Seit er seinen Bürojob gekündigt hat, raucht er täglich zwei Traube-Minze-Shishas in seiner eigenen Bar. »Shisha rauchen bedeutet Gemeinschaft, ein Ritual, das verbindet. Wir feiern das Rauchen auch bewusst. Man raucht nicht schnell in fünf Minuten, im Vorbeigehen. Man nimmt sich Zeit.«

Der Genuss der Wasserpfeife braucht – wie jeder Genuss – Selbstvergessenheit, so viel habe ich verstanden. Vielleicht liegt der Bann der Shisha in der Auflehnung gegen gesellschaftliche Skepsis und Warnungen. Ihr Reiz offenbart sich in der sinnlichen Erfahrung gegen jede objektive Vernunft. Das ist pure Phänomenologie. Die Dinge sind nicht, sie erscheinen als das, was wir wahrnehmen. Doch was hat das mit dem guten Leben zu tun? Der Besuch der Shishabar ist die philosophische Übung, mir meine eigene Unvoreingenommenheit – und damit ein Stück gutes Leben – zurückzuerobern. Ich will die Erfahrung wieder zu meiner machen, mich einlassen.

Dreißig verschiedene Tabaksorten stehen zur Auswahl. In meiner Vorstellung schmecken sie alle künstlich, giftig. Wieso habe ich meine Regenjacke nicht dabei, falls ich gleich doch gehen will? Ich bestelle Watermelon Chill und nehme mir vor, meine Grübeleien für einen Moment beiseite zu schieben. Bewusst meine Aufmerksamkeit auf die Shisha vor mir zu lenken.

Ich habe mich vorab informiert. Ich könnte ihre Funktionsweise beschreiben und wie durch das Saugen am Mundstück ein Unterdruck entsteht, bevor wir ein Gemisch von Luft, Dampf, Rauch und Aromastoffen einatmen. Ich könnte über ihre kulturellen Wurzeln im arabischen Raum sprechen. Oder darüber, dass Shishas genauso gesundheitsschädlich sind wie Zigaretten, dass sie oft verharmlost werden. Mit all diesen Informationen käme ich doch der Frage nicht näher, was das Rauchen mit mir macht. Ich ziehe. Was bleibt von der Erfahrung ohne ihren assoziativen Ballast, springende Blicke zum Fernseher und Wikipedia-Informationen?

Diese Shisha ist ein kratziges Wassermelonenaroma, ein Nebel, der langsam aus meinem Mund aufsteigt und formlos verwirbelt wie Staub. Führe ich das Mundstück an meine Lippen, legt sich ein fruchtiger Geschmack auf meine Zunge. Eine Benommenheit, die sich langsam in mir ausbreitet. Müdigkeit, die durch meine Adern fließt, Gedanken, die vor mir verschwimmen. Sie ist das träge Glühen grauer Kohle, Schwere in meiner schwitzenden Hand und tanzendes Wasser. Diese Shisha ist aber auch Zeitvergessenheit, Verwunderung, warum ich hier bin. Sie ist die Erkenntnis, dass Kopfschmerz kommen wird, was im Moment aber nicht zählt. Sie ist wertfreie Gedankenlosigkeit, Revolte gegen überbordende Vernunft, ein Rückzug aus der Zeit.

Mein Besuch in der Shishabar ist eine Metapher, eine Erinnerung an mich, das im Geröll meiner Befangenheit verschüttete gute Leben zu befreien. Es geht bei diesem Experiment nicht ums Rauchen. Es geht darum, die Dinge zu erleben, wie man sie eben erlebt. Darum, dass es völlig egal ist, was objektiv gesehen ist, oder objektiv gesehen anders ist als man es erlebt. Ich könnte überall sein, aber ich bin hier. Warum? Um abzuhängen in grauen Dampfwölkchen, dem Wasser beim Blubbern zuzusehen, Zuckerkristalle in Tee aufzulösen und die Stunden des Tages an mir vorbeiziehen zu lassen. Wenn es das gute Leben gibt, hier liegt was davon in der Luft.


Texte: Valerie Hertwig

Foto: Awesome Sauce Creative on Unsplash

Anmerkung

Dieser Text entstand vor dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau im Januar 2020, bei dem unter anderem eine Shishabar angegriffen wurde. Unsere Solidarität gilt den Opfern und Hinterbliebenen der Tat. Wenn du im Alltag gegen Rassismus aktiv werden willst: Lass dich zum Beispiel zur Stammtischkämpfer:in ausbilden, um im Gespräch mit Menschenfeind:innen standhaft zu bleiben.

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