Da geht was

Spätestens in der Pandemie haben viele Menschen das Spazieren für sich entdeckt. Das ist gesund und kurbelt die grauen Zellen an. Gleichzeitig ist es ein radikaler Akt für die Freiheit, sagt einer, der es wissen muss.

Es sind häufig die grundlegendsten Dinge, die uns gesund und glücklich machen. Essen, Schlafen, Sex und Bewegung etwa. Über die richtige Herangehensweise bei Ernährung, Schlaf und Geschlechtsverkehr wird nach wie vor gestritten. Der schnörkellose Gang auf zwei Beinen hingegen wurde mit Ausnahme von Monty Pythons ›Ministry of Silly Walks‹ bisher nicht nennenswert angegri‘ffen. Abwechselnd ein Schritt rechts und links bei vier bis fünf Stundenkilometern – das hat sich bewährt. Das widersetzt sich jeglichem Fortschritt. Das erscheint uns federleicht. Wenn es im Alter immer schwerer fällt und wir irgendwann gar nicht mehr gehen können, haben wir häufig nicht mehr viel Zeit. Gehen bedeutet Leben. Es sind vor allem gesundheitliche Gründe, aus denen heraus das Spazieren von allen Seiten empfohlen wird: Mehr Immunkraft, Sto‘ffwechsel und Glückshormone. Weniger Bauchspeck, Rückenschmerzen und Depressionen. Weit verbreitet ist die Regel, 10.000 Schritte am Tag zu gehen. So viel hilft nicht unbedingt viel, aber mehr hilft zumindest mehr als weniger. Die Regel mit den 10.000 Schritten stammt jedenfalls aus der o‘ffensichtlich sehr erfolgreichen Marketingstrategie für den japanischen Schrittzähler ›Manpo-kei‹ von 1965.

Gehen ist Kopfsache

Doch ein Spaziergang macht mehr als nur gesund. Wir wissen über einige kluge Köpfe der Geschichte, dass sie viel und gerne zu Fuß unterwegs waren, weil sie daraus Inspiration schöpften. »Ich kann nur im Gehen denken«, schrieb Jean-Jacques Rousseau. Die Menschen in Königsberg, so lautet die Legende, stellten sich die Uhren nach Immanuel Kant, der jeden Tag um genau 7 Uhr einen Spaziergang unternahm. Auch Sokrates flanierte quasi beruflich den lieben langen Tag durch Athen und zwang seine Mitmenschen in endlos langen Unterhaltungen zum kritischen Nachdenken über ihr ›Ich‹. Simone de Beauvoir spazierte durch den Jardin du Luxembourg, um zu lesen, Freunde zu tre‘ffen und sich schlicht zu erholen. Friedrich Engels verpasste seinen Spaziergängen durch Manchester im Jahr 1842 gewissermaßen ein Upgrade, als er durch ›walking observations‹ die schlimmen Lebensumstände der Arbeiterklasse erkannte und seine Eindrücke in einem Pionierwerk der empirischen Sozialforschung und des Marxismus niederschrieb. Von Albert Einstein ist überliefert, dass ihm womöglich ein abendlicher Spaziergang im Mai seines Wunderjahres 1905 zu ›dem Schritt‹ verhalf, die Grundbegriffe der Physik neu zu verstehen. Wir verstehen: Gehen bedeutet Grips.

Und das seit Beginn der Menschheitsgeschichte. Als unsere Vorfahren in Ostafrika vor mindestens 3,6 Millionen Jahren in einem im wahrsten Sinne revolutionären Schritt begannen, auf zwei Beinen durch feuchte Vulkanasche zu gehen, konnten sie plötzlich nicht nur weiter sehen, sondern hatten auch zwei Hände für komplexe Tätigkeiten frei. Die Fortbewegung auf zwei Beinen verbrauchte weniger Energie, sodass mehr davon in ein großes Gehirn fließen konnte. Beim Gehen müssen die beiden Hirnhälften besonders eng zusammenarbeiten, um die Umwelteindrücke zu verarbeiten. Der Preis für den aufrechten Gang ist bis heute ein schmaler gewordenes Becken, sodass Menschenkinder im Vergleich zu anderen Säugetieren ziemlich früh und gewissermaßen unfertig geboren werden. Ironischerweise müssen sie das Gehen langsam lernen, während etwa ein junges Fohlen schon nach 15 Minuten auf eigenen Beinen steht. Wir Menschen sind auf zwei Beinen schließlich bis in die letzte und ungemütlichste Ecke des Planeten und darüber hinaus gelangt.

