Glaube allein macht noch keine Religion

Der Aktivist und Publizist Armin Langer hat diese Ausgabe vor dem Druck gelesen. Anschließend fragt er sich, ob es reicht, beim Glauben bloß auf die inneren Werte zu schauen. Kommt es nicht ebenso aufs Handeln an?

Das deutsche Wort »Glaube« geht auf das althochdeutsche »Giloubo« zurück und bezeichnete jahrhundertelang profane Gefühle der Zuversichtlichkeit, im Sinne von gutheißen, lieben, loben und so weiter. Martin Luther fügte dem Begriff die Wörter »an Gott« zu und gab damit »Glauben« eine neue, religiöse Konnotation. Die ersten Bibelübersetzungen der europäischen Reformatoren bestimmten überall die Entwicklung der Landessprachen, so konnte Luthers Sprachinnovation schnell die Massen erreichen.

Wie aber kam Luther auf diese Idee? Er hatte sich das womöglich von der hebräischen Sprache abgeschaut. Der Theologe war bekanntlich der erste, der die Hebräische Bibel ins Deutsche übersetzte. Der hebräische Wortstamm des Wortes »Amen« drückt gleichzeitig Vertrauen in den Mitmenschen und Glauben an Gott aus. Luther übersetzte »Amen« und dessen Wortvarianten als »Glauben« und prägte damit unser heutiges Verständnis dieses Wortes. Das sehen wir auch in mehreren Artikeln in diesem Heft, zum Beispiel im Text »Ohne Glauben gibt’s keine Hoffnung«, der die Luther-Perspektive bestätigt, nach der religiöser Glauben und Wohlbefinden eng verwandt sind.

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Dieser Text ist Teil unserer sechsten Ausgabe. In der geht es um Glaube, Religion, selbstgebaute Smart-Speaker ohne mithörende Konzerne, wandernde Straßenbäume oder das Potenzial von religiösen Bildern im Einsatz gegen die Klimakrise.

Laut Luther könne der Mensch seinen Anteil an der kommenden Welt allerdings nicht durch religiöse Praxis verdienen, sondern allein durch den Glauben an Gott. Dies ist im klaren Kontrast zum normativen Judentum, in dem der Glaube nur ein Bestandteil der Religion neben der Praxis, wie etwa den Speisegesetzen, ist. Die Ablehnung der religiösen Praxis spiegelte sich auch in der Aufklärung wider. Kant, Herder, Hegel und viele andere Philosophen der Aufklärung, die selbst aus strikt-protestantischen Haushalten stammten, erklärten allein den Glauben zum validen Fokus der aufgeklärten Religion. Max Weber wies darauf hin, wie sehr der Protestantismus unsere »säkulare« Arbeitsethik beeinflusst – ähnlich kann man auch sehen, wie unsere Auffassung über die Rolle der Religion in der »säkularen« Gesellschaft von protestantischen Normen geprägt ist. Dieser Diskurs neigt dazu, Glauben und Religion als Synonyme zu behandeln.

Auch dieses Heft reproduziert diesen Fehler öfters. Einige Artikel im Magazin betonen die Überzeugung an sich auf Kosten des Handelns aus Überzeugung; zum Beispiel im Text »Muslimische Feministinnen finden nicht genug Gehör« sagt eine liberale Muslima, dass für sie Glauben »etwas sehr Privates« sei. Selbst Essays, die von »neuen« oder »Ersatz-Religionen« im Zusammenhang von Glauben ans Wachstum oder Atheismus sprechen, meinen eigentlich nur den Aspekt des Glaubens und nicht den der Praxis.

Und trotzdem bietet das Magazin mehrere Beweise dafür, dass Religion mehr als allein Glauben an Gott bedeuten kann. Es stellt Aktivisten vor, die sich gegen Rassismus und für Umweltgerechtigkeit einsetzen, es erzählt Geschichten von Gläubigen, die ihre Spiritualität im Drogenrausch ausleben. Schön für sie. Andere Beiträge berichten von alledem, an was man neben oder statt Gott glauben kann und was passiert, wenn der Staat zum Objekt des Glaubens wird. Geht, lest und diskutiert mit! Lasst uns über Religion sprechen, über Glauben, Praxis und den Rest!


Texte: Armin Langer
Foto: Aaron Burden on Unsplash

Zum Autor

Armin Langer promoviert derzeit in Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Rabbinerstudent am Reconstructionist Rabbinical College in Philadelphia, wo er am Center for Jewish Ethics forscht. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher.

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