Yaga und Religion

Glaubhaft wissenschaftlich

Wodurch entscheidet sich, ob wir gläubig sind oder nicht? Seit wann glauben wir? Was passiert im Gehirn, wenn wir glauben? Eine wissenschaftliche Annäherung.

Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung sind als religiöse Menschen einzustufen. Das hat eine Studie des US-amerikanischen Pew-Forschungsinstituts ergeben. Eine ziemlich hohe Zahl. Auch, wenn sie alle Glaubensrichtungen mit einschließt – insgesamt zählt man rund 4.200 verschiedene – liegt die Vermutung nahe, dass Religion bei der menschlichen Natur auf einen schwachen Nerv trifft. Und das ist noch nicht alles, denn »Glauben« muss noch weiter gefasst werden. Laut den Anthropologen Lionel Tiger und Michael McGuire muss der Begriff »Glauben« noch weiter gefasst werden. Er beziehe sich nämlich nicht nur auf die Religiosität, also den Glauben an ein höheres Wesen. Auch jemand, der sich eins mit der Natur oder dem Universum fühlt, also eher ein spiritueller Mensch ist, gilt als gläubig. Und auch jemand, der einfach vor der Klausur einen Glücksbringer in die Hosentasche steckt. So betrachtet sind wohl die meisten von uns in irgendeiner Weise gläubig.

Glaubst du oder weißt du

Bei etwas, das so viele Menschen betrifft, ergibt es nur Sinn, dass sich auch die Wissenschaft auf die Thematik stürzt. Es ist eine weit verbreitete Auffassung, dass Wissenschaft und Religion Gegensatzpaare sind. Wer an die Naturwissenschaft glaubt, könne nicht an Gott glauben. Das Forschungsfeld der Neurotheologie versucht, Verbindungen zwischen neurobiologischen Vorgänge und den Glaubensinhalten- und praktiken verschiedener Religionen herzustellen. Auch aus religiöser Sicht ist das nicht unbedingt verwerflich, immerhin entspringt ja die Gottesidee auch im Gehirn, und auch spirituelle Erfahrungen entstehen in unserem Kopf. Sie beruhen auf neuronalen Aktivitäten, also elektrochemischen Vorgängen im Gehirn. Doch wer löst diese Vorgänge aus? Darüber dürfen sich Gläubige und Atheisten streiten.

Das göttliche VMAT2

Der Glaube ist bei uns Menschen parallel zu unserem Gehirn gewachsen. Denn nicht nur das Skelett der Hominiden hat sich über die Jahrmillionen gewandelt, sondern auch das Gehirn und die kognitiven Fähigkeiten: Innerhalb von fünf Millionen Jahren hat sich das Gehirnvolumen mehr als verdreifacht. Und so muss im Gehirn auch Platz für Glauben entstanden sein. Vor rund 100.000 Jahren, in der mittleren Altsteinzeit, zeigen die Skelette der Neandertaler erste Hinweise auf besondere Behandlung Verstorbener. Vor 11.000 Jahren beginnen die Menschen der Jungsteinzeit mit dem Bau von Kultstätten, betreiben Naturkult und erfinden Rituale, die den Übergang von Leben und Tod thematisieren.

Brain Neuroscience GIF by University of California - Find & Share on GIPHY

Welcher Religion wir angehören und wie intensiv wir sie in unseren Alltag integrieren, wird zunächst kulturell beeinflusst, hängt aber später auch von der individuellen Persönlichkeit und Lebensführung ab. Eine Grundlage hierfür liegt wiederum in unseren Genen. Der Genetiker Dean Hamer will zu Anfang der 2000er Jahre »Gott« gefunden haben, und zwar auf Chromosom 10. Hier sitzt das Gen VMAT2. Wer hier die entsprechende Variante des »Gott-Gens« besitzt, neigt mehr als andere Menschen zu spirituellen Erfahrungen. VMAT2 kontrolliert indirekt die Menge bestimmter Hirnbotenstoffe, etwa Adrenalin, Serotonin und Dopamin. Diese Signalstoffe legen eine wichtige Grundlage für religiöse oder spirituelle Erfahrungen.