Gehen ist radikal

Trotz all dieser Grandiositäten gehen viele Menschen heute nicht besonders gerne. In Großstädten verwenden sie selbst auf kurzen Strecken lieber Fahrräder, den öffentlichen Nahverkehr oder gar Autos. Ein großer Kritiker dieser Praxis ist der norwegische Abenteurer und Verleger Erling Kagge. Er erreichte in den 1990er-Jahren als erster Mensch zu Fuß die drei Pole der Welt: Nordpol, Südpol und den Gipfel des Mount Everest. Seine 51-tägige Wanderung vom Rand der Antarktis zum Südpol war die erste nicht-unterstützte Solo-Expedition dorthin. Er wusste also worüber er schreibt, als er 2018 das Buch ›Gehen. Weiter gehen – eine Anleitung‹ herausbrachte, in dem er seine eigenen Erfahrungen und die Gedanken von Philosoph:innen und Wegbegleiter:innen festgehalten hat. Einige davon gibt er im Interview weiter.

transform No 7 Crowdfunding
Dieser Text ist Teil unserer siebten Ausgabe. In der geht es um Körper in all ihren Formen und Farben, das Recht auf Selbstbestimmung, den Körper als Waffe und warum spritzende Vulven eine politische Dimension haben.

transform: Du hast viele Jahre deines Lebens dem Gehen gewidmet, oft an den entlegensten Orten. Warum ist es so wichtig für dich?

Erling Kagge: Wir sind zum Gehen geboren. Das ist das Besondere am Homo sapiens, dass wir auf zwei Beinen gehen können. Dass wir die Welt und uns selbst auf physische Weise erkunden, indem wir uns bewegen. Heute sitzen wir die meiste Zeit auf Stühlen und erkunden die Welt über Bildschirme. Es ist nichts Falsches daran, aber ich finde es problematisch.

Du sagst, dass Gehen heutzutage radikal ist.

Ja, in dem Sinne, dass so vieles in der Gesellschaft auf Geschwindigkeit basiert. Regierungen, Unternehmen und Bildungssysteme wollen, dass wir schneller werden. Wir sollen so schnell wie möglich von einem Ort zum anderen gelangen. Wir sind immer in Eile. Zu gehen bedeutet, langsamer zu werden, und ist deshalb radikal. Zweitens haben viele große Revolutionen damit begonnen, dass Menschen auf die Straße gingen oder lange Wege zu Fuß zurückgelegt haben [etwa während der Französischen Revolution oder Gandhis Salzmarsch, Anm. d. Red.].

Bedeutet Gehen, frei zu sein?

Sicherlich hat Gehen mit Freiheit zu tun. Sowohl auf dieser höheren Ebene als auch im Moment selbst. Gehen kostet nichts. Fast jeder kann es tun. Jeder kann die eigene Geschwindigkeit, die Richtung und die Länge selbst bestimmen. Gehen ist aber auch für unsere Emotionen und Kreativität wichtig. Wir bewegen uns und werden bewegt. Es klärt den Geist und verhilft zu neuen Perspektiven. Wir können nicht erwarten, dass bei jedem Spaziergang etwas Großes geschieht, aber im Kopf verändern sich kleine Dinge. Zu gehen, zu sehen, zu erleben, zu riechen, zu hören, zu fühlen, prägt, wer wir sind.

Du sagst, dass Schmerz und Erschöpfung beim Gehen zu Freude führen. Wie passt das zusammen?

