Raum einnehmen an der Clubtür

Jen ist Türsteherin und Türchefin im Berliner Club ›SchwuZ‹. Wir sprachen darüber wie sie ihren Körper an der Tür einsetzt, wie der Job sie verändert hat und was eine gute Türsteherin ausmacht.

Wer bist du und was machst du so?
Ich bin Jen, ich bin Türsteherin, Politikwissenschaftlerin und Mediatorin. Ich gebe Workshops zu verschiedenen Themen, viel zu Kommunikation, und mache Supervisionen.

Wie setzt du deinen Körper bei deiner Arbeit ein?
Mein Körper ist für mich ein Vehikel, das in der Arbeit an der Tür eine viel größere Rolle spielt als wenn ich am Schreibtisch sitze. Aber auch als Coach und Mediatorin geht es um Präsenz, auch da lohnt es sich, seinen Körper als Stabilisator zu sehen. Meine Haltung und wie ich mich fühle beeinflussen sich da gegenseitig. Bei der Türarbeit musst du in der Lage sein, Regeln durchzusetzen. Du musst, wenn jemand ausrastet, die Person zusammen mit deinem Team ablegen (Anmerkung: “Ablegen” bedeutet, jmd. auf dem Boden fixieren sodass die Person nicht mehr um sich schlagen kann) können. Trotzdem kann ich die allermeisten der Konflikte verbal lösen. Es kommt ganz darauf an, welche Toolbox man zur Verfügung hat: Wenn ich einschätzen kann, wie Leute psychisch funktionieren, wenn ich sie abholen kann, dann brauche ich keine Gewalt. Die Toolbox der alten Schule hat da schneller auf körperliche Auseinandersetzung zurückgegriffen. Gleichzeitig musst du natürlich ein Rückgrat haben. Musst wissen, “in letzter Konsequenz mache ich dich platt.” – genau diese Ausstrahlung reicht in den meisten Fällen auch schon aus. Diese Sicherheit mit sich und dem eigenen Körper ist entscheidend.

Jen an der Tür. Foto: d.nietze-fotografie

Physisch stark zu sein ist also die Basis deiner Arbeit?
Auf jeden Fall. Die brauchst du allein schon um die ganze Nacht hindurch draußen zu stehen und auf die Kälte klar zu kommen.

Welche Rolle spielt Stärke in deinen anderen Tätigkeiten?
In meinen Workshops geht es um Empowerment, Selbstbehauptung, Selbstverteidigung. Das kann sehr verschiedene Fragen tangieren: Wie setze ich mich in einer Liebesbeziehung oder im Kontakt mit meiner besten Freundin durch? Wie reagiere ich wenn ich auf der Straße doof angemacht werde? Wo erwarte ich Agression, wo nicht? Auch da ist die meiste Arbeit Kommunikationsbegleitung oder Training: Allein schon das zu sagen was du denkst, deine Bedürfnisse und Interessen zu benennen, macht einen großen Unterschied.

Die Selbstverteidigungstrainerin Sunny Graff sagt ja, das der größte Teil von Selbstverteidigung im Kopf passiert.
Auf jeden Fall. Ich vermittle als Türchefin natürlich auch anwendungsorierntierte Möglichkeiten körperlicher Verteidigung. Aber in vielen, kritischen Situationen kommt es zu derlei Handgreiflichkeiten gar nicht. Was dennoch sehr hilft, ist, zu wissen, wie man sich zu verhalten hat und einen Blick für die Gefährlichkeit der Situation zu haben: Hat mein Gegenüber eine Flasche in der Hand? Wie viele Leute sind hier, auf die ich mich verlassen kann? Choose your battles. Wenn mir fünf Typen gegenüber stehen ist es eher Zeit für einen hit-and-run und einen flotten Spruch weniger. Du musst dich bei jeder Konfrontation fragen, worum es dir wirklich geht. Manchmal geht es nur darum, den eigenen Arsch zu retten. Das ist an der Tür anders, da musst du die Ärsche der Anderen gleich noch mit retten. (lacht)

Mir fällt das Halten von Blickkontakt noch immer sehr schwer. Für deine Arbeit ist es wichtig. Haben sich deine Körpersprache und dein Blickkontakt durch deine Arbeit verändert?
Blickkontakt zu halten war mir persönlich schon immer wichtig. An der Tür ist er zudem unverzichtbar um Stärke ausdrücken und um die Leute zu erfassen. Natürlich kann Blickkontakt auch provozieren. Aber ein offener Blickt ist das wichtigste Instrument um zu entscheiden, ob ich jemanden reinlasse oder nicht. Sonst entgehen dir Dinge. Am meisten Angst habe ich da vor Leuten denen man ansieht, dass sie nicht zurechnungsfähig sind. Die gar nicht mehr abwägen können, dass sie den Kürzeren ziehen könnten – das sind die gefährlichsten Situationen. Also: Augen auf!