Doch wo genau »glaubt« unser Gehirn? Das lässt sich wissenschaftlich leicht untersuchen, und zwar so: Der Magnetresonanztomograph (MRT) misst den Sauerstoffgehalt des Bluts, das durch das Gehirn fließt. Die einzelnen Gehirnareale werden dabei in unterschiedlichem Maße mit Sauerstoff versorgt. Hirnforscher gehen davon aus, dass jene Teile des Hirns, die mit besonders viel Sauerstoff versorgt werden, auch besonders aktiv sind. Wenn wir zum Beispiel logisch oder analytisch denken, dann ist der Blutsauerstoffgehalt im Stirnlappen hoch, also im vorderen Teil des Gehirns.

Was passiert bei religiöser Praxis?

In den 1990er Jahren hat der US-amerikanische Hirnforscher und Religionswissenschaftler Andrew Newberg die Gehirnareale tibetischer Mönche beim Meditieren untersucht. Das Ergebnis: Während sie in der Meditation versunken sind, ist die Aktivität des Gehirns an einer Stelle stark gemindert, und zwar im Parietallappen. Dieser Seitenlappen ist dafür zuständig, dass wir ein Bewusstsein über uns selbst in Zeit und Raum haben, also wo wir sind, wo unsere Körpergrenzen sind, wie viel Zeit schon vergangen ist. Ähnliche Experimente wurden mit Mormonen und christlichen Klosterfrauen durchgeführt, jeweils versunken im Gebet. Hier sind ähnliche Prozesse nachzuweisen. Ergo: Was sich im Hirn einer meditierenden Person abspielt, scheint immer gleich – unabhängig von der spirituellen Tradition der Meditierenden, unabhängig von ihrer Kultur oder Religion.

Es gibt noch weitere Hinweise darauf, dass es einen »Gottesknopf« im Gehirn gibt: Eine Studie, die die Spiritualität von Patienten vor und nach ihrer Gehirn-OP erfasst, ergab: Wird das Gehirn am Parietallappen beschädigt, können vormals solide religiöse Vorstellungen erschüttert werden.

Der Gottesknopf

Aber auch der Temporallappen, zuständig für Erlebnisse und Erinnerungen, spielt beim religiösen Erleben eine Rolle. Im Unterschied zum Parietallappen wird der Temporallappen dabei aber aktiviert. Müsste sich diese Gehirnregion dann nicht auch ganz leicht künstlich aktivieren lassen? Könnten wir so künstlich religiöse Erfahrungen zu erzeugen? Darüber haben sich schon einige Wissenschaftler den Kopf zerbrochen: Lässt sich Glauben beliebig an- und ausschalten oder sogar entfernen?

Ein viel beachtetes Experiment ist der »Gotteshelm« des Kanadiers Michael Persinger aus den 1980er Jahren. Er behauptete, einen Helm gebaut zu haben, der beim Aufsetzen umgehend zu religiösen Erfahrungen führt. Es handelte sich um einen Motorradhelm, an dem Magnetspulen befestigt waren. Über diese wurden schwache Magnetfelder erzeugt und das Gehirn der Versuchspersonen durch die Schädeldecke hindurch in bestimmten Bereichen stimuliert. Und siehe da: In Persingers Versuchen berichteten 80% der Versuchspersonen von einem »Gefühl der Anwesenheit« eines empfindenden Wesens, das sie zum Teil als Gott bezeichneten. Allerdings sind Persingers Untersuchungen mit dem »Gotteshelm« sehr umstritten, weil sie nicht den üblichen methodischen Standards, inklusive Gegenproben, entsprachen. Andere Forscher rekonstruierten den Gotteshelm, doch ihre Ergebnisse blieben ohne Aussage. Einen eindeutigen »An- und Ausknopf« für den Glauben eines Menschen gibt es nach heutigem Stand der Forschung nicht.

Die Untersuchungen mit den Mönchen, Nonnen und Mormonen haben auch gezeigt, dass Religion biochemisch wie Doping funktioniert. Menschen, die regelmäßig religiöse Rituale vollziehen, regen ihren Körper dazu an, im Hirn mehr Serotonin zu produzieren. So können Menschen durch Gebet oder Meditation einen »An- und Ausknopf« aktivieren, um sich gut zu fühlen. Und das bringt uns zur eigentlichen Frage, nach dem Sinn von Glauben.

