Wenn Alexa nicht mehr mithört

Ein eigener Sprachassistent, der dir das Wetter verrät und Musik abspielt, dich aber nicht abhört? Das geht! Eine Bauanleitung.

Es geschieht, als sie die Großeltern draußen in der Provinz besuchen. Drei unauffällige Männer betreten ihre verlassene Wohnung. Einer gibt Anweisungen mit dem Zeigefinger: »Das Bad«, sagt er zu dem einen, der andere wird in die Küche geschickt. Bilder und Spiegel werden von der Wand entfernt, mit einem Bohrer entstehen Löcher dahinter. Kleine kabelgebundene Vorrichtungen in der Größe eines Kugelschreibers werden hineingesteckt.

Die Szene entstammt dem Film »Die Frau vom Checkpoint Charlie«, in dem eine Ermittlung auf Grundlage des Verdachts einer sogenannten Republikflucht dargestellt wird. Mithilfe der Abhörprotokolle waren Beamte der Staatssicherheit in der Lage, die Fluchtplanung im Haus mitzuverfolgen. Der Verdacht bestätigte sich, die Agenten wussten alles. Und im späteren Verlauf der Geschichte landet die Mutter der Familie dafür im Gefängnis.

So kommst du zum Smart Home auch ohne Überwachung
Du willst deine Privatsphäre bewahren? Doch trotzdem reizt dich die Idee, deine Wohnung digital steuern zu können? Folgende Dinge brauchst du, um dir deinen eigenen kleinen digitalen Assistenten zu
bauen:
• Den Minicomputer Raspberry Pi 3. [Bei eBay ab 25 Euro gebraucht]
• Eine SD-Karte mit 16 GB oder mehr. [5 Euro]
• Eine USB-Tastatur mit Trackpad. [18 Euro]
• Einen Bildschirm und ein HDMI-Kabel.
• Ein USB-Mikrofon. [5 Euro]
• Einen Lautsprecher mit 3,5 Millimeter Klinkenanschluss. [5 Euro gebraucht]
• Dein Notebook.

Gerade einmal 45 Euro kostet der kleine Sprachassistent. Das kleine Gerät sieht aus wie eine Keksdose, gehüllt in betongrauen Stoff. Mit einem Schlüsselwort lässt Alexa sich aktivieren und antwortet dann ausführlich auf Fragen nach dem Wetter oder dem aktuellen Weltgeschehen. 2019 verbreitete die Nachricht sich blitzschnell in der Presse: Das Gerät hört immer zu, egal ob es durch das Schlüsselwort aktiviert wurde, oder nicht.

Die daraus erhebbaren Informationen wurden genutzt, um die Wünsche ihrer Kunden noch besser zu verstehen und um die Sprachsoftware zu verbessern. Unternehmensvertreter versicherten, dass die Mitarbeiter (ja, es hörten wirklich physisch Leute zu) mit der Analyse »aufhören, wenn es zu privat wird«. Immer wieder wurden aber Fälle bekannt, in denen Ermittler am Ende doch Zugriff auf die Daten erhielten. Beispielsweise, um Mordfälle zu lösen.

Schritt 1

Richte deinen Raspberry ein — Aus Platzgründen ist es nicht möglich, hier ins Detail zu gehen. Nutze diese Anleitung für die Basics, damit dein Raspberry sich in einen echten kleinen Computer verwandelt. Zusammengefasst: Monitor und USB-Tastatur anschließen, die SD Karte mit dem NOOBS-Image reinstecken. Starten, Raspian installieren.

Schritt 2

Installiere Jarvis — Jarvis ist eine quelloffene Alternative zu Alexa, Siri und Google. Das Programm läuft nur auf deinem Rechner und es gibt keine Verbindung ins Internet. Niemand kann dich also abhören. Installiere das Programm mit diesem Befehl, den du im Terminal eingibst: git clone

Schritt 3

Starte Jarvis und richte es ein — Starten kannst du das Programm dann gleich darauf. Als erstes gibst du ein: cd jarvis gefolgt von: ./jarvis.sh
Ein Installationsdialog folgt. Wähle die Sprache, gib deinen Namen ein und prüfe, ob dein Lautsprecher und das Mikrofon funktionieren. Wenn nach Nummern für Soundkarte und Mikrofon gefragt wird, einfach 1 und dann 0 eingeben. Folge den Anweisungen auf dem Bildschirm zur Einrichtung der Sensibilität für die Spracheingabe. Wähle dann die Engine zur Erkennung des Schlüsselwortes, das den Assistenten wecken wird: snowboy. Danach installiere diesen quelloffenen Dienst. Für die Erkennung von Wörtern musst du ebenfalls snowboy wählen. Die Sprachwiedergabe kann durch die Auswahl von svox_pico konfiguriert werden. Auch den musst du noch installieren.

