Carola Rackete: Was mir Hoffnung macht

Die Kapitänin, Klimaschutzaktivistin und Wissenschaftlerin Carola Rackete wurde durch ihren Einsatz in der Seenotrettung bekannt. Hier beschreibt sie, was sie antreibt und motiviert.

transform 6
Dieser Text stammt aus transform Ausgabe 6 zum Thema Religion. Unterstütze unsere Arbeit, genieße das liebevoll illustrierte Magazin und bestelle das Heft!

Es gibt gute Gründe dafür, dass mein Buch den Titel »Handeln statt Hoffen« trägt: Die politische Situation an den europäischen Außengrenzen stimmt mich wenig hoffnungsvoll. Wir stecken mitten in einer Krise der Solidarität in Europa. Jahrelang mussten Griechenland, Spanien oder Italien die Registrierung und Unterbringung von Hunderttausenden Geflüchteten alleine regeln ‒ ohne nennenswerte Hilfe aus Mitteleuropa.

Die Zivilgesellschaft hat im Sommer 2019 mit Demonstrationen in solidarischen Städten und für sichere Häfen gezeigt, dass wir das ändern können. Wir brauchen aber mehr als einen anderen Verteilmechanismus für Geflüchtete in Europa, wir brauchen bedingungslose Solidarität. Das heißt vor allem: legale und sichere Fluchtwege.

Auch abseits des Mittelmeers gibt es eigentlich wenig Grund zur Hoffnung: Was mir
wirklich Angst macht, ist der Schaden, den wir unserem Planeten zufügen; und die Feindseligkeit, die diejenigen erfahren könnten, die vor Dürre, Hungersnot, Bränden und Stürmen fliehen müssen. Für mich hängt der drohende Zusammenbruch unserer Ökosysteme ganz klar mit der Notwendigkeit zusammen, Menschen auf der Flucht zu helfen.

Die Klimakrise verschärft die Fluchtgründe, die wir bereits heute kennen: miserable sozioökonomische Bedingungen oder politische Unterdrückung. In einer Situation, in der die Menschen ohnehin schon ums Überleben kämpfen, verstärken die Klimafolgen den Druck auf Gemeinschaften, sei es durch steigende Meeresspiegel, Naturkatastrophen, Wasserknappheit oder Ernteausfälle. Die Menschen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, sind auch die Ersten, die diese Auswirkungen spüren. Die meisten haben weder die Mittel, noch die Energie, um nach Europa zu migrieren. Millionen werden in ihrem eigenen Land vertrieben. Die Klimakrise, Rassismus, Migration – alles ist miteinander verbunden.

Was mich motiviert

Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass ich mich für verschiedene Kämpfe einsätze, als Kapitän für die Seenotrettung und gleichzeitig für den Erhalt unserer Ökosysteme zum Beispiel in der Arktis. Meine erste Reise zum Nordpol 2011 hat mich dazu motiviert, Naturschutzmanagement zu studieren. Ich war als Nautikerin an Bord des Forschungsschiffes Polarstern und hatte viel Zeit, mit den Wissenschaftlern sprechen. Ich merkte, wie besorgt sie waren, dass das Eis viel schneller schmolz als angenommen. Ich merkte: Die Fakten gibt es, es fehlt nur der politische Wille, etwas zu ändern. Das Gleiche gilt auf dem Mittelmeer: Ich sah die schrecklichen Bilder und wusste, da muss man etwas tun – erst später verstand ich, dass es vor allem ein politisches Problem ist. Die Krisen unserer Zeit können also auch eine Motivation sein, zu handeln.

Wer nur hofft, bleibt passiv. Wir können nicht länger darauf hoffen, dass die Politik die richtigen Entscheidungen für uns als Menschheit trifft. Das wurde mir bei meinem Besuch am Hambacher Tagebau wieder klar. Wir hoffen in Europa zu viel auf technische Lösungen, einen CO2-Preis oder ein Tempolimit. Viel wichtiger wäre es, das ganze Bild im Auge zu behalten: Ohne einen Systemwandel werden wir die
Klimakrise nicht stoppen können.

Es sind die massenhaften Proteste die Hoffnung machen

Deshalb haben mir die massenhaften Proteste im vergangenen Jahr am meisten Hoffnung gemacht: Die Mahnwachen während unserer Rettungsaktion, Künstlerinnen, Prominente, die Seebrücke und solidarische Städte in ganz Europa vereint in der Forderung, einen sicheren Hafen für die Gäste an Bord zu finden. Später im Jahr Millionen von jungen Leuten auf den Straßen zum globalen Streik im September, dann der zivile Ungehorsam von Extinction Rebellion und Ende Gelände. Der Auftakt zum Cumbre de los Pueblos, dem alternativen Klimagipfel in Chile, hat mir nochmal verdeutlicht, wie eng verbunden die soziale Krise mit der Ausbeutung der Natur ist.

Die Stimmen der indigenen AktivistInnen, die sich seit Jahrzehnten mit ihren Körpern gegen diesen Extraktivismus in Südamerika stellen, wurden nun wieder nicht gehört, weil die COP25 Verhandlungen nach Madrid verlegt wurden. Viele konnten die Reisekosten nicht tragen oder bekamen kein Visum. Klimagerechtigkeit bedeutet aber vor allem auch, den Menschen zuzuhören, die unter den Folgen der Krise leiden. Ihre erste Forderung ist oft das Recht, zu bleiben. Auf den Philippinen wurde dieses Jahr die »Manila Initiative on the Rights of Climate Migrants« gegründet. Sie fordert Regierungen dazu auf, Graswurzelbewegungen als Berater für ihre Politik zu nehmen, anstatt Lobbygruppen der Industrie.

Was wir für die Zukunft brauchen, sind deshalb noch mehr Allianzen innerhalb der Zivilgesellschaft. Wir müssen gemeinsam auftreten, anstatt unsere Kämpfe alleine auszufechten, wie wir das bei den Demonstrationen für Rojava erlebt haben. Nur so können wir auch die Mitte unserer Gesellschaften ermutigen, für ein gerechteres System einzutreten. Alle müssen verstehen, dass mit den Ökosystemen auch unsere Menschenrechte erodieren. Es gibt nichts, wovor ich mehr Angst hätte, als eine »Klima-Apartheid«, in der sowohl Ressourcen, als auch Grundrechte nur für eine reiche Elite zugänglich sind. Wenn wir uns zusammentun, werden wir uns
eine bessere Zukunft erkämpfen. Wir sind die letzte Generation, die das schaffen kann.


Handeln

Sea Watch
Der Verein wurde gegründet um im Mittelmeer in Seenot
geratene Flüchtlinge zu retten.

Extinction Rebellion
Die Graswurzelbwewegung nutzt Mittel des zivilen
Ungehorsams um Maßnahmen der Regierung gegen das
Massenaussterben von Tieren und Pflanzen zu erwirken.


Text: Carola Rackete
Bild: Isabel Peterhans für transform Magazin


Mehr Carola Rackete:

Newsletter


Auch spannend
Radikale Töchter: Politik in den Dörfern