Rückzug, Rückkehr, Kehren

Nach der Corona-Krise können Eltern mit Homeschooling-Erfahrungen das staatliche Bildungssystem verbessern. Sofern sie sich keiner Sekte angeschlossen haben. Ein Gastbeitrag von Dario Veréb aus Zürich.

Situationen wieder, die ihnen reichlich Energie abverlangen. Nebst der Umstellung eigener Sitten, lauern auf dem Esstisch stapelweise Hausaufgaben, die Traumata längst verdrängter Zeiten wecken und die ungewohnte Allgegenwärtigkeit der eigenen Sprösslinge in Erinnerung rufen. Für einige deshalb unvorstellbar, dass andere sich diesen Lebensstil freiwillig aussuchen.

Tatsächlich ist die Schule in den eigenen vier Wänden keineswegs ein neues Phänomen. Während die Schweizer Verfassung die Unterrichtspflicht erst Ende des 19. Jahrhunderts festhielt, wurden Kinder aus wohlhabenden Familien schon viel früher von Gouvernanten oder Privatlehrern geschult. Zwar beauftragten viele Kantone noch vor Ende der kirchlichen Erneuerungsbewegung ihre Gemeinden mit der Einführung von Schulen – deren Qualität variierte jedoch von Anfang an stark. So entstand die Skepsis gegenüber staatlichen Bildungsinstitutionen, die bis heute ein Hauptargument für viele praktizierende Homeschooler bleibt.

Gezwungene, Originale und Extrema

Nebst der Motivation ist auch die Wissensvermittlung im modernen Homeschooling den Anfängen treu geblieben. Die etwa 2.500 Kinder, die schon vor Ausbruch der Pandemie von Zuhause aus unterrichtet wurden, erhalten keine Aufgaben von Lehrpersonen zugesendet und sind auch nicht an Abgabetermine gebunden. Sie orientieren sich zwar am Lehrplan, gestalten den Unterricht aber frei und wählen das Tempo selber. In bestimmten Kantonen werden regelmässig Tests durchgeführt, um den Bildungsstand der Kinder zu prüfen. Ob der Chemiestoff aber mit einem Lehrbuch oder in der Küche mit Hefe und Zucker beigebracht wird, bleibt den Eltern überlassen. Auf diese Freiheit legen Homeschooler besonders viel Wert. Mit Ausflügen in die Natur, dem gemeinsamen Einkauf oder der Erledigung des Haushaltes sollen Kinder im Alltag klassischen Schulfächern wie Biologie, Mathematik oder Chemie begegnen. Man glaubt so den natürlichen Lernprozess zu beeinflussen, ohne die Lernfreude zu untergraben.

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In den Augen der Homeschooler geben die neu dazugekommenen Mütter und Väter keinen Privatunterricht im eigentlichen Sinne, weil sie lediglich den Auftrag staatlicher Schulen ausführen. Zwar bieten die Veteranen der Szene gerne Tipps an die unverhofften Rekruten – auf den Online-Portalen mangelt es aber auch nicht an Artikeln, die fundamentale Unterschiede zwischen ihnen betonen. Zwischen den Homeschool-Mamas und beispielsweise den Freilernern liegen Welten.

Von ihnen gibt es in der Schweiz wenige, doch weil hier eben Bildungspflicht und nicht – wie etwa in Deutschland – Schulpflicht herrscht, werden Freilerner in vielen Kantonen geduldet. Mit ihrem Unschooling distanzieren sie sich noch weiter vom staatlichen Bildungssystem, nutzen nur den Alltag und die darin auffindbaren Herausforderungen zur Bildungsvermittlung. In Deutschland wird dies nicht geduldet. Freilerner riskieren dort mit dem Unschooling das Sorgerecht zu verlieren und erhalten regelmässig hohe Geldstrafen. Organisationen wie die Freilerner Solidargemeinschaft sammeln immer wieder Geld, um Anwaltskosten und Bussgelder für betroffene Familien zu begleichen. Einsichtig möchte auf beiden Seiten niemand sein.

Schule, Sekte und Symbiose

Die Beweggründe der Homeschooler sind vielseitig, ihre Absichten meist gut, doch wenn Eltern die Ausbildung ihrer Schützlinge übernehmen möchten, widmen sie sich einer Herkulesaufgabe. Vorwürfe gegenüber dem großen Bildungssystem, dass sich nur träge den Schülern anpasse, werfen die Frage auf, ob denn nun das Wissen in einer Familie zur Förderung der eigenen Kinder ausreicht. Natürlich gibt auch für diejenigen im Heimunterricht Lerngruppen. Eltern können ausserdem Seminare besuchen, um sich pädagogische Methoden anzueignen. Man
organisiert sich und profitiert von gegenseitigen Kompetenzen. Die Probleme des Homeschoolings werden erst sichtbar, wenn man die Vernetzungen betrachtet, denn manchmal wird der Gemeinschaftsaspekt gefährlich.

