Wer arm ist, muss früher sterben

Deutschland ist ein reiches Land mit einem Gesundheitssystem, das allen Zugang zu medizinischer Versorgung auf höchstem Niveau verspricht. Dennoch gilt auch hier: Armut macht krank und Krankheit kann arm machen.

Lieber arm und gesund als reich und krank, sagt man. Lustig klingt das, weil es sich ja genau umgekehrt verhält: Wer viel besitzt, lebt im Durchschnitt gesünder als ein Armer, der häufiger krank ist und daher eine geringere Lebenserwartung hat. Ob man etwa als vermögender Chefarzt in einem Villenviertel oder als im Straßenbau beschäftigter Hilfsarbeiter wegen des günstigen Mietpreises an einer Schnellstraße wohnt, hat erhebliche Auswirkungen auf den Gesundheitszustand. Die soziale und ökonomische Ungleichheit bestimmt die Gesundheit verschiedener Bevölkerungsgruppen, Klassen und Schichten. Armut macht krank und verringert die Lebenserwartung der davon Betroffenen. Krankheit macht auch arm. Gerade im Hinblick auf schwere Krankheiten, die eine aufwendige medizinische Behandlung erfordern, gilt: Wenn du krank bist, kannst du sehr bald arm werden.

50 Cent für die Gesundheitspflege

In der digitalisierten ›Arbeitswelt 4.0‹ und einer Pandemie-Ökonomie nimmt die Belastung aufgrund eines höheren Arbeitstempos, wachsender Multitasking-Anforderungen, häufiger Unterbrechungen, Arbeitsplatzunsicherheit und anderer Stressoren weiter zu. Arbeitnehmer:innen schlafen zum Teil schlecht, weil sie die gravierenden Folgen einer Kündigung fürchten. Kettenverträge im Rahmen der Projektarbeit, Soloselbstständigkeit und Cloud- bzw. Crowdworking halten die Menschen in einem Gehäuse der Hörigkeit und der totalen Unsicherheit fest. Ein höherer Konkurrenz-, Effizienz- und Zeitdruck, der das heutige Arbeitsleben kennzeichnet, ist nicht die größte Belastung in diesem Zusammenhang.

Stärker als Berufstätige sind Erwerbslose von Armut und Krankheit betroffen. Es fällt schwer zu glauben, dass man mit dem Regelsatz im Hartz-IV-Bezug gesund leben kann. Volljährigen Grundsicherungsempfänger:innen stehen pro Tag nur wenig mehr als fünf Euro für Nahrungsmittel, etwas mehr als 50 Cent für die Gesundheitspflege und überhaupt kein Geld für Heil- und Hilfsmittel und Medikamente zu. Leistungsempfänger:innen leben oft in schadstoff‘reichen oder lauten Stadtteilen und schlechten Wohnverhältnissen. Sofern als ›Aufstocker:innen‹ erwerbstätig, haben sie häufig ungesunde Jobs und dazu noch einen schlechteren Zugang zu medizinischer Versorgung als die große Mehrheit der Bevölkerung.

Hartz IV macht nicht bloß viele Menschen krank, weil sie als Grundsicherungs-empfänger:innen von ihren ›persönlichen‹ Ansprechpartner:innen im Jobcenter schikaniert werden, sondern auch, weil sie mit den dürftigen SGB-II-Regelsätzen ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, überschuldet sind und unter der Stigmatisierung als ›Hartzer‹ leiden. Oder weil sie eben als prekär Beschäftigte auch nicht mehr ruhig schlafen können, weil sie Angst vor der Kündigung durch den Arbeitgeber haben. Hartz IV ermöglicht den davon Betroffenen auch keine optimale medizinische Versorgung. Vor allem dann nicht, wenn sie das Jobcenter sanktioniert, also mit Leistungsentzug für Pflichtverletzungen und Meldevergehen bestraft.

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all ihren Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Herzkrank durch Hartz IV

Wer mit dem Hartz-IV-Regelsatz plus Erstattung der Heiz- und Mietkosten, falls das Jobcenter sie übernimmt, auskommen muss, kann nicht selbstbestimmt am sozialen, kulturellen und politischen Leben teilnehmen. Finanziell nicht mithalten und sich vieles von dem nicht leisten zu können, was für andere Mitglieder der kapitalistischen Leistungs-, Konkurrenz- und Konsumgesellschaft als normal gilt, kann enormen Stress und eine gewaltige psychosoziale Belastung bedeuten. Durch spürbare Entbehrungen sind die Möglichkeiten zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit beschränkt. Betroffene werden verachtet und in aller (Medien-)Öffentlichkeit verächtlich gemacht. Gegenüber gutsituierten Vergleichspersonen ist Hartz IV daher mit einer Krankheitsanfälligkeit und Sterblichkeit verbunden.

