Raum einnehmen durch Blickkontakt

Talea schaut Fremden bewusst in die Augen. In der U-Bahn, im Club, im Café – wir sprechen über diese Momente, in denen man sich gegenseitig wahrnimmt, kurz, verbindend. Was macht sie wertvoll, warum sind sie nicht selbstverständlich?

Raum einnehmen durch Blickkontakt – was machst du da genau?
Wenn ich alleine in der Öffentlichkeit bin, schaue ich gerne und bewusst die Menschen um mich herum an. Und ich freue mich, wenn jemand zurückschaut.

Warum?
Es geht mir um Kontakt. Ich will nicht nur schauen was der andere tut oder angeschaut werden, ich will einen Kontakt-Moment. Wenn zwei Menschen feststellen, dass sie sich gegenseitig ansehen.

Fremde Menschen, öffentlicher Raum – für manche eine Herausforderung, für andere die Möglichkeit, sich zu verbinden und an der Außenwelt teilzuhaben.

Was reizt dich daran?
Das ist verbindend. Dieser Moment, in dem sich zwei Personen in die Augen schauen. Das ist keine Bühnensituation, in der eine Gruppe dich anschaut oder du Teil einer schauenden Gruppe bist. Sondern ein sehr intimer Kontakt zwischen zwei Menschen. Dieses „Ich-sehe-dich-und-du-siehst-mich“. Das finde ich sehr spannend, gerade weil Kontakte mit Fremden im Alltag so selten passieren.

In Clubs oder Cafés oder so. Perfekte Momente, um den Bauarbeiter von Gegenüber mal nett anzuschauen. Oder Interesse daran zu zeigen, wie die muslimische Frau mit ihren Mädels spricht. Da entstehen schöne, verbindende Momente mit Menschen, mit denen ich sonst wenig Realität teile.

Entwickelt sich daraus dann ein Gespräch oder ist das nur für den Moment?
Manchmal entwickelt sich daraus natürlich etwas. Aber das ist nicht der Grundgedanke. Ich schaue Leute nicht an, weil ich irgendetwas von ihnen möchte. Manchmal wird man angesprochen oder spricht die Person an, wenn in diesem kleinen, intimen Moment etwas passiert, das dazu führt, dass ich noch weiter gehen möchte. Aber das ist nie die ursprüngliche Intention. Auf die Momente kommt es nicht an, das ist nicht, warum ich das mache.

Fällt dir dieser Blickkontakt manchmal schwer? Kostet er dich Überwindung?
Überwindung nicht. Aber es gibt Begegnungen, die mir nicht gefallen, in denen ich merke, dass bei der anderen Person etwas passiert was ich nicht möchte. Zum Beispiel wenn der andere beginnt sehr lasziv zu flirten. Das mag ich nicht, da versuche ich dann zu vermitteln, dass Flirten nicht Sinn der Übung ist.

Was genau machst du dann, schüttelst du den Kopf?
Bei ganz plumpem Geflirte schon. Wenn Leute Handzeichen machen, so: „Hey, du und ich …?“ Dann schon. Ich meine, wenn er einen neutralen Blick schon so krass missversteht, versteht er vielleicht auch keinen bösen Blick. Hält ihn vielleicht noch für verrucht oder so. Dann besser ein möglichst deutliches „Nein“. Außerdem mache ich das am liebsten in der U-Bahn, wo alles sehr temporär ist, alle ihre Stationen haben, an denen sie raus müssen. Du endest nicht alleine irgendwo mit dieser anderen Person.

Die U-Bahn als flüchtiger, temporärer Ort birgt die Möglichkeit, kurze Interaktionen mit Hintertür auszuprobieren.

Sind dir diese Momente unangenehm?
Ich finde es eher schade, missverstanden worden zu sein. Oder besser: Dass meine Blicke so verstanden wurden, weil ich eine Frau bin, und nicht, weil ich tatsächlich geflirtet hätte. Die Blicke, von denen ich hier spreche, mein bewusster Blickkontakt, sind kein Flirten. Wenn ich wirklich flirten würde, wenn ich klar dieses Signal senden würde, würden mehr Leute so reagieren.

Gutes Argument.
Deswegen glaube ich nicht, dass diese vereinzelten Personen so reagieren, weil ich irgend etwas in meine Blicke lege. Sondern weil das ihre Reaktion darauf ist, von einer Frau länger als zwei Sekunden angeschaut zu werden. Dafür gibt es einen abfälligen Blick.

