Die Verbundenheit von Körper, Geist und Natur

Dass Körper, Geist und Natur getrennt agieren, ist eine falsche Idee. Wie sehr Körper, Geist und Natur zusammenhängen und warum das Überwinden dieser Trennung helfen kann, Nachhaltigkeitsthemen anzugehen, erforscht die Ärztin Maya Cosentino.

Das ›gute Leben‹ hat drei Dimensionen: Es gibt das gute Leben des Körpers, was wir physische Gesundheit nennen. Es gibt das gute Zusammenleben, in dem wir nach sozialer und psychischer Gesundheit streben. Und es gibt das gute Leben des Planeten, das wir mit Nachhaltigkeit beschreiben und das man auch das gute Überleben in einer lebenswerten Umwelt nennen könnte. Das sind drei Perspektiven, aber nicht drei getrennte Welten. Es kommen immer mehr Erkenntnisse zu Tage, dass diese drei ›Gesundheitsformen‹ zusammenhängen und  nur gemeinsam erzielt werden können. Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt beeinflussen maßgeblich die Möglichkeit, ein gesundes Leben zu führen – und zwar in größerem Maße, als oft angenommen wird. Diese Verbindung bestimmt dann auch entscheidend die weitere Möglichkeit, die globalen, ökologischen Herausforderungen zu bewältigen. 

Dass Beziehungen und gesellschaftliche Verbundenheit eine notwendige Voraussetzung für die ökologische Transformation sind, ruft immer mehr Menschen auf den Plan. Nachhaltigkeitsexperten wie Christian Berg (Autor von ›Sustainable Action – Overcoming the Barriers‹) betonen, dass der wachsende Verlust des sozialen Zusammenhalts eine bedrohte Grundvoraussetzung zur Überwindung des aktuellen Klimawandels, der die Menschheit bedroht, ist. 

Was Beziehungen und Gesundheit mit Nachhaltigkeit zu tun haben, fasziniert mich. Soziale Beziehungen beeinflussen unser Potenzial für ein gesundes Leben maßgeblich, und es ist das Zusammenspiel von mentaler und körperlicher Gesundheit, das auch ein Engagement für den Planeten stärkt. Beziehungsarbeit fördert die Gesundheit und kann das Streben nach Nachhaltigkeit katalysieren.

Der erste Zusammenhang: Beziehungen und Gesundheit

Nicht erst seit der Corona-Krise sind die gesundheitlichen Auswirkungen von sozialer Isolation und Einsamkeit ein Thema: Die Zusammenhänge zwischen sozialen Beziehungen und Gesundheit wurden bereits vor Jahrzehnten bei sozial isolierten Waisenkindern beobachtet. Diese waren unabhängig von anderen Faktoren durch den Mangel an menschlichem Kontakt von einer höheren Sterblichkeitsrate betroffen. Seitdem sind die Zusammenhänge zwischen sozialen Beziehungen und verschiedenen Elementen der Gesundheit Fokus eines umfassenden wissenschaftlichen Forschungsstrangs. 

Ein Überblick über die bis 2016 veröffentlichten Übersichtsstudien zeigt, dass soziale Isolation und Einsamkeit nicht nur mit erhöhter Gesamtmortalität, sondern auch mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Gesundheitsproblemen verbunden sind. Kürzlich konnte sogar gezeigt werden, dass Einsamkeit als direkter Krankheitsauslöser verstanden werden kann, wenn man die gleichen Kriterien anwendet, mit denen auch Rauchen als Risikofaktor für Lungenkrebs nachgewiesen wurde. 

In einer hypervernetzten, urbanisierten und in vielerlei Hinsicht ›vollen‹ Welt gilt es oft als Selbstverständlichkeit, dass wir in zahlreichen sozialen Beziehungen stecken. Und doch berichteten schon vor der Corona-Pandemie viele von uns, dass sie einsam sind. Aber warum? Wann führen Beziehungen zu wirklicher sozialer Verbundenheit, die dann auch gesundheitlich fördernd ist?

Meine Erfahrung als Assistenzärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bringt mich oft dazu, über die Rolle von Beziehungen nachzudenken. Ein zuverlässiger Gesprächskiller, wenn mich Menschen nach meiner Arbeit fragen, ist das schwierige, aber relevante Thema Selbstmord. Selbstmord ist die häufigste krankheitsbedingte Todesursache bei Jugendlichen in den sogenannten westlichen Ländern. Ein Risikofaktor für den Ausgang eines Suizidversuchs ist die soziale Isolation. Starke soziale Beziehungen hingegen erhöhen das allgemeine Überleben der Menschen um etwa 50 Prozent. 

Um die Forschungsergebnisse in die richtige Größenordnung zu rücken, lässt sich sagen, dass mangelnde soziale Beziehungen und Einsamkeit ein Sterberisiko darstellen, das dem übermäßigen Alkohol- und Tabakkonsum ähnelt und größer als die Folgen von körperlicher Inaktivität, Übergewicht und Luftverschmutzung ist.

