Das Acht-Stunden-Paradies

Du schläfst bei Klassik immer ein? Sehr gut, denn dieses Konzert ist für Schlafende gedacht. Es nimmt uns mit in eine Welt, die wundersam und vertraut zugleich ist.

Es gibt verschiedene Freuden in der Welt: Die robinhoodhafte Freude, wenn ein falschparkender SUV abgeschleppt wird, das ist eine Freude, bei der das Gesicht zu glänzen beginnt. Sie ist eine andere Freude als die aufatmende und allesumarmende Freude, wenn die ersten Regentropfen eines Spätsommers auf meine Nase prasseln. Das ist wiederum eine andere Freude als die stolze Macherfreude, wenn ich etwas gekocht habe und es meiner durchaus kritischen Frau schmeckt. Eine ganz besondere Freude, was Intensität und auch Häufigkeit angeht, ist aber die Freude, ins Bett zu gehen. Eine kindliche, aber auch diebische Freude, ich stehle mich weg von dem ganzen Schmonzes, mit dem diese Welt oft so voll ist.

Ja, man schläft manchmal schlecht und hoffentlich öfter besser. Aber der Akt, ins Bett zu gehen, ist für mich eigentlich immer ein Quell von Freude. Es gibt eben auch viel Leid in der Welt, und das Übertreten in die andere Welt des Schlafs ist oft ein stummer Protest dagegen, acht Stunden Verweigerung. Heute gibt es Leute, die damit angeben, wenig Schlaf zu brauchen. So stark, solche Macher-Typen, die sich von so kleinen Lappen wie der Natur und dem Körper überhaupt nichts sagen lassen. Heute wirkt es auch für die meisten schon wie eine post-kapitalistische Utopie, zu schlafen, wenn man müde ist, und aufzustehen, wenn man sich erholt hat. Wenn ihr alle so erfolgreich seid, wenn euer Leben so top ist, warum seid ihr dann alle so unausgeschlafen? Ist Schlaf nicht ein ganz wesentlicher Teil des guten Lebens? Und wer meint, keine Zeit dafür zu haben, weil er als High-Performer so viele Challenges zu tacklen hat, dem sei gesagt, dass es schon immer geholfen hat, mal das Komitee des Schlafs über bestimmte Probleme tagen zu lassen.

Die nächtliche Landschaftserkundung

Deswegen freue ich mich fast immer auf den Schlaf – doch einmal überwog die Aufregung bei diesem Weltenwechsel. Einmal legte ich mich nicht ins Bett, sondern mit Bettzeug auf das Sofa vor der Musikanlage. Ich schloss die Anlage an und begann, das Konzeptalbum ›Sleep‹ des Komponisten Max Richter zu spielen. Dieses monumentale, achtstündige Werk wurde für das schlafende Publikum geschrieben, und als Freund des Schlafes wollte ich mir das nicht entgehen lassen. In Zusammenarbeit mit dem Neurowissenschaftler David Eagleman entstand ein Schlaflied, das selbst im wachen Zustand ganz anders ist, als alles, was ich je gehört habe, und im schlafenden erst recht, vor allem, weil ich im Schlaf noch nie bewusst Musik gehört habe. In Zeiten, in denen man im Supermarkt Tinkturen kaufen kann, die einem einen ›optimierten‹ Schlaf verschaffen wollen, in denen Matratzen-Start- Ups den ›High Performer Schlaf‹ versprechen und der Netflix-Chef Reed Hastings sagt, dass der Hauptkonkurrent nicht eine andere Firma, sondern das menschliche Bedürfnis zu schlafen ist, will ›Sleep‹ aber zum Glück keine Optimierungsorgie sein. Der Schlaf gehört in diesem achtstündigen Hörerlebnis mir. Richter will mit ›Sleep‹ lediglich eine Erfahrung schaffen, »in die man wie in eine Landschaft hineingeht«. Ich lege mich also hin und begebe mich auf die Reise.

