Warum wir glauben

Von Klimaschutz bis Konsumfetisch: allerhand soziale Phänomene oder Bewegungen werden mit Religionen verglichen. Aber was macht eine Religion eigentlich aus? Und warum gibt es sie?

Am Anfang war das Wort. Vor bald zweitausend Jahren wurde das noch auf Pergament gekritzelt. Bräuchte Gott heute ein iPhone, um eine Anhängerschaft aufzubauen? Wofür folgen religiöse Gemeinschaften eigentlich ihren Göttern? Meist bietet der Glaube eine klare Einordnung, was richtig und wahr ist: die Anhängerinnen erhalten einen Wertekanon, eine Lehre und ein Heilsversprechen. Wenn das als Erklärung von Religionen ausreicht, ist laut Konsumexpertinnen der Technologiekonzern Apple die erfolgreichste aller Religionen. Dann hat Gott mit Sicherheit ein iPhone und ein Macbook noch dazu. Ganz wie andere Religionen verspricht die Marke Apple ihren Followern vor allem eins: Teilhabe an einem
stabilen und überlegenen System.

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Dieser Text stammt aus transform Ausgabe 6 zum Thema Religion. Unterstütze unsere Arbeit, genieße das liebevoll illustrierte Magazin und bestelle das Heft!

Religion sei Opium des Volkes, hieß es im 19. Jahrhundert noch bei Karl Marx: etwas, das die realen Leiden der Menschen im Diesseits verschleiere und die Impulse, aktiv etwas zu verändern, dämpfe und verneble. Stattdessen ließe sich mit dieser Droge prima träumen und aufs Jenseits hoffen. Besser könnte man heute auch die Marke Apple kaum beschreiben. Mit dem Unterschied, dass nicht auf das Jenseits gehofft wird, sondern auf die nächste Produktentwicklung. Da die Vollkommenheit immer noch einen kleinen Schritt entfernt bleibt, verwandelt sich die jenseitige Verheißung in ein unendlich dehnbares Versprechen im Diesseits: die unerschöpfliche Vielfalt der Funktionen.

Nicht nur Marken werden mit Religionen verglichen, sondern auch soziale Bewegungen und Weltanschauungen. Letztere vor allem dann, wenn sie dazu geeignet sind, Herrschaft zu stabilisieren – dann werden sie gern kritisch »Ideologien« genannt. In diesem Sinne kann auch der kapitalistische Konsum als eine religiöse Einheit gedacht werden, die Werte und Ansichten unserer Gesellschaft prägt. Ist also Religion nichts anderes als eine Marke, die uns das gute Leben stückweise verkauft? Können wir uns dieses gute Leben überhaupt als Ganzes vorstellen?

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Es gibt keine globale, allgemein anerkannte Definition für Religion. Auf Wikipedia liest man lediglich von einem »Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte überirdische Kräfte ist.« In der Soziologie bestimmt man sie meist über das, was sie für den Menschen tut. Eine Funktion ist beispielsweise die Förderung des sozialen Zusammenhalts. Beten, fasten und feiern stärkt die Gemeinschaft.

Der Soziologe Thomas Luckmann vertrat einen weiten Religionsbegriff und beschrieb Religion als eine anthropologische Grundkonstante: ein Motiv, das notwendigerweise zur Entwicklung von Kulturen und Zivilisationen dazugehört. Dabei geht es vor allem um etwas, das der Philosoph Hermann Lübbe »Kontingenzbewältigung« nennt: Religion hilft, extreme Erfahrungen zu bewältigen. Indem Tod, Verlust und Chaos den Menschen als göttlicher Plan oder kosmische Ordnung erklärt werden, werden diese Leiden besser verständlich und erträglich. Der Glaube soll dem Ungeordneten eine Ordnung und dem Sinnlosen einen Sinn verleihen.

Religion und Abhängigkeit

Menschen haben sich immer schon als abhängige und verletzliche Wesen erlebt. Permanent sind wir bedroht durch Mächte, die wir nicht kontrollieren können. Wir sind Krieg, Krankheit, Hunger, Tod ebenso ausgesetzt wie den Emotionen und Wünschen anderer Leute. Weil wir uns ausgeliefert fühlen, entwerfen wir Götter, die jenen Schutz gewähren, den wir uns selbst nicht zu geben vermögen. Und da man seiter um göttliche Beistand aktiv bitten kann, verliert die Bedrohung ihre beängstigende Willkür. Wir bekommen das Gefühl, mit einer Macht zu kommunizieren, die uns direkt zugewandt ist.

Man kennt das: Auch entschieden ungläubige Menschen beten und fluchen spontan, etwa in der Notaufnahme oder im Fußballstadion. Andererseits gelingt es den Menschen immer besser, sich ohne göttliche Hilfe gegen viele Bedrohungen zu schützen. Dank moderner Wissenschaft besiegen heute Menschen Krankheiten und Seuchen, nicht umgekehrt. Bedrohten die Pocken im Mittelalter schlicht das Leben ganzer Gesellschaften, ist der Erreger inzwischen praktisch ausgestorben. Heute trotzt die Medizin dem Tod kontinuierlich weitere Lebensjahre ab. Auf Effektivität getrimmte Produktionsmethoden schaffen im Westen einen Überfluss an Nahrung, Sozialversicherungen schützen vor absoluter Mittellosigkeit. Wer braucht da noch Gott?

