Kuscheln: Sag doch was!

Dass Kuscheln die Gesundheit fördert, ist nicht schwer vorstellbar. Doch was machen Menschen, die keinen Bezug mehr zu sich oder anderen haben? Können wir es lernen, zu berühren? Eine Bewegungstherapeutin berichtet.

Hallo Klara, du arbeitest als Bewegungstherapeutin nicht nur mit Gesprächen und Bewegung des eigenen Körpers, sondern auch mit Berührungen. Wie kann man sich das vorstellen?

Klara: Eine Übung, die ich oft mit Patienten mache, ist, sich im Liegen oder Sitzen einmal von unten bis oben die eigenen Körpergrenzen abzustreichen. Meist fangen wir bei den Füßen an, denn die Extremitäten sind einfacher, weil sie weiter weg erscheinen. Dann geht es darum, einmal den ganzen Körper abzufahren – und zwar sanft genüsslich. Manche finden es komisch sich selbst zu berühren. Dabei ist es doch essentiell zu wissen, wo ich an meinem Körper wie berührt werden mag. Auch von mir selbst. Berührungen haben ja etwas sehr Selbstregulierendes. Wenn ich nervös bin, fasse ich mir ins Gesicht, wenn mir kalt ist, verschränke ich die Arme. Neben dieser Regulation hat das natürlich auch einen Genussaspekt.

transform 6
Dieser Text ist Teil unserer sechsten Ausgabe. In der geht es um Glaube, Religion, selbstgebaute Smart-Speaker ohne mithörende Konzerne, wandernde Straßenbäume oder das Potenzial von religiösen Bildern im Einsatz gegen die Klimakrise.

Worauf muss ich dabei achten?

Übungen mit Berührung leite ich mit viel Vorsicht an. Jeder muss achtsam folgende Fragen erkunden: Wieviel möchte ich wo berührt werden? Wann ist mir eine Berührung zu viel? Da bin ich sehr vorsichtig. Wenn ich überhaupt mit Berührungen in der Gruppentherapie arbeite, dann lernen alle Teilnehmer, als Erstes zu sagen: »Das möchte ich« oder »Das möchte ich nicht!« Darauf mache ich während der Übung immer wieder aufmerksam. »Wenn es Ihnen zu viel wird, dann sagen sie ‚STOP‘ oder ‚Verändern Sie die Berührung‘.« Das gilt für denjenigen, der berührt wird, genauso wie für denjenigen, der berührt.

Was beobachtest du an deinen Patienten, was deren Bedürfnis nach Berührung angeht?

Oft habe ich den Eindruck, dass die Hemmschwelle sehr groß ist. Wir haben aber auch Patienten, die ganz klar mit dem Wunsch in die Gruppe kommen, in Kontakt zu treten. Manche unserer Patienten sind sozial isolierter. Dann habe ich oft den Eindruck in der Gruppe, dass Berührungen sehr genossen werden, wenn die Hemmschwelle der Berührung durch sich selbst oder andere erstmal überschritten ist.

Wie denkst du über Aktionen von Leuten, die in der Einkaufsstraße mit einem Schild stehen und »Hugs for free« verteilen?

Haha, ach ja. Eine Zeit lang fand ich das super cool und habe das immer voll mitgemacht. Mittlerweile denke ich mir oft, dass mich das nicht so anspricht. Ich finde vor allem wichtig, dass die Leute mehr anfangen, darüber zu sprechen. Zum Beispiel im Freundeskreis mal sagen, dass man sich einen Partner wünscht, der mich nach einem langen Tag in den Arm nimmt. An vielen Stellen wird es wie ein Tabuthema gehandhabt.

Zur Person — Klara ist Bewegungstherapeutin in einer neurologischen Reha-Klinik. Die meisten Patienten kommen mit einer neurologischen Grunderkrankung zu ihr (z.B. MS, Epilepsie, Schlaganfall) und leiden zusätzlich etwa an Depression oder Ängsten. In ihrer Arbeit setzt Klara viele körperpsychotherapeutische Maßnahmen ein. Sie führt also nicht nur Gespräche, sondern bietet auch Gruppentherapien an, in denen die Wahrnehmung von sich selbst als ganzheitlicher Mensch geschult wird.