Hattest du mal das Gefühl, dass deine Arbeit und deine Rolle als Frau aufeinander prallen?
Am stärksten bin ich eigentlich nicht bei der Arbeit auf meine Rolle als Frau zurückgeworfen, sondern in theoretischen Gesprächen darüber. Wenn ihre erste Reaktion auf meinen Türjob die Frage ist, wie das denn als Frau so sei. Während der Arbeit fällst du als weiblich gelesene Person natürlich auch auf – wenn du vom männlichen und weißen Standard abweichst, bist du auf dem Präsentierteller. Aber da ist es viel wichtiger, dass ich meinen Job mache und funktioniere. Dafür bekomme ich meinen Respekt und das macht mich dann auch sehr viel weniger angreifbar.


Ansonsten bin ich doch recht eitel. Bei der Entscheidung “praktisch oder schön” entscheide ich mich gerne für schön. Aber wenn du mal eine Nacht an der Tür durchgefroren hast, nimmst du nächstes Mal dann trotzdem den Schlabberpulli. Das muss man manchmal in Einklang bringen. Das Hilfreiche und das, was sich gut anfühlt. Du brauchst beides für eine souveräne Ausstrahlung. Ich erinnere mich, bei meiner ersten Schicht sagte man mir, ich solle mich nicht Schminken, falls irgendwo Pfefferspray zum Einsatz käme. Da habe ich gesagt “Sorry, ich verlasse kaum ungeschminkt das Haus, das werde ich hierfür nicht ändern.” Bei Ohrringen muss man abwägen, ob sie einem das Ohrläppchen ausreißen könnten, ob man das aushalten würde oder sie doch besser weglässt.

Übrigens auch ein wichtiges Instrument ist die Stimme. Die sollte eine gewisse Ruhe, aber auch Lautstärke erreichen können.

Hat sich verändert, wie du deine Stimme benutzt?
Sie ist mir jetzt bewusster. Ich habe bis heute noch nie so laut geschrien wie ich könnte. Aber ich weiß inzwischen, wie meine Stimme laut klingt und erschrecke mich nicht mehr davor. Es hilft zu wissen, was du in kritischen Situationen rufen wirst. Mein “Ey!” ist mir mittlerweile richtig in Fleisch und Blut übergegangen. Und wenn es nur darum geht, die Aufmerksamkeit der Person zu bekommen um dann sprechen zu können – zu wissen, mit welchen lauten Ausdrücken man sich wohlfühlt, zählt. Ich glaube schon, dass die männliche Sozialisation einen das mehr lehrt, wie man seinen Körper und seine Stimme ausspielt.

Deine Arbeit hat dein Auftreten da beeinflusst?
Ich war schon immer eine Person die bei Konflikten und Schlägereien dazwischen gegangen ist. Aber jetzt ist mehr Routine und weniger Reflex darin. Mein heutiges “Ey!” ist mit Sicherheit durch den Job gekommen.

Gibt es einen Glaubenssatz den du früher hattest, den du durch diese Arbeit losgeworden bist?
Durch die körperliche Fitness habe ich jetzt ein anderes Vertrauen in meinen Körper, weiß was ich tragen kann, wo ich mich hochziehen kann, welche Distanzen ich springen kann. Ich weiß noch, dass ich irgendwann mal einen Freund gefragt habe, ob ich eine gewisse Distanz springen könnte und er dachte, ich wolle ihn verarschen. Für ihn war total logisch, dass ich das konnte. Aber weil ich da noch keinerlei sportliche Erfahrung und somit auch kein Selbstvertrauen hatte, wusste ich das einfach nicht. So etwas hatte ich nie gelernt, in meiner Kindheit habe ich immer eher “Vorsicht!” und “Mach das lieber nicht!” gehört.

Wie wird man Türsteherin?
Ich bin seit 1,5 Jahren Türchefin im SchwuZ. Ich habe da versucht, ein neues Team für die Tür zusammen zu stellen, das möglichst divers sein sollte. Die fertig gebackene Türsteherin kriegst du selten: Jemanden, die bereits sicher auftritt, gut kommuniziert und Bock hat, einen schlecht bezahlten, gefährlichen Job zu machen. Denn das ist es nach wie vor.

