Urlaub ohne Urlaub

Nichts gegen weiße Sandstrände. Wie aber soll man die versteckten Juwelen vor der eigenen Haustür finden, wenn man ausgerechnet in Urlaubszeiten immer verreist ist? Ein Plädoyer für den Urlaub in der Nachbarschaft.

Ein roter Reisebus steht wie ein riesiger Käfer im Deutschen Museum Bonn. Der Setra von 1951 steht wie kaum etwas anderes für die Geschichte der deutschen Urlaubsbegeisterung. Se-Tra heißt Selbstragend. Diese Bauweise ermöglichte erstmals, weite Strecken preiswert zurückzulegen. Sie kommt aus dem Krieg, von Luftwaff‘e und Marine. Nun diente sie dem Gegenteil: Die Reisegäste schwebten über die alten Schlachtfelder und machten in den alten Feindesländern Urlaub. Nur wenige Jahre nach dem Untergang der Naziherrschaft war es so der Urlaub, der uns half, die Distanz zu den Nachbarländern zu überwinden. Und vielleicht gibt es wirklich eine Art ›Touristic Peace Theory‹, nach der sich Länder, die sich gegenseitig im Urlaub besuchen, nicht im Kriege gegenüberstehen.

Mittlerweile sind wir so bekannt für unsere Urlaubsfreude ins Ausland – keine Nation verreist länger und gibt mehr Geld dafür aus –, dass man sich fragen kann, ob die wahre Distanz nicht eher innerhalb unserer Gesellschaft besteht. Ob die Distanz, die es zu überwinden gilt, nicht eher zwischen demjenigen ist, der sein Ferienhaus in der Toskana hat und derjenigen, die das ganze Jahr für eine Woche Urlaub in Hurghada spart. Auch wenn beide aus demselben Ort kommen.

Die Arbeit macht den Urlaub

Doch was ist Urlaub überhaupt? Urlaub kommt vom althochdeutschen Urloub und heißt nichts anderes als Erlaubnis. Urlaub muss man erlaubt bekommen und erst die Arbeit macht den Urlaub. Damit entpuppt sich die deutsche Urlaubsobsession als eine Art Gegengewicht zur Arbeitsobsession, die sich im Zuge des Wiederaufbaus und des ›Wirtschaftswunders‹ ebenfalls tief in unsere Kultur einbrannte.

Und heute? Ist es doch schade, wie viele sich von Urlaub zu Urlaub schleppen, während fast 70 Prozent auf der Arbeit nur Dienst nach Vorschrift machen, wie wir wegfahren müssen, um anzukommen, und dafür eben erst eine Erlaubnis brauchen. Urlaub und Nicht-Urlaub sind zwei Welten mit einer großen mentalen Mauer dazwischen. Unsere Wohnorte werden damit immer mehr der instrumentellen Vernunft der Verwertung untergeordnet, nichts was hier nicht optimiert wird, wo nicht Leistung abgerufen wird. Leben ist, einen Chef haben und Miete zahlen, und so rasen wir voller Know-How aber ohne Know-Why durch dieses Zuhause. Mir ist beispielsweise nie aufgefallen, dass an der Kreuzung, an der ich jahrelang zur Arbeit gefahren bin, ein Meilenstein aus dem alten Rom steht. Der Schritt aus dem Hamsterrad geht nur direkt in den Urlaub, wo wir dann die stille Sehnsucht haben, doch nur ein bisschen von dem, wie man dort ist, achtsam und ruhig, auch ins Zuhause zu retten. Oft ist der Urlaub selbst schon wie eine Fata Morgana: Am schönsten als Versprechen, weit weg. Weil er für eine Sehnsucht steht, die einfach nicht in diese paar Wochen passt.

Touristische Selbstflucht

Es gibt noch ein drittes Element im Urlaub. Für die Anthropologin Naomi Leite ist der Grund für Tourismus der Wunsch, aus seiner Rolle herauszutreten und in eine andere Identität einzutauchen. Eine Managerin möchte einen Monat lang ausschließlich durch die Natur reisen. Ein reicher Londoner im 18. Jahrhundert will erleben, wie die Menschen in der Levante leben. Eine Arbeiterin will eine Kreuzfahrt machen und sich eine Woche lang von Kopf bis Fuß bedienen lassen. Auch ich möchte aus meiner Identität fliehen, weshalb es mir dann besonders peinlich ist, wenn ich in der Toskana als Deutscher erkannt werde, und man mich doch nicht für den Winzer aus San Donato hält.

Dieses Ausprobieren anderer Rollen nennen wir Selbstverwirklichung, doch der Soziologe Andreas Reckwitz meint, dass der passendere Begriff wohl Selbstentgrenzung wäre. Es geht nicht mehr darum, dass man sein ›ureigenes‹ Selbst entfaltet und dieses dann einfach auslebt, wie es etwa bei den Hippies war, sondern immer mehr neue Selbste probiert, immer wieder neue Steigerungen erlebt und immer mehr positive Emotionen sammelt. Diese Selbstentgrenzungskultur ist dann aber der Generator negativer Emotionen, weil wir ja doch immer wieder auf uns selbst zuhause zurückgeworfen werden und alles andere nur antasten durften.

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Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all ihren Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

Rauskommen aus Balkonien

Dass also die Grenzen eher zwischen unseren Communities ablaufen als zwischen
Ländern, dass wir Urlaub als viel zu kleine Insel gegen die Verwertungslogik daheim aufgebaut haben, und dass wir uns im modernen Tourismus immer weiter selbstentgrenzen und enttäuschen, macht Urlaub ohne Verreisen zu einer großen Chance.

Hier also unser Reiseprogramm für zuhause: Am ersten Tag beobachtest du zwei Stunden lang eine Straßenkreuzung, über die du sonst nur hetzt. Wie würdest du dir den Sonnenuntergang am Mittelmeer anschauen? Genau mit dieser Ruhe und Offenheit willst du die Kreuzung ansehen. Am Nachmittag kaufst du etwas vollkommen Alltägliches und ganz und gar Unexotisches wie eine Dreiersteckdose und erfindest eine abenteuerliche Geschichte dazu. Bitte genauso, wie du es mit dem Sommerkleid aus Bali gemacht
hättest. Vielleicht plauderst du als erste Recherche dafür auch mit dem Verkäufer, aber bitte in aller Seelenruhe. Am zweiten Tag fährst du mit der Buslinie Nr. 9 zur 9. Station und bestellst dort Nummer 9 in einem Cafe. Es sind solche Un-Orte, abseits von Postkartenmotiven und Must-Sees, an denen das wahre Leben stattfindet. Fahr irgendwo hin und frag einen Anwohner nach seinem Lieblingsort. Aber bitte hab selbst gar kein Ziel. Am Nachmittag bestimmst du dann einen Gegenstand, spazierst durch die Gegend und rufst laut Bingo, wenn du ihn gefunden hast. Wer weiß, vielleicht ist es ein alter, roter Reisebus?

Text: Hans Rusinek
Foto: Matt Jones on Unsplash

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