Frau trinkt Ayahuasca

Das Molekül des Bewusstseins und der kleine Tod

Psychedelische Substanzen wie Ayahuasca öffnen Menschen seit Tausenden von Jahren die Tür zu einer Welt jenseits der irdischen. Wartet hinter dieser Tür Gott auf uns?

Charlie ist nervös, als er dem Heiler gegenübertritt. Wie in der Kirche streckt er die Hände aus. Doch der Heiler überreicht ihm keine Oblate, sondern einen kleinen Tonkrug. Charlie setzt an und trinkt die bittere, zähe Flüssigkeit. Er trinkt und trinkt. Das Glas will nicht leer werden. Als er absetzt, fühlt er sich, als würde sich eine Schlange in seinem Magen winden. Er greift nach dem Eimer, der ihn heute Nacht begleiten soll. Bald wird das Erbrechen einsetzen. Und dann – dann wird er abtauchen in eine andere Welt. Ins Jenseits, ins Nirwana, in den Samadhi. Dann wird er Gott treffen.

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So beschreibt Charlie seine erste Ayahuasca-Zeremonie in Peru. Ayahuasca ist ein psychedelisch wirkender Pflanzensud, der in vielen Kulturen Südamerikas genutzt wird, um das Bewusstsein zu erweitern, Ahnen zu begegnen oder Krankheiten zu heilen. Der Sud enthält Dimethyltryptamin, kurz DMT – ein natürliches Halluzinogen, das in Pflanzen, Tieren und auch im Menschen gefunden werden kann. DMT wird auch als »Molekül des Bewusstseins« bezeichnet. Geprägt hat diesen Begriff der Mediziner Dr. Rick Strassman. In den 90er-Jahren erforschte er die Wirkung der Substanz, indem er 60 Freiwilligen den Wirkstoff injizierte. Viele der Proband*innen berichteten von Begegnungen mit intelligenten, nicht-menschlichen Wesen. Fast alle hatten das Gefühl, dass die Sitzungen zu den intensivsten Erfahrungen ihres Lebens gehörten.

Strassmans Forschungen sind umstritten – die einen halten sie für fragwürdig, die anderen für bahnbrechend. Die Versuche bringen DMT mit der Zirbeldrüse in Verbindung, eine Drüse im Zentrum des Gehirns, die im Hinduismus als Sitz des siebten Chakras gilt und von René Descartes als Sitz der Seele bezeichnet wurde. Strassman geht davon aus, dass die Zirbeldrüse auf natürliche Weise DMT im menschlichen Körper freisetzen kann, etwa in höchsten Zuständen der Mediation, aber auch bei der Geburt und beim Tod, insbesondere bei Nahtoderlebnissen. Ayahuasca-Zeremonien werden deshalb oft als »pequeña muerte« beschrieben, Spanisch für »kleiner Tod«. Die anschließende Wiedergeburt soll zu einem
Gefühl der Erleuchtung führen.

Ein kosmischer Orgasmus

Charlie ist bei seinem »kleinen Tod« nicht Gott begegnet. Jedenfalls keinem alten, weißen Mann mit Bart. Dafür er hat einen flüchtigen Blick auf eine andere Welt erhascht. »Als hätte jemand einen Vorhang zur Seite gezogen«, sagt er. »Als hätte jemand deine Augenbinde abgenommen. Und plötzlich siehst du alles ganz klar.« Was genau er gesehen hat, kann er nicht beschreiben. »Es ist schwer in Worte zu fassen, weil es außerhalb unseres Bewusstseins und unserer Vorstellungskraft liegt.« Seine Visionen hätten ihm gezeigt, dass wir alle miteinander verbunden sind. »Viele Menschen glauben: Wir werden geboren, wir sterben, wir werden zu Staub. Ich glaube: Es gibt ein Davor und ein Danach. Bei meiner Zeremonie habe ich dieses Davor und Danach gesehen. Ich habe es erlebt.«

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Auch Dominique hat Erfahrungen mit verschiedenen psychedelischen Substanzen gemacht – mit LSD, Pilzen, Ayahuasca und zuletzt mit dem Wirkstoff Bufotenin, der aus dem Hautsekret der giftigen Aga-Kröte gewonnen wird. Sie beschreibt ihre Erlebnisse als »kosmischen Orgasmus«, als religiöse Erfahrung. Aufgewachsen ist sie katholisch. Doch die Bedeutung von Religion hat sie erst durch ihre Visionen verstanden. »Seit ich an den Zeremonien teilgenommen habe, fühle ich mich als wäre ich ein Teil von etwas Größerem. Alles hängt zusammen. Ich glaube, dass viele Religionen auf der Erfahrung mit psychedelischen Substanzen basieren.«

