Über Zeiten, als die Solidarität ausbrach

Corona als Chance zu beschreiben ist zynisch. Schön wäre es dennoch, wenn wir den Zusammenhalt auch nach der Krise erhalten könnten.

„Seid solidarisch. Schränkt eure Kreise ein. Reduziert Sozialkontakte.“

Diese Worte kommen heute nicht nur und ausgerechnet aus den Mündern von Politiker*innen, sie bekommen auch so viel Aufmerksamkeit wie ich es noch nie erlebt habe. Menschen halten inne, informieren sich, reagieren. Werden kreativ, zeigen Initiative und beteiligen sich am öffentlichen Diskurs.

Das erste was ich spüre, ist Fassungslosigkeit. Plötzlich ist möglich, was vorher undenkbar war, und was ich mir schon so lange verzweifelt herbeisehne; der Ausnahmezustand. Runterfahren unserer rasenden, global vernetzten Welt. Aufrufe zu Solidarität sind allgegenwärtig.

Corona schafft, was kein anderes Thema in den letzten Jahrzehnten geschafft hat. Ich stelle mir vor, wie sich Forderungen nach Klimagerechtigkeit und Frieden am Kopf kratzen und sich fragen was sie hätten tun können, um derart Gehör zu bekommen.

Anliegen von sozialen Bewegungen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt und Krisen nicht instrumentalisiert werden. Es ist absolut wichtig und richtig, jetzt besonnen und strategisch zu handeln, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, so gut es noch geht.

Gleichzeitig bin ich verwirrt:

Warum sind all diese Maßnahmen jetzt plötzlich möglich?

Im Rückblick fühlt sich Vieles unangenehm scheinheilig an. Die Aufrufe zu Solidarität, zu gesellschaftlichem Zusammenhalt. Solidarität fragt nicht nach der Herkunft, dem Status, dem Geschlecht einer Person. Solidarität macht keinen Halt an Ländergrenzen. Solidarität sieht Unterdrückung und Ungerechtigkeit auch in Zeiten, in denen der eigene Alltag reibungslos vonstatten gehen kann.

Selbstverständlich möchte ich diejenigen unterstützen, die jetzt zur Risikogruppe zählen; die Vorerkrankten und Älteren. Was für eine Ironie des Schicksals, dass nun die Älteren durch das Verhalten der jüngeren Generationen geschützt und unterstützt werden können.

“Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut” hallt es noch vom vergangenen Freitag in meinem Kopf.

Ich spüre Irritation über die Unverhältnismäßigkeit der Verteilung von öffentlicher Aufmerksamkeit und zeitlichen und finanziellen Ressourcen.

Als Schüler*innen begannen für ihre Zukunft auf die Straße zu gehen, hieß es, sie würden wertvollen Unterricht verpassen. Politische Teilhabe war nicht so wichtig. Nun werden Schüler*innen wochenlang daheim bleiben, und natürlich ist das möglich und angebracht. Denn diese Zeiten erfordern drastische Maßnahmen.

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Flatten The Curve wird Teil meines aktiven Wortschatzes in diesen Tagen und das Internet scheint voll mit Erklärungen über die Bedeutung einer exponentiell steigenden Kurve. Ich erinnere mich daran, wie ich vor 15 Jahren mit meiner Schulklasse ins Kino ging um „Eine Unbequeme Wahrheit“ anzuschauen. Wie ungläubig ich Al Gore dabei zusah, wie er sich mit einer Hebebühne hochfahren ließ, um die exponentielle Zunahme gefährlicher Schadstoffanreicherungen zu verdeutlichen.

1970 begannen Wissenschaftler*innen vor globaler Erderwärmung zu warnen. Immer mehr Wissen über Zusammenhänge von Emissionen und globalem Klimawandel wurde veröffentlicht. Seit Jahrzehnten leiden Menschen bereits unter den Folgen von Klimakatastrophen, eine rasant ansteigende Menge an Pflanzen- und Tierarten stirbt aus, der Meeresspiegel steigt an. Das war bis heute nicht Grund genug, um die Notbremse zu ziehen und unser politisches und wirtschaftliches System grundlegend zu hinterfragen. Die Corona- genauso wie die Klimakrise zeichnen sich dadurch aus, dass unser Handlungsspielraum immer kleiner wird und wir gegen die Zeit anrennen. Doch Corona trifft auch die sinnbildlich älteren, in der westlichen Welt lebenden, wohlhabenden und hochrangigen Herren dieser Gesellschaft, und das ist neu.

Bisher waren vermeintlicher Wohlstand, Fortschritt und Beschleunigung unumstößliche Bestandteile unseres täglichen Lebens, Profit und Effizienz über allem, komme was wolle. Der eigene Lebensstil war Ausdruck individueller Selbstverwirklichung und Freiheit.

Heute machen die Geschäfte zu, aus mit dem Kaufrausch.

Heute bleiben Flugzeuge am Boden, ganz ohne Pinguine.

Heute erleben wir, was politischer Wille erreichen kann. Wenn er denn will.

Heute veranstalten wir ein Wettrennen durch die Gänge des Supermarktes. Menschen kaufen, von irrationaler Angst getrieben, was sie im absoluten Notfall ernähren soll.

