Und monatlich grüßt die Müllabfuhr

Irgendwann hat mal irgendwer das Gerücht gestreut, die Menstruation sei etwas Ekelhaftes, Unreines, ja sogar Fehlerhaftes.Und damit hatten wir den Salat, denn so richtig sind wir dieses Märchen bisher nicht losgeworden. Und das hat für viele weitreichende gesundheitliche und gesellschaftliche Folgen.

» Die junge Dame hat Frauenprobleme! «

Ob es im Jahr 2022 noch immer ein Menstruations-Tabu gibt, kann ich mit einem Wort beantworten: Ja. Das Letzte Mal, dass ich selbst damit konfrontiert wurde, machte mir eindrücklich klar, dass es sich bei naserümpfenden Blicken und peinlichen Bemerkungen zum Thema Periode lange nicht um eine Lappalie handelt, sondern den Betroffenen auch schnell mal zum Verhängnis werden kann.

Vor Kurzem erlitt ich während meiner Periode, wie schon so einige Male, einen schmerzhaften Zusammenbruch. Ich leide an einer chronischen Erkrankung namens »Adenomyose «, welche mir meistens dann Probleme macht, wenn ich menstruiere. Mir ging es mal wieder so wahnsinnig schlecht, dass mein Mitbewohner den Notruf wählte und mich ins Krankenhaus einweisen ließ. Samt Wärmflasche auf dem Bauch hing ich wie ein Schluck Wasser auf einer Liege im Krankenwagen und wurde zur nächstgelegenen Notaufnahme gebracht. Es ist immer wieder erstaunlich, in welch Wortakrobat:innen sich manche Menschen binnen kürzester Zeit verwandeln, sobald es darum geht, irgendwas mit Menstruation beschreiben zu müssen. Denn obwohl ich dreimal den Namen meiner Erkrankung buchstabieren musste und auch erklärt hatte, dass die Symptome mit meiner Blutung zusammenhängen, wurde ich von denselben Sanitätern in der Notaufnahme mit den Worten » Die junge Dame hat Frauenprobleme .« vorgestellt.

Adenomyosis uteri
oder auch Adenomyose ist eine Form der Endometriose, bei der Gewebe ähnlich der Gebärmutterschleimhaut in der Muskelschicht der Gebärmutter sitzt und Beschwerden wie starke Schmerzen, unregelmäßige oder starke Blutungen, Unfruchtbarkeit und mehr verursachen kann. Ungefähr zehn Prozent der Menstruierenden sind von Endometriose betroffen.

Wer hat’s verkackt?

In einer Zeit, in der offenbar selbst medizinisch geschulte Fachkräfte noch immer Berührungsängste mit der Thematik Menstruationsbeschwerden haben, sollten wir uns an dieser Stelle mal der Frage widmen, wer es so maßlos verkackt hat, als es darum ging, die Periodenblutung als normalen Teil des menschlichen Lebens zu vermitteln, und vor allem, was das selbst heute noch mit uns macht.

Dieser Text ist Teil unserer achten Ausgabe. In der geht es um Schmutz und Sauberkeit in allen gedanklichen Dimensionen, Phantasien, Putzkollektive und Lösungen für einem saubere Umwelt. Abgerundet wird das Ganze mit Tips für das Gute Leben, garniert mit einem Spritzer Rebellion.

Von Hippokrates, Paracelsus und hippen Start-Up Chefs

Historisch betrachtet sieht es für den Ruf der Periode nicht besonders rosig aus. Vorurteile gegen blutende Vaginas waren schon seit der Antike, bis ins Mittelalter en vogue und scheinen sogar heute noch ein richtiger Dauerbrenner zu sein. Hippokrates, Aristoteles, Plinius, Paracelsus, Moses, you name them. Sie alle hatten eins gemein: äußerst komische Vorstellungen vom Sinn und Zweck der Periode. Allgemein wird diese immer wieder infrage gestellt und abgewertet – genauso wie die Person, aus der sie herausfließt. Religiöse Schriften wie Bibel oder Thora raten dazu, die blutende Frau während ihrer Blutung zu meiden, denn sie sei nun unrein und davor müsse man sich schließlich schützen.

»Menstrualblut ist das einzige Blut, das nicht durch Gewalt entsteht und trotzdem ist es jenes Blut, das euch am meisten anekelt.« Maia Schwartz, Mic drop.

