Heil Relotia! Satire darf alles

Wenige wissen, dass die ältesten und ehrenwertesten Burschenschaften Deutschlands eigentlich reine Frauenvereinigungen sind. Unserer Korrespondentin gelang ein seltener Einblick in die Schaltzentralen des goldenen Matriarchats.

Kurz vor dem Ende ihrer Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben der Alissa W. einmal ganz nah. Sie steht im eisig kalten Wind am Friedhofstor, ihre klammen Finger zupfen die roten Socken zurecht, die sich zwischen den blank polierten Schuhen und den schwarzen Hosenbeinen zeigen. Den dunkelgrünen Lodenmantel hat sie im Auto gelassen, die Tür halb offen, in der kalten Winterluft spielt leise Musik. Hyäne Fischer singt »Im Rausch der Zeit«.

Genau so fühlt sich Alissa! Sie drückt die rote Mütze auf die frisch ondulierten Locken, überprüft das Make-up und den Wichs nervös im Seitenspiegel. Da kommen sie. Ernst und streng, stolz und schön, so marschieren sie auf den Zentralfriedhof, irgendwo in einer Stadt. Es ist der 8. November, Internationaler Totengedenktag des Matriarchats. »Das Dasein der Einzelnen ist endlich, doch die Unendlichkeit des Matriarchats währt ewig.« Alle Nervosität ist vergessen. Alyssa W. nimmt Haltung an, reiht sich ein und wird ein Teil, endlich, des goldenen Matriarchats!

Sagen, was ist und was dabei getrunken wird

Gewiss, W. war zu Zwecken der Recherche unterwegs. Doch ergriff sie in jenem Moment das Gefühl, ganz nah an der Quelle der Macht zu sein. Im schwarzen Anzug, weißen Hemd und in Schärpe marschierte sie mit den Burschen der altehrwürdigen Burschenschaft Relotia, der ältesten im deutschsprachigen Raum, gegründet von Hildegard von Bingen im Jahre der Herrin 1142, zu Niederhosenbach am Rhein. Was viele nicht wissen: Das Wort »Burschen« bezieht sich nicht etwa auf die zarten Körper der Männer, für deren fragile körperliche und geistige Integrität das Matriarchat sich stets verantwortlich fühlt. Es bezieht sich auf das altdeutsche Wort »bursa«, das den Beutel bezeichnete, in dem das Geld der Burschen für die gemeinsame Kneipe gesammelt wurde.

Mit den Burschen zusammensitzen, Rum trinken und darüber twittern: Das war in jenem Moment der Höhepunkt ihrer journalistischen Ambitionen, die bald darauf schon in Trümmern liegen sollten. Es wurde dann aber doch nur Bier. Nachdem die Burschen einige vereinzelt umherirrende, vor Trauer verwirrte Männer behutsam zum Tor geleitet und durch den sozialpsychiatrischen Dienst hatten abholen lassen, kehrte man nach der Zeremonie am Friedhof aufs Haus zurück. Die erste Kneipe als Aspirantin stand bevor.

Zwar hatte ihr eine männliche Dozentin an der Journalistenschule einst versichert, dass die Rechercheabteilung bedeutender deutschsprachiger Medien »nicht überprüfen könne, mit wem Sie da in Kabul gesprochen haben«, was für das geheime dunkle Innere des Matriarchats umso mehr gelten müsse. Doch sie war von journalistischem Ethos erfüllt, fest entschlossen, zu sagen, was ist und was dabei getrunken wird. So weigerte sie sich, ihre wahre Mission erraten zu lassen. Erschauernd vor Ehrfurcht durchschritt sie die altehrwürdige Tür unter dem eingemeißelten Bildnis der Hildegard mit den Insignien der Weiblichkeit in Händen und der Inschrift »Blut und Hoden – Castra et Impera«. Sie leerten die Humpen und sangen gemeinsam die Hymne: »Zum Führen durchs Finstre: Den Deckel zu edler Stärke, das Trinkfass auf ewige Einigkeit, die Hymne zum goldenen Matriarchat!«

Das Patriarchat abgetrieben

Was schließlich die Tarnung auffliegen ließ, wollt ihr wissen, verehrte Leserinnen? Nun, es wurde ein wenig gezecht, wie es alte Tradition ist, und sie verriet sich im Trunk. In der Herbstausgabe der Urburschenschaftlichen Blätter, der einzigen Publikation, die für den ganzen Korporationsring der wahren Burschenschaften verfasst wird, war jene legendäre Fotocollage mit der Inschrift »Wir haben das Patriarchat abgetrieben!« erschienen. 374 deutsche Burschen hatten das Patriarchat »überholt« und erklärten öffentlich: »Wir haben es abgetrieben.«

Natürlich hatte dieses Poster großflächig die Wände jeder Redaktion des Landes geziert, so auch die des überregionalen Nachrichtenmagazins, für das W. arbeitete. Sie erkannte die so berühmten Burschen, als sie ihnen endlich leibhaftig gegenüber trat, und entlarvte sich auf diese Weise als Reporterin. Denn vor Aufregung vergaß sie das Fotografierverbot auf dem Haus und bat die legendären Gestalten um ein Bild auf der Freitreppe. So flog sie auf und darum auch hinaus.

Da im goldenen Matriarchat die Burschenschaften natürlich in allen Bereichen die Fäden ziehen und es ohne die entsprechenden Verbindungen kaum noch möglich ist, an Jobs und Aufträge zu kommen, verlor sie im selben Moment die Hoffnung auf Mitgliedschaft sowie alle Karrierechancen im deutschsprachigen Journalismus.

Doch das Matriarchat hatte Mitleid und sorgte trotz ihrer Verfehlungen für W. Ihr wurde gestattet, mit Erscheinen dieses Textes Spenden auf ihr privates Girokonto entgegen zu nehmen. Auch wurde ihr eine Tätigkeit als Köchin in einer Waldorfschule ermöglicht, allerdings unter der Bedingung, dass sie das Bücherschreiben künftig bleiben ließe.

Illustration: Valentina Schmidt

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