Ich habe eine Idee davon, wie sich Panik vor dem Ungewissen, vor Kontrollverlust und Unsicherheit anfühlt. Seit Jahren begleiten sie mich, beeinflussen meine Studienwahl, meine Lohn- und politische Arbeit und damit auch meinen Wohnort, meinen Freund*innenkreis, mein Leben. Das klingt sehr pathetisch, aber hej, so fühlt es sich an. Ich kenne die Verzweiflung, weil man meint, eine Gefahr erkannt zu haben, die Mitmenschen, die Familie oder der eigene Freund*innenkreis noch nicht erkannt hat oder schlichtweg nicht angemessen darauf reagiert. Der Wunsch danach, dass die Politik notwendige Maßnahmen beschließt, wenn der Glaube an die Selbstorganisierung der Gesellschaft in einem von Wettbewerb und Tauschlogik geprägten System nachlässt. Das Dilemma, wenn man sich plötzlich wiederfindet in den Schuhen einer moralischen Besserwisserin, die anderen Menschen erklärt, wie denn nun adäquates Verhalten aussähe. Die Wut, wenn einzelne Stimmen von vermeintlichen “Expert*innen” der absoluten Mehrheit von Wissenschaftler*innen widersprechen, und doch viel zu viel Gehör bekommen.

Offensichtlich steht all das keinem Vergleich zu dem, was weniger privilegierte Menschen erfahren, denn auch in dieser Hinsicht gehöre ich mal wieder zu dem privilegierten und weniger beeinträchtigten Teil der Gesellschaft. Ich sitze hier im warmen, behüteten Wohnzimmer auf der Couch und lese über die türkisch-griechische Grenze, die im ständigen Wettstreit um die Aufmerksamkeit in den Medien in diesen Tagen fatal abschneidet.

Heute ist das Wort Solidarität in aller Munde

Das gibt mir Hoffnung. Gerade verändert sich etwas, der Ausnahmezustand ist auch bei uns angekommen. Daraus kann Neues entstehen.

Wie füllen wir die entstandenen Räume? Werden wir uns dieses Gefühl von Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung erhalten? Hat uns die Realität bewiesen, dass es geht, dass Entschleunigung möglich ist, wichtig ist, und uns gut tut? Was macht uns froh und zufrieden in Momenten, in denen wir keine Leistung im Job erbringen, weniger konsumieren, gezwungenermaßen inne halten und uns besinnen?

Ich sitze Zuhause, in selbstauferlegter häuslicher Quarantäne, und spüre Kribbeln im ganzen Körper. Ich bin ungeduldig. Ich will wissen, was da kommt, was daraus wird, was wir daraus machen. Corona wird in die Geschichte eingehen, das steht bereits fest. Und wir gehen mit, werden zu Protagonist*innen unserer Erzählung. In Zeiten von multiplen Krisen öffnen wir die Augen und lernen, ihnen zu begegnen. Ausgestattet mit Plastikhandschuhen, Mundschutzmasken und Desinfektionsmitteln setzen wir einen Schritt vor den anderen. Lernen Empathie mit weniger privilegierten und vulnerableren. Vielleicht erinnern wir uns ja bei der nächsten Wahl daran. Wir erproben, wie Home Office und Videokonferenzen lange Dienstreisen und Pendelfahrten oft ersetzen können. Besinnen uns darauf, was wir wirklich brauchen. Erfahren, wie viel wir erreichen können, wenn wir gemeinsam und entschlossen an einem Strang ziehen.

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Bilder von kristallklarem Wasser in Venedigs Kanälen und Satellitenaufnahmen, die eine drastische Verbesserung der Luftqualität in China zeigen, gehören zu den kleinen Lichtblicken in diesen Tagen. Werden auch sie sich einprägen und Mut geben uns in Zukunft gegen die Verbrennung fossiler Brennstoffe im eigenen Land (und auch gerne darüber hinaus) einzusetzen? Werden wir uns daran erinnern, wie wirkungsvoll es sein kann, weniger zu tun, zu verzichten und dass wir durch notwendige Einschränkungen Leben retten können? Die Reaktionen auf das Corona-Virus sind nicht nur aussagekräftige Spiegel über unseren Umgang mit anderen Krisendiskursen, sie scheinen auch direkt miteinander in Verbindung zu stehen. So warnen bereits verschiedenen Stimmen vor dem Zusammenhang zwischen der zunehmenden Zerstörung von Natur und Artenvielfalt und dem drohenden Anstieg von Pandemien weltweit.

In einer Stellungnahme der Bundesregierung zum Coronavirus erklärt Angela Merkel: „Maßstäbe für unser Handeln ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen“. Ich lese diesen Satz wieder und wieder, schwanke zwischen Zynismus und naiver, aber hoffnungsvoller Euphorie. In dieser akuten Krisensituation sind die Prioritäten klar, und ich hoffe, dass sowohl die Politik als auch jede*r Bürger*in dieses Landes mit Vernunft und Herz darauf reagiert. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir uns diese klugen Worte erhalten. Wenn wieder mehr Kapazitäten frei sind, um nachhaltigere, solidarische und klimafreundliche strukturelle Veränderungen im Land anzugehen, den Ausbau erneuerbarer Energien zu fördern und mit ebenso viel Entschlossenheit und Tatendrang ans Werk zu gehen. Für eine gesündere, liebevollere und solidarischere Zukunft, die nicht geprägt ist durch verzweifeltes Reagieren auf Not- und Ausnahmesituationen, sondern sich auszeichnet durch bedingungslose Unterstützung von Menschen, die in Krisengebieten leben, durch einen verantwortungsvollen Generationenvertrag und globale Klimagerechtigkeit.


Selber handeln:

Die Autorin Eva ist seit vielen Jahren in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Im Wandelwerk e.V. arbeitet sie als selbstständige Umweltpsychologin und Geschichtenerzählerin des sozialen Wandels. 

Foto: Tim Mossholder, Unsplash

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