Eine weitere Funktion der Berührung durch andere ist, dass wir die Grenzen unseres Körpers spüren. Dies ist wichtig, damit wir unsere Bedürfnisse bewusst wahrnehmen und damit wir ein Verständnis davon entwickeln können, was dieses »ich selbst« eigentlich ist. Wirst du nicht oft berührt, kannst du diesen Mangel ausgleichen, indem du deinen Körper auf andere Art und Weise spürst: beim Sport, in der Sauna oder indem du dir die Zeit nimmst, wirklich in dich hineinzufühlen, wie bei manchen Formen der Meditation oder bei autogenem Training. Auch gut: beschwerte Decken. Die sollen bei Ängsten helfen und werden häufig von Menschen mit Autismus als angenehm empfunden.

Oder es wird direkt über Sex gesprochen.

Ja, wie viele Menschen sprechen schon über Berührungen im nicht-sexuellen Sinne? Die Grenzen verschwimmen natürlich, denn beim Thema Sex geht es natürlich um Berührungen, aber oftmals weniger darum, sich Zeit für bewusste Berührungen zu nehmen. Da geht es meist schnell um Orgasmen oder Lustmaximierung, nicht um die Beschreibung der Berührung. Dafür haben wir sehr wenig Vokabular.

Ich könnte mir vorstellen, dass sich dort die nächste Hemmschwelle versteckt.

Es lohnt sich aber, sie zu überwinden! In einer Übung habe ich angeleitet, dass die Teilnehmer sich ganz klar, ohne Umschweife, sagen sollen, was sie möchten und was nicht. Natürlich nicht unhöflich, aber ein- deutig: »Geh jetzt bitte auf meine linke Seite« statt »Könntest du bitte vielleicht etwas beiseite rücken…« Es machte einiges so viel einfacher, wenn keiner munkeln muss, ob die Berührung jetzt angenehm ist oder nicht.

Geht es also viel darum, nicht nur direkt berührt zu werden, sondern vor allem auch, darüber zu sprechen?

Ja, das ist ganz wichtig. Es geht darum, Berührung in Worte zu fassen und eine Klarheit dabei zu finden, was ich als angenehm und passend empfinde und was als unangenehm und unpassend für mich.

Denkst du, man wird glücklich durch Kuscheln und berühren?

Ich denke prinzipiell schon, dass das Thema Berührung ein wichtiger Faktor für unser Wohlbefinden ist, aber auf eine Therapie bezogen halte ich es für zu kurz gegriffen. Ich glaube nicht, dass man jedem Patienten ein bisschen mehr Berührung verschreiben kann und dann geht das alles wieder. Meistens steckt ja viel mehr dahinter, warum die Leute so wenig Berührung haben. Das ist nicht einfach so entstanden. Da ist es viel wichtiger, sich mit den tiefergehenden Fragen auseinander zusetzen, zum Beispiel, wie viel Berührung kann ich zulassen und warum?

Welchen Stellenwert haben Berührungen für uns Menschen?

Natürlich ist Berührung ein essenzieller Baustein unserer Entwicklung. Und auch darüber hinaus. Das kenne ich von mir selbst auch. Im Studium, als wir alle weit weg waren von Familie und gut vertrauten Freunden, haben die Berührungen, die wir im neuen Uni-Freundeskreis ausgetauscht haben, viel Nähe und Vertrautheit geschaffen. Wir haben uns zum Beispiel oft gegenseitig die Hände massiert in der Vorlesung. Das hat total gutgetan.

Mit Beginn des Berufslebens kommt man wieder in eine neue Situation. »Kollegen« sind noch einmal etwas anderes als Freunde. Die umarme ich beispielsweise nicht jedes Mal, wenn ich ihnen begegne. Durch den täglichen Kontakt ist man sich sehr nah und gleichzeitig fehlt ganz viel zu einer Verbundenheit.

Ja, das stimmt. Ich habe mal einer Kollegin angeboten, ihr ein bisschen den Rücken zu massieren, weil sie so über verspannte Schultern klagte. Sie hat das gerne angenommen und nach vielleicht drei Minuten Schultern reiben war sie total glücklich. Dabei war aber super wichtig, dass ich sie vorher gefragt hatte, ob sie das möchte. Einer anderen Kollegin wollte ich nur einmal unbedacht die Hand auf den Arm legen und sie reagierte mit einem sehr barschen »Fass mich nicht an!« Da habe ich mich schnell entschuldigt. Wir Menschen haben einen sehr unterschiedlichen Bezug zum Berühren.

Text: Lea Falk
Foto: Louis Hansel via Unsplash

Newsletter


Auch spannend
Ein gehender Mann. Foto: Reinhart Julian bei Unsplash
Radikales Gehen in einer Gesellschaft auf Speed