Hoffentlich erwischt’s mich nicht!

Eine Gruppe von Aktivisten beginnt kurz vor Ende der Zehnerjahre, das öffentliche Leben zu blockieren. Sie sagen: Stopp! Schluss mit Kleinkram. Sonst sind wir alle verloren.

So wie es draußen regnet, könnte man ihn fast vergessen, den zweiten Jahrhundertsommer in Folge. Mitte 2019, mit dem Fahrrad erreiche ich das Karstadtgebäude in Leipzig, das seit Monaten leersteht. Den niedlichen Gedanken, dass der Kapitalismus hier schon auf dem Rückzug sei, haben offenbar auch einige von einer Stiftung unterstützte Künstler, die in den ehemaligen Schaufenstern nun zur Revolution aufrufen.

In einem der Räume leuchtet es violett. Menschen sitzen auf Plastikstühlen und starren auf eine kleine Bühne. Ich trete ein. Geladen haben Aktivisten der »Extinction Rebellion«, die angesichts des Aussterbens von Tierarten, und womöglich letztendlich auch uns Menschen, zu Blockaden aufrufen. Sie wollen nicht mehr akzeptieren, dass alles so weiterläuft wie bisher. Deshalb sollen heute Besucher erfahren, wie man zur »Rebell*in« wird. Etwa 60 Menschen sind dem öffentlichen Aufruf an diesem Freitagabend gefolgt. Die Polizei hielt es nicht für nötig, zu kommen.

Die Autorin Greta Taubert steht auf der Bühne und zählt die Gründe auf, warum sie das hier alles tun: »Dürren, brennender Regenwald, Bienensterben.« Das Publikum ist gemischt, die Gesichter ernst. Eine weitere Frau betritt die Bühne. Clara Thompson spricht von einem Schlüsselerlebnis, das sie zur Aktivistin gemacht habe. An einem Abend mit ihren Freunden am Küchentisch stellten alle fest, dass ihre Zukunft verloren ist. Niemand, so sagt die junge Frau, habe sich vorstellen können, noch Kinder zu bekommen. Was sie dann packte, war die blanke Angst.

Wochen später hörte Clara davon, dass in London Brücken blockiert wurden. Eine neue Gruppe bekannte sich zu der Aktion, die das öffentliche Leben zum Stillstand bringen wollte. Es war plötzlich wieder etwas da, das ihr Kraft gab. Nur warum war sie nicht dort, wo die Menschen Mut fassten? Daraufhin beschloss sie, in Leipzig selbst einen Ableger zu gründen.

Die Bereitschaft, aufs Ganze zu gehen, zeichnet die Mitglieder der lose organisierten Bewegung aus. Auch mal eine Verhaftung in Kauf zu nehmen, schreckt viele von ihnen nicht ab. Die Aktivistinnen und Aktivisten sehen sich auf der richtigen Seite der Geschichte. Und sie sind radikaler als die streikenden Demonstranten der Bewegung Fridays for Future. Trotzdem soll die Bewegung eine breite Masse erreichen. Bisher aber sind sie davon weit entfernt. Während Fridays for Future im Spätsommer 2019 in Berlin mit 270.000 Menschen auf der Straße waren, hat im Namen der Extinction Rebellion nur eine kleine Gruppe von Rebellen den Potsdamer Platz blockiert.

Die britischen Gründer von XR, wie sich die Bewegung abkürzt, sagen: Friedliche Revolutionen haben bisher ihr Ziel immer erreicht, wenn 3,5 Prozent der Bevölkerung auf ihrer Seite waren. Sind Extinction Rebellion der radikale Arm dieser 3,5 Prozent? Clara erläutert den feinen Unterschied im Vorgehen der Rebellen: Sie hören nicht nur auf, zur Schule, zur Uni oder ins Büro zu gehen. Die Anhänger von Extinction Rebellion wollen auch andere davon abhalten, weiter ihrem Alltag nachzugehen. Sie wollen, dass die Regierung »die Wahrheit« erzählt. Das Ausmaß der ökologischen Krise soll den drastischen Berichten von Wissenschaftlern angemessen beschrieben werden. Dass bis 2025 alle Emissionen auf null stehen und eine Bürgerversammlung das Vorgehen demokratisch klärt. Diese Ziele sind absichtlich vage. Über Details will man vorerst nicht weiter streiten. Erst einmal muss die Reichweite stimmen.

Trauermarsch durch den Konsumtempel

Jetzt sind alle dran: Clara erklärt, dass die nächste Aktion in wenigen Minuten starten wird. Die benachbarte Mädler-Passage soll blockiert werden. Das ist eine im Historismus erbaute Luxusmeile, wo man teure Mäntel kaufen, Champagner trinken und Zigarren rauchen kann. Für einen Moment soll dort Sense sein. Ohne Gewalt, dafür mit Flyern. Greta übernimmt das Mikro. »Und jetzt nochmal zum Mitschreiben: Das wird ein Trauermarsch. Wir betrauern die Arten, die allein heute schon wieder gestorben sind. Wir laufen da gleich in Formation rein. Kein Gequatsche, kein Gekicher!« Die erste Person verlässt den Raum. Währenddessen betrittt eine Frau mit weiß-geschminktem Gesicht und in ein ausladend rotes Kleid gehüllt, die Bühne. Sie stellt eine Art Todesengel dar und wird uns Kunstblut ins Gesicht schmieren, bevor wir zu Boden fallen.