Das sind also die unschönen Momente. Wie fühlst du dich in Momenten, in denen es gut läuft?
Dann freue ich mich, dann ist das ein schönes Spiel, ein schönes Hin und Her. Das man den anderen mal anlächelt, dass sich diese Intention von „Ich-sehe-dich-und-du-siehst-mich“ in ein „Schön-dass-wir-und-gesehen-haben“ auflöst und man dann wieder auseinander geht. Das ist ein bisschen wie eine nette Unterhaltung an der Supermarktkasse, bei der man den Eyeliner der Kassiererin bewundert und ihr einen schönen Tag wünscht. Unbedeutende, aber schöne Begegnungen. Ich finde es wichtig, dass wir viel mehr um uns herum wahrnehmen, gerade Positives. Das Gefühl zu haben, Anteil zu nehmen an Anderen und dass sie Anteil nehmen an dir.

Blickkontakt ist eine Art zu sagen: „Ich bin hier. Das ist auch mein Platz.“

Im Detail, was glaubst du machst du anders als andere Leute – insbesondere andere Frauen?
Ich glaube, dass es sehr schwierig ist, als Frau Signale zu senden, die nicht gleich als Einladung für romantischen oder sexuell-intimen Kontakt gelesen werden. Das ist schwer in unserer Gesellschaft, da wird ganz viel missverstanden. Ich glaube, dass viele Frauen keinen Blickkontakt aufnehmen, weil sie so nicht verstanden werden möchten. Weil das auch zu unangenehmen Situationen führt. Wenn nicht sogar, zum falschen Zeitpunkt mit der falschen Person, zu gefährlichen Situationen.

Ich finde das eigentlich total falsch, weil man sich ja auch einen schönen und wichtigen Zugang zu dieser Gesellschaft verbaut damit. Das Bekunden ehrlichen Interesses an Jemandem, ohne, dass das für ein romantisches Interesse spricht. Gleichzeitig kann ich die Angst total nachvollziehen, die kommt ja nicht von ungefähr. Es ist bestimmt eine Überwindung, sich dieser Angst zu stellen und zu hoffen, dass es nicht zu einer unangenehmen Situation kommt. Und anstrengend ist es vermutlich auch.

(Anmerkung: Tatsächlich ist es nicht unbedingt sicherer in der Konfrontation mit bedrohlichen Personen weg zu schauen. Selbstverteidigungs-Trainerinnen wie Sunny Graff warnen, dass das Wegschauen gerade in bedrohlichen Situationen Unterlegenheit signalisiert – und natürlich mit weniger Überblick und Informationen einhergeht. Auch Jen Pahmeyer spricht darüber, wie wichtig der Blick ist, um Kontrolle über die Situation zu behalten.)

Warum geht es dir da anders?
Das ist kein bewusster, revolutionärer Akt muss ich sagen. Ich habe mir nie bewusst gesagt: „Dieser Raum steht auch mir zu!“ Natürlich ist das meine Meinung, aber es nicht der Grund, weshalb ich das mache. Vielleicht fehlt mir da ein Schutzmechanismus, vielleicht bin ich naiv.

Blickkontakt als Provokation schlechter Erfahrungen? Wenn du mit Fremden in Kontakt trittst, gibst du ihnen die Möglichkeit, dich eines Besseren zu belehren.

Andererseits macht man durch diese Kontakte ja auch sehr viele positive Erfahrungen. Ich fühle mich dadurch selbstbewusster in der Öffentlichkeit. Und ich glaube es ist auch wichtig, dass es Frauen in der Öffentlichkeit gibt, die den Blick nicht senken und dich geradeheraus anschauen. Die sich ihren Raum nehmen, die teilnehmen. Dass es eine Präsenz gibt, die nicht nur flirten beinhaltet.

Wie kann man lernen, Blickkontakt zu halten?
Blickkontakt unter Frauen ist eine schöne Art, diesen Austausch quasi in einem sicheren Raum zu üben, in dem man sich vielleicht wohler fühlt. Wenn Frauen sich in der Öffentlichkeit gegenseitig bewusst anschauen, ist das eine wichtige Verbindung, die mich immer erfreut. Dass man sich anlächelt oder mal mit dem Kopf nickt.


Alles in Allem empfehle es Jedem und Jeder. Blickkontakt fühlt sich echt gut an. Es tut gut sich selbst diesen Raum zu nehmen und es tut auch gut, anderen diesen Raum zu geben.


Autorin: Chiara Marquart-Tabel
Illustration: Isabella Marquart


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