Raum einnehmen durch Performance

Adrian tritt in Drag auf: bunt geschminkt, in Lingerie, mit Vollbart. Mit der House Mother des House of Living Colors sprechen wir darüber, wie sich durch Performance Raum für Stärke, für Präsenz, für die eigene Stimme schaffen lässt.

Wie würdest du dich vorstellen? 

Ich heiße Adrian Blount, mein KünstlerInnenname ist GodXXX Noirphiles und ich mache Performance mit Fokus auf Geschlechteridentität, Rassismuserfahrung und die Überschneidung von beidem. In meiner Arbeit trete ich in Drag und beziehe Objekte ein die gemeinhin als Müll betrachtet werden. Papier, Plastik, Dinge die weggeworfen wurden – die nicht wertgeschätzt werden. Ich sehe darin, wie diese Gesellschaft mit Schwarzen Personen – insbesondere Schwarzen Trans-Personen – und mit diesem Planeten umgeht. Die Essenz meiner Arbeit ist es, dieses Urteil, diesen Mangel an Wertschätzung aufzuzeigen und mein eigenes Ding daraus zu machen. 

Hast du ein paar Beispiele für Fragen, die dich in deiner Arbeit beschäftigen?

Solche Fragen sind für mich: Wie erlebe ich meinen Schwarzen Femme Körper? Wie erlebt diese Gesellschaft ihn? Für mich ist das bloß ein Körper. Natürlich freue mich darüber, wenn er an manchen Tagen gut aussieht. Aber an sich ist das einfach ein normaler Körper, der spricht, läuft, schläft. Etwas sehr willkürliches, einfach da, seitdem ich mich erinnern kann. Wenn ich ihn anschaue denke ich nicht an Geschlechteridentitäten oder Sex. Aber sobald ich das Haus verlasse, werden ihm viele Dinge sozial zugeschrieben. Plötzlich sind da Zuschreibungen wie: Hypersexuell! Unterwürfig! Aggressiv! Verdrängt! Aufsässig! Magisch! Stark!

Wenn ich durch meine Performance mit meinem Körper etwas sehr schönes tue, mag ich es, diese Schönheit dann wieder zu verzerren, denn genau so ist mein Wechsel in das Unbehagen sobald ich das Haus verlasse.
Visuell schaffe ich diese Überschneidung durch die Kombination des Schönen und des Normalen – meiner Perspektive auf meinen Körper – mit den konstruierten Mythen welche die Gesellschaft über meinen Körper geschaffen hat. 

Adrian bei einer Performance.
Der englische Begriff “Drag” beschreibt das bewusste und häufig überspitzte Darstellen von maskulinen oder femininen Geschlechtsausdrücken durch Kleidung, Schminke oder Verhalten.

Den eigenen Raum suchen

Warum Drag Performance?

Als ich nach meinem Studium begann, als professionelle Schauspielerin zu arbeiten, wurde ich schnell der Stücke und Rollen müde, die es zu spielen galt. Stücke von weissen cis-Männern, die nicht wissen, wie sich Leben wie meines abspielen oder anfühlen. Ich fand es schwer, meinen Platz in der Theaterwelt zu finden. Meine eigene Arbeit zu entwickeln hat sich dann so gut angefühlt, dass ich immer weiter gemacht habe. 

Du weißt, wie du gelesen wirst, bist dir im Klaren darüber, wie du dich in verschiedenen Kontexten fühlst. Wie war dein Prozess bis hierher?

Ich komme aus einem sehr afro-amerikanischen Haushalt mit einer ganz eigenen femininen Identität. Hygiene hat einen unglaublich hohen Stellenwert. Kleidung folgt sehr bestimmten Standards. Die sonntäglichen Kirchenbesuche religiöser Haushalte stellen nochmal besondere Ansprüche an deine ‘Weiblichkeit’ – wir mussten in der Kirche beispielsweise immer Röcke tragen. Meine Geschlechteridentität war eine konstante Performance, eine Darbietung. Täglich musst du dich der Welt als ‘Frau’ präsentieren und ‘Frau’ sein heißt dies, dies und jenes. Unsere natürlicherweise krausen Haare galten als Sklaven-typisch, unterworfen. Um nicht “unbeherrschbar” und “unschön” auszusehen mussten sie chemisch geglättet sein. Ich musste erst von San Diego nach San Francisco ziehen, um das Geschlechter-Regelwerk, das ich gelernt hatte, zu erkennen und abzulegen. Da begann ich auch, meine Sexualität zu akzeptieren. 


