Kompost statt Plastik

Was heißt hier eigentlich sauber? Eine Einladung, Sauberkeit neu zu betrachten – oder eher: zurück zu den Wurzeln zu gehen.

Was verbindet Dreck und Sauberkeit wohl mehr als der gute alte Kompost? Eine Komposition aus Verrottetem, Vergammeltem und Ausgeschiedenem. Das Kompostieren ist eine Kulturpraktik, die so alt ist wie die Sesshaftigkeit des Menschen. Denn plötzlich hatte er den ganzen Mist an der Backe und musste irgendwie damit umgehen. Der Begriff Kompost stammt von dem lateinischen Wort „componere“ ab und bedeutet „zusammenstellen“. Wie praktisch, dass die Natur Kleinstlebewesen und Pilzmyzele vorsieht, die Dreck in Sauberkeit verwandeln. Bei wohligen sechzig Grad Celsius fühlen sie sich am wohlsten und entfalten ihre volle Reinigungs-Power. Wie eine Waschmaschine der Natur.

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all ihren Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Unsere Kultur hinterlässt leider überwiegend anderen Dreck. Dreck, der Gifte in Atmosphäre, Wasser und Böden entlässt. Der sich zwar zersetzt, doch nur zu immer kleiner werdenden Partikeln. Wir leben in einer Welt aus Plastik. But it’s not fantastic.

Die Zeit ist reif, wieder Kompositionen einzugehen. Die Sauberkeit der in Plastik vakuumierten Lebensmittel, der beschichteten Picknickdecken oder knallig-gelben Küchenschwämme ist mehr Schein als Sein. Wir versuchen strukturell etwas auszuschließen, von uns fern zu halten, was uns eigentlich nützlich ist und immer schon war. Es ist an der Zeit, zu hinterfragen, was Sauberkeit überhaupt bedeutet und zu lernen, Dreck von Dreck zu unterscheiden. Dreck, der immer welcher bleiben wird und solcher, der lebendig kreucht und fleucht und im hitzigen Tumult Sauberkeit erschafft. Auch wir humanen Lebewesen sind Kompositionen aus Vielen. Nur so können wir lebendig sein, indem wir uns immer wieder erneuern.

Eine Kompost-Kultur, eine Kultur der Kompositionen und der Symbiosen ist eine nachhaltige, eine lebendige Kultur. Sie lädt ein, teilzunehmen.

Text: Imke Langmann
Bild: Miikka Luotio on Unsplash


Weiterlesen

Zeitschrift Oya – enkeltauglich Leben. #66 Kompost werden!
Wie Menschen und Pflanzen mit Dürre, Fluten und der Wirklichkeit einer heißer werdenden Planeten umgehen, Sterbendes transformieren und für Lebendigkeit streiten.
https://lesen.oya-online.de/ausgaben/66-kompost-werden.html

Wir konnten auch anders: Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit
Die Historikerin blickt in die vormoderne Geschichte, in denen nachhaltige Lebensformen gelebt wurden und durch die wir heute lernen können.
Annette Kehnel, Karl Blessing Verlag, 2021

Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän
In einer Zeit, in der sich der Mensch in den Mittelpunkt der Welt zu stellen scheint, wird hier ein anderer Standpunkt vorgeschlagen. Denn alles ist miteinander verbunden: Von Cyborg bis Kleinstlebewesen entsteht ein Netz des Lebens, nach dem gehandelt werden sollte.
Donna J. Haraway, Campus Verlag, 2018

Media

A slower urgency
Eine Philosophie über ein kompostierendes Sein. Inspiriert nach dem afrikanischen Sprichwort: “Wenn die Zeit drängt, dann lasst uns langsam machen”. Báyò Akómoláfé

https://www.bayoakomolafe.net/post/a-slower-urgency

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