Wie viel soll es sein?

Minimalismus ist nicht für alle etwas. Zwei persönliche Perspektiven auf das rechte Maß der Dinge.

Weniger ist mehr als nur weniger!

Vier weiße Wände, drei Hemden an der Kleiderstange und eine Müslischüssel im Küchenschrank. In seinem ersten viralen Youtube-Video, » Ein Tag im Leben eines Minimalisten «, zeichnet Filmemacher Matt D’Avella anfangs ein extremes Bild vom Leben als Minimalist. Im weiteren Verlauf relativiert er diese Stereotype wieder, denn Minimalismus ist weit mehr als eine aufgeräumte Wohnung mit sporadischer Einrichtung. Es ist ein Konzept, das uns in vielen Lebensbereichen weiterhelfen soll.

Die wohl bekanntesten Minimalist:innen kommen aus dem bekanntesten Land des Überflusses, den USA. Ryan Nicodemus und Joshua Fields Millburn von »The Minimalists « beschreiben in ihrem Buch » Love People Use Things «, wie Minimalismus unsere sieben essentiellen sogenannten Lebensbeziehungen heilen kann. Das sind die Beziehungen zu unseren Gegenständen, unserer Gesundheit, unseren Werten, unserer Kreativität, uns selbst, sozialem Engagement und anderen Menschen. Viele dieser Beziehungen manifestieren sich in unseren Besitztümern, trotzdem ist das Ausmisten von Gegenständen erst der Anfang auf dem Weg zu einem erfüllten und bedeutungsvollen Leben.

» Souverän ist nicht wer viel hat, sondern wenig braucht. «

Nico Paech

Anfangen, Aufräumen, Aussortieren

Beim Ausmisten müssen wir jeden Gegenstand, den wir sonst für selbstverständlich als Teil unseres Besitzes angesehen haben, in die Hand nehmen und hinterfragen. Das gleicht einer Selbstreflektion, denn die meisten dieser Gegenstände verbinden wir mit zutiefst persönlichen Erinnerungen. Gerade wenn es besonders emotionale Erinnerungen sind, fällt uns das Aussortieren schwer. Mir persönlich hilft es deshalb, wenn ich weiß, dass jemand anderes meine aussortierten Dinge gebrauchen kann. Bei den Minimalisten Ryan Nicodemus und Joshua Fields Millburn ist das Aufräumen und Aussortieren erst der Anfang, denn womit füllen wir unser Leben, wenn wir Platz geschaffen haben? Vielleicht ist gerade diese Frage der Grund, warum viel Menschen davor zurückschrecken, überhaupt erst anzufangen. Eine leere Wohnung oder, noch schlimmer, ein leeres Leben will schließlich niemand haben.

Die Leere füllen

» This podcast is brought to you by … nobody, because advertisement sucks «, mit diesem Satz beginnt Joshua Fields Millburns jede Podcast-Folge. Immer wieder betont er, dass Werbung der Grund für unseren blinden Konsum sei. Sie verführe uns, das innere Gefühl von Leere mit Gegenständen zu füllen. Er und sein Podcast-Partner Ryan Nicodemus sind jahrelang darauf hereingefallen. Als beide noch in der » Corporate World « gelebt und gearbeitet haben, wohnten sie in Häusern mit mehreren Schlafzimmern und großen Garagen. Der ganze Platz musste » natürlich « auch mit Gegenständen gefüllt werden. Um sich das leisten zu können, mussten sie viel Lebenszeit mit Lohnarbeit verbringen. Den Rest der Zeit kümmerten sie sich um die Instandhaltung ihres Besitzes. Für Freunde und Familie blieb kaum noch Zeit. Als Joshuas Mutter starb und im selben Monat seine Ehe zu Bruch ging, krempelte er sein Leben um.