Ungefähr jeder vierte Arbeitslosengeld-II-Empfänger
befindet sich zehn Jahre oder länger im
Transferleistungsbezug. Ein geringes Selbstwertgefühl,
Vereinsamung, soziale Isolation und Resignation
sind fast zwangsläufige Folgen eines dauerhaften Bezuges von Arbeitslosengeld II. Zukunftsängste, Angstzustände und Stimmungs-schwankungen beeinträchtigen das allgemeine Wohlergehen der Betroffenen, ihrer Lebenspartner:innen und ihrer Familien. Psychische und Suchterkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Atemwegs-, Muskel- und Skeletterkrankungen treten bei Mitgliedern sogenannter Hartz-IV-Haushalte vermehrt auf. Hinzu kommt ein höheres Risiko hinsichtlich Problemschwangerschaften und Säuglingssterblichkeit. Kinder aus SGB-II- Bedarfsgemeinschaften leiden oft unter Minder-wertigkeitskomplexen, Selbstzweifeln und Depressionen – Begleiterscheinungen eines längeren oder dauerhaften Arbeitslosengeld-II- bzw. Sozialgeldbezugs. Beengte Wohnverhältnisse und fehlende Rückzugsmöglichkeiten tragen dazu bei, dass arme Kinder in allen Lebenslagedimensionen benachteiligt sind.

Lebenserwartung & Einkommen Eine Untersuchung des Robert- Koch-Instituts ergab, dass Menschen mit höherem Einkommen auch im Durchschnitt länger leben. Die Differenz zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommensgruppe beträgt für Frauen 4,4 Jahre und für Männer 8,6 Jahre. Dieser Unterschied nimmt auch nicht ab, wenn das 65. Lebensjahr erreicht wurde.

T. Lampert, J. Hoebel, L.E. Kroll. Journal of Health Monitoring, 2019.
tfmag.de/molera | rki.de

Der Mythos vom „Sozialschmarotzer“

Hartz IV macht nicht bloß viele Menschen krank, sondern ermöglicht den Betroffenen auch keine optimale medizinische Versorgung, vor allem nicht, wenn sie das Jobcenter mit Leistungsentzug für Pflichtverletzungen und Meldevergehen bestraft.

Langzeiterwerbslose, die nicht bloß vom Ersten Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, vielmehr auch in anderen Lebensbereichen diskriminiert sowie als ›Drückeberger‹, ›Faulenzer‹ und ›Sozialschmarotzer‹ diffamiert werden, reagieren darauf oft mit einem Rückzug ins Private und einer resignativen Grundhaltung. Ihnen fehlt es zumeist an sozialen Netzwerken, die sie auffangen könnten, ebenso wie an dem notwendigen Selbstbewusstsein, um sich einer feindlichen Umwelt gegenüber zu behaupten. Die soziale Isolation führt zusammen mit dem Mangel an finanziellen Ressourcen selbst leicht zu einer gespannten Familienatmosphäre, häufigen Konflikten und Stresszuständen, wenn nicht gar die Trennung vom (Ehe-)Partner oder übermäßiger Alkoholkonsum hinzukommen.

Kosten & Alter

Das statistische Bundesamt hat 2015 die Gesundheitskosten je Altersgruppe berechnet. Bereits ab 45 Jahren ergab sich ein deutlicher Anstieg. Die meisten Kosten fielen auf die Gruppe 65 bis 85 Jahre, mit 125,3 von insgesamt 338,2 Milliarden Euro. Die Kosten nehmen auch pro Kopf deutlich zu, für Über-85-Jährige betrugen sie 19.790 Euro, fast das Fünffache vom Durchschnitt (4.100 Euro).
tfmag.de/steigeko | handelsblatt.de

Körperlich und psychisch extrem belastend wirken Sanktionen, die von den Jobcentern gegen Hartz-IV-Empfänger:innen verhängt werden, wenn sie ihre Mitwirkung verweigern, sogenannte Pflichtverletzungen
oder Meldeversäumnisse begangen haben. Krank sind oder werden aber nicht bloß viele Arbeitslosengeld-II-Bezieher:innen, sondern auch Jobcenter- Mitarbeiter:innen, die ›auf der anderen Seite des Schreibtisches‹ sitzen und einen ›Burn-‹ oder ›Bore-out‹ bekommen, weil sie das Hartz-IV-System mit seinen institutionalisierten Ungerechtigkeiten und bürokratischen Verkrustungen frustriert.

Armut, Krankheit, Alter

Ältere, die materielle Entbehrungen hinnehmen müssen, sind weniger als jüngere Menschen in der Lage, Einschränkungen ihres Lebensstandards durch Ausweitung ihrer sozialen Netzwerke zu kompensieren. Aus der Genderperspektive betrachtet, verschärft sich das Problem, weil Frauen, die im Durchschnitt ein höheres Lebensalter als Männer erreichen und materiell zumeist schlechter abgesichert sind, häufiger von multiplen chronischen Krankheiten und psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Demenz betroffen sind.

