Der digitale Männerclub

Ob Abtreibungsverbot oder gläserne Decke, gegen die Folgen männlicher Dominanz kämpfen Feminist*innen schon lange. Auch im Internet werden Frauen diskriminiert – mit konkreten Folgen im realen Leben. Aber es gibt Widerstand.

Die Big Five, die ›großen Fünf‹ der digitalen Welt, sind heute Google, Apple, Microsoft, Amazon und Facebook. Und deren Gründer*innen? Es braucht hier eigentlich kein Gendersternchen, denn diese Internetpioniere sind allesamt männlich: Milliardäre wie Steve Jobs, Bill Gates, Jeff‘ Bezos und Marc Zuckerberg dominieren die Techbranche und somit nicht nur unseren Zugang zur digitalen Welt, sondern auch das Wesen des Internets. Wer aber meint, das World Wide Web sei schon immer eine Männerdomäne gewesen – »weil Frauen sich eben nicht für Technologie interessieren« – irrt sich.

Schon mal von Ada Lovelace gehört? Diese Dame war schon 1843 die erste Person, die als Programmierer*in bezeichnet werden kann, und war somit Wegbereiterin für alle Herren, die danach kamen. Leider traten nicht viele Frauen in Lovelaces Fußstapfen, denn das Internet ist heute ein Männerclub. Und nicht nur das Internet: Der Anteil der Frauen in der Tech-Branche lag 2018 in Indien bei 34 Prozent, in Deutschland waren es nur magere 17 Prozent. Im selben Jahr kam eine Studie des Tech-Investors ›Atomico‹ zu dem traurigen Schluss, dass bei 175 Tech-Startups nur eine Frau in der Chefetage saß. Knapp die Hälfte der befragten Frauen gab hier außerdem an, schon einmal Diskriminierung in der Tech-Szene erlebt zu haben.

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all ihren Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Wikipedia zu 90 Prozent von Männern geschrieben

Doch welche Auswirkungen hat es, wenn das Internet hauptsächlich von Männern programmiert und gestaltet wird? Ein gutes Beispiel dafür, wie die digitale männliche Dominanz uns beeinflusst, ist die Wikipedia. Sie ist unser digitales Gedächtnis und meist die erste Anlaufstelle bei akuten Wissenslücken. Früher noch als Laienprojekt abgetan, wird die Wikipedia heute sogar als Quelle in wissenschaftlichen Arbeiten toleriert. Die crowdbasierte, offen zugängliche Wissensplattform hatte einst das Ziel, das Wissen der Welt zu demokratisieren, also allen zugänglich zu machen. Das hat sie fast geschafft. Womit die Macher*innen allerdings nicht gerechnet hatten: Heute wird sie zu 90 Prozent von männlichen Usern geschrieben. Das Wissen der Welt, präsentiert von Männern.

Als Konsequenz davon gehen jedoch viele weibliche Errungenschaften und
Sichtweisen verloren. In der deutschen Wikipedia handelt derzeit nur jede fünfte Biografie, also 20 Prozent der 330.000 Einträge, von Frauen. So werden viele Frauen und ihre Leistungen wortwörtlich unsichtbar oder kommen nur als Anhang eines Mannes vor, beispielsweise als »die Ehefrau von…«. Auch andere Darstellungen verdeutlichen dies: Warum werden Leistungen von Frauen weniger gewürdigt? Warum muss bei einer Frau betont werden, dass sie keine Kinder hat, bei einem Mann aber nicht? Warum wird bei einer Vergewaltigung von Sex gesprochen und nicht von Vergewaltigung? Die Sozialwissenschaftlerin Claudia Wagner hat außerdem herausgefunden, dass in Artikeln über Frauen deren Beziehungsstatus weit häufiger erwähnt oder stärker betont wird als bei Männern.

Wenn wir Frauen gesehen werden wollen, dann müssen wir uns sichtbar machen.

Das Internet ist also männlich – das ganze Internet? Nein! Versteckt zwischen Codes, Scripts und Pseudonymen leistet eine kleine Gruppe von Frauen Widerstand gegen die Patriarchalisierung des Netzes: die Mitglieder von ›WomenEdit‹. In Berlin-Kreuzberg treffen sie sich einmal im Monat im Wikimedia-Büro zum Kampf gegen Windmühlen, oder konkreter: zur Ausbildung von neuen Wikipedia-Benutzerinnen, zum Debattieren und zum Erstellen und Redigieren von Einträgen. Als Hilfestellung gibt es im Wikimedia-Portal für Frauen eine sehr lange Seite voller weiblicher Namen. Sie trägt den Titel ›Frauen in Rot‹ und listet bedeutsame Frauen ohne Wikipedia-Eintrag auf. Die WomenEdit Teilnehmerinnen bearbeiten unter anderem diese Liste und sollen anschließend als Multiplikatorinnen wirken, also nach dem Treffen ihr Wissen an andere Frauen weitertragen. Auf diese Weise sollen der Gender-Gap in der Wikipedia verkleinert und Frauen sichtbarer werden. So die Theorie.