Das Ergebnis menschlicher Kreativität

Glaube wirkt wie selbstproduzierte Medizin. Diese Gehirnregionen haben sich im Laufe der Evolution gebildet, weil es psychologisch sinnvoll für den Mensch ist, zu glauben. Hirnforscher Robert Illing sieht es so: Als sich der Mensch seiner selbst bewusst wurde und ein Verhältnis zur Zeit entwickelte, merkte er, dass er sterblich ist. Diese Entdeckung erzeugte Angst, und zwar eine Angst, vor der man nicht weglaufen konnte, wie vor wilden Tieren etwa oder anderen Bedrohungen. Dieser Angst konnten die Menschen mit ihrem üblichen Instrumentarium nicht begegnen. Also musste sie einen anderen Weg finden, ihr zu begegnen.

Die Menschen schaffen sich Bilder, die dann in verschiedenen Religionen ausgeformt werden in beliebigem Detail, aber ganz ursprünglich schaffen sie sich Bilder und Hoffnungen darüber, dass das Ende, der Tod, nicht endgültig ist. Würden sie das nicht tun, würde man an Existenzangst und Sinnkrise buchstäblich zugrunde gehen. Das Problem hatten die Tiere und unsere frühen Vorfahren noch nicht, weil sier noch kein Bewusstsein über ihre Sterblichkeit hatten.

Für den Neurobiologen steht fest: Religion ist das Ergebnis menschlicher Kreativität zur Selbsttröstung, eine wunderbare Methode des Angstmanagements. Und dadurch ist es ein Überlebensvorteil, der sich evolutionär durchgesetzt hat. Alle Religionen bedienen die gleichen konkreten Bedürfnisse menschlicher Psychologie. Der Glaube liefert eine Antwort auf offene Fragen rund um das Leben und das Universum, schließt Menschen zu Gemeinschaften zusammen und liefert durch Rituale und Regeln Halt und Struktur.

Auf der Schwelle

Doch in Gesellschaften, denen es über längere Zeit gut geht, sinkt die Religiosität. Es lässt sich sogar anhand von Wirtschaftsdaten berechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass in dem Land jemand religiös ist. Je mehr Antworten die Wissenschaft liefert, desto weniger Bedürfnis hat das Gehirn, die Leere mit spirituellen Antworten zu füllen.

Unsere Gesellschaft befindet sich wohl schon wieder an der Schwelle zu etwas Neuem: Religion ist in unserer Gesellschaft vielleicht nicht mehr relevant, aber wir suchen uns mit Yoga und Achtsamkeit eine andere Form von Geborgenheit.

Das Bedürfnis, Sorgen abzugeben, sei es zu Gott, in die Yogamatte, ans Universum, oder sonst wohin, scheint stärker denn je. Das Bedürfnis nach Führung, nach Ganzheitlichkeit, nach Harmonie – das holt uns bei unserem materiellen Wohlstand ein. Und das ist gut so, psychologisch gesehen. Solange wir – ähnlich wie bei der Religion – niemanden ausgrenzen, der eine andere Einstellung hat.


Glaubensbegriffe

— nach den Definitionen von Lionel Tiger und Michael McGuire:
Religiosität: Glaube an höhere Wesen
Spiritualität: Glaube an eine Einheit mit dem Universum und der Natur
Magisches Denken: Glaube an übernatürliche Kräfte, z.B. Glücksbringer in der Hosentasche

Quellen

The spiritual brain.
A neuroscientist’s case for the existence of the soul
Mario Beauregard, Denyse O’Leary. Harper Collins,
New York 2008.
The conscious mind.
In search of a fundamental theory
David J. Chalmers. Oxford University Press, Oxford 1998.
Wohnt Gott im Gehirn?
Warum die Neurowissenschaften die Religion nicht erklären
Hans Goller. Butzon & Bercker, Kevelaer 2015.
Das Gehirn – ein Beziehungsorgan.
Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption
Thomas Fuchs. Kohlhammer, Stuttgart 2016.

Weiterlesen

Hirnforscher und Theologen auf der Suche nach Gott
Deutschlandfunk, 6. April 2015.
Neurowissenschaften und die Religion
Die Presse, 21. Mai 2011.


Text: Corinna Mayer
Illustration: Christian Steffens für transform Magazin


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