Ist Religion bloß eine Marke,
die uns das gute Leben stückweise verkauft?

Dass Menschen immer mehr Lebensbereiche kontrollieren, bedeutet nicht zwingend, dass wir unsere Existenz bald gänzlich beherrschen. Einige der wesentlichsten Lebensbedingungen haben wir auch heute nicht in der Hand. Der Anfang, die Geburt, ist für die Einzelnen prinzipiell jenseits jeder Kontrolle. Wir entwickeln ein Selbstbewusstsein und finden uns auf einmal in diesem Leben wieder, das wir in dieser Form nicht selbst gewählt haben. Nicht nur der Anfang, auch das Ende ihres Lebens steht den Menschen nach wie vor als fremde, unzugängliche Macht gegenüber. Zwar kann die Medizin den Zeitpunkt länger hinauszögern. Aber irgendwann sterben wir alle: heute wie damals.

Nach wie vor scheinen Menschen von unbekannten Mächten ins Leben geworfen und wieder aus diesem entfernt. An dieser Abhängigkeit und Fremdbestimmtheit setzt Religion an und beantwortet die grundlegenden Fragen nach Woher und Wohin, die über Wissenschaft und Vernunft hinausweisen.

Religion und der Anfang von allem

Über die Unerklärlichkeit der eigenen Geburt hinaus befassen sich Religionen mit der Frage nach aller Anfang. Menschen kommen wie aus dem Nichts auf die Welt, sehen Dinge entstehen und vergehen, spüren, wie sie selbst älter werden. Wir erleben an uns selbst und unserer materiellen Umgebung, wie die Zeit vergeht. Aber wie ist es zu diesem Werden und Vergehen gekommen? Die Wissenschaft hat sich bei der Beantwortung dieser Frage schon weit in die Vergangenheit zurückgetastet. Die klassische Urknalltheorie meint, Raum und Zeit seien vor knapp 15 Milliarden Jahren entstanden. Stringtheorien mutmaßen sogar noch frühere Universen. Aber was war davor? Und davor? Und davor? Nichts? Wie konnte dann aus nichts etwas werden? Das ist nicht mehr rational zu erklären, sondern nur noch metaphysisch.

Viele Religionen erzählen Schöpfungsmythen, in denen Götter ewig sind, so dass sie gewissermaßen »von außen« Zeit und Vergänglichkeit, Bewegung und Kausalität anstoßen konnten. Auch Aristoteles sah das Werk eines »unbewegten Bewegers« und Thomas von Aquin argumentiert als Gottesbeweis, dass Zeit und Universum eine Ursache haben müssen, »die selbst keine Ursache hat«. So lässt sich eine Ordnung herstellen, indem eine Grenze und zugleich Basis der Vernunft gefunden wird. Möchte man nun doch über das nachdenken, was jenseits dieser Grenze wäre, so muss man: glauben.

Religion und letzte Werte

Neben dem Woher liefern viele Religionen Erzählungen für das Wohin des Menschen. Hier geht es meist um Erlösungsgeschichten, die dem Leben Richtung geben. Die Erlösung ist dabei oft an das irdische Handeln gekoppelt: das Paradies, das jüngste Gericht, die glückliche Wiedergeburt. Den Religionen geht es um die radikale Frage, wie man im Hier und Jetzt leben soll. Woran sich ausrichten, an welche Werte halten und warum? Nehmen wir, zum Beispiel, Naturschutz als Wertorientierung. Gefragt nach ihren Antrieben, antworten Umweltschützer*innen oft, sie wollten die Natur vor irreparabler Zerstörung schützen. Darüber hinaus gehe es auch um Menschenleben, weil letztlich die irdischen Lebensbedingungen insgesamt schlechter würden, wenn die Natur zerstört werde. Schließlich drohe sogar der ganze Planet unbewohnbar zu werden. Das sind noble Gründe, die den Einsatz lohnen. Doch lässt sich nicht sagen, dass sie vernünftig wären. Schließlich sind das Sterben von Umwelt und Mensch, ebenso wie die Verwüstung des Planeten, für sich genommen weder vernünftig noch unvernünftig.

Die Religion bietet eine Begründung für die Mühen: Sie liefert Zwecke, die über das Eigeninteresse – Leben, Vergnügen, Fortpflanzung – hinausgehen. Damit wird das soziale Zusammenleben in größeren Gemeinschaften auf Dauer erst möglich. Die Aufklärer*innen, die argumentieren, dass schon die Menschenwürde ein solcher Zweck sei, haben ihre Werte von einem säkularisierten Christentum geerbt. Im weitesten Sinne erscheint der Glaube hier als die Geisteshaltung, die das Leben überhaupt erst lebbar macht. Sie sorgt dafür, dass uns nicht einfach alles egal und bedeutungslos ist.