Wer besitzt hier wen? Du Deinen Besitz oder Dein Besitz Dich? Wer verstanden hat, mit was er wirklich seine Lebenszeit verbringen möchte, kann sich leichter von Besitztümern trennen.

Alles, was übrig bleibt

Verstaubte Kisten und originalverpackte Artikel mit Preisschildern waren im gesamten Haus verteilt. Während Joshua versuchte, einen Überblick über die Habseligkeiten seiner verstorbenen Mutter zu bekommen, fiel ihm auf, wie wenig er davon brauchen konnte. Vieles musste er wegschmeißen, obwohl es nie benutzt worden war. Die größte Entdeckung machte er unter dem Bett seiner Mutter. Zugeklebte Kartons mit Kiloweise Fotos aus seiner Kindheit. Er erinnerte sich, dass er diese Kisten beim Einzug seiner Mutter genauso hereingetragen hatte. Sie wurden seit Jahren nicht mehr angefasst. Seine Mutter wollte diese Erinnerungen aus seiner Kindheit niemals vergessen, aber die Fotos hat sie dafür nicht gebraucht. Joshua kommt zu der Erkenntnis: Wenn wir einen Gegenstand weggeben, an dem eine Erinnerung hängt, heißt das nicht, dass wir damit die gesamte Erinnerung weggeben.

Dieser Text ist Teil unserer achten Ausgabe. In der geht es um Schmutz und Sauberkeit in allen gedanklichen Dimensionen, Phantasien, Putzkollektive und Lösungen für einem saubere Umwelt. Abgerundet wird das Ganze mit Tips für das Gute Leben, garniert mit einem Spritzer Rebellion.

Darauf kommt es an

Minimalismus heißt nicht, in einer leeren Wohnung mit nur einer Müslischüssel zu leben. Minimalismus ist ein Prozess mit dem Ziel, dass alles, was wir besitzen, absolute Lieblingsstücke sind. Für mich ist es das eine befreiende Vorstellung, nichts mehr zu besitzen, was ich nur so halb gut finde. Und wenn ich all den halb guten Dingen weniger Raum gebe, gewinne ich Platz für Inspiration, neue Menschen und Erlebnisse. Die richtig guten Dinge eben. Erst als ich vor einigen Jahren mein erstes und heißgeliebtes Auto weggegeben habe, fühlte ich mich plötzlich frei genug, um für fünf Monate auf einem anderen Kontinent zu leben. Es war eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens. In den Worten der Minimalists heißt das: » Love people, use things, because the opposite never works. «

Text: Felix Strohbach

Für weniger Minimalismus

Ich besitze eine teure Lederjacke. Sie ist schwer, besteht aus totem Tier und ich trage sie nie. Ich könnte sie verkaufen. Im Kleiderschrank nimmt sie sehr viel Platz ein, an ihre Stelle könnte ich drei Pullover hängen. Ich könnte mich in guter minimalistischer Manier fragen, wann ich die Jacke das letzte Mal anhatte. Wenn es mehr als drei Monate her ist, kommt sie weg. Aber das werde ich nicht tun. Die Jacke gehörte meinem verstorbenen Vater. Ich hänge an ihr, weil ich Gefühle auf sie projiziere. Den Elternteil, den ich in meiner Jugend nicht hatte und so weiter. Mit vielen Dingen geht es mir so: Obwohl ich sie kaum verwende, möchte ich sie in meinem Leben haben. Zum Minimalismus pflege ich deshalb eine angespannte Beziehung.

Ich finde, es ist nichts Falsches an der Idee, ein gesundes Verhältnis zu unseren Besitztümern zu pflegen, uns von manchen auch zu trennen. Auch ich sortiere manchmal aus, weil ich in einem kleinen Zimmer lebe und den Platz brauche. Doch das Motto des Minimalismus » Weniger ist mehr « hat für mich seine Grenzen. Ich kann mit dem Lifestyle dahinter nichts anfangen. Den Aufräum-Methoden kann ich noch etwas abgewinnen, aber die Behauptung, er könne die Welt verbessern, geht für mich zu weit.