Schritt 4

Konfiguriere die Spracherkennung — Als nächstes öffnest du den Browser und die Webseite von github.com und erstellst dir dort einen kostenlosen Account. Wenn du das erledigt hast, öffne die Webseite vom snowboy-Projekt: snowboy.kitt.ai
Bei Snowboy handelt es sich um eine freie Software zur Spracherkennung, welche am Ende zu hundert Prozent lokal auf deinem Raspberry läuft. Mithilfe des GitHub Accounts kannst du dich dann dort einloggen (keine Verbindung zu deinen sozialen Profilen). Einmal eingeloggt, holst du dir unter Settings einen Schlüssel ab, deinen Token. Klingt wie die Szene aus einem Hackerfilm, oder? Wie cool! Den Token brauchst du nach einem Neustart via Terminal mit den Kommandos cd jarvis und ./jarvis.sh

Unter Settings/Voice Recognition/Snowboy/Token fügst du den Token ein. Danach kannst du dein erstes Schlüsselwort trainieren. Unter Train hotword/command gibst du ein EYY. Danach wirst du dreimal hintereinander aufgefordert, das Wort einzusprechen. Brüll jetzt EYYYYYY in dein Mikrofon und bestätige mit STRG+C. Dann nochmal und nochmal.

Schritt 5

Bringe deinem Assistenten Wörter bei — Unter Settings/Voice Recognition/Snowboy/ kannst du dir unter dem ersten Menüpunkt die bereits trainierten Wörter editieren. Ab Werk ist Jarvis offenbar französischsprachig, leistet sich aber trotzdem einen englischen Akzent. Excellent. Achte bei der Eingabe darauf, dass du mit einem Computer kommunizierst, der englisch abliest wie jemand, der gerade zwei Tage lang Computerspiele gezockt hat. Schreibe also sehr aussprachelastig. Beispiele: wee gayts deer? – Allahs good.
Am Ende des Versuches ging tatsächlich fast ein ganzer Tag drauf und auf mein Kommando EYY! kam irgendwann die Antwort: Hallo Riech-Hart!. Na Danke.

Das alles klingt wie ein schlechter Witz? Ist es aber nicht. Tatsächlich hast du gerade die Arbeit dutzender Freiwilliger genutzt und sogar noch weiterentwickelt. Und da du auf ein riesiges weltweites Netz aus Servern und dich abhörenden Mitarbeitern von Tech-Konzernen verzichtest, musst du das Training deines kleinen Assistenten eben selbst übernehmen.

Damit hast du aber einen entscheidenden Vorteil: Jarvis wird niemals klüger sein als du und wird dich auch niemals abhören. Er kann mit Wikipedia verknüpft werden und beim nächsten Mal, wenn Gäste da sind, auf dein Kommando strittige Fragen für alle Zeiten klären. Er könnte sogar Musik abspielen. Kurz: Du kannst dir jetzt ein eigenes Smart Home bauen!

Quellen

Amazon-Mitarbeiter hören sich Privatgespräche mit Alexa an: Abhörung heute. Der SPIEGEL, 11. April 2019.
Ermittlungen zu mutmaßlichem Mord: Amazon händigt Alexa-Aufnahmen aus
heise.de, 7. März 2017.

Alexa umbauen und volle Funktionalität bewahren, während Abhören unmöglich wird. golem.de, 17. Januar 2019.
Abhörwehr von gestern, Wanzen: So setze man sich früher gegen das Abhören der
eigenen Wohnung zur Wehr. ZEIT, 21. November 1997.

Sprachsteuerung selbstgemacht, Schmidt Feldberg: Tutorial für Sprachsteuerung mit Jarvis

Auch wichtig:

Beitragsfoto: Jan Antonin Kolar, Unsplash

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