Ich glaube, es ist hin und wieder wichtig, sich das Leben schwieriger zu machen als nötig. Wir haben oft zu wenige Herausforderungen. Gehen kann zumindest für kurze Zeit ein wenig anstrengend sein. Du kannst Müdigkeit oder Schmerzen empfinden, frieren oder nass werden. Es ist bequem, eine angenehmere Optionen zu wählen, aber ich halte das für einen großen Fehler. Schon Hippokrates hat gesagt, dass Gehen die beste Medizin ist. Wir sollten einen über zweitausend Jahre alten Rat ernst nehmen.

Manche Menschen zählen beim Gehen mit Smartphones und anderen Geräten ihre Schritte oder ihren Kalorienverbrauch. Ist das eine gute Idee?

Sie sollen ruhig zählen, was sie zählen wollen. Es ist nur wichtig, nichts in den Händen zu halten und das Gehen als Selbstzweck, nicht als Werkzeug zu betrachten. Ich versuche außerdem, dabei nicht zu viel nachzudenken. Wenn ich damit anfange, denke ich an die Vergangenheit oder an die Zukunft. Ein Spaziergang hilft, im Moment präsent zu sein. Ziemlich oft finde ich dabei sogar Antworten auf Fragen, die ich mir gar nicht gestellt hatte.

Du lebst in Oslo und bist schnell in den Wäldern und Bergen der Umgebung. Wie sollen Menschen beim Gehen in dichten und lauten Großstädten eine gute Erfahrung machen?

Ich denke, dass die meisten Menschen ganz allgemein und auch für das Gehen ihre Möglichkeiten unterschätzen. Wir haben immer die Zeit und Orte für einen Spaziergang. Die Frage ist, ob du es willst oder nicht. Erst gestern habe ich mit meiner Freundin einen 30-minütigen Spaziergang durch die Nachbarschaft gemacht. Es ist nichts Besonderes passiert und das war fantastisch. Also steht auf und geht los. 

Text: Jonas Mayer
Foto: Tegan Mierle

Zur Person

Erling Kagge

Der norwegische Autor und Verleger ist zum Nord- und Südpol, auf den Mount Everest und durch die Kanalisation von New York City gegangen. Laut ihm ist das ganze Leben ein langer Fußmarsch. Es kommt nur darauf an, immer wieder den ersten Schritt zu machen.

Quellen

Gehen: So kommen Sie weiter
Tobias Hürter hat sich im ZEIT WISSEN Magazin ausführlich mit der Bedeutung des Gehens für Körper, Geist und Seele beschäftigt.
tfmag.de/bedeutung | zeit.de

Weiterlesen

Gehen. Weiter gehen – Eine Anleitung
Das Buch des norwegischen Abenteurers ist unter demselben Titel u.a. bei Spotify als Hörbuch abruŸfbar.
tfmag.de/weitergehen |suhrkamp.de
tfmag.de/hoer | spotify.com

Das Glück des Gehens
Der Neurowissenschaftler Shane O’Mara beschreibt, was beim aufrechten Gang in unserem Kopf passiert und wie wichtig Gehen für den sozialen Zusammenhalt ist. tfmag.de/ggang | rowohlt.de

Handeln

Geh raus
Ja, du hast richtig gelesen. Viel besser als über das Gehen zu lesen, ist es, selbst zu gehen. Jetzt direkt und ohne Handy. Den Schlüssel nicht vergessen. Bis gleich!

Flanieren statt Spazieren
Die womöglich radikalste Form des Gehens ist das genüssliche und ziellose Flanieren. Die ›ÉcolefŸlâneurs‹ lehrt die hohe Kunst unter anderem in Berlin.
tfmag.de/Ÿflanieren | ecoleŸflaneurs.wordpress.com

Media

Lob des Gehens
In ihrem Podcast unterhält sich Nicola Wessinghage mit Gäst*innen »über das Glück, zu Fuß weiter zu kommen«.
tfmag.de/lobdege

Newsletter


Auch spannend
Yay! Good News.