Religion und der Sinn des Lebens

Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wieso muss ich sterben? In der einen oder anderen Form beschäftigen diese Fragen alle Menschen. Hinter ihnen lauert eine dunkle Absurdität, die den Menschen in existenzielle Sinnkrisen stürzen kann. Aber Antworten geben weder der Alltag noch die Wissenschaft. Religion zeichnet sich dadurch aus, dass sie derlei Fragen mit Gleichnissen, Bildern, Geschichten und Hoffnungen begegnet. Sie schafft grundlegende Orientierung, indem sie die Einzelnen in ein Verhältnis zum großen Ganzen setzt. Dadurch verliert der Raum des Unverfügbaren und ganz Anderen seine bedrohliche Sinnlosigkeit.

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Das Verhalten der Menschen gegenüber der Unsicherheit wird oft von etwas bestimmt, das der Philosoph Ernst Cassirer »mythisches Denken« nennt: man vermutet hinter dem Geschehen eine dämonische oder göttliche Kraft, die sich ansprechen lässt. Menschen fluchen und beten, sie sprechen von Glück oder Pech und vom Schicksal. Das alles drückt eine rein am Menschlichen ausgerichtete Zielgerichtetheit der Dinge aus. Diese Weltsicht lässt sich entweder religiös begründen – oder einfach als natürliches Bedürfnis nach Sinn psychologisieren.

Es ist nicht alles eins

Es gibt also Eigenschaften, die allen Religionen gemeinsam sind und die wir in den kapitalistischen Heilsversprechen von Markenzugehörigkeit, den erklärenden Weltanschauungen wie Nationalismen, oder in den prophetischen Sprüchen von Manager-Gurus nicht finden. Religionen liefern einen Sinnzusammenhang, der sich auf das Ganze des Seins bezieht und Erklärungen bietet, die über die unmittelbare Welt hinausreichen. Sie versprechen nicht bloß das Glück, sondern leiten von diesem Sinnzusammenhang gemeinschaftliche Werte ab, die das gute Leben für ein Kollektiv garantieren sollen. Und sie können es möglich machen, mit Angst und Zweifeln zu leben.

Die Religionen versprechen nicht bloß Glück, sondern leiten Werte ab, die das gute Leben im Kollektiv garantieren sollen.

Der einheitliche Sinnzusammenhang, der uns hierzulande am geläufigsten ist, mit unserem Menschenbild und unseren Werten, fußt auf dem säkularisierten Christentum. Doch nicht alle Religionen weltweit verehren die Einheit eines einzigen Gottes. Manche sind polytheistisch und kennen viele Götter, die häufig um die Macht und Deutungshoheit innerhalb der Lehre streiten. Andere Glaubenssysteme sind pantheistisch und glauben an ein göttliches Prinzip, das sich durch alle Dinge realisiert. Das hat ganz konkreten Einfluss auf die Wahrnehmung und das Handeln der Menschen: Mit Poly- und Pantheismus gehen etwa andere Auffassungen von Zeit einher. Während im christlichen Denken ein linearer Geschichtsverlauf ab der Schöpfung gedacht wird, verstehen andere Kulturen Zeit als wiederkehrende Zyklen. Der Mensch ist im pantheistischen Weltbild nur ein Akteur auf Erden unter vielen, und beileibe nicht der entscheidende. Das hat zum Beispiel Einfluss auf den Umgang mit der Natur. Einen Staudamm lässt sich bauen, folgt man dem biblischen Gebot, sich die Erde untertan zu machen. Wer hingegen die Seele des Flusses als der eines Menschen gleichwertig ansieht, käme gar nicht auf die Idee.

Religion und Glaube können tatsächlich dazu dienen, Menschen ruhig zu stellen und ihre Verzweiflung bloß zu überdecken. Aber sie machen es auch möglich, über das nachzudenken, was sich nicht erklären lässt. Gläubige vertreten teils die Ansicht, dass sich durch den Glauben die Verzweiflung überwinden lässt. So würden die Einzelnen wieder handlungsfähig. Zugleich kann es geschehen, dass Menschen durch ihren Glauben in faschistoide und fanatische Strukturen geraten, die sie zu Selbst- und Weltaufgabe motivieren.

Religion muss uns nicht davon abhalten, eine bessere Gesellschaft anzustreben. Sie kann sogar dabei helfen, indem sie Gemeinschaft und Empathie fördert. Aber sie kann auch zum Werkzeug für politischen Fundamentalismus und Ideologie werden oder eine Entschuldigung liefern für das Festhalten am Althergebrachten. Letztlich hängt alles davon ab, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen einer Religion anhängen. Das politische Umfeld in Hinsicht auf Aufbruch oder Bewahrung prägt, wie der Glaube gelebt und interpretiert wird.


Weiterlesen

Gott. Eine Geschichte der Menschen
Reza Aslan. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018. Wie der Mensch sich immer wieder neue Gottheiten schuf – je nach aktuellen Bedürfnissen.


Text: Philip Barnstorf & Viola Nordsieck
Illustrationen: Rupert Gruber

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