Aus der Wendezeit für Corona lernen

30 Jahre nach Mauerfall und Wendezeit legt das Corona-Virus große Teile von Gesellschaft und Wirtschaft lahm. Aus der alten Krisenzeit lässt sich lernen.

Offensichtlich sind die Unterschiede der wirtschaftlichen Rezessionen heute und in der Wendezeit: Betroffen war in der Wendezeit vor allem der Ostblock. In Deutschland wurde die Mauer abgetragen, deren Kanten sozioökonomisch betrachtet noch lange blieben. Corona hingegen betrifft alle Länder. Auch wenn einzelne Staaten und ihre jeweiligen Wirtschaftssektoren jeweils unterschiedlich betroffen sind.

Weniger offensichtlich sind die psychologischen, wirtschaftlichen und ökologischen Parallelen beider Krisen: Die Menschen in der DDR verloren mit ihrer Arbeit einen erheblichen Teil ihres sozialen Umfelds. Auch während der Corona-Zeit werden zahlreiche Angestellte gekündigt. Verträge werden nicht verlängert oder Einstellungen vertagt. Viele Solo-Selbstständige fürchten um ihre Existenz. Mit dem verlorenen Arbeitsplatz im Werk damals, mit Social-Distancing und Home-Office heute, geht gleichermaßen ein wichtiger Begegnungsraum verloren. Natürlich konnte man sich damals am alten Konsum und heute im Videochat treffen – aber halt nicht zufällig. Wie zur Wendezeit, ist ungewiss wann die Krise abebben wird.

Damals wie heute gab es staatliche Unterstützungsprogramme. Doch unabhängig von diesen Programmen machen in solchen Krisenzeiten unzählige Menschen eine einschneidende Erfahrung:

Pläne und scheinbare Sicherheiten können sich – sehr schnell – in Luft auflösen.

Diese Generations-Erfahrung führte in Ostdeutschland bei vielen Menschen zu einer skeptischen Grundhaltung.

Dagegen halten kann Solidarität. Doch so ehrenwert es auch ist: Es ist wesentlich einfacher für die betagte Nachbarin ein paar Wochen die Einkäufe zu erledigen, als über Jahre hinweg eine atomisierte Wirtschaft durch solidarische Gesten zu kompensieren.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit (BA): Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf 01/2019 (Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/)

Ökologische Transformation per Disaster – nicht Design

Ähnlich sind sich beide Krisen auch im Hinblick auf ihre Umweltauswirkungen: Umweltverschmutzung und Ressourcenhunger sinken mit der wirtschaftlichen Aktivität. Nun ist es aber ein schwacher Trost für Menschen mit existenziellen Sorgen, dass damals die Elbe und heute die Kanäle in Venedig wieder klares Wasser führen.

Bezüglich der Co2-Emissionen unterscheiden sich beide Krisen allerdings: Als die ostdeutsche Wirtschaft demontiert wurde, brachen ihre CO2-Emissionen dauerhaft weg. Glück für die Bundesregierung heute, da 1990 als Vergleichsjahr genutzt wird, ein Jahr in welchem die ostdeutsche Wirtschaft noch umfassende CO2-Emissionen aufwies. Im Zuge der Corona-Krise wiederum scheinen viele Staaten, wie auch während der Finanzkrise, den wirtschaftlichen Abschwung mit der Gießkanne abfedern zu wollen. Anstatt einen Schwerpunkt auf Zukunftstechnologien oder auch nur energieeffiziente Branchen-Spitzenreiter zu legen, werden alle Unternehmen gefördert.

Das Sterben der kleinen Läden

Andere strukturelle Langzeitauswirkungen beider Krisen könnten sich hingegen ähneln: Wie auch zur Wendezeit steht heute dem Einzelhandel eine schwere Zeit bevor. Während kleine Geschäfte schließen mussten, stellt sich Amazon auf Auftragsspitzen ein. Je länger die Social-Distancing-Phase andauert, desto größer dürfte der Gewöhnungseffekt sein. Corona als Vorspultaste der Digitalisierung sorgt nicht nur dafür, dass veraltete Unternehmen neue Softwarelösungen einsetzen, auch Onlineshopping dürfte sich noch mehr verbreiten.

Veränderungen im Einkaufsverhalten, Förderung alter oder neuer Industrien, die Erfahrung, dass sicher geglaubte Karrieren und Lebenspläne von heute auf morgen einstürzen können, es sind diese Langzeitauswirkungen von Corona, welche die Gesellschaft spürbar formen werden. Die Wendezeit zeigt uns: Die psychologischen Effekte einer Krise sind nicht zu unterschätzen. Unterstützung brauchen jetzt die Projekte, Ideen und Vorstöße die systemisch an die Krise herangehen. Das wären Plattformen die Nachbarschaftshilfe oder Einkaufsmöglichkeiten beim Einzelhandel organisieren.

Unternehmen hingegen sollten nur gestützt werden, wenn klare Erwartungen an sie formuliert sind: Investitionen in zukunftsträchtige Technologien, Mitsprache der Angestellten und ein Verzicht auf Boni und Ausschüttungen. Auf lange Sicht profitieren die Unternehmen davon – die Gesellschaft sowieso.

Lasst uns die kommenden Monate auf eine Art nutzen, dass „Verschwende nie eine Krise“ nicht wie ein zynischer Satz gut situierter Volkswirtschaftler klingt – sondern wie ein Kampfspruch derer, die besonders stark betroffen sind.

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Foto: Photo by Ante Hamersmit via Unsplash , Marcus Lenk(cc)

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