Alles bloß Gewalt? Gute Türsteherinnen können vor allem Menschen und Situationen schnell und richtig einschätzen.

Da muss man Weiterbildungsmöglichkeiten schaffen und eine Stimmung, die fehlerfreundlich ist. Dadurch haben wir Automatismen durchbrochen die sich sonst reproduzieren. Sonst geht es ganz schnell, dass man als Frau bei einer Situation dabei war, die nicht so gut gelaufen ist, und das dann auf dich projiziert wird. Es braucht Strukturen, in denen solche Erfahrungen nachbesprochen werden. In denen man offen über Rollenbilder und Rollenzuschreibungen reflektieren kann, sodass diese nicht als gegeben wahrgenommen werden.

Wie sieht eure Ausbildung so aus? Wann ist man fertig gebackene Türsteherin?
Als Einarbeitung läuft man drei Schichten lang einfach bei Leuten wie mir mit und ich erkläre was ich mache. Dann machen wir noch Workshops zu Selbstverteidigung an der Tür, möglichst mit dem gesamten Team – Türarbeit ist Teamarbeit. Natürlich sollte man Erfahrungen mit Selbstverteidigung oder ähnlichem haben. Wenn man sich die Situation vergegenwärtigt, ist ein Kinnhaken in den meisten Fällen aber nicht das Mittel der Wahl. Meist macht mehr Sinn, die Person gemeinsam ablegen zu können.

Würdest du sagen, dass sich die Frauen die sich bei dir bewerben schon recht tough und bereits recht gut darin sind, sich durchzusetzen?
Mit Einschränkungen, ja. Es gibt ja eine Vielzahl von Gründen, warum eine Person diesen Job versuchen will. Ich versuche, meine Wahrnehmung, mein Denken, meine Erklärungsansätze möglichst von Kategorien wie “Frau/Mann” zu befreien. Als Frau musst du natürlich in vielen Bereichen mehr mitbringen als der männliche Standard – das ist an der Tür mit Sicherheit auch so. Gleichzeitig ist die männliche Sozialisation oft etwas dominanter. Frauen haben öfter die Hemmung, keine Spielverderberin sein zu wollen. An sich stört mich die Verknüpfung von Erklärungsversuchen und Geschlechtsidentität á la “… weil sie eine Frau ist.” jedoch sehr. Einerseits brauchen wir diese Kategorien heute noch, weil sie noch wirkungsmächtig sind, weil es Diskriminierung gibt und wir das benennen können müssen. Andererseits wollen wir diese Kategorien ja auch auflösen.

Dieses Spannungsverhältnis zu halten, beide Aspekte zu berücksichtigen, das ganze Team zu stärken, ist mein Ziel. Den Leuten zu zeigen, wie sie sich durchsetzen können auf eine Weise, dass ihr Gegenüber trotzdem sein Gesicht noch wahren kann. Das ist der wichtigste Kniff, wenn es um Deeskalation geht. Leute rasten aus, wenn sie das Gefühl haben, ungerecht behandelt worden zu sein und für ihre Würde kämpfen zu müssen. Du musst ein “Nein” rüberbringen, ohne dass die Person das Gefühl hat, du wolltest ihr den Abend verderben. Indem du klar machst: Das ist jetzt doof gelaufen, ich weiß, dass das kacke für dich ist, gleichzeitig bleibe ich bei meiner Entscheidung.

Ob dein Typ, deine Motivation und diese Arbeit zusammen passen, zeigt sich oft erst in der Praxis. Türarbeit muss man ausprobieren und erlernen. Ich war die ersten Male total aufgeregt. Das ist eine Strecke der Praxis, die unangenehme Erfahrungen mit sich bringt und die man erstmal hinter sich bringen muss, bis man die nötige Selbstsicherheit entwickelt hat. Ich finde es wichtig, da die Zeit zum Lernen zu geben. Aber man muss natürlich auch akzeptieren können, wenn es zum Beispiel an diesem Punkt in deinem Leben noch oder eben gar nicht passt. Letztlich ist Sicherheit das A und O.

Türarbeit ist herausfordernd, aber lehrreich: Teamarbeit und Momente der Roughness gehen Hand in Hand.

Wie war dein erster Abend an der Tür?
Ich weiß noch, dass ich nach meinem ersten Mal Tür mit einem super beschwingten Gefühl nach Hause geschlenzt bin. Ich glaube das lag daran, dass ich sehr gut im Team aufgenommen wurde und die Abläufe recht schnell verstanden habe. Es fing dann aber bald an, dass unangenehme, brenzliche Situationen aufkamen und ich verstand, dass das wirklich einfach zum Job dazu gehört, dass so etwas jede Nacht passiert, dass es rough ist. Deswegen haben wir eine Weile lang alle Schutzwesten getragen.