So können sich in einem privaten Konstrukt, dass kaum staatlicher Überwachung untersteht, Strömungen und Halbwahrheiten entwickeln, die unkontrolliert an Kinder weitergegeben werden. Mit leeren Versprechen wie dem Erlernen der gesamten Biologie in fünf Tagen lockt beispielsweise die LAIS-Methode unwissende Familien in Lerngruppen, die unter anderem Philosophien der rechtsesoterischen Anastasia-Bewegung verbreiten. Schüler geben ihr Wissen an die jüngeren weiter und sorgen unbewusst für die Verbreitung und Erhärtung von esoterischem, manchmal gar nationalistischem Gedankengut. Laising verkauft sich als Pädagogik, ist aber laut der österreichischen und schweizerischen Fachstelle für Sektenfragen klar eine Sekte. Solche Gefahren werden von staatlichen Schulen ausgefiltert.

Plötzlich gibt es nun viele mehr oder minder echte Homeschooler. Dass nach der Pandemie alle zum elterlichen Privatunterricht abwandern ist höchst unwahrscheinlich, dennoch dürfte die Erfahrung viele Familien zum Nachdenken anregen. Das Bildungssystem zu kritisieren ist leicht, es zu boykottieren möglich. Vielleicht wäre es angesichts der Alternativen aber löblich, der Institution einfach unter die Arme zu greifen. Viele Eltern spielen jetzt die Rolle des Vermittlers, büffeln gezwungenermassen mit ihren Kleinen und stossen dabei auf Probleme und Grenzen. Diese zu überwinden bedingt eine gewisse Nähe zu den eigenen Schützlingen –Nähe, die Lehrkräfte leider kaum erreichen, Homeschooler aber schon. Mit etwas Durchhaltevermögen entstehen aus Notlösungen bessere, effizientere und vor allem hilfreiche Lerntaktiken, die reformbedürftige Prozesse ablösen und das Beste aus fragwürdigen Milieus in ein funktionierendes Bildungssystem einfliessen lassen.

Risikofreier Heimunterricht

Um den genannten Gefahren aus dem Wege zu gehen, bestreitet man das Homeschooling am Besten im Alleingang. Damit das auch gelingt, folgen hier einige Tipps für die unverhofften Privatlehrerinnen und -lehrer.

Eigeninteresse, Kontrolle oder Belohnung
Stefan Schönenberger von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) erklärte unlängst in der Basler Zeitung, dass weder stetige Kontrolle noch ein Belohnungssystem bei Kindern erfolgsversprechend sei. Stattdessen müssten sie den Lernstoff aus Eigeninteresse behandeln. Die genannte Methode der Homeschooler, bei denen man klassische Schulaufgaben in Alltagssituationen wie beim Kochen, Waschen oder Einkaufen aufspürt, motiviert Kinder langfristiger als versprochenes Fernsehen nach Erledigung der Aufgaben.

Vorlesen, vorbereiten und Pause machen
Natürlich kann man den Homeschoolern ihre Langzeiterfahrungen nicht aberkennen. Deshalb lohnt es die Plattformen der Community nach Insider-Tipps zu durchforsten. So empfiehlt die Swiss Homeschool Family in ihrem Blog beispielsweise das Vorlesen, falls alle Stricke reissen sollten.

Mathematik, Sprachen oder Robotik
Mittlerweile gibt es für fast alle Schulfächer eine App oder Website. Um den Überblick behalten zu können, hat das Medium t3n.de, das sich mit der Digitalisierung auseinandersetzt, in einem Listicle hilfreiche Links zusammengefasst. Das Internet bietet Kindern neue, interaktive Möglichkeiten, um den Schulstoff zu behandeln. Die abwechslungsreiche Behandlung einer Materie motiviert die Kinder nicht nur, sondern verlängert auch die Halbwertszeiten des Erlernten.

Mutter, Lehrkraft und sich selbst

Eltern, die ihre Schützlinge jetzt noch etwas häufiger zu Hausaufgaben zwingen müssen als sonst, sollten im Ausnahmezustand nicht vergessen, auch die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Denn wie im Homeoffice gilt es auch beim Homeschooling eine Work-Life-Balance aufrecht zu erhalten. Kinder sollten an einem designierten Arbeitsplatz den schulischen Aktivitäten nachkommen können, idealerweise zu bestimmten Zeiten. Denn wenn Eltern sich nur noch der Kinderbetreuung widmen können, leiden soziale Kontakte und persönliche Anliegen darunter. Dass auch zu Zeiten von Social Distancing ein Beisammensein möglich ist, offenbart dieser Artikel.


Der Gastautor Dario Veréb ist Journalist und Fotograf in Zürich. Zu seinen Interessensfeldern gehört alles, was sich am Rande der Gesellschaft abspielt. Er beschäftigt sich unter anderem mit den rechtsradikalen Bewegungen Europas und den Sonderverwaltungszonen Chinas.

Beitragsbild: Annie Spratt, via Unsplash

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