Radikale Töchter: Politik in den Dörfern

Radikal rebellisch, radikal demokratisch wollen sie sein, die radikalen Töchter. Die Aktionskünstlerinnen Cesy Leonard und Katharina Haverich gründeten diese Gruppe um Welle zu machen, um zu politisieren – und das draußen, auf dem platten Land, in Dörfern und vergessenen Kleinstädten.

Was macht ihr?

Wir wollen die politische Bildung revolutionieren. In unserer Schulzeit fanden wir diese frontale Beschallung lame. Politisiert haben wir uns anders. Nicht zuletzt bei Zentrum für politische Schönheit habe ich dann festgestellt: Talks und Workshops mit konkreten Anleitungen zur Aktion und viel Inspiration durch Kunst funktionieren besser.

Warum habt ihr Radikale Töchter aufgebaut und euch nicht dem Peng-Collective oder Rocco und seine Brüder angeschlossen?

Was wir nirgendwo gefunden haben war ein Projekt welches Ausbildende oder Berufsschüler anspricht. Uns interessiert die Provinz. Wir wollen dorthin gehen, wo niemand ist und die erreichen die denken „Ich hab mit Politik nichts am Hut“. Für unsere Arbeit vernetzen wir uns mit den kleinen Initiativen vor Ort, mit den kleinen Vereinen, der Freiwilligen Feuerwehr und so – das macht mit unserem Anspruch sonst niemand.

Und warum arbeitet ihr nicht einfach unter dem Dach des Zentrums für politische Schönheit?

Ich bin weiterhin am ZPS und liebe meine Arbeit dort. Aber das ist halt politische Aktionskunst. Bei den Töchtern geht es um politische Bildung und persönliche Begegnungen.

Ihr habt euer Erstwähler*innen-Projekt mit Hilfe der Bundeszentrale für politische Bildung umgesetzt. Limitieren deren Förderkriterien nicht eure Radikalität und künstlerischen Ansatz?

Das haben wir auch gedacht – bisher ist das aber nicht der Fall. Wir freuten uns als der Förderbescheid kam, klar, sagten uns aber auch, dass wir uns nicht einschränken lassen wollen. Aktuell haben wir freie Hand. Viele suchen schließlich nach neuen Ansätzen um Leute zu motivieren sich an gesellschaftlichen Diskursen zu beteiligenund selber ins Handeln zu kommen – und lasse dabei Freiräume zu, auch die Bundeszentrale für politische Bildung.

Alle wollen raus aus der Blase – wie stellt ihr sicher, dass ihr das schafft?

Also was wir auf jeden Fall feststellten ist, dass es nichts nützt wenn man einmal oder auch drei mal einen bestimmten Ort besucht. Viel besser funktioniert das Ausbildungen von Mentor*innen die vor Ort weiter wirken. Um die Blase wirklich und dauerhaft zu verlassen, braucht es Strukturen vor Ort.

Geht mit der Anschlussoffenheit auf dem platten Land nicht das Radikale verloren?

Wir sind radikal verbindend – ohne unser Haltung zu verlieren. Ohne uns zu verändern. Und doch sind wir radikal interessiert an den Menschen mit denen wir arbeiten.

Wer ist in Sachen Aktionskunst oder dem Aufbau lokaler Strukturen im internationalen Vergleich inspirierend?

Es gibt die klassischen Sachen, die Yes-Man, das Yes-Lab. Aber soweit ich weiß baut das Yes-Lab keine lokalen Strukturen auf. Es reicht aber halt nicht wenn einige wenige politische Aktionskunst machen – es braucht noch viel mehr.

Heute gibt es oft eine Aktion und eine nachgelagerte Kommunikationswelle, welche mehr Menschen erreicht als die Aktion selber. Wie hat Social-Media eure Arbeit verändert?

Also das Zentrum hat von Anfang an mit Social-Media gearbeitet. Die Bühnenräume haben sich durch diese Plattformen stark vergrößert. Heute können sich Menschen viel einfacher beteiligen und engagieren. Oder in der „ersten Reihe“ an einer Aktion digital teilnehmen.

Besetzen Kerle die Aktionskunst?

Ja, es sieht so aus. Also es gibt natürlich noch Pussy Riot oder die Guerilla Girls. Aber in Deutschland ist es etwas mau.

Was wenn es rechte Gruppen sind, die sich von euren Ansätzen und Methoden inspirieren lassen?
Diese Frage stellen wir uns immer wieder als Radikale Töchter – gerade wenn wir unsere Methoden weitergeben. Aber sind wir mal ehrlich: Die Identitäten haben sich ein wenig Banner-hängen von Greenpeace abgeschaut, aber das war es schon.

Apropos Rechtsextremismus: Eure Adresse…
… ist nicht öffentlich.

Was motiviert euch?
Die Begegnungen mit jungen Menschen in denen so viel Tatendrang, Phantasie und Kreativität schlummert und die einfach nicht wissen wie sie diese PS auf die Straße bringen. Wenn wir Ihnen dabei helfen können und aus Ideen Aktionen werden dann ist das super motivierend.

Und natürlich motivieren auch negative Meldungen über Menschenrechtsverletzungen, Berichte über Moria oder die Präsenz der AfD im Bundestag dazu weiter zu machen mit Aktionen und den Radikalen Töchtern. Ich glaube daran, dass wir uns diesen Meldungen stellen müssen als Gesellschaft, wir müssen hingucken, dann werden wir handeln. Leider geht der Trend in die Richtung, keine „schlechten Nachrichten“ mehr zu geben weil es runter zieht. Ich halte das für sehr falsch. Wir müssen wissen was in der Welt passiert um uns darüber zu empören und im nächsten Schritt auch dafür einzusetzen, dass sich etwas ändert.

Die Radikalen Töchter im Netz.

Fotos: Patryk Witt (c) sammie-vasquez (cc)

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