Gibt es eine schwierige Situation auf die du rückblickend aber stolz bist?
Die negativen Situationen bleiben oft mehr hängen. Situationen in denen es um Angst geht, um Druck, in denen es schnell gehen muss. Natürlich haben wir die auch alle irgendwie überlebt. Aber ich würde nicht sagen, dass ich darauf stolz bin. Ich denke eher: Was wenn wir da zum Beispiel schneller eingehakt, schneller entschieden, die beiden Personen einzeln rausgeworfen hätten? Eigentlich geht es in unserer Arbeit darum, brenzliche Situationen – jede Schreierei, jede Schlägerei, jeden Flaschenwurf – zu vermeiden.

Gibt es Situationen in deinem Job in denen du dich stark fühlst?
In den meisten Situationen. Vielleicht besonders, wenn ich in Konflikte reingehe und merke: Es macht mir keine Angst. Selbst wenn jemand sagt, dass er mit Verstärkung zurück kommt oder mich später wiedererkennen oder mir auflauern wird. Wenn ich mich von sowas nicht einschüchtern lasse. Und natürlich nach schwierigen Situationen oder Phasen. Wenn man durch eine Herausforderung, durch eine Krise gegangen ist, die hinter sich gebracht hat, dann ist das ein befriedigendes und starkes Gefühl. Ich würde definitiv sagen, dass mich der Job selbstbewusster gemacht hat. Türarbeit ist herausfordernd auf sehr verschiedenen Ebenen. Hinterher ist man auf jeden Fall weiter. Ich merke, dass ich nachts stabiler durch die Straße laufe – auch in meinen Workshops vor Schulklassen stehe ich anders. Witzigerweise ist es ganz günstig, an der Tür pädagogische Fähigkeiten mitzubringen, aber auch gut, in der Schule ein paar Tür-spezifische Fähigkeiten zu haben. Das passt besser zusammen als Leute oft denken. Ein bisschen Selbstbewusstsein, ein bisschen Entertainment.

Das sind nicht die Skills, die einem bei dem Stichwort “Türsteher” direkt einfallen.
Noch nicht. Aber wenn wir das ändern wollen, wenn sich die Skills von Türpersonal ändern sollen – dann müssen sich auch die Strukturen ändern. Es reichen keine Absichtserklärungen, um mehr qualifizierte Frauen* an die Tür zu bekommen. Dann muss sich auch was an der Bezahlung ändern. Je mehr Fähigkeiten du verlangst, desto besser musst du die Leute bezahlen. Derzeit arbeiten viele unserer Türsteherinnen noch während des Studiums bei uns. Nach dem Abschluss lohnt es sich für sie aber nicht mehr, sich nachts an die Tür zu stellen. Dabei es wäre das Geld wert, diese Leute zu halten. Dann wäre es vielleicht nicht mehr so unangenehm, nicht mehr so ein Zittern, sich in die Schlange vor dem Club zu stellen. Natürlich war das vor 20 Jahren noch schlimmer. Da war es normaler als heute, dass Gäste, die nicht gespurt haben, eins auf die Fritte bekommen haben. Aber da ist definitiv noch Luft nach oben.

Wie sehr die Tür eine Macht- und Gewaltsituation darstellt, hängt also davon ab, ob dort nur weiße Männer aus dem Arbeitermilieu positioniert werden?
Schon. Türarbeit entwickelt sich langsam dahin, dass Diversität und Eigenschaften beider “Rollenidentitäten” wertgeschätzt werden: Durchsetzungs- und Kommunikationsfähigkeit.

Woran können die Leserinnen dieses Interviews festmachen ob die Tür ein Job für sie wäre? Was macht eine gute Türsteherin aus?
Eine gute Türsteherin ist freundlich und bestimmt. Eine gewisse körperliche Fitness, Spaß an zwischenmenschlicher Kommunikation und Verantwortungsbewusstsein sind auch wichtig. Wer die Situation versteht, weiß, worum es der anderen Seite geht. Wer gut kommunizieren kann, ist in diesem Job ganz klar im Vorteil.

Media

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Du willst den Job ausprobieren? Bei den meisten Clubs kann man sich per Mail melden. Und erinnere dich: Die fertig gebackene Türsteherin gibt es selten.


Autorin: Chiara Marquart-Tabel
Illustration: Isabella Marquart nach einer Fotografie von d.nietze-fotografie


Auch Teil dieser Interviewreihe:

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