Der Schweizer Arzt Paracelsus selbst trieb das Ganze auf die Spitze und bezeichnete das Menstruationsblut als » schädlichstes Gift der Welt «. Keine Ahnung, was er in seinem Labor für seltsame Experimente angestellt hat, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, aber seine Auffassung stieß auf Anklang. Immer wieder mutmaßten Gelehrte und Wissenschaftler, was es mit der Menstruation eigentlich auf sich hat. In den 1920er Jahren meinte ein Herr namens Béla Schick, das besagte Gift im Menstrualblut entdeckt zu haben, nachdem er beobachtet hatte, dass Rosen angeblich schneller welk wurden, wenn eine menstruierende Person in der Nähe war. Dass das sogenannte Menotoxin auf gut Deutsch gesagt Mumpitz ist, wurde erst 1958 festgestellt.

Eine andere Perspektive auf die Frage » Rein oder Unrein? « lieferte Anfang des 20. Jahrhunderts der Gynäkologe Bernhard Aschner. Er glaubte, die Periode sei ein unerlässlicher hätte ihn wohl mal fragen sollen, wovon. Und vor allem, ob er sich jetzt nicht ein bisschen schmutzig fühle, wo er doch keine körpereigene Müllabfuhr besitze.

Egal, wie man es dreht und wendet, ob der Periode nun ein giftiger reinigender Zweck zugesprochen wird: Das wahre Problem, das die Menschen damit haben, scheint nicht das Blut selbst zu sein, sondern der Ort, aus dem es fließt – der weibliche Körper.

Menstruieren im 21. Jahrhundert

Der Irrglaube, die Menstruation sei etwas unreines oder schlechtes, findet sich noch heute weltweit in unterschiedlicher Ausprägung und schränkt Betroffene in ihrem Alltag, auf ihrem Bildungsweg, in ihrer Unabhängigkeit und in ihrer Gesundheit ein.

Besonders in Ländern des globalen Südens trifft es Menstruierende hart: Ausschluss vom sozialen und religiösen Umfeld, Periodenarmut, hohe Infektionsrisiken aufgrund mangelnder Hygiene und klaffender Bildungslücken, sowie Schulabbrüche, weil mal wieder weder Sanitäranlagen noch Periodenprodukte verfügbar waren. » In Malawi verpassen 70 Prozent von ihnen jeden Monat bis zu drei Tage Unterricht, weil es an den Schulen keine Möglichkeit gibt, sich zu waschen, die Binde zu wechseln oder sie sich keine Hygieneartikel leisten können ,« heißt es in einer Pressemitteilung von Plan International aus 2018.

In deutschen Gefilden sieht es zwar schon deutlich fortschrittlicher aus: Die meisten Menschen können während ihrer Blutung weiterhin Bildungseinrichtungen besuchen, beten gehen und Geld verdienen. Jedoch zeigt die Anekdote vom Anfang, dass auch hier noch deutlicher Aufklärungsbedarf besteht. Laut nach einem Tampon zu fragen, ist für viele noch immer unangenehmer, als zuzugeben, nach › Love Island ‹ süchtig zu sein. Kostenlose Periodenartikel sind noch immer nicht flächendeckend in den Toiletten öffentlicher Einrichtungen angekommen. Junge Mädchen fürchten nach der Menarche, sie seien krank oder würden verbluten, weil sie teilweise so schlecht aufgeklärt werden. Symptome wie starke Schmerzen oder eine heftige oder lang andauernde Blutung werden häufig ignoriert, belächelt und schnell mit einem Pillenrezept abgetan, was vielleicht zunächst die Symptome lindert, aber die Ursache weiterhin unbehandelt lässt und die Thematik weiterhin tabuisiert.

Wenn wir starke Menstruationsbeschwerden erleben oder schlichtweg über unsere körperlichen Prozesse verunsichert sind, ist es für viele von uns gar nicht so leicht, Hilfe zu finden. Denn über diese Dinge zu sprechen, setzt voraus, schambefreit über die Menstruation selbst sprechen zu können. Das ist in vielen Familien und auch in der Gesellschaft problematisch, wird daher gemieden und führt wiederum zu einem erhöhten Leidensdruck für Betroffene.

Menarche
Ist der Fachbegriff für das
Eintreten der ersten Periode.