Schwierig war es für mich auch, dass ich in meiner Jugend  immer wieder misgendered –für einen Mann gehalten – wurde. Als dunkelhäutige Femme passiert das, weil Schwarz sein mit ‘Maskulinität’ assoziiert wird. Das ist ein koloniales Erbe, schwarzen Frauen wurde mit ihrer Menschlichkeit auch ihre Weiblichkeit abgesprochen, um sie zu nichts als Produktionsfaktoren und Handelsgütern zu machen. Mit dem falschen Pronomen angesprochen zu werden, hat sich für mich immer sehr falsch angefühlt. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Menschen etwas in dir sehen, was nichts mit dir zu tun hat. 
Es war eine Sache, selbst meine Geschlechtsidentität zu hinterfragen und neu zu denken – aber eine ganz andere, dass diese von außen beurteilt wurde. Wie lebe ich meine ‘männlichen’ Eigenschaften aus ohne jenen heteronormativen Patriarchen Recht zu geben, die mich über Jahrzehnte als Junge oder Mann ansprachen?    
Das war ein Entwicklungsprozess, meine verinnerlichte Transphobie und Homophobie zu konfrontieren, mich zu akzeptieren wie ich war und verstehen, dass das das wichtigste ist. 

Sich Raum zurück holen

Was bedeutet “Raum einnehmen” für dich und wie tust du dies in deiner Arbeit?

Raum einnehmen, ihn sich wieder anzueignen, hat sehr viele Bedeutungen und Facetten. 
Sich Wörter wieder anzueignen ist eine Form davon, die sehr empowernd sein kann. Herabwertende Wörter, Beleidigungen, zu einer positiven Selbstbezeichnung umzudeuten. Das Wort “queer” beispielsweise. Wir haben es von Leuten, die dich ablehnten wenn du dich keiner Geschlechterrolle unterordnen möchtest. Mit dem Wort “queer” wollten sie uns degradieren. Doch wir haben uns gesagt: Ihr bezeichnet uns als “queer” weil wir nicht tun was ihr sagt? Uns nicht unterordnen wollen? Wie großartig! Ja, das sind wir! Wir sind so was von “queer”! Herabwürdigende Wörter zeigen, wie stark und negativ der Mainstream hier urteilt. Deswegen ist es so wichtig, so notwendig und so mächtig, dass wir sie mit unserer eigenen Wertschätzung füllen.  

Als “queer” wurden ursprünglich Menschen bezeichnet, die als nicht cisgender oder nicht heterosexuell auftraten. Die Bedeutung des Wortes wandelte sich im 20. Jahrhundert von einer abwertenden Fremdbezeichnung („gefälscht, fragwürdig, suspekt, verrückt“) zu einer positiven Eigenbezeichnung, welche strikte Identitätkategorien bewusst in Frage stellt.


In meinen Workshops nehme ich mir meinen Raum, indem ich mir die Zeit wieder aneigne. Für weiße Menschen ist Zeit und ein strenger Umgang mit ihr enorm wichtig. Ich fühle da anders und nehme mir meine Zeit, zünde Kerzen an bevor ich den Workshop beginne. Mit Streichhölzern, wohlgemerkt, das kann dauern. Manchmal hält man mir dann entnervt ein Feuerzeug hin. Aber ich halte mich an meine Streichhölzer. Ich nehme mir meine Zeit. Manchmal ganze 15 Minuten.  