Armut & psychische Krankheiten

Neben körperlichen Erkrankungen sind ärmere Menschen auch anfälliger für psychische Störungen. Laut der ›Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland‹ (DEGS) liegt die Wahrscheinlichkeit für Frauen mit niedrigem sozioökonomischen Status bei 43 Prozent (im Vergleich zu 27 Prozent für solche mit hohem Sozialstatus). Bei Männern sind es 32 Prozent gegenüber 18 Prozent.

Gesundheit in Deutschland, Robert Koch-Institut, Berlin 2015.
tfmag.de/gemo | rki.de

Besonders im Alter macht Krankheit auch Menschen arm. In einem höheren Lebensalter steigen die Kosten für ärztliche Behandlungen, Arznei-, Heil- und Hilfsmittel, Krankenhausaufenthalte sowie Pflegedienstleistungen in einem Gesundheitssystem,
das im Zeichen des Neoliberalismus zunehmend ökonomisiert, privatisiert und kommerzialisiert wurde. Gerade viele Senior:innen sind dadurch finanziell überfordert. Die für den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der Gesundheit notwendigen Aufwendungen steigen, während ihre Einkommen im Ruhestand eher sinken. Dadurch sind Ältere, die in der Regel höhere Krankheits- und Pflegekosten schultern müssen, stärker armutsgefährdet. Eine schwere Krankheit, eine Behinderung oder die Pflegebedürftigkeit der Eltern hat bis zum Inkrafttreten des Angehörigen-Entlastungsgesetzes am 1. Januar 2020 zudem häufig Armut erwachsener Kinder nach sich gezogen.

Es ist jedoch ein offenes Geheimnis, dass sich ältere Menschen damit schwertun, die Grundsicherung im Alter – früher hieß sie Fürsorge bzw. Sozialhilfe – überhaupt zu beantragen. Viele scheuen den bürokratischen Aufwand oder fürchten irrtümlich den (bis zu einem Jahreseinkommen in Höhe von 100.000 Euro ausgeschlossenen) Unterhaltsrückgriff auf ihre Kinder bzw. sogar auf ihre Enkel fürchten. Berücksichtigt man die hohe Dunkelziffer, gibt es über anderthalb Millionen Menschen, die im Alter auf oder unter dem Hartz-IV-Niveau (bundesdurchschnittlich ca. 816 Euro pro Monat) leben.

Gleichheit macht gesünder

Epidemiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass Mitglieder einer Gesellschaft umso gesünder sind, je gleicher deren materieller Reichtum unter ihnen verteilt ist. Ohne sozioökonomische Gleichheit kann es weder Gerechtigkeit noch Frieden mit der Natur geben. Entscheidend für die Realisierung einer sozialen Bürger- bzw. Zivilgesellschaft ist, ob es gelingt, das gesellschaftliche Klima im Rahmen einer politischen (Gegen-) Mobilisierung zu verbessern und eine neue Kultur der Solidarität zu entwickeln, die Zuwanderer und ethnische Minderheiten genauso selbstverständlich umfasst wie einheimische (Langzeit-)Arbeitslose und Arme.

Kooperation statt Konfrontation, Inklusion statt Exklusion, Öffnung statt Schließung nach außen lauten die Leitlinien einer Gesellschaftspolitik, die den Globalisierungsprozess nicht ohnmächtig begleitet, sondern eigene Impulse setzt, um das wohlfahrtsstaatliche Arrangement von den nationalstaatlichen Beschränkungen zu befreien. Wenn man Inklusion nicht bloß als systemtheoretischen Schlüsselbegriff und (sozial)pädagogisches Prinzip, sondern auch – in sehr viel umfassenderem Sinne – als gesellschaftspolitisches Kernparadigma begreift, muss ein inklusiver Wohlfahrtsstaat, der eine gleichberechtigte Partizipation aller Wohnbürger:innen am gesellschaftlichen Reichtum wie am sozialen, politischen und kulturellen Leben ermöglicht, das Ziel sein. Mehr Gleichheit ist wirtschaftlich sinnvoll, ökologisch notwendig, moralisch geboten, verteilungsgerecht und politisch möglich.

Text: Christoph Butterwegge
Foto: Towfiqu barbhuiya on Unsplash

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Butterwegge

Lehrte bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln und veröffentlichte zuletzt das Buch ›Ungleichheit in der Klassengesellschaft‹. Er gehört dem Gutachter-gremium der Bundesregierung für den Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht an.

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Ungleichheit in der Klassengesellschaft
Christoph Butterwegge. Papyrossa Verlag, Köln 2020.
tfmag.de/ungleichheit | shop.papyrossa.de

Armut und Gesundheit
Seit über 25 Jahren jährlich stattŸindender Public Health-Kongress zur gesundheitlichen Ungleichheit in Deutschland. Auf der Website Ÿindet sich auch ein Archiv mit allen Beiträgen.
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Vortrag von Dr. Butterwegge auf einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie Rheinland.
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