Systemkritik statt Konsumkritik

Die Behauptung, wir würden unter der Last unseres Hab und Guts leiden, macht mich unbehaglich. Viele Menschen sind nicht in dieser Position. Es ist schön, wenn die fünf ausgewählten Merino-Pullover im Kleiderschrank alles sind, was wir im Leben wollen. Doch wer auf seinem Instagram-Channel preiswerte Modemarken und Black-Friday-Sales anprangert, vergisst, dass Minimalismus für viele nicht das dringendste Problem ist.

Auch das Versprechen der Nachhaltigkeit, dass uns der Minimalismus gibt, sollte skeptisch machen, finde ich. Denn er hält es nicht. Richtig: Unendliches Wachstum ist eine Sackgasse. Aber als Konsument bin ich nicht allein schuld daran, dass Konzerne ausbeuten und abholzen. So einfach ist es nicht. Wir sollten Verantwortung übernehmen für die Privilegien, die uns dieses System verschafft. Aber nicht, indem wir im Naturkaufhaus einkaufen und Veganismus predigen. Das würde bedeuten, dass wir uns ein reines Gewissen kaufen können. Umgekehrt machen wir so diejenigen für gesellschaftliche Probleme verantwortlich, die sich keine Fairtrade-Lebensmittel und keine Bio-Baumwolle leisten können. Menschen für ihr Konsumverhalten zu verurteilen, ist im schlimmsten Fall klassistisch und hilft meist nicht weiter.

Minimalism sells

Nicht zuletzt finde ich es verdächtig, dass sich der Minimalismus-Lifestyle so gut verkauft. Dafür gibt er sich zu sehr als Anti-Konsum. Aber teure Ordnungssysteme, Aufräum-Ratgeber, Meditationsanleitungen und Halter für Schneidebretter für 30 Euro soll ich shoppen, denn sie verändern mein Leben? Meine aufgeräumte Sockenschublade wird Frieden in mein Dasein einkehren lassen und mein leerer Schreibtisch, nur von einem Bonsai geziert, schützt mich vor dem Burnout? Was mich angeht, bin ich da leider nicht so sicher.

Am Ende bleibt der Umgang mit unserem Krimskrams natürlich allen selbst überlassen. Wer shoppen will, möge shoppen; wer ausmisten will, möge ausmisten. Ich werde meine Lederjacke behalten, genauso wie die Stofftaschentücher von meiner Oma, das Akkordeon von meinem Opa und die Sammlung von Gläsern aus meinen Lieblingsbars. Mein Zimmer ist sehr oft das Gegenteil von aufgeräumt. Wohl fühle ich mich darin trotzdem.

Text: Yann Schmidt
Bild: Phil auf Unsplash

Weiterlesen

Love People, Use Things
Ryan Nicodemus, Joshua Fields Millburn,
Celadon Books, 2021
transform-magazin.de/min

Ist Minimalismus die Alternative zum Überfluss?
Wann ist Minimalismus befreiend, wann dogmatisch?
transform-magazin.de/tf1

Befreiung vom Überfluss
Niko Paech, oekom Verlag GmbH, 2012

Auf der Suche nach dem verlorenen Maß
Interview mit Thomas Vogel über das gemäßigte Leben
transform-magazin.de/tf2

Handeln

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Such Dir einen Freund, der bereit ist, mit
Dir im nächsten Monat seine Sachen zu reduzieren. Jeder trennt sich am ersten Tag des Monats von einer Sache. Am zweiten Tag zwei Dinge. Drei Dinge am dritten Tag. Und so weiter und so fort.
transform-magazin.de/ming

Media

Video
» A day in the Life of a Minimalist « von Matt D’Avella
transform-magazin.de/yt5

Podcast
» The Minimalists Podcast « von Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus
transform-magazin.de/minp

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