Menstrolution

Glücklicherweise tut sich auf dem Gebiet der Enttabuisierung doch so einiges. Das geht vor allem auf die Kappe mutiger » Menstroluzzerinnen « wie beispielsweise Nanna-Josephine Roloff und Yasemin Kotra, die sich 2019 für eine Steuersenkung für Binden, Tampons, Cups und Co. in Deutschland einsetzten, welche Anfang 2020 durchgesetzt wurde. Auch Social Media sind vermehrt Schauplätze für Aufklärungszwecke. Private Fotos von Menstrualblut, Tampons, Wärmflaschen oder Schmerztabletten setzen einen realistischen Kontrast zu naiven Werbebildern von glücklichen Frauen in weißen Tennisröcken. Authentizität ist wichtig geworden. Die Forderung Betroffener nach Normalisierung und Enttabuisierung der Periode ist sogar für viele Unternehmensgründer:innen Ansporn genug, ein ganzes Business aus dem Boden zu stampfen. Der Markt für »Fem Tech« und »Fem Health« wird zunehmend vielfältiger und wächst wie noch nie zuvor: Tampons aus Bio-Baumwolle, elektrische Wärmflaschen, Supplements gegen Periodenkrämpfe und ästhetische Spitzenunterwäsche mit der Saugkraft einer Binde, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Wir leben in einer Welt, in der Menstruierende noch immer während der Periode nicht zur Schule gehen können, ein roter Fleck im Schritt peinlicher ist, als mit Hundescheiße am Schuh im Taxi zu sitzen und erwachsene Rettungssanitäter es nicht über sich bringen, das Wort » Periodenschmerzen « auszusprechen. Gerade jetzt ist der Aktivismus nötig.

Die Errungenschaften und Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass sich das Selbstverständnis der Menstruation wandelt. Es wird gepostet, demonstriert, öffentlich diskutiert. Es gibt eine ganze Menge Menschen, die das unterstützen und toll finden. Dann gibt es mindestens genauso viele Menschen, die das als anstößig, ekelhaft oder unnötig empfinden. Diesen Leuten kann ich nur ans Herz legen: Wir leben in einer Welt, in der Menstruierende noch immer während der Periode nicht zur Schule gehen können, ein roter Fleck im Schritt peinlicher ist, als mit Hundescheiße am Schuh im Taxi zu sitzen und erwachsene Rettungssanitäter es nicht über sich bringen, das Wort » Periodenschmerzen « auszusprechen. Gerade jetzt ist der Aktivismus nötig.

Text und Bild: Friederike Krafczyk

Zur Person

Gastautorin
Friederike Krafczyk ist angehende Illustratorin und Grafikerin und leidet seit dem Jugendalter an Adenomyose, welche sich vor allem während ihrer Periode bemerkbar macht. Sie begegnete daraufhin vielen Vorurteilen und stellte schnell fest, dass die Stigmatisierung ihrer Schmerzerkrankung unweigerlich mit dem Menstruationstabu zusammenhängt. Sie beschäftigt sich viel mit weiblicher Gesundheit und deren gesellschaftlicher Bedeutung und greift gerne mal in die Tabu-Ecke, wenn es ums Aufklären geht.
ferikaillustration.com

Weiterlesen

Periode ist Politisch: Ein Manifest gegen das Menstruationstabu
Franka Frei, Heyne Verlag, 2020
frankafrei.com

Die unpässliche Frau: Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene
Sabine Hering, Gudrun Maierhof, Mabuse Verlag, 2002
transform-magazin.de/mab1

Handeln

Social Period
Der gemeinnützige Verein aus Berlin engagiert sich gegen Periodenarmut und sammelt regelmäßig Spenden in Form von Menstruationsartikeln für Menstruierende in prekären Lebensverhältnissen. In einigen Berliner Drogerien oder Supermärkten sind Spendenboxen zum Befüllen aufgestellt.
socialperiod.org

Media

»Regelmäßig« Podcast
Lea und Jannika klären verständlich und mit Humor über die verschiedensten tabubestetzen Themen rund um den weiblichen Körper auf. Verhütung, Zyklus, Sex und Liebe finden hier Platz zur Diskussion. Reinhören, schmunzeln und lernen!

»Gyncast« Podcast
Zusammen mit dem Tagesspiegel erklärt die Berliner Gynäkologin und Chefärztin des Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im Auguste-Viktoria-Klinikum Berlin Schöneberg Dr. Mandy Mangler mit viel Fachverstand und feministischem Blick alles Wissenswerte über den weiblichen Körper. Es geht um Sex, STIs, Endometriose, Schwangerschaftsabbrüche, Brustkrebsvorsorge und noch viel mehr. Absolut empfehlenswert!

Quellen

FAQ Menstruation
UNFPA (2021), Menstruation and human rights. Frequently asked questions.
transform-magazin.de/unf1

Menstruation und Bildung in Ländern des globalen Südens
Plan International (2018), Menstruation nimmt Mädchen den Zugang zu Bildung.
transform-magazin.de/pla

Aktivismus gegen die Tamponsteuer
Petersen, L (2019), Hamburgerin engagiert sich gegen » Tamponsteuer «
transform-magazin.de/ndr2

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