Was in unserem Körper passiert, wenn er einsam ist

Aber wie genau beeinflussen soziale Beziehungen unseren Körper? Das Forschungsgebiet der Psychoneuroimmunologie zeigt uns, dass Beziehungen z.B. das Immunsystem beeinflussen. Es zeigt, dass negative soziale Erfahrungen – einschließlich zwischenmenschlicher Konflikte, geringer sozialer Unterstützung und Einsamkeit – die Konzentration von Immunmolekülen, die Entzündungen fördern, erhöhen. Paare, die viel feindseliges Verhalten zeigen, haben nach Konflikten höhere Immunmolekülspiegel. Wichtig dabei ist, dass die Zunahme dieser Immunmoleküle, die proinflammatorische Zytokine genannt werden, mit der Entwicklung psychischer Erkrankungen (einschließlich Angst und Depression) sowie dem Risiko und dem Fortschreiten körperlicher Erkrankungen in Verbindung gebracht wird. 

Einfach gesagt: Unser soziales Wohlbefinden verändert unseren Körper sogar auf der Ebene messbarer Moleküle, und diese beeinflussen unsere Gesundheit. Für diese Kopplung von Körper und Geist gibt es faszinierende Beispiele: Menschen steigen öfter in die warme Badewanne, wenn sie sich einsam fühlen. Wenn wir von sozialer Wärme sprechen, ist dies also gar keine Metapher, sondern es gibt eine unterbewusste Kopplung von sozialer und physischer Wärme. Experimente haben ebenfalls gezeigt, dass Proband*innen, die ein warmes Getränk in ihrer Hand halten, ihr Gegenüber als sympathischer einschätzen, als wenn sie ein kaltes Getränk in ihren Händen haben. 

Von Beziehungen und Gesundheit zur Nachhaltigkeit 

Genau wie sauberes Wasser und Nahrung sollten soziale Beziehungen als eine förderungswürdige und schützenswerte Ressource angesehen werden – für unsere individuelle Gesundheit, aber auch für die Gesundheit der Menschheit. Die menschliche Gesundheit ist natürlich nicht nur von den oft schlecht messbaren Qualitäten sozialer Bindungen abhängig, sondern auch von bewohnbaren Regionen mit Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen. Lebewesen und die Umwelt stehen in einem komplexen Netzwerk voneinander abhängiger Beziehungen. Aaron Bernstein von der Harvard School of Public Health drückte es so aus, dass »die Trennung von Gesundheits- und Umweltpolitik eine gefährliche Wahnvorstellung« sei. Die Regulierung der Treibhausgasemissionen, der Lebensmittelproduktion sowie der Wassernutzung und -verteilung hat auch Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Die Innovation und Solidarität, die zur Bewältigung globaler, umweltpolitischer Herausforderungen erforderlich sind, werden von einem Engagement abhängen, das in sozialer Verbundenheit wurzelt. 

Wenn wir uns um soziale Beziehungen kümmern, dann kümmern wir uns auch um die Gesundheit unserer Mitmenschen. Studien zeigen, dass eine der besten Quellen für persönliches Glück nicht z.B. im Kaufen eines Luxusprodukts besteht, sondern darin, jemand anderem zu helfen. Gesundheit – ein Gut, das jeder zu wollen scheint oder sogar erwartet – ist also untrennbar mit einem Netz sozialer Beziehungen verbunden. Und ist dies nicht auch die Voraussetzung für ein ökologisches und gemeinwohlorientiertes Bewusstsein? Was wir brauchen, ist nicht nur Naturschutz, sondern das Bewusstsein, dass wir ein Teil der Natur sind. Wenn wir die Klimakrise bewältigen wollen, brauchen wir nicht nur einen neuen Umgang mit der Natur, sondern mit uns selbst. Wir brauchen ein tieferes Beziehungsverständnis als Grundlage für unsere Gesundheit auf planetarer und körperlicher Ebene.

Text: Maya Cosentino

Die Ärztin bildet sich derzeit zur Kinder- und Jugendpsychiaterin weiter, ist Mitglied des ›Think Tank 30‹, Teilnehmerin des ›collaboratio helvetica Catalyst Lab‹ und engagiert sich für die Förderung des ›One Health‹ -Ansatzes.


Fotografien: Tanya Trofymchuk
Illustration: Laura Münker

Weiterlesen

Review: Soziale Beziehungen und Sterblichkeit, Social relationships and mortality Risk: a meta-analytic review. J Holt-Lunstad, TB Smith, JB Layton. PLoS Medicine, 2010.

Review: Gesundheit und Einsamkeit, An overview of systematic reviews on the public health consequences of social isolation and loneliness. N Leigh-Hunt et al. Public Health, 2017.

Studie: Der Zusammenhang zwischen sozialen Beziehungen und Gesundheit, Establishing a causal link between social relationships and health using the Bradford Hill Guidelines. J Howick, P Kelly, M Kelly. Population Health, 2019.

Review: Zusammenhang von Beziehungen und dem Funktionieren des Immunsystems, Close relationships, inflammation, and health. JK Kiecolt-Glaser, J-P Gouin, L Hantsoo. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 2010.

Review: Einfluss von Stress auf die Gesundheit, Stress-induced immune dysfunction: implications for health. R Glaser & JK Kiecolt-Glaser. Nature Reviews, 2005.

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