In meiner Performance wiederum sehe ich das twerken als Möglichkeit, mir meinen Körper wieder anzueignen. Durch das Auftreten in Drag eigne ich mir meine nicht-binäre Geschlechtsidentität wieder an. Indem ich darauf achte, immer weibliche und männliche Codes zu nutzen. Ich kombiniere Vollbart, Push-Up-BH, Bauarbeiter-Weste und Tanga. Das ist meine Art zu sagen: Eure Definition von ‘Geschlecht’ hat hier keine Bedeutung. Leuten fragen dann: “ Bist du eine Drag Queen? Bist du ein Drag King?” Ich bin keines von beidem und könnte beides sein.    

Twerken ist eine Tanzstil, der Parallelen zu manchen traditionellen Tänzen des globalen Südens aufweist, seit den 90er Jahren in afro-diasporisch geprägten Musikgenres wie HipHop, Reggaeton und Dancehall auftauchte und heute auch im Mainstream zu finden ist. Fannie Sosa erzählt hier ihre Geschichte des Twerkens.

Hat deine Arbeit verändert, wie du deinen Körper einsetzt – auch außerhalb deiner Performance? 

Da ich in meiner Arbeit meine Identität im Kontext von Geschlecht und Rassismuserfahrung viel reflektiere habe, hat das natürlich auch Einfluss auf meinen Alltag.
Einmal bin ich mit einem fast durchsichtigen Overall, einem schwarzen Tanga darunter, einem Do-rag und einem Hut auf die Straße gegangen. Ohne groß nachzudenken. Bis ich bemerkte, wie ältere Menschen mich anstarrten und mir klar wurde, dass ich da etwas sehr Provokantes trug. Ich hatte das in anderen Kontexten schon so oft getragen, es hat sich bereits komplett mühelos und natürlich angefühlt. 

Adrian identifiziert sich als nicht-binär. Nicht-binär heißen Geschlechtsidentitäten die weder ausschließlich männlich noch ausschließlich weiblich sind. Auf diesem Bild trägt Adrian übrigens einen Do-rag: Ursprünglich eine ethiopische Kopfbedeckung, heute Teil der afro-amerikanischen Geschichte und Hiphop-Kultur.

War es zu Beginn deiner Arbeit schwer für dich, deinen Körper den Blicken anderer auszusetzen? Ich kann mir vorstellen, dass man sich dadurch auch sehr verletzlich macht.

Mit Blick auf meine Brüste hatte ich da immer Hemmungen, habe sie bedeckt, in all meinen Performances. Bei einem Auftritt riss ich das Tape auf meiner Brust aus Versehen mit ab. Da stand ich plötzlich mit freien Brüsten auf der Bühne. Die Show musste weitergehen. Und so habe ich weitergemacht, business as usual, und es war in Ordnung, es war gut. Ein sehr verletzlicher Moment, aber auch sehr empowernd. Ein Moment, in dem ich einfach zufrieden sein konnte mit meinem Körper, obwohl er derart entblößt war. Von da an konnte ich mir die Erlaubnis geben, meine Brüste zu zeigen, sei es, indem ich durchsichtige Oberteile oder bloß Glitzer trage. Früher war da zu viel Scham, waren zu viele sexualisierte Blicke auf meinem Körper. Ich denke Performance hat mich dahin gebracht, Frieden mit meinem Körper zu schließen. 

Ich denke Performance hat mich dahin gebracht, Frieden mit meinem Körper zu schließen. 

Adrian / GodXXX Noirphiles

Warum fühlt es sich gut an, Raum einzunehmen?

Als Schwarze Person wird mir vermittelt, dass es keinen Raum für mich gäbe. Wenn ich definieren kann, was Raum für mich bedeutet, wie, wann und wo ich ihn für mich einnehmen kann, bin ich in der Position, zu arrangieren, zu orchestrieren. Zu sagen, was passiert. Das fühlt sich so stark, so powerful an: Jetzt müsst ihr endlich still sein. Jetzt müsst ihr endlich mir zuhören. Solche Umstände werden uns nicht so einfach geboten.