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all ihren Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Das schlafende Ohr

Die ersten Stunden sind von einer langsamen Klaviermusik geprägt, die Tasten klingen stoisch und erschöpft, wie ein Gähnen, wie ein schwerer, einnickender Kopf, dessen Winkel bei jedem Mal um 0,1 Grad kleiner wird. Es ist schwierig, jetzt zum Hörenden und Schlafenden zugleich zu werden. »Worauf soll ich mich konzentrieren? Erstmal schlafen und dann hören?«, frage ich mich dösig. Richter spricht im Dokumentationsfilm zu seinem Werk davon, dass es ihm um das schlafende Ohr geht. Dass die Töne deshalb sehr gedämpft sind, am unteren Ende des hörbaren Klangspektrums. Er vergleicht das mit dem Hörerlebnis von ungeborenen Säuglingen, mit den Geräuschen, die sie durch den Mutterleib hören. Wenn wir schlafen, werden wir zu solchen hörenden Babys.

Der Schlaf als Menschheitsvereinigung

Der Klang kommt mir dann auch auf eine tiefe Weise vertraut vor. Ich finde ihn sehr melancholisch. Als wäre alles Glück aus der Welt verschwunden, aber man wäre damit irgendwie okay. Oder als wüsste man noch nicht, was Glück ist, und wäre damit okay. Es ist eben ein Babyhören, und damit auch eine alle Menschen verbindende Musik. Hier geht es nicht um Distinktionsgewinn, Anspielungen oder deepe Lyrics. Das schlafende Ohr kennt das alles nicht. In der Dokumentation zu diesem Stück werden Aufnahmen von den elf Konzerten gezeigt, die Richter und sein Ensemble gespielt haben. Acht Stunden am Stück vor aufgebauten Feldbetten, das ist eine unglaubliche künstlerische und körperliche Leistung. Wir sehen die Musikerin Clarice Jensen, wie sie im Morgengrauen das Violoncello spielt, die Anstrengung und Müdigkeit stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Alle um sie herum schlafen. Das Konzert wurde in einem Park in Los Angeles gespielt, vor 560 Betten. In einer anderen Szene sehen wir Menschen, die mit Kissen und Bettdecken zu einer Konzerthalle gehen. Wir sehen schlafende Menschen und wie immer auch diese Würde, die von ihnen ausgeht. Wir sehen dann aber auch Menschen, die Meditieren, tief nachdenken oder, schließlich sind wir in Kalifornien, Zen-Yoga machen.

Auch ich wache ab und zu auf und bin auf eine tiefe Art und Weise berührt, es ist mir an manchen Stellen fast zu viel. Vielleicht, weil ich als schlafender Hörer auch keine Kommentarfunktion habe. Was ich höre, baue ich ein, ich kann es nicht bewerten und reflektieren, wie in einem wachen Konzert. ›Sleep‹ ist ein Konzert auch noch in einer anderen Hinsicht, wie der Neuro-wissenschaftler David Eagleman erklärt: Wenn wir wach sind, feuern unsere Hirnzellen wie wild umher. Schlafen wir aber, so sind diese Zellen alle in einem gemeinsamen Rhythmus. In den letzten Momenten des Konzerts und meines Schlafexperiments begeben wir uns in ein höheres Klangspektrum, die vielfach widerhallende hohe Frauenstimme von Grace Davidson dringt durch und Synthie-Klänge. Für Max Richter ist dieses höhere Spektrum an das Ende der Schlafphase angepasst, ein musikalischer Sonnenaufgang, auch wie eine Geburt, die Vögel beginnen zu zwitschern, es wird hell, wir wachen auf.

Text: Hans Rusinek
Foto: İsmail korkmaz on Unsplash

Media

Max Richter – Sleep
Das Album für Schlafende
tfmag.de/sleep | spotify.com

Natalie John’s – Max Richter’s Sleep
Die Dokumentation
tfmag.de/maxri | dogwoof.com

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