Einige Minuten später finden wir uns in der Mädler-Passage wieder. Einen kleinen blonden Jungen neben mir erwischt es zuallererst. Ein Mann mit Zigarre am Rand des Geschehens beobachtet uns. Er erklärt einem unbeteiligten Kind, was hier los ist. Ein Aktivist spielt auf einer chinesischen Geige, es soll der theatralischen Performance eine weitere Note der Dramatik verleihen. Uns wurde gesagt: Ist sein Spiel vorbei, stehen die Toten wieder auf und die Blockade ist beendet. Um mich herum sind schon fast alle zu Boden gegangen. Ich hoffe, dass es mich nicht erwischt. Doch dann steht sie vor mir. Das Blut läuft meine Wangen hinab und als ich am Boden liege, fließt es in mein Ohr.

Während ich da unten liege und die Augen schließe, denke ich nicht mehr an die Passanten. Was sie über mich denken, ob ich auf Fotos zu sehen sein werde. Alles egal. Meine Gedanken sind für einen kurzen Moment tatsächlich bei den Tieren, die jeden Tag sterben. Vogelarten, Fische, Insekten. Einfach weg. Weil wir Böden überdüngen, das Meer vermüllen und Wälder abfackeln. Die Übernutzung von Ressourcen und der Verlust von Biodiversität haben schon heute Auswirkungen auf unsere Existenz: In manchen Regionen mangelt es bereits auf dramatische Weise an Insekten zur Bestäubung. Es fehlen die Arten, die der Klimakrise standhalten können. Umweltgifte und Mikroplastik landen auf unserem Teller und reichern sich in unseren Körpern an. Es ist klar, dass der Kreislauf irgendwann nicht mehr funktionieren wird.

Irgendwann wird es auch uns erwischen. Doch unser Aktivismus, der aus dieser Dringlichkeit resultiert, stößt nicht immer auf Gegenliebe. Als wir zurück zum Karstadt laufen, ruft ein wütender Mann uns zu: »Ihr verschmutzt doch die Umwelt hier!« Ich trauere jedoch immer noch um die Arten und blicke zu Boden.

Keine Angst vor der Spaltung

Das alles hat etwas mit mir gemacht. Sich seinen Ängsten zu stellen, das schafft Möglichkeitsräume. Ich wünsche mir, dass auch der Herr da draußen sein schlechtes Gewissen nicht auf uns abwälzt. Selbst er muss irgendwann seine Komfortzone einmal verlassen, denke ich. Aber wird er das? Clara sagt, man müsse »die Menschen erst einmal vor den Kopf stoßen.« Eine weitere Spaltung in Autoliebhaber und Schnitzelesser auf der einen Seite und fahrradfahrende Veganer*innen auf der anderen macht ihr weniger Angst, als die »Alpträume vom Weltuntergang«, die sie manchmal habe.

Mit entschlossener Miene sagt sie Sätze wie: »Wenn wir Angst vor der Spaltung haben, werden wir handlungsunfähig.« Eine »Gratwanderung« sei das natürlich, das gibt sie zu. Auch sie will niemanden verjagen. »Wachrütteln« – das aber schon. Und dafür zieht sie mit ihren Rebellen auch durch die Provinz, wo das öffentliche Verständnis für diese Art der Konfrontation mit den Folgen unseres Konsumverhaltens noch geringer ausfallen dürfte als hier in der Großstadt.

Es ist ihr sehr ernst, das sieht man. Also frage ich sie, was das mit ihr selbst mache, sich immer mit dem Weltuntergang zu beschäftigen. Die Angst, so sagt sie, sei im Laufe ihrer achtmonatigen Aktivisten-Karriere nicht »weiter gewachsen«. Dafür habe sie Kraft gefunden in den Momenten, in denen sie spürte, dass sie nicht alleine sei. Kraft, keine Hoffnung, ziehe die 23-Jährige aus den Aktionen. Ihren Aktivismus sehe ich ihr äußerlich nicht an. Keine Aufnäher, keine schwarze Kleidung, keine Dreads. Ihre eloquente und entschlossene Art könnte auch Menschen erreichen, die sich bisher nicht an Bäume ketten oder auf Bagger klettern wollten.

Wofür es sich zu kämpfen lohnt

Was, wenn Extinction Rebellion ihre Ziele nicht erreichen kann? »Dann haben wir etwas falsch gemacht.« Einen »Schlussstrich« würde sie dann wohl ziehen. Und ob sich Teile der Bewegung weiter radikalisieren würden? Mit Gewalt wolle sie nichts zu tun haben und sie findet, dass die Bewegung ihrer Marke treu bleiben müsse. Veränderung denke sie »ohnehin in Wellen«. Neue Bewegungen werden entstehen. Und »wenn doch alles den Bach runtergeht«, hätte sie immerhin eine gute Zeit gehabt und tolle Leute kennengelernt.

Es wäre ein leichtes, sich über das professionelle Catering lustig zu machen, bei dem Bagels mit Serrano-Schinken, Bier und Wein aufgetischt werden. Greta rennt wie wild auf die Tanzfläche, als die Berliner Elektro-Band Moderat gespielt wird. Die Bässe wabern durch den Raum. »Regeneration«, meint Clara, sei Teil ihrer Arbeit. Niemand könne sich nur mit dem Untergang beschäftigen. Es ist klar, dass wir alle auch mal abschalten müssen. Denn wofür kämpfen wir denn hier alle, fragt Clara mich. Und antwortet gleich selber: »Na, für das Leben!«

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