Non-Dualität durch die Aga-Kröte

Ihre letzte Zeremonie hat Dominique bei Juan besucht. Juan hat sich auf die Arbeit mit dem Sekret der Aga-Kröte spezialisiert. Warum er gerade diese Substanz ausgewählt hat, kann er nicht erklären. »Das ist, als würdest du mich fragen, warum ich mich in meine Freundin verliebt habe. Ich glaube, ich habe nicht die Substanz gewählt. Sie hat mich gewählt.« Im Zentrum der Zeremonien steht für ihn die Erfahrung von Non-Dualität. »In unserem Verständnis der Welt brauchen wir Dualität, zum Beispiel in der Informatik. Meine Haut ist eins, die Luft ist null. Auf diese Weise verstehen wir, wer wir sind. Non-Dualität liegt außerhalb unserer Vorstellungskraft. Wir können sie nicht begreifen, aber wir können sie erleben«, erklärt Juan. »Wie bei der Liebe: Du kannst darüber lesen, so viel du willst, aber du musst sie selbst erleben, um sie zu verstehen. Darum geht es bei religiösen und bei psychedelischen Erfahrungen.«

Religion als Filter für unsere Visionen

Auch Juan ist katholisch aufgewachsen. Doch als Teenager entfernte er sich von der Religion – zum Kummer seiner Mutter. Nach langen Diskussionen überzeugte er sie schließlich, an einer Zeremonie teilzunehmen. »Am nächsten Morgen wachte sie auf und sagte: ‘Du hattest die ganze Zeit Recht! Gott ist überall’«, erzählt Juan. »Die Zeremonien zeigen etwas Höheres, Jenseitiges. Meine Mutter nennt es Gott und das ist okay. Aber es spielt keine Rolle, welches Wort wir dafür wählen.«

Auch Charlie glaubt, dass Religion wie ein Filter auf das wirkt, was Menschen in ihren Visionen sehen. »Wenn dir Gott auf einem Trip als alter weißer Typ mit langem Bart begegnet, dann ist das nur eine Manifestation, die es einfacher macht, deine Vision zu verstehen. « Die eigene Religion und kulturelle Prägung bilden den Bezugsrahmen für die Visionen. Das zeigt auch die Forschung von Strassman: Zur Zeit seiner DMT-Studie war die mediale Berichterstattung gerade von UFO-Sichtungen geprägt. Viele Probandinnen machten daraufhin auf ihren Trips Bekanntschaft mit außerirdischem Leben.

Touris konsumieren Heilerinnen die Pflanzen weg

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Lange galten Zeremonien mit Ayahuasca und anderen Substanzen als Hexerei. In Deutschland sind sie bis heute illegal. Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren ein Hype um psychedelische Erfahrungen entwickelt. Im Zentrum steht dabei oft die Selbstoptimierung. Medien berichten genussvoll von der Kotzerei und dem neuen Trend mit der »Spaßdroge «. Oft schwingt dabei eine gewisse Verächtlichkeit mit. Und es gibt durchaus Gründe, kritisch auf die westliche Vereinnahmung Jahrhunderte alter Traditionen zu blicken, auf eine ganze Tourismus-Branche, die sich daraus entwickelt hat und die unter anderem dazu führt, dass Heilerinnen für ihre traditionellen Praktiken nicht mehr ausreichend Pflanzen finden.

Die Prozedur fühlt sich beschissen an

Aber jedem, der sich damit beschäftigt, wird schnell klar: Ayahuasca ist alles andere als eine Spaßdroge. Und das anhaltende Erbrechen ist noch das geringste Übel. »Physisch ist es eine Tortur, man fühlt sich einfach nur beschissen«, sagt Charlie. »Die viel größere Herausforderung sind die psychischen Auswirkungen. Ich glaube, ich stand kurz davor meinen Verstand zu verlieren. Einmal war ich in einem Raum mit geometrischen Mustern gefangen. Die Linien hörten nicht auf sich zu drehen und zu bewegen. Auch mein Verstand schien sich permanent von innen nach außen zu kehren. Zeit existierte in diesem Raum nicht. Deshalb hatte ich das Gefühl, dieser Zustand müsste ewig andauern. Es war schwer zu ertragen.« Nicht jeder kann mit solchen Erlebnissen umgehen.