Mit der eigenen Stimme Raum einnehmen: Adrian’s Video-Serie “Black History and Drag” erzählt Schwarze Geschichte aus einer anderen Perspektive als sie von weißen Menschen in Schulbücher geschrieben wurde.

Weißen cis-Menschen bieten sich derartige Gelegenheiten viel häufiger. Raum einzunehmen erinnern mich daran, wie natürlich unsere Vorfahren gelebt haben. Wie sie einfach sein konnten. Raum einnehmen, ohne diesen als ihren Raum bezeichnen zu müssen, weil es genug gab, für alle. Ich glaube, deswegen waren sie so magisch und so stark. Und deswegen fühlt sich das Einnehmen von Raum für mich wie eine noch stärkere Beziehung zu ihnen an.   

Räume finden

Gibt es also Kontexte in denen das Konzept des eigenen Raums nicht zu relevant ist?

Ja, Kontexte die von gegenseitigem Respekt geprägt sind. Respekt, der existierte bevor uns durch den Kolonialismus Respekt und Menschlichkeit abgesprochen wurden. An unseren queeren Orten oder mit Menschen gleicher oder ähnlicher Abstammung gelingt es manchmal, diese Kontexte wieder zu erleben. 

Wenn du dir dein 15-Jahre jüngeres Ich vorstellst wie es in den Spiegel schaut. Was würdest du ihm sagen?

Ich würde sagen: Darbietung und Performance sind für die Bühne, nicht für deinen Alltag. Deine Gefühle sind berechtigt. Und: Es ist okay, Systeme der Unterdrückung zu zerstören. 
(lacht) Oder? Als 15-Jährige denkt man sich doch oft das Dinge falsch laufen aber man nichts dazu sagen darf. Wäre doch großartig, ein 31-jähriges Selbst zu haben, das einem gut zuredet: “It’s okay! Go ahead, destroy it!” 


Wie unterscheidest du zwischen Dingen, die dich ausmachen und solchen, die es nicht tun? Mit welchen femininen Codes identifizierst du dich, mit welchen nicht?

Die Codes, mit denen ich mich identifiziere, sind die, die mich empowern. Aber was heisst schon ‘feminin’. Ich selbst bin nicht-binär und bin dennoch Mutter. Es gibt cis-Männer die, als das einzige Elternteil für ihr Kind, auch als Mütter agieren müssen, weil es niemanden gibt, die diese Rolle übernehmen würde. Sich zu kümmern, jemandem beim Wachsen helfen, High-Heels, Kleider und Make-Up tragen – das alles ist nicht naturgegeben feminin. Im Tierreich sind es oft die Männchen, die pompös und farbenprächtig auftreten. Sieh dir Pfauen an, Löwen.

Die Codes, mit denen ich mich identifiziere, sind die, die mich empowern.

Adrian / GodXXX Noirphiles

Menschen wollen immer so viel definieren, nur um sich dann in diese Definitionen rein zu zwängen. Ich denke worum es geht ist, was sich gut anfühlt. Was sich für dich gut anfühlt. Wenn es mich ‘feminin’ macht, mit meinen Gefühlen in Einklang zu sein, okay. Wenn es mich ‘feminin’ macht, Mutter zu sein, okay, ich liebe es. Wenn es mich ‘feminin’ macht, 30 cm hohe High-Heels zu tragen, okay. Wenn ‘feminin’ so definiert ist, dann bin ich feminin as fuck. Aber ich tue nichts nur weil es ‘feminin’ ist.

Feminine Codes? Adrian identifiziert sich mit den Dingen, die sie stark machen. Egal, ob diese als männlich oder weiblich gelten.

Media

Mehr von Adrian gibt es hier.

Was ist eine House Mother? Die Wurzeln heutiger ‘Houses’ und ‘Balls’ liegen im New York der 1980er. Von der damaligen Ballroom Kultur zeugt die Doku Paris is Burning.

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Was bedeutet Drag für dich? Verschiedene Künstler:innen berichten.


Autorin: Chiara Marquart-Tabel
Illustration: Isabella Marquart


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