Rauer Ton in der Kommentarspalte

Doch nur wenige Frauen behaupten sich in dieser männlichen Echokammer. Denn der Ton in der Wikipedia ist rau und eingeschworene Communities unterstützen sich gegenseitig gegen Neulinge – und Frauen. Viele Änderungen werden einfach von Administratoren wieder rückgängig gemacht. Davon kann sich jeder angemeldete User selbst in der Editor-Spalte überzeugen. Eine Studie von Julia Bear und Benjamin Collier ergab, dass Frauen in der Wikipedia härter angegangen werden, beispielsweise bei Änderungen und Fehlern. Auf diesen rauen Ton haben viele Nutzerinnen offenbar schlicht keine Lust – und wenden sich trotz Fachwissen von der Wissensplattform ab. Um diese ›editing wars‹ zu verhindern, hat das digitale Lexikon eine Gender-Gap-Taskforce eingerichtet, um Frauen als Benutzerinnen zu gewinnen. Doch trotz aller Anstrengungen zur Gleichberechtigung ist es immer noch verpflichtend, in Wikipedia-Artikeln das generische Maskulinum zu verwenden.

»Man braucht ein dickes Fell«, sagt IvaBerlin, Leiterin des Treffens bei Women-Edit, zu den Umgangsformen im Diskussionsteil. Bis zu acht Stunden in der Woche schreibt sie ehrenamtlich unter ihrem Pseudonym für die Wikipedia. »Viele Frauen wollen deshalb nicht als weibliche Benutzerin auftreten – aber es nützt nicht viel.« Das Einzige, was gegen hartnäckige Wikipedia-Trolle helfe, ist laut IvaBerlin Vernetzung und gegenseitiger Support wie beim WomenEdit oder Editor-Marathons, genannt Editathon. Wer alleine editiert und ständig zurückgesetzt werde, könne schnell frustriert werden und aufgeben. Ihr selbst sei das am Anfang auch passiert. Je mehr Frauen also an der Wikipedia mitschreiben, desto
besser: »Wenn wir immer versuchen, in der Menge zu verschwinden, dann funktioniert das auf Dauer nicht«, ist ihre klare Meinung. »Wenn wir Frauen gesehen werden wollen, dann müssen wir uns sichtbar machen.«

Welche Auswirkungen hat die Ungleichheit?

Aber auch abseits der Wikipedia beeinflusst das Internet unsere Wahrnehmung der Welt: Männlich dominierte Social Media-Kanäle und Suchalgorithmen bei Google steuern unser Verhalten, unser Denken, sogar unsere Wahlentscheidung. Wie sehr wir dort durch unsere persönlichen Daten und digitalen Verhaltensweisen manipuliert werden, zeigt die sehr gute Dokumentation ›The Social Dilemma‹ auf schockierende und anschauliche Weise. Das Internet steuert unser Offline-Leben, das ist inzwischen ein Fakt. Auch, dass Männer diese digitale Welt dominieren: Schon 1997 kam die Kommunikations-wissenschaftlerin Johanna Dorer zu dem Schluss, das Internet sei kein geschlechtsneutraler Raum, sondern ein »gendered net«, das von Anfang an geschlechterbinär codiert wurde. Wie es sich auswirkt, dass unsere zweite, digitale Welt von Männern dominiert wird, ist wissenschaftlich schwer zu beantworten.

Wäre das Internet ein anderes, wäre es von Frauen entworfen worden? Würde härter gegen Hate Speech, illegale Pornografie und Trolle vorgegangen, wenn es mehr Frauen in den Führungsetagen der großen Internetkonzerne gäbe? Es ist zumindest Zeit, darüber nachzudenken.

Text: Julia Jannaschk
Illustration: Vincent Leinweber

Quellen

Wikipedia weiblicher machen
Artikel über einen Abend beim Verein ›Women.Edit‹
tfmag.de/fewiki | zeit.de/zett

Weiterlesen

Kampf um die Deutungshoheit bei Wikipedia
Wikipedia löscht wieder Frauen: Einblick in den Kampf um die Deutungshoheit bei Wikipedia. Kommentar über die Löschung eines Fantastik-Autorinnenverbands und über die schwierige Kultur einer Enzyklopädie.
tfmag.de/widefe | t3n.de

Handeln

Verein Rail Girls
Gratis Coding-Programme für Mädchen unter professioneller Anleitung
railsgirlsberlin.de

HackerStolz
Spezielle Hackathons für Frauen, um in kleinen Gruppen an Software-Problemen zu tüfteln, neue Produkte wie Apps zu entwickeln und Lösungen zu programmieren
hackerstolz.de

Women in Tech e.V.
Netzwerk-Plattform für Frauen in der Tech-Branche und zur Förderung der Unternehmensgründung. Mit Role Model Interviewreihe, einer ›Female’s Favour(I)eT
Conference‹ und Event-Reihen mit fachlichem Input.
womenintechev.de

Media

Doku über das Innenleben der Wikipedia
Wurde die Utopie der Demokratisierung des Wissens eingelöst? In ›Das Wikipedia Versprechen: 20 Jahre Wissen für alle?‹ kommen die Autor*innen und die Gründer*innen zu Wort.
tfmag.de/wifalle | arte.tv

Wikimedia-Salon: Das ABC des freien Wissens
Diskussionsreihe zu gesellschaftspolitischen Themen, etwa der Verbreitung Freien Wissens wie Open Access in der Wissenschaft, der digitalpolitischen Agenda der Bundesregierung oder dazu, wie die Wikipedia diverser werden kann.
tfmag.de/freiwi | wikimedia.de

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