»Die Erfahrung ist sehr intensiv«, bestätigt Heiler Juan. »Nichts kann dich darauf vorbereiten. Deshalb spreche ich vor den Zeremonien sehr lange mit den Teilnehmern. Man muss mit dem Wissen in die Sitzung gehen, dass man nicht mehr dieselbe Person ist, wenn man auf der anderen Seite wieder rauskommt. Und es gibt kein Zurück.«

Oft können die Schamaninnen und Heilerinnen aber auch helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen. »Einmal hatte ich einen sehr schlimmen Trip«, erinnert sich Dominique. »Eine Schlange versuchte, mein Gehirn zu essen.« Doch der Schamane, der die Zeremonie begleitete, holte sie wieder zurück. Mit Gesängen, Rasseln, Trommeln oder raschelnden Blättern beeinflussen die Schamaninnen die Stimmung der Zeremonie und lenken die Visionen der Teilnehmerinnen in eine andere Richtung, wenn sie zu sehr ins Düstere gleiten. Juan, Dominique und Charlie sind sich einig: Es ist keine gute Idee, stark wirksame Substanzen wie Ayahuasca ohne Begleitung zu konsumieren.

Ein Weg zur Heilung?

Aber psychedelische Drogen sind nicht nur eine Belastung für die Psyche. Sie können auch eine heilende Wirkung entfalten. Therapeutinnen in Europa und in den USA begannen schon Mitte des 20. Jahrhunderts, den medizinischen Nutzen von LSD, dem Pilzgift Psilocybin und anderen Drogen zu erforschen. So fanden norwegische Forscherinnen in den 60er-Jahren in Studien mit alkoholkranken Proband*innen heraus, dass eine einmalige LSD-Verabreichung bis zu einem halben Jahr lang effektiv gegen die Sucht half. Kurze Zeit später wurden jedoch die meisten psychoaktiven Drogen verboten, sodass auch ihre Erforschung und Nutzung als therapeutisches Mittel eingestellt werden mussten.

Erst seit etwa zehn Jahren ermöglichen Sondergenehmigungen neue Studien. Die Ergebnisse bestätigen frühere Erfolge in der Behandlung von Depression, Angst, Trauma, Zwang und Sucht. 2011 setzten Forscher*innen den Ecstasy-Wirkstoff MDMA erfolgreich zur Therapie posttraumatischer Belastungsstörungen ein: Bei 17 der 20 Teilnehmer*innen verschwanden die Symptome im Laufe der Therapie, selbst mehr als drei Jahre später war der lindernde Effekt noch deutlich.

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Ähnlich gut scheint der Einsatz von Psilocybin und der Modedroge Ketamin gegen Depressionen zu wirken. Inzwischen forschen weltweit rund 30 Universitäten daran. In den USA hat die oberste Arzneimittelbehörde, die FDA, der Erforschung von Psilocybin und MDMA sogar Sonderstatus verliehen und fördert sie nun. Auch für Charlie, Dominique und Juan war die therapeutische Wirkung eine entscheidende Motivation. Sie sagen, die Erfahrung habe ihnen geholfen, mit psychischen Problemen, mit Traumata, Sucht und tiefen Familienkonflikten umzugehen. Aber ist die Erfahrung all den Schmerz, die Angst, den Kontrollverlust wert? Warum tun sich Menschen eine solche Prozedur freiwillig an? Für viele geht es darum, etwas in sich selbst in Bewegung zu setzen. Sie sind auf der Suche nach etwas – nach einem Zugang zu ihrem Innersten, nach Antworten, nach dem Sinn.

Charlies Reise in eine andere Welt dauert sechs Stunden. Als er wieder auftaucht, ist er erschöpft, erschüttert – und doch ganz klar. Er tritt aus dem Tempel hinaus in die kühle Morgenluft und atmet tief ein. Die Übelkeit ist verflogen und mit ihr die Angst.
Während die Sonne müde hinter den Hügeln Perus hervorkriecht, beginnt er langsam zu begreifen: Er ist für immer ein Anderer. Die Tür ist durchschritten.

Quellen

DMT – Das Molekül des Bewusstseins
Rick Strassman. AT Verlag, Aarau..
Inner paths to outer space: Journeys to alien worlds through psychedelics and other spiritual technologies
Rick Strassman, Slawek Wojtowicz, Luis Eduardo Luna und Ede Frecska. Park Street Press, Rochester 2008.
Drogen in der Psychotherapie: Die Persönlichkeit ins Fließen bringen
LSD zur Traumatherapie? Tageszeitung, 02. Februar 2019.

Handeln

MIND – European Foundation for Psychedelic Science
Vorträge und Workshops zum wissenschaftlichen Aspekt psychedelischer Erfahrungen.
Psychedelic Society Berlin
Bei Meetup hat sich eine Gruppe von Menschen zusammengefunden,
die sich über ihre persönlichen Erfahrung mit Ayahuasca und Co. austauschen. Die Treffen sind offen für alle Interessierten.
Ayahuasca Retreats
Auch in europäischen Ländern kann man an legalen, authentischen Ayahuasca-Zeremonien teilnehmen, z.B. in Österreich oder den Niederlanden.

Text: Hannah König
Illustration: Julia Plath für transform Magazin


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